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Madagaskar: Überlebenskampf der Vanille-Insel

9 Min
Eine Collage von Bildern der Faktoren, die die Umwelt von Madagaskar schädigen.
„Alle sagen, wir müssen die Natur schützen, aber niemand tut etwas“, sagt Evrard Benasoavina. Bis er selbst aktiv wurde.
© Collage: WZ, Bildquellen: NASA, Getty, Bernd Vasari

Durch Abholzung des Regenwalds und Klimawandel steht Madagaskar vor dem Kollaps. Ein Mann stemmt sich dagegen. Unterwegs mit Evrard Benasoavina zwischen Plantagen und Rinderherden.


Nach der Regenzeit schillern Madagaskars Flüsse in kupferroten Farben. Wie freigelegte Arterien schlängeln sie sich durch die Landschaft bis sie in den Indischen Ozean münden, den sie weit über die Küste hinaus einfärben. Was wie ein Naturwunder wirkt, ist eine blutende Wunde des Landes. Seit Jahrzehnten werden ganze Regenwälder abgeholzt, für Plantagen und Viehzucht. Die kahlen Böden trocknen aus und können die Wassermassen in der Regenzeit nicht mehr aufnehmen. Die rötlichen Mineralien der Böden werden über die Flüsse ins Meer gespült. Nach den Überschwemmungen bleiben unfruchtbare Landstriche zurück und immer mehr Menschen, die verarmen, weil sie nichts mehr anbauen können.

Es ist eine Entwicklung, bei der Evrard Benasoavina nicht mehr länger zusehen will. Benasoavina ist in einem Dorf im Norden Madagaskars aufgewachsen, in der Nähe der Kleinstadt Antalaha. In einer Gegend, die vom Vanilleanbau geprägt ist. Untertags ist es schwül und heiß, in der Nacht trommelt der Regen auf die Blechdächer der Häuser. Ideale Bedingungen für das süßliche Gewürz, das in Europa für Kipferl, Germknödelsaucen und Wunderbäume auf Autorückspiegeln verwendet wird. 80 Prozent des weltweiten Vanilleanbaus stammen von hier. Das macht die Region abhängig von ihrem Exportschlager und die mächtigen Plantagenbesitzer unantastbar. Jährlich holzen die - im Volksmund genannten - Vanillionaires mehrere Hektar Regenwald ab, um noch mehr anbauen zu können. Das verschärft die Auswirkungen des Klimawandels.

Ein Foto einer Straße in Madagaskar.
Der Regenwald wurde flächendeckend abgeholzt.
© Fotocredit: Bernd Vasari

Benasoavina erzählt, wie sich jedes Jahr die Regenzeit nach hinten verschiebt und Ernten ausfallen, wie jedes Jahr Stürme heftiger werden und Dörfer verwüsten, wie die Auswirkungen des Klimawandels jedes Jahr spürbarer werden und die abgeholzten Böden ihre Widerstandskraft verlieren. Erst im Frühjahr fegte Zyklon Freddy über die Insel, und zwar zwei Mal, weil er über dem Ozean umdrehte und mit noch größerer Wucht zurückkam. „Alle sagen, wir müssen die Natur schützen, aber niemand hat etwas getan“, sagt er. Bis er selbst aktiv wurde.

Was Einheimische von Tourist:innen lernen können

Ausgangspunkt war seine Arbeit als Touristenführer im Nationalpark Marojejy, einer der letzten grünen Oasen in der Gegend. Er sah das Lächeln der weitgereisten Besucher:innen, wenn sie die durch Baumwipfel schwingenden Lemuren erblickten, die Aufgeregtheit, wenn sie ein Chamäleon im Dickicht erkannten, die Mühen und stundenlangen Wanderungen, die sie auf sich nahmen, um noch tiefer in die Tier- und Pflanzenwelt Madagaskars einzutauchen. „Das gab mir zu denken“, sagt Benasoavina. „Tourist:innen reisen von weit her, um unsere Wälder zu sehen, während viele von uns die Wälder nicht einmal kennen.“ Nur wie sollen die Einheimischen zu mehr Umweltbewusstsein gelangen?

