Zum Hauptinhalt springen

Unsere Zähne – ein Fehler der Evolution?

8 Min
Eine Collage zum Thema Zähne. Ein Kind, das Süßigkeiten isst, eine historische Abbildung des Kiefers und ein Röntgendbild eines Kiefers mit Implantanten und behandelten Zahnwurzeln.
Im Laufe eines Lebens müssen die Zähne des Menschen viel aushalten.
© Collage: WZ, Bildquelle: Getty Images

Die meisten Menschen verbringen viele Stunden ihres Lebens beim Zahnarzt. Warum unsere Zähne anfällig sind und wie sich Löcher vermeiden lassen. Und warum wir dennoch daran schuld sind.


Der Endodont ist kein Dinosaurier. Der Begriff bezeichnet das Weichgewebe eines Zahnes. Der Endodontist ist Experte für Zahnwurzel-Behandlungen. Zu ihm kommt man mit Schmerzen. Diesmal ziehen sie sich vom fünften Zahn rechts oben über die Wange und Nase bis in die Kopfhaut und verspannen von dort aus den Nacken. Drei qualvolle Tage später die Erkenntnis: Da hilft nur der Endodontist. 

Das Panorama-Großröntgen beweist: Zahnwurzelkanal-Karies. Spritze, Absauggerät im Mundwinkel, sirrendes Bohrerdrillen, Provisorium, noch eine zweite Sitzung, Zement statt Gewebe, eine Plombe in Weiß – und eine fette Rechnung. Die nach der Schmerzerlösung fast bereitwillig hingenommen wird.

Jetzt herrscht Ruhe. Doch nein: Zwei Wochen später setzt sich die Kariesverschwörung auf der anderen Seite der Wange in Gang – selbes Spiel. Der Endodontist kommentiert die Lage mit einem Seufzer und einer Belehrung: „Das sind Altschäden. Sie haben leider über viele Jahre nicht richtig geputzt.“ Er rät zu mehr Hingabe an die Zahnhygiene, sorgsamerem Putzen und der täglichen Verwendung von Zahnseide. 

Kein Fehler, sondern ein Wunderwerk 

Warum sind unsere Zähne anfällig? Und warum tut Karies so weh? Wieso haben wir kein Revolvergebiss wie die Haie, denen verlorene Exemplare ein Leben lang nachwachsen? Sind unsere Zähne ein Fehler der Evolution?

Mitnichten. „Die Zähne des Menschen sind kein Fehler, sondern ein Wunderwerk der Evolution“, sagt der Wiener Zahnarzt Georg Reichenberg: „Unsere Zähne sind unsere feinsten Tastorgane. Mit ihrer Hilfe können wir spüren, ob wir etwas essen können oder nicht, welche Struktur die Nahrung hat und wie sie zu kauen ist. Ein Haar zwischen den Fingern spüren wir kaum, doch ein Haar zwischen den Zähnen stört sofort“, erklärt Reichenberg. Haare gehören nicht in den Mund, sagt das Gebiss, und diese besondere Sensibilität dient dem Überleben. Und das wiederum erklärt, warum Zahnweh so schmerzt.

Das Problem liege weniger an den Zähnen selbst als darin, dass wir heute viel länger leben als unsere Vorfahren, erläutert Philipp Gunz, Gruppenleiter für den Forschungsbereich Evolution des Schädels am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie im deutschen Leipzig, wo die Menschheitsgeschichte unter anderem anhand von genetischen Untersuchungen an fossilen Knochen nachvollzogen wird. 

Evolution hält mit Lebenserwartung nicht Schritt

Seit den Anfängen der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts, also seit etwa 150 Jahren, steigt die menschliche Lebenserwartung. Aus Sicht der Evolution ist diese Zeitspanne, die in menschlichen Dimensionen mehrere Generationen umfasst, nicht einmal ein Wimpernschlag. Definitiv viel zu kurz, um etwas so Fundamentales wie das Gebiss anzupassen.

