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Jens Spahn, Leihmutterschaft und die reproduktive Ausbeutung

8 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

Das Framing von Leihmutterschaft als queeres Thema ist unheilvoll. Und falsch.


Jens Spahn ist also zurückgetreten. Anlässe dafür gab es in der Vergangenheit schon einige, letztlich war ausschlaggebend: Er wurde Vater, indem er gemeinsam mit seinem Partner eine Leihmutter in den USA dafür bezahlt hat, ein Kind für sie auszutragen.

Doppelmoral

Dies löste im gesamten deutschsprachigen Raum eine Debatte über Leihmutterschaft aus. Diese fokussierte sich weitestgehend auf die „Doppelmoral“ Spahns. Das ist verständlich: Spahn nämlich stimmte gemeinsam mit seiner Partei CDU noch vor wenigen Jahren gegen die Legalisierung von Leihmutterschaft in Deutschland. Im April 2020, als Spahn Gesundheitsminister war, erklärte das von ihm geführte Ministerium, dass Leihmutterschaft aus ethischen Gründen abzulehnen sei – mit Verweis auf Frauenrechte und Kindeswohl. Fünf Jahre zuvor hatte Spahn in einem Interview mit dem Männermagazin GQ Germany gesagt: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.“ Der weniger häufig zitierte zweite Teil des Zitats lautet allerdings: „Zu akzeptieren, dass ich nicht auf natürlichem Weg Vater werde, verlangt ein großes Maß an Demut. Ob ich das aufbringen kann, weiß ich nicht.“ Inzwischen hat er es offenbar herausgefunden – und wir mit ihm: Er kann nicht.

(Demut ist persönlichkeitskonstitutiv insgesamt selten ein Merkmal mächtiger Männer, aber das ist ein anderes Thema.)

Um die Sachlage zusammenzufassen: Jens Spahn ist Fraktionsführer jener Partei, die federführend dafür verantwortlich ist, dass Leihmutterschaft in Deutschland verboten bleibt. Er ist derjenige, der, als sie zuletzt debattiert wurde, gar als themenverantwortlicher Gesundheitsminister dafür sorgte, dass sie verboten bleibt. Er fuhr ins Ausland (wo Leihmutterschaft nicht verboten ist), um sie dort in Anspruch zu nehmen. Gründe, hier Doppelmoral anzuprangern, gibt es also zur Genüge. Falsch ist allerdings die Schlussfolgerung, dass wegen dieser, wie man in Österreich sagen würde, Situationselastizität (anders als die Demut persönlichkeitskonstitutiv ein häufiges Merkmal mächtiger Männer) auch alle anderen können sollen, was Jens Spahn können kann. Nämlich nicht nur ins Ausland zu fahren, um Frauen reproduktiv für Geld auszubeuten, sondern es auch hier tun zu können, im Inland.

Denn dass Jens Spahn eine Leihmutter beauftragt hat, ist nicht nur, wie Samuel Benke in GQ Germany schreibt, „ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich das nicht leisten können“, sondern vor allem ein Schlag ins Gesicht aller Frauen. Die bekommen mit dem Fall nämlich erneut vorexerziert, dass sie in einer Welt leben, die sie und ihre Körper gnadenlos objektifiziert, entmenschlicht und zur Ware macht.

Keine Waren

Frauen und ihre Körper sind keine benutzbaren und kaufbaren Produkte – es gibt kein Recht darauf, ihre Uteri oder andere Körperteile zu „leihen“, auch gegen Geld nicht. Auch dann nicht, wenn jene, die diese Körperteile leihen, sich sehnlichst ein Kind wünschen. Auch dann nicht, wenn jene, die diese Körperteile „leihen“, die Ausbeutung von Frauen als „natürlichen Weg“ zu Elternschaft framen. Zwischen natürlich und ethisch vertretbar ist auch hier, wie allzu oft, ein großer Graben.

