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Personalmangel, Systemdruck und viele Überstunden: Vier Spitalsärzt:innen haben mit der WZ über ihren Alltag im Krankenhaus gesprochen.
Am falschen Knie operiert, ein gesunder Lungenflügel wegen möglicher Fehldiagnose oder eine Gebärmutter wegen verunreinigter Gewebeprobe entfernt: Zuletzt häuften sich Berichte über kritische Vorfälle in Spitälern. Das wirft Fragen auf: Unter welchen Bedingungen wird im Krankenhaus gearbeitet?
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Vier Ärzt:innen aus unterschiedlichen Abteilungen und Spitälern erzählen der WZ, wie ihr Arbeitsalltag wirklich aussieht – und welche Verbesserungen sie im Spitalwesen für dringend notwendig halten.
Dienst ohne Ende
Johanna Zechmeister ist Radiologin in Ausbildung und Kurienobmann-Stellvertreterin der niederösterreichischen Ärztekammer. Sie sagt im Gespräch mit der WZ: „Die Arbeitsbelastung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verdichtet. Ruhigere Phasen gibt es kaum noch, Patient:innen kommen auch nachts rund um die Uhr.“
Erschöpfung könne die Fehleranfälligkeit erhöhen: „Wenn man die ganze Nacht durcharbeitet, ist man übermüdet, und das führt dazu, dass Ärzt:innen mehr Fehler machen.“ Zechmeister vergleicht die Situation mit der von Pilot:innen: „Niemand würde in ein Flugzeug steigen, wenn der Pilot die ganze Nacht durchgearbeitet hat.“ Es brauche in Krankenhäusern daher größere Abteilungen, damit die Belastung in 25-Stunden-Diensten zumutbar sei.
In sämtlichen Kliniken in Niederösterreich fehlen laut Zechmeister Ärzt:innen zwischen 40 und 60 Jahren, viele eröffnen nach der Ausbildung wegen besserer Rahmenbedingungen ihre eigene Praxis. Mit Sorge blickt sie auf die kommende Pensionierungswelle: „In den nächsten Jahren werden wir viele Kolleg:innen brauchen.“
Zahlen aus der Spitalsärzteumfrage 2024/25 der Bundeskurie angestellte Ärzte der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) zeigen ebenfalls: 74 Prozent der Befragten unter 65 halten es für „eher oder sehr unwahrscheinlich“, ihre derzeitige Tätigkeit bei gleichbleibender Belastung auch noch mit 65 ausüben zu können oder zu wollen. Viele werden also das Handtuch wohl schon früher werfen.
Von Gefährdungsanzeigen und fahrlässigen Situationen
Emma* ist noch weit entfernt von ihrer Pensionierung. Sie ist Allgemeinmedizinerin und war früher Turnusärztevertreterin in einem Krankenhaus. „Ich habe einige Zustände erlebt, die ich als fahrlässig empfunden habe. Man wurde als Turnusarzt am ersten Tag einfach hingesetzt und es hieß: ‚mach mal‛, ohne ausreichende Einschulung“, erzählt sie im WZ-Gespräch.
Bei langen Diensten mit hohem Patient:innenaufkommen seien Oberärzt:innen oft nur eingeschränkt verfügbar gewesen. Einige problematische Situationen hat Emma noch vor Augen: „Einmal ist ein Patient gestorben, obwohl ich den Oberarzt mehrmals auf die Verschlechterung seines Zustands hingewiesen hatte. Ich war nach einem sehr langen Dienst ohne Pause noch bei der Reanimation dabei, und danach wurde mir vorgeworfen, ich hätte die Angehörigen zu spät informiert. Das war für mich extrem belastend.“
Während ihrer Zeit als Turnusärztevertreterin hat Emma mehrere Gefährdungsanzeigen geschrieben, also formelle Meldungen, die auf potenzielle Risiken für Patient:innen hinweisen: „Viel passiert ist aber nicht, unter der Hand wurde ich als schwierig abgestempelt.“ Gemeinsam mit anderen Turnusärzt:innen setzte sie jedoch durch, dass die bezahlte Ruhezeit korrekt erfasst wird, wodurch es zu Nachzahlungen kam. „Ein Beispiel dafür, dass sich etwas ändern kann, wenn man dranbleibt“, betont sie.
