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„Unsere Großväter sind keine Verbrecher“

9 Min
Gräberpflege und Wehrbereitschaft: Der Kameradschaftsbund sieht sich heute als „Wertegemeinschaft“.
© Collage & Bildcredit: WZ

Die Heimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg sind gestorben. Die Organisation, die sie geschaffen haben, „um die Gefallenen zu ehren“ , lebt weiter. Ein Nachmittag beim Kameradschaftsbund im burgenländischen Wörterberg.


Die Hauptstraße des südburgenländischen Dorfes Wörterberg ist wie ausgestorben. Eine Pizzeria liegt verlassen da, im Wirtshaus ist niemand, die Gärten vor den Häusern sind menschenleer. Aus einer Nebengasse dringt gedämpfter Lärm, der beim Näherkommen lauter wird. Auf der Wiese erleichtert sich breitbeinig ein Mann. Es ist Samstag, der 26. August 2023, und in der Gemeindehalle findet das „65-jährige Jubiläumsschnapsen und Zimmergewehrschießen“ statt, wie in der Einladung im Internet zu lesen ist. Für „Speis und Trank“ sei gesorgt - und das ab elf Uhr Vormittag. Auf „euer Kommen“ freue sich „der Kameradschaftsbund (ÖKB)“, heißt es weiter.

In der Halle sind die Tische voll besetzt, es wird getrunken und Karten gespielt. Hinter einer langen, undurchsichtigen Plastikplane sind schnalzende Geräusche zu hören. Hier schießen die „Kameraden“ mit Gewehren, wie man sie von Schießbuden im Prater kennt, auf Zielscheiben.

„Geselliges Beisammensein“

An einem Tisch sitzt ein altes Paar und erzählt, dass man hier das „gesellige Beisammensein“ schätze. Gleich wird man auf ein Bier eingeladen, Würstel gibt es auch. Sein Vater, sagt der Mann, ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, in der Schlacht um Monte Cassino, die 1944 vier Monate lang tobte. 30 Kilometer südlich des imposanten Klosters sei der Vater begraben, er selbst habe den Friedhof, wo 27.000 deutsche Soldaten liegen, besucht. Es sei dort auch beschrieben, wie die einzelnen Soldaten gestorben seien, „sehr aufschlussreich“. Der tote Vater und der Friedhof, das sei irgendwie auch mit ein Grund dafür, dass er sich seit 20 Jahren stärker im Kameradschaftsbund engagiere. Das vaterlose Aufwachsen habe er als „Belastung“ erlebt.

Nach und nach kommen die meist älteren Herren und reden auf den uneingeweihten Journalisten ein: Das „Kameradschaftswesen“, das sei eine „super Sache“, hört man hier von allen Seiten, mit der Zeit lerne man so viele Leute kennen. Und natürlich sei das alles hier „völlig unpolitisch“, es gehe rein um „das Miteinander“. Und darum, die Kriegergräber zu pflegen. Man blicke auf eine lange, stolze Tradition zurück, sagt ein anderer. Einzelne Ortsvereine wurden schon vor dem Ersten Weltkrieg gegründet, dann wurde daraus die Heimwehr, die Kampftruppe des Ständestaates. In den 50er-Jahren wurde schließlich in vielen burgenländischen Orten der heutige Kameradschaftsbund gegründet. Ziel der Vereinigung: „Nächstenliebe, Hilfe für Invalide und in der Schule, wenn die Kinder dort Probleme haben.“

Zielgruppe: Die Jugend

Einer, der seit 50 Jahren dabei ist, erinnert sich an seine Anfänge: Damals seien „70 bis 90 Prozent“ der „Kameraden“ „Heimkehrer“ aus dem Krieg gewesen, der Rest waren ehemalige Bundesheer-Angehörige. Jetzt stehe man vor der betrüblichen Situation, dass im Burgenland der Nachwuchs fehlt. Nicht so in der nahen Steiermark. Dort sei in dieser Beziehung allerhand los, die Jugend werde angeworben über Fußball, Skifahren, Sport und Spiel. So könne man die Jungen motivieren. Doch im Burgenland seien die Strukturen schon zu zerfranst, viele Junge würden nach Wien gehen und könnten nicht mehr erreicht werden. Man sei der „größte unpolitische Verein“ in Österreich, sind die Menschen hier stolz. Für zwölf Euro im Jahr ist man dabei, wobei es sich bei den meisten rein um zahlende Mitglieder handelt, wirklich aktiv ist nur ein Bruchteil.

Werner Seidl ist der ÖKB-Obmann von Stegersbach. Er berichtet von „großen Kampagnen“ bei der Mitgliederwerbung, der Fokus liege natürlich auf der Jugend. Stolz verweist man in Wörterberg darauf, dass einige Jugendliche von der Feuerwehr und der Dorfmusik beim Aufbau dieser Veranstaltung hier geholfen hätten.

