)
In Zukunft könnten Menschen im ganzen Sonnensystem zu Hause sein: Warum die bemannte Mondumrundung mit Artemis II ein grundlegender Schritt weiter ins All ist.
Zehn Tage in einem Raumschiff so groß wie ein Wohnmobil: So lange werden Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch und Jeremy Hansen unterwegs gewesen sein, wenn sie am Samstag, 11. April, um 02:07 Uhr mitteleuropäischer Zeit von ihrem Flug rund um den Mond zur Erde zurückkehren. Nun muss die Landung im Pazifik noch gelingen und das Raumschiff Orion im richtigen Winkel in die Erdatmosphäre eintreffen und den enormen Kräften beim Wiedereintritt standhalten. Die Crew nennt es übrigens Integrity für Vertrauen, Zusammenarbeit und wertegeleiteten Teamgeist.
- Mehr für dich: Der „Tanzschein“ im Kopf: Wie wird ein Lied zum Ohrwurm?
Schon jetzt aber gehen die erste Frau, der erste Schwarze und der erste Nicht-US-Staatsbürger bei einer Mondmission sowie der Kommandant als die am weitesten gereisten Menschen in die Geschichte ein. Im Rahmen der Mission Artemis II legten die Vier insgesamt 1,123 Millionen Kilometer zurück und flogen so weit ins All wie niemand vor ihnen. Dabei bekamen sie den Erdball von oben zu sehen. Sie fotografierten die erdabgewandte Seite des Mondes, die dank der Bahngeometrie bei dieser Mission ausnahmeweise zum Teil beleuchtet war. Und sie konnten sogar eine Sonnenfinsternis erleben und damit ungehindert in die Weiten des Kosmos mit seinen Planeten und Sternen blicken. Dabei testeten sie alle Facetten der neuen Raumfahrttechnologie und nicht zuletzt die Auswirkungen solcher Flüge auf die Gesundheit.
Anders als beim Camping-Urlaub mit dem Wohnmobil konnten die vier Astronaut:innen aber nicht aussteigen. In den eiskalten Weiten des Weltraums gibt es keinen Sauerstoff zum Atmen und keinen Luftdruck, der uns ermöglicht, den Blutkreislauf aufrechtzuerhalten. Einen Spaziergang im All ohne Raumanzug würden Menschen nicht überleben. Zunächst würden wir das Bewusstsein verlieren, dann würde der Körper sich aufblähen und dann würden wir ersticken und schließlich erfrieren.
Technische Wunderwerke im Kosmos
Um trotzdem ins All reisen zu können, brauchen wir technische Wunderwerke wie Orion. Das Raumschiff ermöglicht Menschen, im lebensfeindlichen Universum zu überleben wie auf der lebensfreundlichen Erde. In der Kapsel gibt es neben Sauerstoff und dem passenden Luftdruck auch Schutz vor der lebensgefährlichen kosmischen Strahlung und den schädlichen UV-Strahlen der Sonne. Einzig die fehlende Schwerkraft kann es nicht ausgleichen.
Mit Artemis II sind die Beweise, dass wir den Mond mit heutigen Transporttechnologien erreichen können, erbracht: Wir können unseren Trabanten umrunden und – wenn die Landung gutgeht – wieder zurückkehren.
Wie geht es weiter? Das milliardenschwere Artemis-Programm – benannt nach der Göttin des Mondes aus der griechischen Mythologie – wurde von der NASA im Jahr 2017 angekündigt. Ursprünglich sah es eine bemannte Mondlandung mit Artemis III bis 2024 vor. Seitdem kam es aber mehrfach zu Verschiebungen. Nun soll Artemis III erst 2027 starten, aber nicht auf dem Mond landen. Stattdessen soll die Orion-Kapsel bei dieser Mission im Weltraum mit einem oder zwei Mond-Landegeräten zusammendocken, um diese Abläufe zu üben. „Niemand wird Astronauten auf dem Mond landen lassen mit einem System, das nicht erprobt ist“, sagt Günter Kargl vom Grazer Institut für Weltraumforschung zur WZ.
Die Zukunft der Menschheit verändern
Wenn alles funktioniert, könnte es 2028 gleich zwei Mondlandungsversuche geben – Artemis IV und Artemis V.
