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Vier Jahre Taliban: Wie ist der Alltag in Afghanistan?

8 Min
Vier Jahre nach der Machtübernahme der Taliban: Afghan:innen blicken pessimistisch in die Zukunft.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Zum vierten Mal in Folge feiern die Taliban in Afghanistan ihre Rückkehr an die Macht. Währenddessen blicken vor allem junge Afghan:innen pessimistisch in die Zukunft und fragen sich, wie sie die nächsten Jahre bewältigen können.


Sobald Omar* von seinem Alltag erzählt, verändert sich seine Tonlage. „Die Repressalien der Taliban haben von Jahr zu Jahr zugenommen. Auch Männer werden nicht in Ruhe gelassen. Mittlerweile werden selbst Friseure von den Taliban-Sittenwächtern streng kontrolliert. Wer die Seiten zu kurz macht, bekommt Probleme. Wer Bärte kürzt, ebenso. Männer sollen längere Bärte tragen, Gebetskäppchen, manchmal, weiter weg von Kabul, sogar Turban. Wer dagegen verstößt, bekommt ebenfalls Probleme. Das ist eine neue Realität“, erzählt er.

Rückblick: Im Februar 2020 unterzeichneten die Taliban ein politisches Abkommen mit der US-Regierung im Golfemirat Katar. Es war die erste Amtszeit Donald Trumps und dieser wollte unter allen Umständen den längsten Krieg der US-Geschichte beenden. Dies geschah auf Kosten der afghanischen Bevölkerung. Die Amerikaner durften abziehen und die Taliban wurden auf das Siegerpodest gehoben. Die Extremisten, die der Welt vorgaukelten, sich im Wesentlichen verändert zu haben, übernahmen während des Abzugs ganz Afghanistan, während das pro-westliche Regime in Kabul zusammenfiel. Viele Menschen versuchten damals, das Land zu verlassen. Viele Afghan:innen wurden evakuiert, doch umso mehr wurden zurückgelassen. Der US-Krieg am Hindukusch war vorbei, doch er endete im Chaos. Es gab keine Exit-Strategie und keinen Plan für die Zukunft von rund vierzig Millionen Menschen.

Omar, der eigentlich anders heißt, ist 28 Jahre alt und stammt aus Kabul. Früher trug er gerne alles: Mal Jeans und Hemd, mal die traditionelle afghanische Kleidung, die vor allem in der Hitze des Sommers angenehmer ist. Doch mit Ersterem ist schon seit längerem Schluss: Bereits vor rund drei Jahren hieß es an Omars Universität in Kabul, dass westliche Kleidung nicht mehr erwünscht sei. Verantwortlich hierfür waren die Sittenwächter der Taliban. Die Extremisten verkündeten auch, dass manche Kleidungsstücke, etwa eine Krawatte, besonders verpönt und deshalb verboten seien. Der Grund: Sie hätten einen nicht-muslimischen Ursprung.

„Wir zogen aus Trotz Jeans an“

Omar und seine Freunde wollten sich das nicht gefallen lassen. Sie zettelten eine kleine Revolte an und ignorierten die von den Sittenwächtern geforderte Kleiderordnung. „Wir trimmten weiterhin unsere Bärte und zogen aus Trotz Jeans an“, erinnert sich Omar. Doch dann wurden aus den Mahnungen und Zurechtweisungen der neuen Machthaber Drohungen. „Nenn mir deinen Namen und den deines Vaters! Du willst wohl nicht gehorchen“, hieß es seitens der Taliban, nachdem sie einige Monate später Omar am Campus in Jeans sahen. Ohne Gebetskäppchen. Danach knickte er ein.

Mit der Rückkehr der Taliban im August 2021 wurde auch das gesamte Bildungssystem von den Extremisten übernommen. Viele Universitätsprofessor:innen und Dozent:innen flüchteten daraufhin ins Ausland, allen voran Frauen. Doch auch viele Männer, die sich als liberal oder säkular verstanden, gingen. Omar und seine Freunde erzählen, wie seine Dozenten an der Kabuler Universität von den Taliban schikaniert und drangsaliert wurden. Ende 2022 zogen die neuen Taliban-Machthaber den Strick für Afghanistans junge Gesellschaft noch enger und führten ein Universitätsverbot für Frauen ein. Bereits zuvor wurden die Oberstufenschulen für Afghaninnen dichtgemacht.