Vielmehr ist der Aufbau der Zähne seit hunderttausenden Jahren gleich. „Wir können die menschliche Linie des Zahnaufbaus bis zu den Frühmenschen vor zweieinhalb bis drei Millionen Jahren zurückverfolgen. Das deutet darauf hin, dass der Zahn unter strenger genetischer Regulation steht“, erklärt Gunz. Unsere Zähne passen sich weniger leicht und damit auch weniger schnell an Veränderungen an als andere Körperteile.

Knochen verändern sich schneller als das Gebiss

„Zähne funktionieren anders als etwa das Skelett. Unsere Knochenkonstruktion verändert sich das ganze Leben lang. Jede Rippe, die Sie im Körper haben, ist nicht dieselbe wie vor acht Jahren, weil sich die Zellen ständig erneuern. Auch ob man viel Bewegung macht oder wenig und wie intensiv man sich bewegt, macht, ebenso wie die Körperhaltung, einen Unterschied“, erläutert Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. 

Unsere Zähne sind bereits vor der Geburt angelegt. „In jedem Backenzahn lässt sich mit einem speziellen Mikroskop der Tag der Geburt anhand einer Linie erkennen, die wir Stresslinie nennen“, sagt Hublin. Zähne können sich abnutzen oder kaputt gehen, „doch anders als Knochen wachsen sie nach Brüchen nicht zusammen und ihr Material ersetzt sich nicht von selbst – das ist das Problem.“

Das Gebiss ist ein Buch des Lebens, in dem Forschende lesen, wie ein Mensch gelebt hat

Unsere zweiten Zähne erneuern sich nicht. Anthropologen lieben diese Eigenschaft. Denn das Gebiss ist ein Buch des Lebens, in dem die Forschenden lesen, wie ein Mensch gelebt hat. Ein Team um die Archäologin Katerina Douka von der Universität Wien konnte kürzlich sogar die ältesten bekannten genetischen Daten in dem zwei Millionen Jahre alten fossilen Gebiss eines menschlichen Vorfahren nachweisen. Was wir essen, woran wir erkranken, jede chemische Verbindung, die wir zu uns nehmen, hinterlässt Spuren im Zahnschmelz. Anhand von Zahnanalysen lässt sich die Evolution unserer Art studieren. Und die Geschichte ihrer Sesshaftwerdung.  

Zähne wurden kleiner, als das Gehirn größer wurde

Darüber, ob die Menschheit bereits vor einer Million oder erst vor 300.000 Jahren zu kochen begann, streitet die Wissenschaft. Einig ist sie sich darüber, dass der Kiefer spätestens mit der Einführung des Ackerbaus zwischen 11.000 bis 9.000 vor Christus zu schrumpfen begann. Wir lernten, Nutzpflanzen zu setzen, Vieh zu halten und Getreide anzubauen, unsere Nahrung vorzuschneiden und zu mahlen, um sie leichter verdauen zu können. „Tatsächlich hat die Aufbereitung der Nahrung durch Kochen den Zuckergehalt erhöht, die Nahrung weicher gemacht und den Kiefer immer weniger stark beansprucht“, sagt Gunz. Wie überall im Körper gilt auch hier: Training ist alles. Je weniger wir unseren Kiefer und seine Muskeln trainieren, desto schwächer wird der Halteapparat für die Zähne. Wenn er sich zurückbildet, fallen sie aus.

Einer weiteren These zufolge wurden die Zähne umso kleiner, je mehr das Gehirn des Menschen an Größe gewann. „Was der Mensch bei der Verdauung an Energie sparte, konnte er für die Gehirnleistung einsetzen“, erklärt Hublin: „Die Energie musste auf das immer gierigere Gehirn umverteilt werden.“ Die Kalorienzufuhr stieg. Fett, Zucker und immer mehr Fleisch, die viel Energie liefern, hielten Einzug in den täglichen Speiseplan. Investitionen in große Kiefer wurden überflüssig. „Möglicherweise könnten wir heute sogar ohne Zähne leben, indem wir nur verarbeitete Nahrung zu uns nehmen“, sagt Hublot. 