Und danach? Anders als beim Apollo-Programm 1961 bis 1972 geht es bei Artemis nicht mehr in erster Linie darum, überhaupt erst zum Mond zu kommen und im Space Race eine verfeindete Weltmacht zu besiegen (siehe Infos und Quellen). Vielmehr will man noch weiter ins All vordringen und damit vielleicht die Zukunft der Menschheit verändern. „Diese Zeit, in der der Mensch lernt, diesen Planeten zu verlassen und hinaus in das große Unbekannte zu gehen, wird so bedeutend sein wie der erste Fisch, der den Ozean verlassen hat“, sagt der deutsche Astronaut Alexander Gerst in einer Sendung des deutschen Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) zu den Zielen der Mission.
Mondgestein, Mondbasis, Stromerzeugung
„Der Mond ist unser geologisches Archiv, seine Entstehung ist mit unserer eng verknüpft“, erklärt Kargl. „Wir können dort Gestein finden, das es hier nicht mehr gibt, weil es durch die Erderosion über die Jahrmillionen verschwunden ist, und können so mehr über die Erdgeschichte erfahren.“ Schon die Astronauten der Apollo-Missionen brachten Material zurück, die für die Geowissenschaften ein Schatz sind, jetzt soll mehr davon her.
In der Folge soll eine Mondbasis gebaut werden. Derzeit wird davon ausgegangen, dass sich ein geeigneter Platz auf dem Südpol des Mondes befindet, wo fast immer die Sonne scheint und dessen Krater zu Eis gefrorenes Wasser beherbergen. Mit Solarmodulen an den Kraterrändern könnte Strom erzeugt werden, unter anderem um das Wasser zu fördern. Das Basislager soll den Mondforschenden ihre Arbeit ermöglichen. Allerdings beginnen die Erbauer:innen wie in der Steinzeit mit nichts – außer mit Hochtechnologie. Und mit der könnten aus Mondstaub Steine und Baumasse gebacken werden, damit der Baustoff nicht von der Erde mitgebracht werden muss.
Ziel ist eine dauerhafte menschliche Präsenz auf dem Mond. Viele private Raumfahrtunternehmen und internationale Partner, wie die europäische Raumfahrtbehörde ESA, sind an dem Programm beteiligt. Denn auch die Frage, ob Rohstoffabbau auf unserem Trabanten kostendeckend betrieben werden kann, müsste vor Ort erforscht werden.
Mond als Test für den Roten Planeten
An sich könnten Raketen vom Mond aus leichter starten. Durch die geringere Schwerkraft und den fehlenden Luftwiderstand benötigt ein Raumschiff weniger Energie, um abzuheben. ,,Allerdings muss man mit einberechnen, dass man zuerst Astronauten zum Mond bringen muss, damit diese von dort abheben können. Es kann also sein, dass diese Rechnung nicht aufgeht”, gibt Kargl zu bedenken. In jedem Fall ist der Mars, dessen rote Oberfläche seit Jahrzehnten mit Rovern erkundet wird, letztlich das Ziel. „Bevor wir nicht wissen, dass eine Mondbasis funktioniert, können wir auf dem Mars keine errichten“, sagt Kargl.
Der Mars ist der Erde ähnlich, hat aber kein starkes Magnetfeld mehr, das ihn schützt. Er besitzt jedoch eine dünne Atmosphäre. Vor mehr als drei Milliarden Jahren gab es außerdem Wasservorkommen auf dem Mars und es gibt Hinweise auf große Mengen flüssigen Wassers unter der Oberfläche. Somit könnte es dort einmal Leben gegeben haben.
Während der Mond nur 400.000 Kilometer von der Erde entfernt ist, liegt der Mars mindestens 55 Millionen Kilometer weit weg. Allein die Hinreise dauert sieben bis neun Monate. Außerdem kann man nicht nach getaner Arbeit zurückfliegen, wann man will, sondern muss warten, bis die Planeten Erde und Mars auf ihrer Umlaufbahn wieder in einer günstigen Position zueinanderstehen, und das passiert alle 26 Monate. Was zu lang ist auf einem Raum so eng wie ein Wohnmobil. Eine Crew müsste zudem in dieser großen Entfernung autark überleben können. „Eine kaputte Bordtoilette, wie auf Artemis II schon am ersten Tag, wäre zum Mars ein No-Go“, hebt der Kargl hervor.