Foto: Evrard Benasoavina
Evrard Benasoavina: „Die Abholzung kann nur gestoppt werden, wenn die Menschen mehr über die Natur erfahren.“
© Fotocredit: Bernd Vasari

Benasoavina begann über Onlinekurse Englisch und Deutsch zu lernen, las Studien und informierte sich über Umweltschutzprojekte in anderen Ländern. Er wollte auch ein Umweltschutzprojekt starten. Doch er besaß weder ein Stück Land noch hatte er genügend Geld um eines zu kaufen. Per Zufall lernte er einen deutschen Forscher kennen, der drei Monate über die Artenvielfalt Madagaskars recherchierte – mehr als 80 Prozent der Tier- und Pflanzenarten sind endemisch, sie kommen nur auf der Insel vor.

„Ich spielte gerade Fußball und bemerkte, wie er uns vom Spielfeldrand zusah“, erinnert sich Benasoavina. „Er hatte ein deutschsprachiges Buch mit. Ich sprach ihn an, weil ich mein Deutsch verbessern wollte. So kamen wir in Kontakt.“ Der Forscher kopierte ihm die Seiten, Benasovina zeigte ihm die Gegend und erzählte ihm von seinem Plan mit dem Grundstück.

Das nötige Geld und ein Lehrplan

In den folgenden Wochen sammelte der Forscher das nötige Geld und vernetzte Benasoavina mit Forschern vom US-amerikanischen Duke Lemur Center, eine Einrichtung, die sich für den Erhalt von Lemuren und anderer bedrohter Arten einsetzt.

Eine Weltkarte mit Madagaskar im Fokus.
© Illustration: WZ

Mit dem Geld kaufte sich Benasoavina ein brachliegendes Grundstück in der Nähe von Sambava, mit den Forschern entwickelte er einen Lehrplan. Er begann Bäume zu pflanzen und legte einen Brunnen an. Wenig später gründete er die Naturschule, School Garden Next Generation, mit dem Ziel, den Lehrplan mit Schüler:innen aus der Umgebung umzusetzen.

In drei Besuchen sollten sie bei Theorieeinheiten, Nachtwanderungen und Tierbeobachtungen über die artenreiche Flora und Fauna der Insel erfahren und lernen und wie man die Natur schützen kann: Welche Bäume wachsen schnell nach und können für Feuerholz gefällt werden, wie und warum hält man Hühner und Ziegen und jagt nicht wilde Tiere, wie werden Pflanzen gesetzt und geerntet. „Die Abholzung kann nur gestoppt werden, wenn die Menschen mehr über die Natur erfahren“, sagt er. „Das ist wichtig, damit es bei uns nicht so wird, wie im Süden.“

Hungersnot durch Klimawandel

Im Süden Madagaskars wurde ein Großteil der Regenwälder bereits abgeholzt. Übrig blieb eine Region mit trockenem Wüstenklima, zerzaustem Buschland und Tagelöhnern, die in schlammigen Flussbetten nach Edelsteinen schürfen.

Laut dem Welternährungsprogramm der UNO (WFP) haben im Süden der Insel 1,3 Millionen Menschen zu wenig zu essen. Es ist derzeit der einzige Ort auf der Welt, „an dem Hungersnot durch den Klimawandel und nicht durch einen Konflikt verursacht wurde.“ Zudem erlebt die Region eine der schlimmsten je aufgezeichneten Dürren. Seit vier Jahren hat es nicht mehr richtig geregnet. „Familien greifen zu verzweifelten Überlebensmaßnahmen wie dem Verzehr von Heuschrecken, roten Kaktusfrüchten oder rohen Blättern“, heißt es in dem Bericht der WFP.

Ein Foto einer Rinderherde in Madagaskar.
Zebu-Buckelrinder besiedeln große Weideflächen und spielen eine wichtige Rolle im Alltagsleben.
© Fotocredit: Bernd Vasari

Grund für die Abholzungen sind die bulligen Zebu-Buckelrinder, die große Weideflächen besiedeln und eine wichtige Rolle im Alltagsleben spielen. Sie werden als Zugtiere beim Ackerbau eingesetzt und transportieren Waren aller Art über die lehmigen Wege zwischen den Dörfern. Vor allem in den südlichen Regionen hat das Zebu einen wichtigen symbolischen Charakter. Ein Mann ohne Zebu ist kein Mann. Zudem stellen Männer mit dem Stehlen der Rinder ihre Heiratsfähigkeit unter Beweis. Für gesellschaftliche Anlässe sind die Buckelrinder bevorzugte Opfertiere.