Jobs von Taliban an Taliban

„Im Grunde genommen ist alles ziemlich deprimierend. Auch die Jungs haben keine Lust mehr auf Unterricht. Immerhin fällt seit fast drei Jahren die Hälfte der Klasse aus und Jobs werden auch nur unter den Taliban vergeben“, sagt Massi, der einst auch an der Universität von Kabul studierte.

Hamidi ist ein ehemaliger Kommilitone Omars. Auch er heißt anders und will nicht, dass sein echter Name publiziert wird. Die Angst vor den Spitzeln der Taliban, die auch ausländische Medien konsumieren oder sich gar selbst im Ausland befinden, ist zu groß. Einst verschlungen Massi und Omar englischsprachige Literatur und persische Gedichte. Sie belegten Wirtschaftskurse und hofften auf ansehnliche Jobs bei internationalen Firmen. Doch mittlerweile bereuen sie es, wie viele andere junge Afghan:innen nicht ins Ausland geflüchtet zu sein. „Ich habe all mein Geld in meine Bildung investiert. Vielleicht hätte ich es lieber einem Schlepper geben sollen. Dann wäre ich schon längst in Europa. Wäre ich nur gegangen“, sagt Akbari bedrückt.

Suizide unter Frauen nehmen zu

Deutlich schlimmer geht es den Mädchen und Frauen im Land. Sahra lebt im Norden Afghanistans. Sie stand kurz davor, Ärztin zu werden, doch dann sperrten die Taliban die Universitäten zu. „Meine Zukunft wurde willkürlich zerstört“, sagt sie heute. Seitdem sitzt Sahra zuhause und beschäftigt sich, um, wie sie sagt, nicht verrückt zu werden. Sie kennt Mädchen, die an starken Depressionen leiden. Es gab auch vermehrt Berichte über Suizide, die von den Taliban zensiert wurden. „Natürlich wollen sie nicht, dass man davon erfährt. Dabei sind solche Tragödien die direkte Folge ihrer frauenfeindlichen Politik“, erklärt Sahras Mutter, die früher als Lehrerin tätig war. Sie will nicht, dass ihr Name publiziert wird. „Wir wurden erst benutzt und ausgebeutet, während wir uns an die neuen Taliban-Vorschriften halten mussten. Im Laufe der Zeit wurden wir durch Taliban-Personal ersetzt und viele meiner einstigen Schülerinnen dürfen ohnehin nicht mehr in die Schule“, erklärt sie.

Währenddessen lernt Sahra Fremdsprachen, darunter Deutsch und Französisch. Vielleicht hätte sie ja irgendwann Glück und kann eines Tages in Frieden ihr Studium fortsetzen, etwa in Europa. Der Westen gehört weiterhin zu den großen Sehnsüchten junger, urbaner Afghan:innen. Doch aus ihrer Sicht hat sie der Westen auch verraten und alleingelassen.

„Nach der Rückkehr der Taliban erhob ich meine Stimme und nahm an Protesten teil. Es fanden auch bei mir zuhause Versammlungen statt. Doch dann geriet ich ins Radar der Taliban. Sie bedrohten mich und meine Familie“, erzählt Maria. Im Jahr 2023 flüchtete die Aktivistin gemeinsam mit ihrer Familie ins benachbarte Pakistan. Doch zeitgleich begann dort, wo seit Jahrzehnten Millionen afghanischer Geflüchteter leben, eine Deportationswelle, die bis heute nicht aufgehört hat. Über eine Million Afghan:innen wurden abgeschoben, weil die pakistanische Regierung ihnen „Terrorismus“ unterstellt.

Die stetige Gefahr, dass auch Maria von den Behörden abgeholt und abgeschoben wird, schwebt über ihrer Familie wie ein Damoklesschwert. „Für Journalisten, Menschenrechtsaktivisten oder auch jene, die sich für die Rechte von Frauen stark machten, ist das gefährlich. In Afghanistan überlässt man uns den Taliban“, so Maria.

