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Umweltschutz – ein weibliches Thema?

4 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Am Weltfrauentag muss man feststellen: Nein, Frauen sind nicht die besseren Umweltschützerinnen. Das Patriarchat macht sie aber dazu.


    • Studien zeigen, dass Frauen im Alltag häufiger umweltfreundliche Praktiken anwenden, was mit traditionellen Rollenbildern zusammenhängt.
    • Emotionalität, oft Frauen zugeschrieben, wird als wichtige Motivation für nachhaltiges Handeln und Klimaschutz hervorgehoben.
    • Kritik an Vermarktung des Weltfrauentags: Produkte mit feministischen Botschaften werden oft unter ausbeuterischen Bedingungen von Frauen produziert.
    • Frauen zeigen laut Studien stärkeres Umweltbewusstsein als Männer.
    • Frauen berichten häufiger über alltägliche umweltfreundliche Praktiken.
    • Hausarbeit und Konsum für die Familie werden überwiegend von Frauen erledigt.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Heute ist Weltfrauentag. Zum Glück diesmal am Sonntag, dann können uns im Büro keine Primeltöpfchen an unseren Büroschreibtischen erwarten und auf den Einkaufsstraßen werden uns hoffentlich keine roten Schokoladenherzen samt einer Gratulation zum Frauentag in die Hand gedrückt. Das mit dem Gratulieren zum Frauentag habe ich ja noch nie verstanden. Toll, danke, heute und nur heute habe ich das Recht, gesehen zu werden, super, dass du mir dazu gratulierst?

Doch was gibt es aus Nachhaltigkeitssicht zum Weltfrauentag zu sagen? Vieles.

Frauen sind die besseren Umweltschützerinnen. Ja, zu dieser Pauschalaussage versteige ich mich jetzt mal für ein paar Minuten, weil sie wissenschaftlich nachgewiesen ist. Frauen zeigen in vielen Untersuchungen eine stärkere sogenannte Other-Orientation, also eine stärkere Ausrichtung auf Fürsorge, Verantwortung für andere und für langfristige Folgen. Diese Werte korrelieren logischerweise mit Umweltbewusstsein und nachhaltigem Verhalten. In einer (unten verlinkten) Studie wurde außerdem beobachtet, dass Frauen häufiger über alltägliche umweltfreundliche Praktiken berichten – also zum Beispiel Mülltrennung, Energiesparen oder bewussteres Konsumverhalten – häufiger als Männer, die wiederum eher zu den Protestierenden gehören.

Doch diese Untersuchung hat eine (in der Studie selbst auch wahrgenommene) Schlagseite: Eh klar sind Frauen im Alltag eher die Umweltschützerinnen, weil Frauen im Alltag auch eher die damit verbundenen Arbeiten zu verrichten haben, also Hausarbeit und Konsum für die Familie. Klassische Rollenbilder, die hierzulande gefühlt tiefer verwurzelt sind als ein Hirtenbaum. Kennt ihr nicht? Hab’ ich auch jetzt erst gelernt: Hirtenbäume können bis zu 68 Meter tief wurzeln. Verstockte Rollenbilder aber noch viel tiefer.

Die Frage, die sich mir stellt: Wären Männer ebenso gute Umweltschützer, wären sie in der Hausmann-Rolle? Oder doch nicht, weil sie weniger empathisch sind? Kann man das überhaupt so pauschalisieren? Ich kann nur sagen: Mich nervt sie, diese Pauschalisierung. Frauen sollen also dafür gelobt werden, die besseren Umweltschützerinnen zu sein, weil sie oft in einer Rolle stecken, die sie quasi in diese Richtung treibt? Nein, danke. Klimaschutz geht uns alle an.

Nächstes Thema: Emotionalität – etwas, das Frauen in unserem patriarchalen System ganz oft als Schwäche ausgelegt wird – halte ich im Gegenteil für eine Superkraft. Nichts ist ein stärkerer Motivator für Verhaltensänderungen, positiv wie negativ. Erst wenn dich ein Thema wirklich emotional packt, dann handelst du. Der Klimawandel sollte uns eigentlich alle emotional packen (ich weiß, das ist in aktuellen Zeiten, wo uns vor allem Iran, Gaza und sonstige Kriegshandlungen emotional fest im Würgegriff haben, schwierig, aber dennoch): Er ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Und dem Thema kann man nicht ohne Emotion begegnen. Dass Frauen per Klischee als emotionaler gelten, ist in diesem Fall also ein echter Vorteil, damit was weitergeht.

Und drittens: Ich könnt schon wieder nur noch brüllen. Gerade haben wir Weihnachten und den Valentinstag mit all seinem billig produzierten und – sorry – wirklich ausnahmslos immer potthässlichen Deko-Schmonzes von Temu und Co. überstanden, im Supermarkt stehen schon die Osterhasen in Reih und Glied, aber hey, man kann ja den Weltfrauentag auch als Marketing-Opportunity nutzen! Eine Woche lang haben mich jetzt online wie Analog diverse Rosie the Riveters (die Arbeiterin mit dem roten Kopftuch, die Muskeln zeigt und vom Schriftzug „we can do it!“ begleitet ist) in allen möglichen Formen angeschaut. Schreibblocks, Magneten, Poster, Häkelfiguren, alles trägt ihr Antlitz und wird wahrscheinlich unter menschenunwürdigen Zuständen in Fernost von Frauen produziert. Gleiches gilt für die Shirts, die in Sweatshops entstehen, genäht werden von unterbezahlten Frauen, die Dutzende Überstunden machen müssen – und auf denen dann „Feminist as Fuck“ oder ähnliches draufsteht. Oh, the irony. Fast freu ich mich auf Ostern, dann gibt es wenigstens nicht mehr diesen absurden kognitiven Dissens zwischen „wer produziert den Mist“ und „was steht auf dem Mist dann drauf“.

In diesem Sinne: Liebe Frauen, ich gratuliere euch heute, am Weltfrauentag, gell?

PS: Wann endlich feministische Revolution?

Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

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