Erinnerst du dich an den Menschenhandelsring auf Kreta, wo Frauen als Leihmütter wie Tiere gehalten wurden und dafür 300 bis 600 Euro im Monat erhielten? Das Ganze lief übrigens unter „altruistischer Leihmutterschaft“, der, im Gegensatz zur kommerziellen (die auch in Griechenland verboten ist), ein, naja, altruistischer Schleier umgehängt wird. In der Praxis bedeutet sie sehr oft schlicht: (Arme) Frauen bekommen weniger Geld dafür, dass sie Kinder für andere (Reiche) austragen, als das für sie bei kommerzieller Leihmutterschaft der Fall wäre. Oder: Erinnerst du dich an die ukrainischen Leihmütter, die nach Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 keine Abnehmer:innen mehr für jene Kinder fanden, die sie zuvor für andere ausgetragen hatten? Alle paar Monate wird ein neuer Skandal rund um Leihmutterschaft öffentlich: Frauen, die zu ihr gezwungen oder gedrängt werden oder unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die Hände von Menschenhändler:innen geraten, Frauen, die um ihre Entlohnung betrogen werden, Frauen, deren Neugeborene von den Auftraggeber:innen nicht abgeholt werden, etwa weil sie Behinderungen haben, unerwünschte körperliche Merkmale oder ein unerwünschtes Geschlecht.

Selbst wenn all diese Skandale nicht wären, bleibt die Grundstruktur von Leihmutterschaft als Ausbeutungssystem bestehen: Auf dem globalen Reproduktionsmarkt werden die Körper wirtschaftlich benachteiligter Frauen, wird die Reproduktionsfähigkeit von Frauen selbst zur Ressource. Ihre Körper werden Wohlhabenden als Ware zur Erfüllung ihrer Kinderwünsche verfügbar gemacht. Was also gern in einem naiv-liberalen Narrativ als freiwillige Entscheidung verkleidet wird, ist das Ergebnis globaler Macht- und Ausbeutungsverhältnisse kapitalistischer und patriarchaler Natur. Globale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse im Übrigen, die in ihrer Gesamtheit allzu oft auch fälschlicherweise – je nach ideologischem Framing – für natürlich oder gottgegeben gehalten werden.

Unheilvolle Verknüpfung

Dass mit Jens Spahn nun ein prominenter (und mächtiger und wohlhabender) schwuler Mann ein Kind bei einer Leihmutter in Auftrag gab (nachdem das bereits eine Reihe von heterosexuellen Celebrities von Kim Kardashian bis Paris Hilton getan hatten), führt in der Öffentlichkeit zu einer unheilvollen Verknüpfung zweier Themen, die in der Praxis weder statistisch noch inhaltlich sonderlich viel miteinander zu tun haben: gleichgeschlechtliche Paare mit Kinderwunsch auf der einen und die reproduktive Ausbeutung von Frauen auf der anderen Seite. Leihmutterschaft jedoch ist kein queeres Thema, und Leihmutterschaft ist kein schwules Thema. Dennoch wird jenen Feministinnen, die sich gegen Leihmutterschaft aussprechen, in den sozialen Medien aktuell der sehr leicht entkräftbare Vorwurf entgegengeschleudert, sie würden aus „Schwulenfeindlichkeit“ gegen Leihmutterschaft argumentieren. Das ist nicht nur eine leicht durchschaubare emotionale Manipulationsstrategie, eine nämlich, die versucht, jene Empathie für andere (insbesondere mit Schwächeren und Benachteiligten), die Frauen gründlich ansozialisiert wurde, gegen sich selbst zu wenden. Es ist auch inhaltlich insofern völliger Humbug, als der überwiegende Teil (genaue Statistiken gibt es dazu nicht, aber Schätzungen gehen von 60 bis 80 Prozent aus) der Paare, die Leihmütter in Anspruch nehmen, heterosexuell ist. Es ist aber auch deshalb Humbug, weil die zentrale Frage eben ist, ob Frauen und ihre Körper zur Ware gemacht werden dürfen, und nicht, welche sexuelle Orientierung die Menschen haben, die sich die Nutzung dieser Körper kaufen.