Besonders prekär: Maria hat eigenen Aussagen zufolge eine Aufnahmezusage aus Deutschland, denn sie und ihre Familie sind Teil des Bundesaufnahmeprogramms. Es wurde kurz nach der Rückkehr der Taliban ausgerufen. Doch eine Evakuierung ist, wie in zahlreichen anderen Fällen, bis heute nicht erfolgt. Stattdessen machte man in Deutschland Wahlkampf auf den Rücken jener Afghan:innen, denen man die Rettung versprochen hatte. Bereits vor dem Aus der Ampel-Regierung war das Aufnahmeprogramm für Afghanistan praktisch tot. Bürokratische Hürden und mehrfach kritisierte Sicherheitsprotokolle erschwerten die Ausreise zusätzlich. Während des Wahlkampfes suggerierte der heutige Kanzler Friedrich Merz, dass man niemanden mehr aus Afghanistan evakuieren werde. Erst vor wenigen Wochen verkündete der deutsche Außenminister Johann Wadephul, dass man 2.400 Menschen mit Aufnahmezusage nach Deutschland holen werde. Doch viele andere Aufnahmeberechtigte wie Maria sind davon ausgeschlossen. Ihnen droht eine baldige Abschiebung in das Taliban-Emirat.

Wie geht es Journalist:innen unter dem Taliban-Regime?

Was sie dort erwartet, macht der Fall des Journalisten Masoud deutlich. Auch er heißt eigentlich anders, doch seine Identität muss geheim bleiben. Masoud gehört nämlich zu jenen Berichterstattern, die weiterhin in Afghanistan verweilen und versuchen, trotz des Taliban-Regimes ihrer Arbeit nachzugehen. „Sie hassen Medien und Journalisten. Entweder man spielt nach ihren Regeln oder man ist vogelfrei“, erklärt Masoud, der sich seit vier Jahren selbst zensieren muss und über viele Dinge nicht frei berichten kann. „Man muss sich beim Regime akkreditieren lassen. Freie Journalisten werden gar nicht anerkannt. Wer kritisch ist, wird gejagt und verschwindet“, so der Journalist.

Was das bedeutet, musste Masoud am eigenen Leib erfahren, als vor rund zwei Jahren mehrere seiner Kollegen, allesamt Lokaljournalisten, vom Taliban-Geheimdienst verschleppt und gefoltert wurden. „Einige von ihnen waren monatelange verschwunden“, erinnert sich Masoud, der sich bis heute bedeckt hält und regelmäßig SIM-Karte und Mobiltelefon austauscht. „Es gab auch früher viele Probleme und Gefahren für Journalisten, auch seitens der alten Regierung. Heute herrscht allerdings eine Diktatur, die kontrolliert, reguliert und zensiert“, meint der Vierzigjährige.

*Namen aus Sicherheitsgründen geändert


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Infos und Quellen

Genese

Der Autor Emran Feroz findet: Zum Jahrestag der Taliban-Rückkehr muss ein Text her, der die Gesamtlage einigermaßen ordentlich zusammenfasst. Und es muss stets daran erinnert werden, wie sehr vor allem die junge Bevölkerung im Land leidet, denn Afghanistan ist ein mehrheitlich junges Land. Dass vielen dieser jungen Menschen die Zukunft genommen wurde, macht traurig.

Gesprächspartner:innen

Alle Personen, die im Text genannt werden, müssen anonym bleiben, weil sie gefährdet sind. Allein schon das, was sie sagen, könnte zu ihrer Verhaftung führen. Einige der Protagonist:innen kennt der Autor seit Jahren, etwa Omar oder den Journalisten Masoud.

Daten und Fakten

Im August 2021 zogen die NATO-Truppen unter Führung des US-Militärs aus Afghanistan ab und die militant-islamistischen Taliban übernahmen nach zwanzigjähriger Abwesenheit wieder die Macht im Land. Tausende von Menschen wurden damals von westlichen Staaten evakuiert und nach Europa oder Amerika gebracht. Doch viele gefährdete Menschen waren gezwungen zu bleiben. Heute sind sie wichtige Zeugen, denn tagtäglich erleben sie die Repressalien des wiedergeborenen Taliban-Emirats.

Während die Unterdrückung im Land zunimmt, hat sich die internationale Staatengemeinschaft schon längst mit den Extremisten arrangiert. Jüngst erfolgte die erste Anerkennung des Taliban-Regimes – seitens Russlands. Andere Staaten könnten bald folgen. Auch Deutschland möchte sich mehr mit den Taliban abstimmen, um vermehrt Geflüchtete abzuschieben. Seit 2024 fanden zwei deutsche Abschiebeflüge nach Afghanistan statt. Die letzte Abschiebung erfolgte im vergangenen Juli.

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