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Veterinärmedizin: Wenn der Traumjob zum Albtraum wird

8 Min
Veterinärmediziner:innen sind oft mit Tierleid konfrontiert. Das hinterlässt Spuren.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Die Suizidrate ist unter Tierärzten doppelt und unter Tierärztinnen sogar dreimal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.


    • Tierärzt:innen haben eine der höchsten Suizidraten, bedingt durch emotionale Belastung, wirtschaftlichen Druck und schwierige Arbeitsbedingungen.
    • Viele Veterinärmediziner:innen leiden unter Burnout, Mitgefühlsmüdigkeit und Suchtproblemen; etwa ein Drittel gilt als suizidgefährdet.
    • Tierschutzprobleme, mangelnde Kontrollmöglichkeiten und wirtschaftliche Abhängigkeiten erschweren die Arbeit und führen zu Frustration im Beruf.
    • Suizidrate bei Tierärzt:innen doppelt bis dreimal so hoch wie im Durchschnitt
    • Rund ein Drittel der Veterinärmediziner:innen gilt als suizidgefährdet
    • Über 80 % der Studierenden an der Vetmeduni sind weiblich
    • Jährlich stirbt im Schnitt ein:e Veterinärmediziner:in in Österreich durch Suizid
    Mehr dazu in den Infos & Quellen


Triggerwarnung: Dieser Artikel behandelt Suizid und emotionale Belastungen im Zusammenhang mit Tierleid. Der Inhalt kann belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte lies nur weiter, wenn du dich emotional sicher fühlst. Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.

„Auf einmal war unser Tierarzt tot“, sagt WZ-Redakteurin Petra Tempfer. „Es hieß, er habe sich suizidiert, wahrscheinlich mit einem der Mittel, mit denen er sonst Tiere eingeschläfert hat. Dabei war er sehr beliebt und galt als Koryphäe.“ Der Suizid des Veterinärmediziners passt zur Statistik. Unter allen Berufsgruppen haben Tierärzt:innen eine der höchsten Suizidraten, wobei Tierärzte sich doppelt so häufig das Leben nehmen wie die männliche Gesamtbevölkerung; bei Tierärztinnen ist die Suizidrate sogar dreimal so hoch wie unter allen Frauen. Dabei werden 80 Prozent aller Suizide in Österreich von Männern begangen. Hochgerechnet stirbt im Durchschnitt jedes Jahr ein:e Veterinärmediziner:in in Österreich durch Suizid.

Die Amtstierärztin Viola (Name geändert) wundert die hohe Suizidrate nicht. „Ich kenne einige Kolleg:innen, die sich umgebracht haben oder es zumindest versucht haben.“ Es ist eine Vielzahl an Faktoren, die hier zusammenspielen.

Emotionale Belastung, familienunfreundlicher Job

„Tierärzt:innen bewegen sich täglich in einem Spannungsfeld zwischen hohen gesellschaftlichen Ansprüchen, rechtlichen Vorgaben und herausfordernden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft, gepaart mit enormem Bürokratieaufwand“, sagt dazu Tierärztekammer-Präsident Kurt Frühwirth auf Anfrage der WZ.

Viola liefert dazu Beispiele aus der Praxis: Da ist zum einen die emotionale Belastung, etwa wenn Heimtiere im Kreise der weinenden Familie eingeschläfert werden müssen. „Und im nächsten Moment musst du wieder funktionieren und einen Welpen impfen“, erzählt Viola im Gespräch mit der WZ. Aber auch schwer kranke oder verletzte Tiere, deren Halter:innen sich die Behandlung nicht leisten können oder wollen, „wo man dann vor der Wahl steht: Erlöst man das leidende Tier, obwohl eine Heilung möglich wäre? Schickt man die Leute unverrichteter Dinge wieder weg? Oder tut man das, was man als Tierärztin eigentlich tun sollte, und hilft dem Tier – schädigt sich dabei aber selbst um ein paar hundert oder gar tausend Euro?“, schildert Viola eine der schwierigsten Situationen im Ordinationsalltag. Und dann sind da natürlich auch noch die landwirtschaftlichen Nutztiere, deren Zustand auf dem Papier in Ordnung und gesetzeskonform ist, obwohl deutlich sichtbar ist, dass nichts in Ordnung ist, „weil zwar die Mindestanforderungen eingehalten werden, aber die sind oft immer noch zu gering, um Tierleid wirklich zu verhindern“.

