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Volle Gefängnisse: „Wie es jetzt ist, geht es nicht mehr“

6 Min
Österreichs Strafvollzug kämpft mit Überbelegung, Personalmangel und fehlender psychischer Betreuung.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner, Bildquelle: Adobe Stock

Österreichs Gefängnisse platzen aus allen Nähten. Kriminalsoziologin Veronika Hofinger erklärt, warum die Haftzahlen so hoch sind – und was Österreich anders machen müsste.


    • Österreichs Gefängnisse sind überbelegt, unterbesetzt und leiden unter fehlender psychischer Betreuung, was zu gefährlichen Zuständen führt.
    • Laut Veronika Hofinger sind lange Haftstrafen, wenige Alternativen und strenge Sanktionen für Ausländer Hauptgründe der Überbelegung.
    • Hofinger empfiehlt Alternativen zur Haft, mehr Resozialisierung und Orientierung an Ländern wie Norwegen oder der Schweiz.
    • Auslastung der Gefängnisse im September: 109 %
    • Inhaftierte pro 100.000 Einwohner: Österreich 105, Deutschland 69, Schweiz 78
    • Jeder sechste Häftling ist Maßnahmeninsasse, seit 2000 fast verdreifacht
    • 50 % der Inhaftierten sind keine österreichischen Staatsbürger
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Überbelegung, Personalmangel, fehlende psychische Betreuung: Es herrschen alarmierende Zustände in Österreichs Haftanstalten. Erst am 1. September wurde in der Justizanstalt Klagenfurt ein 19-jähriger Häftling tot aufgefunden. Sein Zellennachbar hat die Tat gestanden. Zuvor gab es bereits Hinweise auf mögliche psychische Auffälligkeiten. Die GÖD-Justizwachegewerkschaft protestierte wenige Tage später gegen die Arbeitsbedingungen in der Justizanstalt Josefstadt und in Gefängnissen allgemein. Zugleich liegt die Auslastung in Österreichs Gefängnissen im September bei rund 109 Prozent.

Warum ist die Lage so angespannt? Und was kann Österreich besser machen? Die WZ hat bei Veronika Hofinger, Kriminalsoziologin an der Universität Innsbruck, nachgefragt.