Jetzt sind Frauen mit dabei

Die Kriegsteilnehmer sind mittlerweile so gut wie alle tot, die Kriegskinder sind alt. Das ist hier gut erkennbar. Die, die den Verein maßgeblich führen, sind die Kriegsenkel, und es werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass Generation auf Generation folgt. Jetzt sind auch Frauen dabei, und man spricht einander schon längst nicht mehr mit SS-Dienstgraden an. Immer wieder ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass auf Fahnen des Kameradschaftsbundes Hakenkreuze zu sehen waren, die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Von jeder Form der Wiederbetätigung distanzierte sich der Verein deutlich wie auch von Organisationen wie die berüchtigte Kameradschaft IV der Waffen-SS, die der Neonazi-Szene zuzurechnen ist.

Der militärische Charakter aber ist geblieben, viele hier blicken auf eine Karriere beim Bundesheer zurück, wie sie sagen. Und vor allem sei es eben das Schöne auf dem Land, dass jeder auf jeden schaue und es nicht so anonym zugehe wie in der Stadt, heißt es gebetsmühlenartig. Mittlerweile sind auch Zivildiener, die man zunächst ausgeschlossen hatte, „herzlich willkommen“.

Veteranen unter sich

Die Vizepräsidenten des ÖKB Burgenland, Ewald Kinelly und Siegfried Heinz, erinnern sich nicht mehr so genau an die alten Zeiten, als die Kriegsrückkehrer das Sagen hatten. Nach langem Nachfragen ist immerhin zu erfahren, dass die Veteranen unter sich bleiben wollten. Die, die 1939 bis 1945 gekämpft hatten, und die Nachgeborenen seien separat organisiert gewesen. Es habe „normale“ Kameraden und „die Jungen“ gegeben, letztere waren in einer „eigenen Standarte“ versammelt. „Vereinzelt“ sei schon über den Krieg gesprochen worden, formuliert man vorsichtig, „manchmal von Russland“. Aber gerade hier, in der Nähe von Wörterberg, sei ja 1945 die Front verlaufen, weiß ein anderer; die Kinder seien von den Russen gut behandelt, die Frauen oft vergewaltigt worden. Siegfried Heinz kann berichten, dass sein Vater „nicht viel“ vom Krieg geredet habe. Er sei im damaligen Jugoslawien gewesen und habe dort Partisanen bekämpft.

Die Jungen kommen fallweise über die Freiwillige Feuerwehr zum Kameradschaftsbund, mit 16 darf man schon beitreten, zur Feuerwehr geht es oft viel früher. Mit zwölf oder doch schon mit zehn Jahren? Man ist sich nicht ganz sicher. Gefeiert werden Jubiläen, man trifft sich zu Vorstandssitzungen und – wie eben hier – zum Schießen und Schnapsen.

„Sei ruhig endlich!“

Vor der Halle stehen ein paar Jüngere und nippen am Bier. Eigentlich habe man mit dem Kameradschaftsbund nichts zu tun, heißt es hier, eine junge Frau ist überhaupt aus Tirol und „nur die Gattin“. Die Gruppe ist aber der Meinung, dass das „Miteinander ausstirbt“ und dass eine „Zugehörigkeit“ und ein „Vereinsleben“ wichtig seien.

Einer der jüngeren Anwesenden kommt unvermittelt auf den Punkt: Die Väter und Großväter seien „keine Verbrecher gewesen“, brüllt der sichtlich Betrunkene, „die Großväter waren Gute“, sagt er und fügt drohend hinzu, dass er die Medien satthabe, die dem Kameradschaftsbund ständig etwas nachweisen und ihn schlechtmachen wollten. Die Vorfahren hätten für Hitler kämpfen müssen, sonst wären sie an die Wand gestellt worden. Die Umgebung beschwichtigt hektisch den Empörten: „Sei ruhig endlich!“

Kurt Wagner ist Bürgermeister der 487-Seelen-Gemeinde Wörterberg. Er ist natürlich auch beim Kameradschaftsbund, vor allem aber bei der SPÖ. Wobei er mit seiner Parteifarbe hier in der Minderheit ist, wie er einräumt. Dass ein Teilnehmer die Heimwehr – eine paramilitärische Organisation der Zwischenkriegszeit, die die Sozialdemokratie blutig bekämpft hat – als Vorläufer des Kameradschaftsbundes anführt, nimmt er achselzuckend hin. Würden hier fragwürdige politische Botschaften vermittelt, „wäre ich nicht Mitglied“, sagt er. Auch er schätzt die Geselligkeit und das „Ausrücken zu Veranstaltungen“.