Das Familienleben hat massiv unter meiner Arbeit gelitten.
Tierarzt Alexander Rabitsch

Ein Faktor ist sicher auch, dass Tierärzt:innen in der Regel direkt Geld für die Behandlung kassieren müssen. Aggressionen unzufriedener Tierhalter:innen sind da ebenso an der Tagesordnung wie emotionale Ausnahmesituationen, die zu Überforderung führen. Ein Tierarzt oder eine Tierärztin hat eben keine Ausbildung als Psycholog:in, Humanmediziner:in und Sozialarbeiter:in – viele erwarten aber von sich, all diese Rollen zu erfüllen. Als ob nicht schon der Druck hoch genug wäre, beim Tier als Allrounder:in alles zu können, denn vor allem in eine Tierarztpraxis auf dem Land kommt die ganze Bandbreite an Fällen: von der Katze mit Nierenleiden über den Hund mit Darmverschluss bis zum Kalb mit gebrochenem Bein. In der Stadt wiederum sei der Konkurrenzdruck groß, berichtet Viola. „Da genügen drei schlechte Online-Bewertungen, und die Leute kommen nicht mehr.“

Ein Drittel gilt als suizidgefährdet, viele haben ein Suchtproblem

Es ist also eine toxische Mischung aus psychischer Belastung, Burnout und sogenannter Mitgefühlsmüdigkeit, die Tierärzt:innen belastet. Verschiedene internationale Studien legen nahe, dass rund ein Drittel suizidgefährdet ist. Und viele haben ein stressbedingtes Suchtproblem. „Das ist wirklich weit verbreitet“, erzählt Viola. „Das fängt schon im Studium an.“ Deshalb werden den Veterinärstudent:innen an der Uni Psycholog:innen zur Seite gestellt, und der Umgang mit Stresssituationen bereits im Studium behandelt.

Der Österreichischen Tierärztekammer ist die Problematik bewusst. Nicht von ungefähr hat der ihr zugehörige Tierärzteverlag gleich die zweite Folge seines Podcasts der mentalen Gesundheit gewidmet. Darin wurde unter anderem festgestellt, dass die Belastung der Veterinärmediziner:innen zwar schon lange bekannt sei, aber den Betroffenen selbst oft nicht klar sei, dass sie zu einer Suizid-Risikogruppe gehören. Stressoren würden häufig unterschätzt, oft seien sie ganz auf sich allein gestellt, kämen aber gar nicht auf die Idee oder hätten Scheu, sich Hilfe zu holen. Frauen sind laut den im Podcast zitierten Studien besonders gefährdet, sich immer mehr aufzuhalsen, bis es irgendwann nicht mehr geht. Die „vetmental“-Kampagne der Tierärztekammer, die vor mehreren Jahren in Kooperation mit der Sigmund Freud Privatuniversität ins Leben gerufen wurde, soll hier gegensteuern und bei Bedarf auch anonym eine Hilfestellung bieten.

Tierliebe ist die dümmste Motivation, um Veterinärmedizin zu studieren.
Viola hat von der Tierarztpraxis aufs Amt gewechselt

Insbesondere der für viele unattraktive Nutztierbereich steuert auf einen sich deutlich verschärfenden Mangel an Tierärzt:innen zu, was den Druck auf die einzelnen Personen erhöht und auch die Gewährleistung des Tierschutzes erschwert. Ausgebildete Veterinärmediziner:innen zieht es vor allem in den urbanen Raum, dabei kommen zwei Drittel aus einem ländlichen Umfeld. „Viele sind in einem System aufgewachsen, wo Tiere in erster Linie ein wirtschaftlicher Faktor sind“, meint Viola. „Als Vegetarierin habe ich an der Uni zu einer Minderheit gehört. Tierliebe ist überhaupt die dümmste Motivation, um Veterinärmedizin zu studieren. Denn das hat nichts mit Tierschutz zu tun. Es ist eine Dienstleistung und nichts anderes.“

Sie kenne auch erschreckend viele Tierärztinnen, die verbotene Qualzucht betreiben (also Züchtungen, bei denen bestimmte Merkmale forciert werden, die mit erheblichen gesundheitlichen Problemen verbunden sind). Alexander Rabitsch wiederum erzählt von einem Kollegen, „der sich damit brüstete, besonders viele Tiertransporte ins ferne Ausland bewilligt zu haben“. Dabei müsste einem Veterinärmediziner besonders bewusst sein, welches Leid damit verbunden ist.