Auf der anderen Seite birgt diese Verknüpfung die Gefahr, dass vonseiten feministischer Stimmen Leihmutterschaft als spezifisch schwule Form von Misogynie geframed wird. Auch das ist falsch. Abgesehen davon, dass, ich wiederhole mich, der Großteil der Paare, die Leihmütter in Anspruch nehmen, heterosexuell ist, sprechen sich zahlreiche schwule Männer sehr dezidiert gegen Leihmutterschaft aus, zahlreiche sind solidarisch mit Frauen und ihren Rechten, zahlreiche erfüllen sich ihre Kinderwünsche auf anderen Wegen, die nicht mit der Ausbeutung von Frauenkörpern einhergehen.

Feministische Antworten

Ein Verbot von Leihmutterschaft verunmöglicht schwulen Paaren zudem keineswegs, Eltern zu werden, es verunmöglicht ihnen nur, Frauen dafür auszubeuten. Sie haben die Möglichkeit, sich, um Jens Spahn zu zitieren, „auf natürlichem Wege“ um Pflegekinder zu kümmern, sie haben die Möglichkeit, auf natürlichem Wege Kinder zu adoptieren. Sie haben die Möglichkeit, sich ganz natürlich als Onkel um die natürlichen Kinder ihrer natürlichen Geschwister und ihrer natürlichen Freund:innen zu kümmern. Und sie haben, wie alle anderen natürlichen Menschen übrigens auch, die Möglichkeit, ein Stück weit kreativer darin zu werden, was unter „Familie“ verstanden wird. Unter anderem könnte man damit beginnen, dass Familie nicht mit dem Ideal einer wie auch immer gearteten „Natürlichkeit“ als moralische Kategorie belegt werden muss, um als Familie zu gelten. Sie haben zum Beispiel die Möglichkeit, Kinder außerhalb von Paarbeziehungen großzuziehen – mit platonischen Freundinnen etwa. Im Neudenken dessen, was Familie bedeutet und was sie alles sein kann, abseits der Ausbeutung von Frauen und ihren Körpern, liegen tatsächlich feministische und progressive Antworten. Denn tatsächlich waren und sind sowohl feministische Frauen als auch queere Communities immer besondere und visionäre Vorreiter:innen darin gewesen, Familie jenseits heteronormativer und patriarchaler Vorstellungen zu denken und praktisch zu leben. Und da dies leider auch nur unter den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen möglich ist, die gegenwärtig patriarchal und heteronormativ geprägt sind und deshalb erhebliche Einschränkungen für alle mit sich bringen, die es auch nur einen Millimeter anders machen wollen, ergeben sich daraus eine Reihe politischer Forderungen. Deren Umsetzung würde nicht nur schwulen Paaren, sondern auch allen anderen – uns allen – mehr Gestaltungsfreiheit darin verschaffen, wie wir miteinander leben, lieben, füreinander sorgen und Verantwortung übernehmen.

Diese wären, um das Wiener feministische „Keine Liebe“-Kollektiv zu zitieren und ohne Anspruch auf Vollständigkeit: „Pflege- und Adoptivfamilien sowie Co-Parenting-Modelle rechtlich zu erleichtern, Patchwork- und Wahlfamilien besser abzusichern und Rechte, Pflichten sowie Verantwortung unabhängig von biologischer Elternschaft anders zu denken und neu zu etablieren.“

Schade, dass Jens Spahn „als schwulem Mann und Christen“ nicht eingefallen ist, dass es eben auch noch andere, ebenso natürliche Wege gibt, Vater zu werden. Schade, dass ihm nicht eingefallen ist, sich politisch für diese Wege stark zu machen. Zumindest für das Vatersein hat er nun dank seines Rücktritts ausreichend Zeit. Alles Gute dafür.

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

Zur Autorin

Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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