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Vom kleinen Luxus in Kiew ans Existenzminimum in Wien

6 Min
Die Zukunft der ukrainischen Flüchtlinge in Österreich ist ungewiss.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Wer aus der Ukraine vor dem Krieg nach Österreich geflüchtet ist, hatte daheim eine Existenz aufgebaut – und musste hier noch einmal bei Null beginnen. Mit ungewisser Zukunft.


Irina* hat es geschafft: Sie hat sich den Traum von der eigenen Modeboutique in Kiew erfüllt. Nach Anlaufschwierigkeiten brummt der Laden, sie kann sich sogar eine schicke Innenstadtwohnung leisten – und plötzlich ist Krieg. Nachdem die ersten Raketen auf ihre Heimatstadt niedergegangen sind und sie mit Mann und Kind bei zwei Luftalarmen im Keller Todesängste ausgestanden hat, packt sie eilig das Allernötigste zusammen – viel ist es nicht, was sie gemeinsam mit ihrem fünfjährigen Sohn transportieren kann – und steigt in den nächsten Zug Richtung Westen, während ihr Mann mit leichtem Gepäck zur nächstgelegenen Sammelstelle für die Reservisten eilt, um die Heimat in den umkämpften Gebieten im Osten zu verteidigen.

Mehr als 20 Stunden ist sie mit ihrem Kind unterwegs. Die Reise führt einmal durch die halbe Ukraine, dann weiter durch Polen und Tschechien bis nach Österreich. Wann die Familie wieder vereint sein wird? Ungewiss. Wo Irina und ihr kleiner Sohn bis dahin unterkommen werden? Ebenso ungewiss. Hauptsache einmal in Sicherheit. Der Rest wird sich finden, hofft sie.

Mit der Grundversorgung ein ganzes Leben finanzieren

Diese Fluchtgeschichte, die Irina bei ihrem wöchentlichen Besuch im „Offenen Foyer“ der Caritas in Wien-Favoriten erzählt, hat sich seit 24. Februar 2022 wohl tausendfach abgespielt. Heute wohnen Irina und ihr Sohn in einem privaten Quartier, so wie die meisten Ukrainer:innen in Österreich. 735 Euro bekommt sie monatlich im Rahmen der Grundversorgung. Davon muss sie zwei Existenzen bestreiten: Die eine hat sie in der Ukraine auf Zeit hinter sich gelassen, die andere versucht sie sich seit fast zwei Jahren in Wien aufzubauen. Denn sie muss nicht nur sich und ihren Sohn hier in Österreich versorgen, sondern auch die Miete für ihre geschlossene Boutique und die Betriebskosten für ihre leerstehende Wohnung in Kiew bezahlen. Ob dort alles in Ordnung ist, kann Irina nur hoffen. Derzeit kann sie nicht zurück. Erstens will sie die lange Fahrt ihrem Sohn nicht noch einmal antun, zweitens ist das Zugticket zu teuer, und drittens würde ihr jeder Tag, den sie außerhalb Österreichs verbringt, von der Grundversorgung abgezogen.

Das nagt schon am Selbstwertgefühl.
Irina über den Wohlstandsverlust durch ihre Flucht nach Österreich

Ihre Ersparnisse hat Irina längst aufgebraucht. „Wir kommen irgendwie über die Runden“, erzählt Irina. Sie hadert vor allem damit, dass sie aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse hier nur Jobs bekommt, die unter ihrer Qualifikation als Einzelhandelskauffrau sind – und auch unter ihrem Einkommensniveau. In der Ukraine hatten sie und ihre Familie sogar ein bisschen Luxus, in Österreich leben sie nun am Existenzminimum. „Das nagt schon am Selbstwertgefühl.“ Dazu kommt die ständige Sorge, dass ihre Quartiergeber, denen sie einen Unkostenbeitrag bezahlt, den Wohnraum selbst benötigen könnten und sie sich dann auf dem ohnehin überhitzten Wohnungsmarkt etwas suchen müsste. Dann würde das Geld definitiv nicht mehr reichen.

Zu viert in einer Ein-Zimmer-Wohnung

Genau das ist Anastasia* und ihren drei Töchtern (12, 17 und 20) passiert. Nachdem sie schon durch eine Corona-Infektion im Zug nach Wien einen denkbar schlechten Start mit Quarantäne im Aufnahmezentrum hatten, kamen sie im März 2022 zwar zunächst privat unter, mussten aber mehrmals das Quartier wechseln. Bis April 2023 stellte ihnen eine Familie Wohnraum zur Verfügung, doch dann mussten sie auch dort ausziehen. Auf dem freien Markt haben sie eine Ein-Zimmer-Wohnung gefunden. Wären nicht die drei Töchter untertags in der Schule beziehungsweise an der Uni, wäre die Enge wohl kaum auszuhalten.

Mehr können sie sich nicht leisten. Ein Großteil des knappen Familienbudgets geht für die Miete drauf. Ein bisschen kann es die Mutter mit einem Minijob aufbessern, aber hier lauert ein Fallstrick: Bei der Grundversorgung gibt es nämlich eine Zuverdienstgrenze: 110 Euro für Erwachsene und 80 Euro pro minderjährigem Kind. Anastasia könnte also für sich und ihre beiden minderjährigen Töchter maximal 270 Euro dazuverdienen, alles darüber hinaus würde von der Grundversorgung abgezogen.