Menschen als Weltraumbürger:innen
Der Weltraum ist voller solarer und kosmischer Strahlung. Wer ihr ungeschützt ausgesetzt ist, ist in Lebensgefahr. Wie sich die Weltraumstrahlung auf Menschen auf dem Mars auswirken könnte, wird am Deutschen Zentrum für Luft getestet. Dabei hat sich gezeigt, dass die Schäden größer sind, je weiter der Mensch sich von der Erde entfernt. Das könnte der größte einschränkende Faktor für längere Aufenthalte auf Mond oder Mars sein.
Und dennoch müssen wir hin. Denn ob organisches Material auf dem Roten Planeten außerirdisches Leben ist, das vom Mars stammt, können wir erst wissen, wenn wir es zurückbringen und im Labor analysieren.
„Vor 100 Jahren waren erstmals Menschen in der Antarktis“, führt Astronaut Alexander Gerst auf MDR ins Treffen. „Damals ging es darum, eine Flagge hinzustellen.“ Heute aber fahren Wissenschaftler in die Antarktis, unter anderem um den Klimawandel zu verstehen, und Menschen, um die Eismassen zu sehen. In Zukunft könnten wir im gesamten Sonnensystem zu Hause sein. Das mag noch Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte dauern, aber Artemis II war ein grundlegender Schritt hin zur Zukunft auch im All.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Gesprächspartner
Günter Kargl, Weltraumforscher am Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Graz mit Forschungsschwerpunkt Weltraummissionen.
Daten und Fakten
- Der Mond ist ein Satellit der Erde. Er umkreist unseren Planeten in einem mittleren Abstand von 384.400 Kilometern. Da er aber für die Drehung um seine eigene Achse genauso lange wie für einen Umlauf um die Erde braucht, sehen wir immer die gleiche Seite. Der Erdmond ist der fünftgrößte bekannte Mond unseres Sonnensystems. Aufgrund seiner Nähe ist er der am besten erforschte fremde Himmelskörper und der bisher einzige, den Menschen betreten haben.
- Schon 1969 gelang die erste Mondlandung. Insgesamt zwölf US-Amerikaner haben den Erdtrabanten im Rahmen des Apollo-Programms der NASA bis 1972 betreten. Jedoch hat die US-Weltraumagentur ihr bemanntes Raumfahrtprogramm in weiterer Folge aus Kostengründen eingestellt und die damalige Technologie nicht weiterentwickelt. Da heute jedes Mobiltelefon und jede Smartwatch mehr Leistung hat als die Apollo-Raumschiffe, mussten neue, effizientere Systeme entwickelt werden. Zudem könnten heute die Raketen wie damals nicht mehr gebaut werden, weil die Art der Fertigung nicht mehr existiert. Das Artemis-Programm beruht auf grundlegend neuen Technologien.
- Die Landung zählt bei Flügen ins All zu den gefährlichsten Manövern. Das Raumschiff Orion wurde beim Start auf ein enormes Tempo beschleunigt, um es wie ein Wurfgeschoss zum Mond zu befördern. Jetzt fällt es auf die Erde herab und wird dabei von der Erdanziehungskraft beschleunigt. Beim Wiedereintritt in die Atmosphäre muss es exakt den richtigen Winkel treffen. Wenn das Raumschiff zu steil eintritt, verglüht es. Wenn der Winkel aber zu flach ist, springt es von der Oberfläche des Ozeans ab wie ein Stein, wenn man ihn auf dem Wasser plattelt. Und wenn der Wiedereintritt im richtigen Winkel gelingt, muss Orions Hitzeschild Temperaturen von 2.800 Grad Celsius aushalten. Bei der Testmission Artemis I hat dieses Bauteil zwar gehalten, trug aber unerwartete Schäden davon. Diese mussten für die jetzige Mission Artemis II behoben werden.
Quellen
- NASA-Timeline: Artemis II
- NASA’s Artemis II Crew Comes Home (Official Broadcast)
- Die Landung live auch im NASA-Stream und auf Youtube und Instagram
Das Thema in der WZ
- Mond als Übungsfeld für Mars
- Die Vision vom Marsmenschen wird immer realistischer
- Kleines Space Race zum Mond mit Verzögerungen
- Rost in Space
Das Thema in anderen Medien
- MDR Wissen: Die wichtigsten Fakten zur ersten bemannten Mondmission seit Apollo
- Kurier: Artemis II: Der gefährlichste Teil der Reise steht noch bevor
- Science.orf.at: Rekordflug und neue Bilder vom Mond
)
)