Regenzeit zu spät und dann heftig

Auch im Norden gibt es bereits ausgetrocknete Flächen. Benasoavina zeigt auf die Wiesen der Nachbargrundstücke. Der Wind bläst über die Felder, die strohgelben Halme biegen sich. Drei Zebus rupfen Blätter von einem Gebüsch, der Bauer der Tiere blickt stoisch über die Landschaft. „Vor ein paar Jahren war hier noch Regenwald“, sagt Benasoavina. „Er wurde für Reisanbau abgeholzt.“

Wenn wir weiter Bäume fällen, haben auch wir im Norden bald zu wenig zu essen.Evrard Benasoavina

Aus dem wasserintensiven Reisanbau wurde jedoch nichts. „Durch den Klimawandel setzt die Regenzeit erst im Februar ein. Zu spät für den Reis und so stark, dass alles wegschwemmt wird.“ Die Ernteausfälle verteuerten den Reis, der für viele Menschen in Madagaskar ein Grundnahrungsmittel ist. „Wenn wir weiter Bäume fällen, haben auch wir im Norden bald zu wenig zu essen“, sagt er. Sein Projekt soll helfen, den Kollaps zu verhindern.

Bis die ersten Schüler:innen kamen, dauerte es jedoch. „Ich ging wochenlang von Schule zu Schule, sprach mit Direktoren, Lehrern und Eltern. Sie waren sehr skeptisch und sagten der Reihe nach ab“, erzählt Benasoavina. Doch er ließ nicht locker und machte weiter. Bis er schließlich Erfolg hatte. „Mit den ersten Schüler:innen ging ich noch mehrere Stunden zu Fuß von Sambava auf das Grundstück, weil ich kaum Geld hatte“, erzählt er und lächelt. „Doch die Schüler:innen zogen mit und waren begeistert.“

Ein Foto von Kindern in Madaskar.
Schüler:innen beim Anpflanzen auf dem Grundstück.
© Fotocredit: Evrard Benasoavina

Sie legten einen Fischteich an, pflanzten Zimt, Mango- und Avocadobäume, roten und grünen Pfeffer, Maracuja, Kaffee, Nelken und lernten, wie die Vanille nach Madagaskar kam. Das Gewürz stammt aus Mexiko, entdeckt von den Azteken, die damit den bitteren Geschmack des Kakaos süßten.

Das Gewürz, das importiert wurde

Die französischen Kolonisten importierten die Vanille im 19. Jahrhundert nach Madagaskar, wo sie seither als Bourbon-Vanille verkauft wird, benannt nach dem französischem Herrscherhaus. Frankreich wollte das Monopol der spanischen Kolonisten in Mexiko zu brechen. Es gelang. Madagaskar dominiert bis heute den Weltmarkt. Im Unterschied zu Mexiko, wo die Vanilleblüten durch Kolibris und Bienen natürlich bestäubt werden, muss das süßliche Gewürz in Madagaskar jedoch von Menschenhand bestäubt werden.

Ein Foto von Vanilleschoten.
80 Prozent der weltweiten Vanille-Ernte stammen aus Madagaskar.
© Fotocredit: Bernd Vasari

Immer mehr Schulen zeigten Interesse und Benasoavina wurde Anlaufstelle für internationale Forschungsteams, darunter die Universität Göttingen mit ihrem Projekt „Diversity Turn in Land Use Science“ über den Vanilleanbau in Madagaskar. Mit der Geo Rainforest Conservation fand er zudem einen Sponsor, der 8000 Euro im Jahr 2021/22 und 14.000 Euro im Jahr 2022/23 beisteuerte.

Das Geld wurde in Solarpanele für Stromerzeugung, einen Klassenraum und Mitarbeiter:innen investiert. Und es kommen auch neue Gäste. „Die Schüler:innen wecken die Neugier ihrer Eltern“, sagt Benasoavina. „Sie kommen nun ebenso vorbei und wollen mehr über die Natur erfahren, in der sie leben.“ Auch Politiker:innen waren schon bei ihm am Grundstück.

Und die Vanillionaires?

Erst vor kurzem gab es eine Demonstration, sogar ein paar Autoreifen brannten. Die Plantagenbesitzer forderten lautstark Genehmigungen, um ihre Flächen zu vergrößern. Werden sie Erfolg haben? „Die Regierung denkt darüber nach“, antwortet Benasoavina. Dann sagt er: „Das ist ja immerhin mal ein Anfang.“