Unwissen über Zuverdienstgrenzen

Gerade bei diesem Punkt gibt es unter den Ukrainer:innen einiges an Unwissen, berichtet die Caritas-Jobberaterin Katja Fleischmann: „Die Behörden schaffen es leider oft nicht, so zu kommunizieren, dass die Menschen verstehen, was auf sie zukommt.” Vielen sei zum Beispiel nicht klar, welchen Anteil an den Kosten sie bezahlen müssen, wenn sie in einer organisierten Grundversorgungsunterkunft wohnen und dann einen Job annehmen. „Da spuken allerlei Zahlen herum“, erzählt Fleischmann. „Da ist es dann verständlich, dass man sich dreimal überlegt, ob man den Weg in den Arbeitsmarkt gehen soll oder es aus Unsicherheit lieber bleiben lässt und sich mit der Grundversorgung arrangiert. Auch weil das Risiko, die Grundversorgung zu verlieren, aus Sicht der Betroffenen groß ist.“

Da spuken allerlei Zahlen herum.
Caritas-Jobberaterin Katja Fleischmann über Zuverdienstgrenzen bei der Grundversorgung

Für viele Menschen in der Grundversorgung ist das Thema Wohnen eine Herausforderung, sagt dazu Katharina Ebhart-Kubicek vom Fonds Soziales Wien (FSW). „Das betrifft Vertriebene aus der Ukraine genauso wie Asylwerber:innen, etwa aus Syrien.“ Trotz aller Widerstände sind Zahlen des FSW zufolge knapp 80 Prozent der Ukrainer:innen in der Grundversorgung in Wien privat untergekommen. Das übrige Fünftel wohnt in Flüchtlingseinrichtungen.

Sehnliches Warten auf die Rückkehr

Jammern möchte Irina nicht. Sie ist – wie so viele ihrer Landsleute – Österreich und seiner Bevölkerung sehr dankbar für die gastfreundliche Aufnahme und Unterstützung. Dennoch wollen viele Ukrainer:innen lieber früher als später wieder in ihre Heimat zurückkehren. „80 Prozent der Ukrainer, die ich hier kenne, wollen wieder heim, sobald es geht“, schätzt der Pensionist Leonid, der seit der ersten Kriegsflüchtlingswelle in Österreich lebt. „Nur die Jungen wollen bleiben. Die haben hier natürlich ein ganz anderes Leben kennengelernt als in der Ukraine, das nach dem Krieg noch schwieriger sein wird.“

Nur die Jungen wollen langfristig in Österreich bleiben.
Leonid, ukrainischer Flüchtling

Das weiß auch der ukrainische Botschafter in Österreich, Vasyl Khymynets, der vor einem Monat im Gespräch mit der WZ erklärt hat: „Wir brauchen diese Menschen für den Wiederaufbau. Alle Erfahrungen, die sie hier machen, sollen sie mitnehmen, wenn sie zurückkommen. Sie werden eine wichtige Rolle spielen als Brücke zwischen der Ukraine und Österreich.“ Was Irina derzeit noch in Österreich hält, ist die Sorge um ihren Sohn, der sich inzwischen hier ganz gut eingelebt hat. Aber in Wahrheit zählt sie nur die Tage bis zum Ende des Krieges und dem Zug, der sie wieder nach Hause bringen wird.

*Name der Redaktion bekannt


Infos und Quellen

Genese

Als Kind erlebte WZ-Redakteur Mathias Ziegler Anfang der 1990er-Jahre mit, wie Bosnier:innen in seiner Heimatpfarre eine Unterkunft fanden, die mit wenig bis nichts an Habe vor dem Jugoslawien-Krieg geflüchtet waren. In einer ähnlichen Situation befanden sich jene ukrainischen Vertriebenen, die im März 2022 in einer leeren Wohnung des Pfarrhofes Unterschlupf fanden. Ihr Schicksal hat er zum Anlass genommen, das „Offene Foyer“ der Caritas in Wien-Favoriten zu besuchen und mit Ukrainer:innen darüber zu sprechen, wie es ihnen in Österreich geht.

Gesprächspartner:innen

  • Katharina Ebhart-Kubicek, Sprecherin des Fonds Soziales Wien

  • Katja Fleischmann, Caritas-Mitarbeiterin in einem AMS-geförderten Jobberatungsprojekt

  • Vasyl Khymynets, Botschafter der Ukraine in Österreich

  • Drei Ukrainer:innen wollten ihre vollen beziehungsweise echten Namen lieber nicht nennen

Daten und Fakten

Laut dem europäischen Statistikamt Eurostat haben mehr als vier Millionen Kriegsflüchtlinge die Ukraine verlassen und zeitweiligen Schutzstatus in EU-Ländern erhalten. Jeweils gut ein Viertel davon ist in Deutschland und Polen gelandet. Die Grundlage für ihre Aufnahme ist die sogenannte Massenzustrom-Richtlinie, die im März 2022 erstmals aktiviert wurde und Nicht-EU-Bürgern, die durch den russischen Angriffskrieg vertrieben wurden, einen Aufenthalt ohne Asylantrag gewährt. In Österreich wurden seit Februar 2022 fast 105.000 ukrainische Flüchtlinge registriert, wobei der Großteil inzwischen wieder das Land verlassen haben dürfte. Die meisten Verbleibenden sind in Wien untergekommen. Zwei Drittel davon sind Frauen, ein Drittel ist minderjährig, etwa die Hälfte ist in der Grundversorgung.

Die Grundversorgung für ukrainische Flüchtlinge setzt sich für jene, die in privaten Quartieren wohnen, wie folgt zusammen:

  • Mietzuschuss: 165 Euro für einzelne Erwachsene und 330 Euro für Familien (ab zwei Personen) pro Monat

  • Verpflegung: 260 Euro für Erwachsene und 145 Euro für Minderjährige im Familienverband pro Monat

  • Bekleidungshilfe: 150 Euro jährlich

  • Krankenversicherung

Quellen

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