WZ | Chiara Swaton
Frau Hofinger, warum sind Österreichs Gefängnisse so voll?
Veronika Hofinger
Rein mit einem Anstieg der Kriminalität kann man die hohen Zahlen nicht erklären. Es gibt verschiedene Gründe. Einer davon ist der Maßnahmenvollzug, der stark wächst, also die Unterbringung von Rechtsbrechern mit psychischen Erkrankungen. Seit dem Jahr 2000 hat er sich fast verdreifacht. Jeder sechste Inhaftierte ist derzeit schon ein Maßnahmeninsasse, und die Dauer der Anhaltung ist oft sehr lang.
WZ | Chiara Swaton
Welche Gründe gibt es noch?
Veronika Hofinger
Es werden in Österreich generell viele und lange Freiheitsstrafen verhängt. Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder Strafverschärfungen, vor allem bei Sexual- und Gewaltdelikten – zum Beispiel höhere Mindeststrafen oder längere Strafrahmen. In einigen Landesgerichtssprengeln werden Häftlinge auch sehr spät bedingt entlassen (Anm.: vorzeitige Entlassung aus der Haft unter bestimmten Voraussetzungen). Die Bevölkerung ist außerdem gewachsen. Es gibt eine international vergleichbare Kennzahl, wie viele Menschen pro 100.000 Einwohner in Haft sind. In Österreich liegt sie schon seit Längerem bei 105 pro 100.000. In Deutschland sind zum Beispiel nur 69 pro 100.000 und in der Schweiz nur 78 pro 100.000 inhaftiert, also deutlich weniger.
Frau mit schulterlangem braunem Haar und blauem Blazer lächelt in der Nähe eines Treppengeländers.
Veronika Hofinger forscht an der Universität Innsbruck zu Strafvollzug und Gefängnis.
© IRKS
WZ | Chiara Swaton
Woran liegt dieser Unterschied zu Deutschland oder der Schweiz?
Veronika Hofinger
In Deutschland werden viel mehr Geldstrafen verhängt als in Österreich. In der Schweiz wurden Freiheitsstrafen radikal zurückgedrängt und durch Geldstrafen und gemeinnützige Arbeit ersetzt. Bei uns gibt es außerdem sehr oft bedingte Freiheitsstrafen, vor allem in Ostösterreich. Wenn dann ein Verurteilter wieder eine Straftat begeht, werden die bedingten Strafen widerrufen, und dann folgen manchmal für relativ geringe Delikte längere Haftstrafen.
WZ | Chiara Swaton
In der politischen Diskussion wird häufig auf den hohen Anteil ausländischer Gefangener verwiesen. Wie relevant ist dieser Faktor?
Veronika Hofinger
Die Hälfte der Inhaftierten sind keine österreichischen Staatsbürger. Es ist also relevant. Bestimmte Nationalitäten sind bei manchen Delikten überrepräsentiert. Aber zum Teil sind das auch Personen, die man gar nicht zur österreichischen Wohnbevölkerung zählen kann. Das können Leute sein, die auf der Durchreise oder nur hier sind, um zum Beispiel Drogendeals zu machen. Durch offene Grenzen gibt es logischerweise viel Mobilität. Ausländer werden zudem wegen der Fluchtgefahr öfter in Untersuchungshaft genommen. Und wenn jemand schon in Untersuchungshaft war, bekommt er oft zumindest eine teilbedingte Freiheitsstrafe. Studien zeigen auch, dass ausländische Angeklagte ohne Vorstrafe so streng verurteilt werden wie vorbestrafte Österreicher, die wiederum deutlich längere Strafen bekommen als nicht vorbestrafte Österreicher. Ausländer werden also tendenziell strenger sanktioniert.
WZ | Chiara Swaton
In der Justizanstalt Josefstadt haben Bedienstete zuletzt wegen Überbelegung und Personalmangel Alarm geschlagen. Ab wann wird Überbelegung nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich?
Veronika Hofinger
Grundsätzlich sagt man, dass eine Auslastung von 80 bis 90 Prozent noch okay ist. Es gibt verschiedene Vorgaben, wie man Insassen voneinander trennen muss. Man soll Jugendliche von Erwachsenen trennen, aber auch Ersttäter von Menschen, die schon öfter in Haft waren und so weiter. Wenn man eine Auslastung von 85 Prozent hat, hat man diesen Spielraum. Bei einer Auslastung von 109 Prozent hat man keinerlei Spielraum und muss Zusatzbetten aufstellen. Das ist ein echtes Sicherheitsrisiko.
Bei extremen Temperaturen sitzen Häftlinge 23 Stunden auf engstem Raum.
Kriminalsoziologin Veronika Hofinger
WZ | Chiara Swaton
