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„Von dir hätte ich das nicht erwartet“

5 Min
Das, was wir hier als Schlagzeilen sehen, sind reale Leben und Schicksale, die nicht aufhören, sobald wir die Kamera abdrehen. Ich frage mich bis heute, inwiefern es mich da als „Sprachrohr“ braucht, wer hat mir diese Kompetenz zugeschrieben?
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bild: Zoe Opratko.

Wie relevant ist die eigene Perspektive in medialer Berichterstattung? Was wird von uns erwartet, wo sind wir abgebrüht und wo beginnt Aktivismus? Ein Recap nach 13 Jahren als Journalistin.


Ich bin seit 13 Jahren Journalistin. Ich habe jahrelang über unterrepräsentierte Milieus in der Gesellschaft geschrieben, „denen eine Stimme geben, die keine haben, mit den Menschen sprechen anstatt über sie“ und so. Ich habe diesen Satz so oft bei Vorträgen, auf Podiumsdiskussionen und in Interviews wiederholt, bis ich ihn selbst nicht mehr glauben konnte. Bis sich das alles in eine grindige White-Saviour-artige Masse in meinem Gehirn eingebrannt hat. Immer wollte ich Ungerechtigkeiten aufzeigen, habe mir alles und jeden angehört, weil ich immer die Stimmen jener Menschen zeigen wollte, die medial unterrepräsentiert sind. Und bin dabei mit Chefs, problematischen Leuten und mir selbst moralisch zusammengekracht. Und ja, es war in Retrospektive oft viel „Mimimi“ in diesen Texten. Dabei fließt die eigene Perspektive mit ein, sonst funktioniert das nicht. Aber es stellt sich dann immer die Frage, wie relevant meine Person in diesem Zusammenhang ist – ist sie meiner Ansicht nach eben gegen null.

Ich will nicht in den Spiegel blicken und einen weiblichen Constantin Schreiber vor mir sehen. Jener Welt-Reporter ist für mich das Sinnbild eines Journalisten, der (abgesehen von seinen Ansichten, die ich nicht teile) vor lauter „Ich-Ich-Ich“ die Welt da draußen nicht mehr sieht. Und weiter: „Sagen, was ist“, der von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein geprägte Leitsatz vieler Journalist:innen, zieht heutzutage nicht mehr. Wir „sehen, was ist“ auf Social Media, aber eben auch viele Unwahrheiten, ganz viel Agenda, Meinung und viel Verzerrtes. Wir sehen alles, bevor Journalist:innen es einordnen können. Dabei ist ja genau das unsere Aufgabe, nur ohne Persönliches funktioniert das heutzutage wie gesagt nicht mehr.

„Gerade du solltest das wissen“

A propos Persönliches: Jahrelang waren Themen wie Integration und Migration „mein“ Thema. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich da nichts Neues mehr hervorholen werde. „Ja, aber gerade du als migrantische Frau solltest doch wissen, wie wichtig diese Themen sind.“ Dieser Satz. Das Problem: Ich bin hier nicht repräsentativ, ich bin nicht die, die diese Geschichten aus erster Hand erzählen sollte. Stichwort aus erster Hand – das geht finde ich am besten, wenn man vor Ort berichtet: Über globale Kriege und Krisenherde, über das, worüber gerade alle auf der Welt, im Alltag und auf Social Media reden. Und nichts tue ich lieber als das, weil man dann eben ein Bild von der Realität vor Ort vermitteln kann. Und ja, Nah-Ost-Berichterstattung ist sichtlich das Thema, das viele Leser:innen am meisten interessiert. Und mich halt auch. Also habe ich mich dem angenommen. Ich war in Syriens Kurdengebieten, ich war in libanesischen Hisbollah-Hochburgen, ich habe Siedler und Palästinenser im besetzten Westjordanland interviewt. Und dann im Flugzeug zurück nach Wien immer dasselbe Dilemma: Die blonde europäische Frau stellt sich da hin, labert in die Kamera, wird für ihren Mut beklatscht und verzieht sich danach wieder in ihren Elfenbeinturm im sicheren Europa. Weil sie es kann, weil sie zufällig mit einem europäischen Pass geboren wurde und ihre Stimme lauter gehört wird, als die jener Menschen, über die sie berichtet. Mutig bin nicht ich, mutig sind Menschen, deren Schicksale und Leben wir in unseren Geschichten aufschreiben und aufzeichnen. Das, was wir hier als Schlagzeilen sehen, sind reale Leben und Schicksale, die nicht aufhören, sobald wir die Kamera abdrehen. Ich frage mich bis heute, inwiefern es mich da als „Sprachrohr“ braucht, wer hat mir diese Kompetenz zugeschrieben? Ist das das, was wir brauchen, oder soll ich es einfach lassen? Wie schaffe ich den Spagat zwischen dem, was berichtet gehört, der Erwartungshaltung, die auf mich gerichtet ist und der emotionalen Abgebrühtheit, die ich mittlerweile intus habe? Das weiß ich oft nicht.

Zurück in Wien ist man dann „die, die dort war und sich auskennt“. Seitdem heißt es immer wieder „Hey Aleks, warum berichtet ihr nicht über den Siedlerangriff von gestern? Hey Aleks, warum kriegen wir kein Update über die Situation der Kurden in Rojava von dir?“ Die Erwartungshaltung ist etwas Natürliches, das damit einhergeht. Aber ich habe in letzter Zeit das Gefühl, dass viele da draußen den Unterschied zwischen Journalismus und Aktivismus immer noch nicht verstanden haben. Ich werde immer jene Seiten, Stimmen und Leben beleuchten, die gehört gehören. Aber ich habe mein Leben nicht einer Sache verschrieben. „Also gerade von dir hätte ich das nicht erwartet, dass du nicht darüber berichtest“, bekomme ich auch oft zu hören. Ja, kann eh sein.

Wir sind keine Aktivismus-Plattform

Ich weiß, es gibt Journalist:innen, die das können, und das respektiere ich. Ich selbst sehe mich aber nicht so. Mir geht es in erster Linie darum, zu berichten, was berichtet gehört. Ich gehe durch die Social-Media-Kommentare der WZ und verdrehe immer mehr die Augen. Thema Israel-Palästina, eh klar. Wir würden einseitig berichten, wir seien von der einen oder anderen Seite bezahlt, wir würden Aspekt X und Aspekt Y nicht aufgreifen. Für ein mittelgroßes Medium berichten wir extrem vielüber diese Themen. In einem 60 Sekunden Reel auf TikTok kannst du und willst du nicht einen Jahrzehnte andauernden Konflikt von allen Seiten beleuchten und im besten Fall noch lösen. Ich wurde schon als IDF-Sprachrohr und Hamas-Fangirl bezeichnet – als Reaktion auf ein und denselben Beitrag. Ich arbeite für ein Medium, nicht für eine Aktivismus-Plattform.Die Erwartungshaltung, was das angeht, hat auch einen ganz befremdlichen Shift durchgemacht. Ich stelle mir einfach nur mehr die Frage, was von Medien heutzutage eigentlich erwartet wird und wer das zu entscheiden hat, und wer da draußen die selbst zugeschriebene Deutungshochheit über „Also von dir hätte ich das jetzt nicht erwartet“ innehält. Mein 22-jähriges Ich hätte es von mir sicher auch nicht erwartet, so einen Text zu schreiben.


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