Zwischen Burnout und Notaufnahme
Lukas* ist seit einem Jahr Facharzt für Orthopädie und Traumatologie und arbeitet in einem Wiener Spital. Während seiner Assistenzzeit brannte er zunehmend aus: „Ich hatte zweimal ein Burnout und war oft in Therapie.“ Seine Erzählungen decken sich auch mit der Wiener Spitalsumfrage der Ärztekammer aus dem Jahr 2022: Damals waren etwa 40 Prozent der Wiener Spitalsärzt:innen burnoutgefährdet.
Gleichzeitig wurde Lukas in seiner Ausbildung nicht optimal auf operative Eingriffe im Nachtdienst vorbereitet – eine Entwicklung, die er generell in der Medizin beobachtet: „Viele erfahrene Ärzt:innen wollen ihre Autonomie nicht abgeben und lassen Assistenzärzt:innen zu wenig selbst operieren.“
Auch in Lukas’ Spital fehlt es an fach- und assistenzärztlichen Stellen. Häufig arbeitet er mit seinen Kolleg:innen unter der Mindestbesetzung, in der Pflege sei die Fluktuation noch höher. „Wenn man zu zweit in der Notaufnahme steht und sieben Rettungswägen auf einmal kommen, dann ist das halt so“, sagt er.
Der Facharzt beobachtet seit der Coronapandemie auch eine zunehmende Verunsicherung im Umgang mit dem eigenen Körper: „Ein großer Teil der Patient:innen stellt sich wegen Beschwerden vor, bei denen ich selbst nie auf die Idee käme, ein Krankenhaus aufzusuchen – etwa wegen blauer Flecken, Papierschnittwunden oder Zeckenbissen.“
Die Last der großen Häuser
Clemens* ist Anästhesist in einem Universitätsklinikum. „Es ist erschreckend, was andere Häuser zu uns weiterschicken, wo der Versorgungsauftrag nicht wahrgenommen wird“, kritisiert er gegenüber der WZ. Selbst einfache Fälle müssten weitergeleitet werden: „Das führt zu vielen Sekundärtransporten und langen Wartezeiten, teilweise trotz Schmerzen der Patienten.“ Dabei gibt es an Clemens’ Uniklinik immer öfter einen Mangel an Hilfspersonal: „Am Vormittag kann es vorkommen, dass man mehr als eine halbe Stunde auf den nächsten Patienten wartet, weil zu wenige Bettenschieber da sind.“
Der Anästhesist bemängelt auch die Bürokratie und fehlende Digitalisierung im Krankenhaus. Denn selbst digitalisierte Bereiche erfordern weiterhin manuelle Arbeit: „Die Krankenhaussoftware ist eine große PDF-Sammlung, nichts wird automatisch übernommen.“ Dabei handelt es sich laut Ärztekammer nicht um einen Einzelfall: Spitalsärzt:innen verbringen rund 39 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Administration, 32 Prozent sehen sich durch die mangelnde technische Ausrüstung belastet.
Welche Reformen notwendig sind
Doch was sollte sich ändern, um das Spitalwesen zu verbessern? Notwendig seien laut Clemens eine stärkere Bündelung von Leistungen an besser ausgestatteten Standorten – eine Entwicklung, die in Wien bereits umgesetzt worden sei –, sowie eine einheitliche Finanzierung und eine bessere Steuerung der Patient:innen. „Viele Eingriffe könnten in den tagesklinischen Bereich verlagert werden, um Spitäler zu entlasten“, erklärt er.