Archäologen konnten nachweisen, dass die Menschen bereits in der Steinzeit vor 14.000 bis 15.000 Jahren Karies hatten, als die maximale Lebensspanne nur 35 bis 40 Jahre betrug. Ein Grund dafür könnte sein, dass der Kiefer vor den Zähnen geschrumpft ist, was laut dem Evolutionsforscher zu Problemen mit der Zahnstellung, Platznot im Kauapparat und Erschwernissen der Zahnreinigung führte. 

Bereits kleine Kinder leiden an Karies 

Weit verbreitete Karies, wie wir sie heute haben, ist allerdings ein modernes Phänomen. Viele Zahnprobleme sind laut Experten auf eine immer stärker zuckerhaltige Ernährung zurückzuführen. Und die frisst sich selbst in die Milchzähne von Kleinkindern.

Um diesen externen Inhalt zu verwenden, musst du Tracking Cookies erlauben.

In Österreich wird die Zahngesundheit der Sechsjährigen seit dem Jahr 2006 alle fünf Jahre von den Sozialversicherungsträgern und dem Fonds Gesundes Österreich erhoben. Die letzte fand – Corona-bedingt – 2016 statt. „Sie zeigt, dass die Sechsjährigen im Bundesdurchschnitt zwei von Karies betroffene Milchzähne haben. Lediglich 55 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe sind kariesfrei“, erläutert Karin Bekes, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnmedizin und Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinderzahnmedizin. 

Der Befund ist alarmierend. Bekes beschreibt ein Ost-West-Gefälle: Während in Wien nur 45 Prozent der Sechsjährigen kariesfreie Zähne besitzen, sind es in Tirol immerhin 71 Prozent. 33 Prozent der Erstklässler mit Karies gehen laut der Erhebung nicht zum Arzt. 

„Zwar ist seit 2006 ein Rückgang zu beobachten. Trotzdem sind die Zahlen problematisch“, sagt Bekes, Leiterin des Fachbereichs Kinderzahnheilkunde der Universitätszahnklinik Wien. „Wenn kleine Kinder schlechte Zähne haben, steigen beim Zahnwechsel die zweiten Zähne nicht eben wie Phönix aus der Asche. Schlechte Zahngesundheit und ein erhöhtes Kariesrisiko setzen sich fort.“ 

Bei Karies im Kindesalter spielen die Eltern eine Schlüsselrolle, da sie Ernährung und Risikofaktoren mitbestimmen. Als Hauptrisikofaktoren gelten süße Getränke, Naschen und schlampiges Zähneputzen.

Niemand kommt mit schlechten Zähnen auf die Welt

Meine Eltern hatten schlechte Zähne, daher auch ich? Mitnichten. Vererbt werden nur Probleme im Zahnaufbau und die haben mit Karies rein gar nichts zu tun. Niemand kommt mit schlechten Zähnen auf die Welt. Die harte Wahrheit ist also: Zähne sind kein Fehler der Evolution, sondern wie alles, das lebt, das Ergebnis einer Entwicklung. Wer aber sein halbes Leben beim Zahnarzt verbringt, ist selbst schuld.

Karies entsteht, wenn Säure den Zahnschmelz angreift. Bei ungenügender Mundhygiene bildet sich Zahnbelag (Plaque). Dieser enthält Mikroorganismen, die sich von zuckerhaltigen Lebensmitteln ernähren. Durch deren Verdauungsprozess entstehen jene Säuren, die den Zahnschmelz angreifen. Der Zahnschmelz wird entmineralisiert und der kariöse Prozess beginnt.

Die richtige Vorbeugung gegen vermeidbare Zahnlücken basiert klassischerweise auf vier Säulen: einer zahngesunden Ernährung, korrektem Zähneputzen, der täglichen häuslichen Mundhygiene mit Zahnseide oder Interdental-Bürstchen, der kontinuierlichen Zufuhr von Fluoriden und regelmäßigen zahnärztlichen Kontrollen. Ansonsten bleibt nur der Zahnarzt oder im Extremfall der Endodontist.