Wie äußert sich das konkret im Gefängnisalltag?
Veronika Hofinger
Man kann sich das ausrechnen: Rund 800 Personen haben eigentlich keinen Platz. Und wenn Personalmangel herrscht, kann man die Leute wenig beschäftigen. Gerade über die Urlaubszeit im Sommer sind viele Betriebe geschlossen. Dann sitzen Häftlinge 23 Stunden auf engstem Raum, bei diesen zum Teil extremen Temperaturen. Das bedeutet auch für das Personal einen enormen Druck. Wir konnten in einer Studie statistisch nachweisen, dass es bei Überbelegung und langen Einschlusszeiten zu mehr Gewalt kommt.
WZ | Chiara Swaton
Welche Konsequenzen hat Überbelegung noch?
Veronika Hofinger
Wenn die Tür dauernd zugesperrt ist, dann entsteht ein schlechtes Haftklima. Dabei ist die Beziehung zwischen Personal und Insassen sehr wichtig. Beamte müssen die Inhaftierten auf ihrer Abteilung kennen, um bei Problemen rechtzeitig intervenieren zu können. In unserer Studie „Gewalt in Haft“ ist deutlich geworden: Wenn man als Häftling Opfer von Gewalt wird und den Notfallknopf drückt, gilt man als Verräter. Dann kann es sein, dass man erst recht wieder zum Opfer gemacht wird. Deshalb ist es wichtig, dass sich Insassen mit dem Personal austauschen können, damit sie zum Beispiel schon vorher um Verlegung bitten können.
WZ | Chiara Swaton
Würde der Ausbau von Haftplätzen allein das Problem lösen?
Veronika Hofinger
Ganz ohne zusätzliche Haftplätze wird es bei der gewachsenen Bevölkerung wahrscheinlich nicht gehen. Vernünftiger wäre es aber, weniger Leute einzusperren und Alternativen anzubieten. Man könnte mehr gemeinnützige Leistungen ermöglichen, Mindeststrafen wieder reduzieren oder abschaffen, mehr Diversion (Anm.: der Verzicht auf die Durchführung eines förmlichen Strafverfahrens) einsetzen. Für bestimmte Gruppen könnte auch die Haftverbüßung im Heimatland eine Möglichkeit sein, vor allem wenn es um andere europäische Länder geht. Man sollte versuchen, bei bestehenden Kapazitäten die Haftzahlen zu senken. Wenn sich nichts tut, werden wir neue Anstalten brauchen. Denn so, wie es jetzt ist, geht es nicht mehr.
Viele Länder machen es besser.
Kriminalsoziologin Veronika Hofinger
WZ | Chiara Swaton
Welche kurzfristigen Möglichkeiten gäbe es noch, um Gefängnisse zu entlasten?
Veronika Hofinger
Die Amnestie wäre die schnellstmögliche Notmaßnahme. Man sucht bestimmte Gruppen, bei denen man ohne Sicherheitsrisiko sagen kann: Die entlassen wir jetzt ein paar Monate früher, um diese extremen Zustände zu beenden. Es gab dazu einen Vorschlag der Justizministerin, aber ÖVP und Neos waren dagegen. Auch bei der elektronischen Fußfessel könnte man an den Rahmenbedingungen schrauben, damit mehr Menschen sie in Anspruch nehmen können – indem man die Betroffenen stärker dabei unterstützt, die Voraussetzungen zu erfüllen.
WZ | Chiara Swaton
Was fällt Ihnen in der Debatte zum Thema auf?
Veronika Hofinger
Im Zuge der Berichterstattung sehe ich auf Social Media immer wieder Kommentare nach dem Motto: „Es kann den Häftlingen gar nicht schlecht genug gehen.“ Man hofft, dass sie sich dann wohl verhalten. Das ist ein Irrglaube. Damit Menschen nach der Haft resozialisiert sind, müssen sie reflektieren, lernen und sich positiv entwickeln können – statt unter teils menschenunwürdigen Bedingungen beschädigt zu werden.
WZ | Chiara Swaton
Und von welchen Ländern könnten wir etwas lernen?
Veronika Hofinger
Viele Länder machen es besser. Die Schweiz hat relativ drastische Maßnahmen gesetzt, um die Haftzahlen zu senken – wobei es dort zum Teil auch wieder Tendenzen zu Strafverschärfungen gibt. Vor allem die skandinavischen Länder werden häufig als Vorbilder genannt. Norwegen hat beispielsweise ein vorbildliches System. Die sperren nur 54 pro 100.000 Personen ein – fast halb so viele wie Österreich – und haben einen modernen, auf Resozialisierung ausgerichteten Strafvollzug mit ausreichend Personal und Einzelunterbringung. Wir sollten uns an diesen Ländern orientieren und von ihnen lernen.