Johanna Zechmeister betont: „Jede ärztliche Arbeitsstunde im öffentlichen System sollte gleich gut bezahlt werden. Momentan konkurrieren Krankenhäuser und der niedergelassene Bereich noch miteinander.“ Oft müssten niedergelassene Ärzt:innen Patient:innen ins Spital überweisen, weil bestimmte Leistungen von der Krankenkasse nicht ausreichend bezahlt werden. Lukas fordert: „Akutambulanzen für Akutfälle, nicht als terminfreie 24-Stunden-Praxis.“ Und: „Ein strenges, extern geprüftes Ausbildungskonzept für alle Fachrichtungen – mit Sanktionen für Kliniken bei Nichteinhaltung.“
Die Regierung plant in laufenden Verhandlungen eine umfassende Reform des Gesundheitssystems, auf die sich Bund, Länder und Gemeinden bis Juni 2026 einigen wollen. Geplant ist unter anderem ein bundesweit einheitliches System zur Lenkung von Patient:innen ab 2027, um Wartezeiten zu verkürzen, Diagnosen zu beschleunigen und Operationen schneller zu ermöglichen.
Reformen wie diese sind dringender denn je, um jene zu entlasten, die heute unter chronischer Überlastung arbeiten. Denn im schlimmsten Fall können Erschöpfung und Zeitdruck zu Fehlern führen, die Leben kosten.
*Name von der Redaktion geändert
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Johanna Zechmeister, Radiologin in Ausbildung und Kurienobmann-Stellvertreterin der Niederösterreichischen Ärztekammer
- Emma*, Allgemeinmedizinerin, zuvor Turnusärztevertreterin in einem Krankenhaus
- Lukas*, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie in einem Wiener Spital
- Clemens*, Anästhesist in einem Universitätsklinikum
Daten und Fakten
- Bund, Länder und Gemeinden verhandeln im Rahmen einer Reformpartnerschaft über einen umfassenden Umbau des Gesundheitssystems sowie eine Neuverteilung der Zuständigkeiten. Eine politische Einigung soll bis Juni 2026 erzielt werden, die gesetzlichen Grundlagen bis Ende 2026 beschlossen werden.
- Ziel der Reform ist eine moderne, patientenorientierte Versorgung mit klareren Zuständigkeiten und besserer Abstimmung im gesamten System. Leitprinzipien sind „digital vor ambulant vor stationär“ sowie „Geld folgt Leistung“.
- Diskutiert werden verschiedene Modelle, darunter eine (Teil-)Zentralisierung der Gesundheitskompetenzen beim Bund, insbesondere im Spitalswesen, bei gleichzeitiger Mitbestimmung der Länder.
- Geplant ist unter anderem ein bundesweit einheitliches System zur Patientenlenkung ab 2027, um Wartezeiten zu verkürzen, Diagnosen zu beschleunigen und Operationen schneller zu ermöglichen.
- Eine Expert:innengruppe arbeitet an Vorschlägen zur Bündelung von Finanzierung, Struktur- und Kapazitätsplanung, wobei der niedergelassene, ambulante und stationäre Bereich stärker miteinander verknüpft werden sollen.
- Weitere Reformziele sind die Lösung von Konflikten rund um sogenannte Gastpatient:innen zwischen Bundesländern sowie ein einheitlicher Ärzte-Gesamtvertrag, um mehr Mediziner:innen ins öffentliche System zu bringen.
Quellen
- gesundheit.gv.at: Gesundheitsreform – „Digital vor ambulant vor stationär“
- Kurier: Wiener Spitalsumfrage – Ärzte leiden unter extremer Arbeitsbelastung
- ÖÄK: Presseunterlage Ärztestatistik 2024
- ÖÄK: PK Lautstarker Hilferuf der Spitalsärzteschaft
- Die Presse: Bund, Länder, Gemeinden – Regierung will neues Gesundheitssystem bis Juni fixieren
Das Thema in der WZ
- Ärzt:innen: Zahlen, Entwicklungen und Herausforderungen
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Das Thema in anderen Medien
- Kurier: Ärzte fordern – Nur mehr mit Überweisung in die Spitalsambulanz
- Die Presse: Lauter Hilferuf – Was Spitalsärzte am meisten belastet
- Profil: Das Gesundheitswesen steht vor dem Kollaps. Ist es noch zu retten?
- Der Standard: Ärztemangel – Wo das Personal fehlt
- steiermark.orf.at: Fehldiagnose – Gesunder Lungenflügel entfernt
- tirol.orf.at: Patientin am falschen Knie operiert
- ooe.orf.at: Gebärmutter entfernt – Laut KUK kein Fehlverhalten
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