„Jetzt gehen wir schießen“

Marianne Hackl ist von der ÖVP, Vizebürgermeisterin in Wörterberg und – beim Kameradschaftsbund. Wie der Großvater auch schon, wie sie stolz erzählt, der war sogar „Fahnenoffizier“. Was das ist? „Na, er durfte die Kameradschaftsbund-Fahne zuhause lagern und beim Ausrücken tragen. Er hat die Fahne immer hochgehalten“, sagt Hackl. Und er habe die metallene Spitze schon am Tag vor der Parade ausführlich poliert. „So, jetzt gehen wir schießen“, meint die resolute Frau, die früher im Bundesrat war, wendet sich ab und den wirklich wichtigen Dingen zu.

Politik soll hier zwar tabu sein, ein Mann mittleren Alters beschwert sich trotzdem über die Corona-Regeln „von dem Kurz“, die ihn immer noch ärgern. Eine Verwandte sei allein und völlig isoliert im Altersheim gestorben, weil niemand zu ihr durfte. Und das Gerede über den Klimawandel hält er für überflüssig, „heiß war es immer schon“. Dann naht die Siegerehrung, jetzt wird sich weisen, welcher Schütze gewonnen hat. Für einen Moment kommt Kasernenhof-Stimmung auf, ein pensionierter Vizeleutnant verlangt nach „Ruuuhe“. Der Sieger ist ein jüngerer Mann, der einen Pokal und eine Urkunde erhält und darüber sichtlich erfreut ist. Mittlerweile sind einige Mütter mit ihren kleinen Kindern hier, ein kleiner Bub hat auch geschossen und jeweils einen „8er, 7er und 6er getroffen“, wie die Großmutter stolz vermeldet.

Helden von damals

Es wird langsam später, und es wird immer klarer, dass hier beim Kameradschaftsbund nicht alle Verständnis für alles haben. Er habe noch den Waffengürtel – das Koppel – seines Vaters aus dem Ersten Weltkrieg daheim, sagt ein älterer Mann. Man könne die Stellen sehen, wo die Granatsplitter eingedrungen seien. Zeit seines Lebens habe der Vater an der Kriegsverletzung gelitten, ganz krumm sei er gewesen, habe aber hart gearbeitet und viel aufgebaut. Nicht so wie manche Sozialschmarotzer heute.

Auch von Zivil- und Gedenkdienern hält er nicht viel, die seien alle „Owezahrer“. Ein anderer pflichtet ihm bei: „In Yad Vashem (Holocaust-Gedenkstätte in Israel, Anm.) Denkmal putzen – das kann es nicht sein.“


Infos und Quellen

Genese

Eine Einladung im Internet, in der ein Treffen des Kameradschaftsbundes in Wörterberg angekündigt wurde, hat das Interesse des WZ-Autors Michael Schmölzer geweckt. Ein Besuch des "Heldenfriedhofes" im steirischen St. Jakob einige Wochen davor ließ ihn ahnen, dass Kameradschaftsbünde vor allem am Land eine große Rolle spielen und in Österreich den Blick auf den Zweiten Weltkrieg und die NS-Zeit maßgeblich mitprägen. Unangemeldet tauchte er bei dem Treffen in Wörterberg auf, gab sich sofort als Journalist zu erkennen und wurde von den meisten freundlich empfangen. Informationen gab es zunächst nur in kleinen Dosen. Das hat sich im Verlauf der Feier geändert.

Gesprächspartner:innen

  • Kurt Wagner, Bürgermeister von Wörterberg (SPÖ)

  • Marianne Hackl, Vizebürgermeisterin von Wörterberg (ÖVP)

  • Ewald Kinelly, Siegfried Heinz und Werner Seidl, stellvertretende ÖKB-Präsidenten des Burgenlandes

  • und andere, die auf dem ÖKB-Fest waren

Daten und Fakten

Der Kameradschaftsbund will laut offizieller Erklärung keine „Schicksalsgemeinschaft“ mehr, sondern eine „Wertegemeinschaft“ sein. Diese Werte umfassen heute die Unterstützung des Bundesheeres „ohne Wenn und Aber“ und die „christlichen Werte des Abendlandes“. Daneben wird unter anderem karitative Arbeit, die Pflege der Kriegerdenkmäler und die „Kontaktpflege und Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Organisationen des In- und Auslandes“ angeführt. Laut Angaben des ÖKB gibt es 150.000 zahlende Mitglieder in neun Landesverbänden und rund 1.800 Orts- und Stadtverbänden. Man bemühe sich sehr, Frauen und Junge zu gewinnen und sei dabei auch erfolgreich, heißt es.

Das Thema in anderen Medien

Der Standard: Kameradschaftsbund im Wandel