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Infos und Quellen

Gesprächspartnerin

Veronika Hofinger ist Kriminalsoziologin und stellvertretende Leiterin des Instituts für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) an der Universität Innsbruck.

Daten und Fakten

  • Österreichs Strafvollzug ist im September 2026 strukturell überbelegt. Aktuell befinden sich 9.207 Menschen physisch in Justizanstalten, obwohl die ausgewiesene Belagsfähigkeit nur 8.411 Plätze beträgt. Es gibt also eine Auslastung von 109,46 Prozent.
  • Insgesamt verwaltet die Justiz 10.219 Insass:innen, weil auch Personen in externen Unterbringungsformen (zum Beispiel in psychiatrischen Krankenhäusern oder im elektronisch überwachten Hausarrest) zum Insassenstand zählen.
  • Als Gründe für die stark gestiegene Zahl der untergebrachten Personen im Maßnahmenvollzug nennen Untersuchungen unter anderem, dass über Jahre mehr Personen eingewiesen als entlassen wurden, dass die Anhaltedauern häufig lang sind und geeignete Therapie- und Nachsorgeplätze fehlen. Zudem gab es in der Vergangenheit vermehrt Einweisungen auch bei weniger schwerer Kriminalität.
  • Ein Bericht des Ludwig Boltzmann Instituts aus 2024 liefert Hinweise auf diskriminierungsanfällige Mechanismen bei der Untersuchungshaft: Ausländische Staatsangehörigkeit, fehlender Wohnsitz und fehlende soziale Bindungen werden bei der Beurteilung von Fluchtgefahr häufig herangezogen.
  • Die psychiatrische Versorgung verschärft das Problem zusätzlich. Die Volksanwaltschaft legte im März 2026 einen Schwerpunktbericht zur Versorgung psychisch erkrankter Menschen im Strafvollzug vor und sprach von „Systemversagen“. Kritisiert wurden insbesondere unzureichende psychiatrische Versorgung und überfordertes Personal.
  • Der Tod eines psychisch beeinträchtigten Gefangenen in der Justizanstalt Hirtenberg im Dezember 2025 führte anschließend zu einer externen Untersuchungskommission. Nach deren im Juli bekannt gewordenen Ergebnissen war der Tod „mit erheblicher Wahrscheinlichkeit“ vermeidbar. Die Kommission formulierte 78 Empfehlungen an die Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ).
  • Ein aktueller Fall in Klagenfurt weist in dieselbe Richtung: Ein 19-jähriger Gefangener wurde Anfang September in einem Zwei-Personen-Haftraum getötet. Sein 17-jähriger Mithäftling hatte die Tötung eingeräumt. Nun leitete Volksanwältin Gaby Schwarz am 7. September ein amtswegiges Prüfverfahren ein. Die Volksanwaltschaft spricht von dringendem Aufklärungsbedarf.
  • Seit 2025 kann elektronisch überwachter Hausarrest grundsätzlich bei einer verbleibenden Haftstrafe von bis zu zwei Jahren statt zuvor einem Jahr gewährt werden. Für bestimmte schwere Gewalt-, Sexual- und Terrordelikte gilt weiterhin die Ein-Jahres-Grenze.
  • Weitere Entscheidungen stehen diesen Herbst an: Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) will die elektronische Fußfessel auf Gefährder und gewaltbereite Männer ausweiten, insbesondere auf islamistische Gefährder. Die SPÖ wiederum fordert eine elektronische Fußfessel für potenzielle Hochrisiko-Gewalttäter.
  • Sporrer schlug im Juni wegen voller Gefängnisse 500 frühzeitige Entlassungen vor. Diese Amnestiepläne stießen bei ihren Koalitionspartnern ÖVP und Neos aber auf Widerstand.
  • „Haft in der Heimat“: Mit der geplanten Strafvollzugsnovelle will die Bundesregierung die überfüllten Justizanstalten unter anderem durch eine erleichterte Außerlandesbringung entlasten. Ausländische Strafgefangene sollen häufiger ihre restliche Haftstrafe im Herkunftsland verbüßen.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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