PodcastAm 10. Juni 2025 tötet ein 21-jähriger Mann an einer Grazer Schule zehn Menschen und verletzt elf weitere. Nur wenige Stunden später kursieren auf TikTok erste Fanvideos. Zusammenschnitte des Täters, unterlegt mit melancholischer Musik.
Was mich beim Scrollen zunächst fassungslos macht, entpuppt sich als digitales Muster: Der Täter wird nicht verurteilt, sondern bewundert. Ich schreibe einige User:innen an, die Videos dieser Art posten oder kommentieren. Ihre Antworten geben Einblick in eine Welt, in der Täter zu Projektionsfiguren werden.
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Romantisierte Gewalt
Vlada, eine TikTok-Nutzerin, die sich selbst als Teil der True-Crime-Community bezeichnet, erzählt im Chat von ihrer ersten Begegnung mit der Szene. „Am Anfang fand ich das bloß unterhaltsam. Ich dachte, die anderen würden das nicht ernst meinen. Aber mit der Zeit fühlte ich mich immer stärker hingezogen. Irgendwann wurde es ein romantisches Gefühl“, schreibt sie über den Täter von Graz.
Man vergisst leicht, dass das echte Menschen und Geschichten sind.Vlada
Sie erklärt, dass es bei vielen in der Community um eine romantisierte Vorstellung gehe. „Meistens ist es etwas Romantisches. Viele verlieben sich in das idealisierte Bild des Täters. Ich würde es in meinem Fall nicht als Leidenschaft bezeichnen, sondern eher als morbide Obsession.“ Vlada beschreibt die Szene als Nischen-Community, in der sich vor allem junge Mädchen mit psychischen Problemen aufhalten, die sich mit den Tätern und deren Weltsicht identifizieren, aber niemandem etwas antun würden, außer vielleicht sich selbst. Auf die Frage, ob sie je an die Familien der Opfer gedacht habe, sagt sie: „Ja, aber ehrlich gesagt nicht oft. Man vergisst leicht, dass das echte Menschen und Geschichten sind.“
Auch Richie, ein anderer User, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Zuerst hat mich das alles abgestoßen und ich wollte damit nichts zu tun haben. Aber irgendwann bin ich wieder darauf gestoßen. Ich war damals ausgebrannt, hatte Probleme mit der Uni-Bewerbung, vielleicht war ich auch depressiv. Wenn man sich so lange mit einem Fall beschäftigt, entsteht automatisch eine Art Bindung.“ Viele in der Community seien sehr jung, behauptet er. Manche seien nur dort, um edgy zu wirken, andere würden sich wirklich zu den Tätern hingezogen fühlen.
Was diese Gespräche zeigen: Täter verlieren in sozialen Medien ihre reale Dimension. Sie werden zu Projektionsflächen – für Macht, Wut, Unangepasstheit oder Verletzlichkeit.
Der forensische Psychiater Reinhard Haller beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Fällen, in denen Gewalttäter zu Symbolfiguren werden. Täter übten, sagt er, „durch ihre Macht, Männlichkeit oder Aggression eine ambivalente Faszination aus. Einerseits fürchtet man sie, andererseits bewundert man sie oder möchte ihnen nacheifern.”
Diese Faszination kennt Haller auch aus seiner eigenen Berufserfahrung. Immer wieder hätten Frauen ihm Briefe oder kleine Geschenke mitgegeben – mit der Bitte, sie einem Täter zu überreichen. Manchmal sogar, um Kontakt herzustellen.
Besonders eindrücklich sei der Fall des Serienmörders Jack Unterweger gewesen. Während einer Untersuchungspause habe Unterweger ihm einmal seine Tagespost gezeigt: 42 Briefe an nur einem Tag, alle von Frauen – darunter Schauspielerinnen, Intellektuelle, eine Universitätsprofessorin und sogar eine Nonne. Einige hielten ihn für unschuldig, andere meinten, sie könnten seine Taten nachvollziehen oder wollten ihn heiraten.
Nach Hallers Erfahrung spielt in manchen Fällen auch das Bild vermeintlicher „echter Männlichkeit“ eine Rolle, also die Vorstellung, dass Gewalt Stärke bedeute. Ganz nach dem Motto: „Wer töten kann, ist ein echter Mann.“ Ein Erklärungsansatz aus der wissenschaftlichen Literatur geht davon aus, dass viele dieser Frauen zuvor eine persönliche Enttäuschung erlebten, oft eine Trennung. Danach hätten sie jemanden gesucht, der sie garantiert nicht mehr verlassen könne: Männer, die zu lebenslanger Haft verurteilt wurden.
Digitale Empathie – aber für wen?
„Meine Gefühle für ihn sind echte Liebe. Ich verstehe ihn und alle anderen, die gemobbt wurden. Die einzige Antwort auf Mobbing ist der Tod jener, die sie leiden ließen“, schreibt mir eine weitere TikTok-Userin über den Täter von Graz. Als ich einwende, dass sich seine Tat gegen Menschen richtete, die nichts mit ihm zu tun hatten, entgegnet sie: „Das soll die die Tat nicht rechtfertigen, aber er war voller Hass und hat ihn eben an Menschen ausgelassen. Ich mache ihm trotzdem keine Vorwürfe. Er ist ein bisschen wie ich.“
Für Haller ist entscheidend, ob sich Täter gekränkt oder ausgegrenzt fühlten – nicht, ob tatsächlich Mobbing stattgefunden hat. Menschen mit ähnlichen Empfindungen könnten sich unbewusst mit der Macht des Täters identifizieren. Dabei handelt es sich um eine Form emotionaler Identifikation, die sich in sozialen Medien oft auf die Täter konzentriert, während die Opfer aus dem Blick geraten.