Lascher Tierschutz und Abhängigkeitsverhältnis

Dieses Tierleid in der industrialisierten Landwirtschaft hat Viola, die den Nutztierbereich zunächst in einem Angestelltenverhältnis erlebte, immer wieder zu schaffen gemacht. In der Praxis hat sie zahlreiche tierschutzrelevante Fälle gesehen, die sie aber nicht anzeigen durfte, weil ihr Chef es nicht erlaubte. „Und viele trauen sich auch nicht aus Angst, die Kundschaft zu verlieren. Oder es ist ihnen schlicht egal. Manchmal beneide ich fast die Leute, die mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen.“ Erst jüngst hat der Verein gegen Tierfabriken (VGT) Videomaterial zu Rinderversteigerungen ausgeschickt, das klar verbotene Handlungen zeigt, die eigentlich von den zuständigen Veterinär:innen angezeigt werden müssten.

Verschwiegenheitspflicht verhindert Anzeigen

Aus der Tierärztekammer ist dazu Folgendes zu erfahren: Frei praktizierende Veterinärmediziner:innen unterliegen der Verschwiegenheitspflicht, und ihre Rolle soll „eine beratende und unterstützende“ sein, „sie haben aber selbst keine Kontroll- oder gar Exekutivfunktion“. Und: Sie unterliegen einer Verschwiegenheitspflicht, „die sie sehr ernst nehmen, und es macht eben auch die Verschwiegenheit aus, dass nicht jede Übertretung zur Anzeige gebracht werden kann beziehungsweise wird. Würde die Verschwiegenheit nicht halten, würde das Vertrauensverhältnis nicht bestehen können, und die Grundwerte des Freien Berufes Tierarzt würden unterminiert werden“, so die Tierärztekammer, die zudem betont: „Es geht hier nicht um eine wirtschaftliche Geschäftsbeziehung, sondern um die Einhaltung der Verschwiegenheitspflicht und damit um das Vertrauensverhältnis“. Bei Amtstierärzt:innen ist das anders: Als offizielle Kontroll- und Überwachungsorgane sind sie im Auftrag der Behörden tätig. „Hier darf es sogar kein Vertrauensverhältnis, also auch keinen Interessenskonflikt geben“, so die Kammer.

Als Amtstierärztin kann mir jetzt egal sein, ob die Leute mich mögen.
Veterinärmedizinerin Viola

Deshalb war Violas persönlicher Ausweg aus Frustration und wirtschaftlicher Abhängigkeit der Wechsel zur Behörde. „Als Amtstierärztin kann mir jetzt egal sein, ob die Leute mich mögen, da brauche ich keine Rücksicht zu nehmen und kann Verstöße einfach ahnden.“ Wenn es denn Verstöße sind. Denn viele verstörende Bilder, die Tierschützer:innen veröffentlichen, zeigen völlig legale Zustände, ob Hühner in Bodenhaltung, Schweine auf Vollspaltenböden oder dauerhaft angebundene Rinder. „Es ist halt typisch: Die Anbindehaltung – also immer am selben Fleck eingezwängt, ohne sich rühren zu können – ist seit Jahren verboten, aber es gibt Ausnahmen, und zwar offenbar sehr viele“, ärgert sich Viola. Ihre Kritik daran stößt allerdings oft auf Unverständnis. Offenbar ist vielen gar nicht bewusst, wo Tierleid beginnt.

Wie frustrierend muss es für jene Tierärzt:innen sein, die einschreiten möchten, aber es – aus welchem Grund auch immer – nicht können? Hätte Österreich einen besseren Tierschutz, wären auch die Veterinärmediziner:innen weniger belastet, ist Viola überzeugt. „Es wäre ein anderes Arbeitsumfeld.“

Hilfe bei Suizidgedanken

Bist Du in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchst Hilfe? Sprich mit anderen Menschen darüber.

  • Telefonseelsorge: 142 (Notruf), täglich 0–24 Uhr
  • Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01/ 31330, täglich 0–24 Uhr
  • Rat auf Draht: 147. Beratung für Kinder und Jugendliche. Anonym, täglich 0–24 Uhr
  • Suizidprävention Austria
  • Infos für Jugendliche

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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Viola (Name geändert) hat erst als angestellte Tierärztin gearbeitet, bevor sie Amtstierärztin wurde.
  • Alexander Rabitsch war mehr als 40 Jahre lang Tierarzt mit eigener Klein- und Großtierpraxis in Kärnten und ist nach wie vor im Tierschutz aktiv.
  • Kurt Frühwirth ist Präsident der Österreichischen Tierärztekammer. Er ist selbstständiger Kleintierpraktiker in Wien.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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