Kein Mobbing der Welt rechtfertigt MordAdelheid Kastner
Die forensische Psychiaterin Adelheid Kastner kritisiert im Umgang mit solchen Taten vor allem die gesellschaftliche Suche nach mildernden Erklärungen. „Wenn jemand einen Mehrfachmord begeht, ist er ein Mörder. Punkt“, sagt sie. Ob jemand vorher gemobbt wurde oder nicht, spiele dabei keine Rolle. Nicht jedes verletzte Selbstwertgefühl sei ein Trauma, betont Kastner. Und kein Mobbing der Welt könne eine Gewalttat rechtfertigen.
Zwischen Bildschirm und Begegnung
Wie lässt sich verhindern, dass aus digitaler Faszination gefährliche Romantisierung wird? Für Haller liegt der Schlüssel im Zwischenmenschlichen. Gesellschaft brauche mehr Raum für echte Begegnung und emotionale Bildung – in Familien, in Schulen und in der Öffentlichkeit.
Echte Empathie entsteht nicht durch Likes oder Emojis. Sie lässt sich auch nicht digital erlernen, weil ein Bildschirm kein echtes Gegenüber ersetzt. Besonders gefährlich sei, wenn Kränkungen verdrängt, statt ausgesprochen werden. Das Ideal der Coolness und des Pokerface verhindere, dass Verletzungen verarbeitet werden.
Zwischen Bewunderung und Identifikation verläuft oft ein schmaler Grat. Wer sich zu sehr in die Gedankenwelt von Tätern hineinsteigert, kann die Grenze zwischen Beobachtung und Zustimmung leicht aus den Augen verlieren. Genau an diesem Punkt beginnt Prävention. Viele Täter wirken nach außen hin unauffällig, was das Erkennen erschwert. Doch Hinweise gibt es häufig: Aussagen im Netz, Videos, Andeutungen. In manchen Fällen, so Haller, hätten solche Warnsignale Schlimmeres verhindert. Seine Bilanz fällt klar aus: Motive zu verstehen sei wichtig, Bewunderung jedoch fehl am Platz.
Auch Kastner betont, wie wichtig ein wachsames soziales Umfeld ist. Wer sich zunehmend zynisch äußert, sich als Opfer sieht und sich sozial zurückzieht, sende Warnzeichen aus, oft zuerst im digitalen Raum. „Lieber einmal zu viel hingeschaut als einmal zu wenig“, sagt sie.
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Infos und Quellen
Genese
Beim Scrollen durch TikTok stieß die WZ-Autorin auf Videos, in denen der Amokläufer von Graz verehrt wird. Was zunächst wie eine Randerscheinung wirkte, entpuppte sich als Community, in der Täter romantisiert und Gewalt verklärt werden. Für diesen Artikel wurden mehrere User:innen kontaktiert sowie die forensischen Psychiater Reinhard Haller und Adelheid Kastner zu den psychologischen und gesellschaftlichen Hintergründen befragt. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes werden keine Namen oder Accountdaten genannt.
Gesprächspartner:innen
- Reinhard Haller – Forensischer Psychiater, Psychotherapeut, forensisch-psychiatrischer Gerichtsgutachter, Autor zahlreicher Werke über Gewalt, Kränkung und Empathie
- Adelheid Kastner – Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, Primarärztin der Klinik für Psychiatrie mit forensischem Schwerpunkt am Kepler Universitätsklinikum Linz, forensisch-psychiatrische Gerichtsgutachterin
Daten und Fakten
- Eine im Jänner 2024 veröffentlichte Untersuchung des Institute for Strategic Dialogue (ISD) zeigt, dass Jugendliche auf Social-Media-Plattformen wie TikTok, Discord, Roblox, Telegram und X leicht auf Inhalte stoßen, die Amokläufer und Attentäter glorifizieren. Das ISD identifizierte insgesamt 127 Videos auf TikTok und 54 Beiträge auf X, die Gewalttäter wie Brenton Tarrant (Christchurch), Dylann Roof (Charleston), Eric Harris und Dylan Klebold (Columbine) sowie Payton Gendron (Buffalo) positiv darstellten. Diese Inhalte erzielten innerhalb von vier Monaten gemeinsam über 1,7 Millionen Aufrufe, obwohl sie gegen die Richtlinien der Plattformen verstießen.
- Nach dem Schulmassaker an der Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado am 20. April 1999, bei dem die Schüler Eric Harris und Dylan Klebold dreizehn Menschen töteten und anschließend Suizid begingen, entstand erstmals eine Online-Community, die die Täter romantisierte und verehrte. Forschende bezeichnen das Nachwirken dieser Tat als „Columbine Effect“ – ein Begriff für die anhaltende Faszination, die Columbine auf spätere Täter und Online-Communities ausübte. Seither wurden über 100 geplante oder vollzogene Angriffe weltweit nachweislich durch Columbine inspiriert. Mehr als 300 Menschen kamen dabei ums Leben, über 500 wurden verletzt. Viele der Täter bezogen sich in Tagebüchern, Videos oder Online-Posts direkt auf Harris und Klebold oder ahmten deren Auftreten und Symbolik nach.
Quellen
- Interview mit Reinhard Haller und Adelheid Kastner (September 2025)
- Eigene Recherchen und Chat-Kommunikation mit TikTok-User:innen zwischen Juni und September 2025
- Medienberichte zum Amoklauf in Graz 2025
- Institute for Strategic Dialogue (ISD, 2024): “Minors exposed to mass shooter glorification across mainstream social media platforms”
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