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Kolumne: Von Erntedank und übelriechenden Toiletten

3 Min
Auf Saisonalität bei Gemüse und Obst wird kaum mehr geachtet.
© Tatiana Maksimova / Moment via Getty Images

Wann hat welches Gemüse oder Obst Saison? Wir wissen es leider nicht mehr. Es ist aber auch kein Wunder, dass wir es verlernt haben.


Schon als Kind wusste ich genau, wann Spargelzeit ist. Damals konnte man nämlich bei uns zuhause wochenlang nicht aufs Klo gehen, ein nicht rasend angenehmer Geruch hing stetig über der Schüssel. Ich kenne niemanden, der so süchtig nach Spargel ist wie meine Mutter. Sie hat nach mehrjähriger Recherche in Aderklaa bei Wien ihren persönlichen Spargeldealer gefunden und startet regelmäßig innerfamiliäre Rundrufe, wer denn heute wieviel Kilo brauche.

Ähnlich genau wusste ich immer schon, wann Rhabarber Saison hat – denn wenn es daheim das erste Rhabarberkompott gab, wusste ich: In ein paar Wochen habe ich Geburtstag. Inzwischen gilt das nicht mehr wirklich, da Rhabarber immer früher in den Supermarktregalen zu finden ist. Aber immerhin: Wenn man Rhabarber kaufen kann, ist Frühling. Fix. Naturgesetz.

Doch inzwischen gibt es so vieles ganzjährig: Im Winter bekommt man problemlos Brokkoli, obwohl der nur von Mai bis Oktober geerntet wird. Bei Erdbeeren fällt noch einigen auf, dass das ein bisschen seltsam ist, wenn man sie im Jänner beim Billa bekommt – bei Tomaten denken wir keine Sekunde nach. Die gibt es halt einfach immer.

Marillen aus dem wasserarmen Spanien

Ich finde es immer wieder spannend, dass wir Saisonalität teilweise verlernt haben. Für meine Großeltern war es noch eine echte Zunahme an Wohlstand, ganzjährig frisches Obst und Gemüse kaufen zu können. Meiner Generation fiel dann wieder auf, Moment einmal, das ist aber vielleicht nicht die gesündeste Variante für den Planeten, Marillen aus dem wasserarmen Spanien zu kaufen, während sie bei uns in der Wachau wachsen.

Es ist aber kein Wunder, dass wir es verlernt haben – das Angebot hat uns überrollt. Und die ganz gefinkelten Märkte machten das wiedererwachte Bewusstsein für Regionalität auch noch zum Profit-Treiber: Da Spargel aus Peru trotz des langen Transports günstiger ist als Spargel aus Österreich, wurde halt einfach der angeboten, und zwar innerhalb der heimischen Spargelsaison.

Wir Konsument:innen müssen es mal wieder richten, indem wir nur das kaufen, was Saison hat.

Eigentlich verrückt, wir Konsument:innen müssen es mal wieder richten, indem wir nur das kaufen, was Saison hat. Und dafür müssen wir wissen, was Saison hat. Ich nehme es niemandem übel, dass er oder sie es nicht mehr so genau weiß. Bis auf Spargel und Rhabarber musste auch ich irgendwann (wieder) lernen, dass es Brokkoli bis Oktober gibt, Süßkartoffeln überhaupt nur im September und Oktober Saison haben und – oh Wunder – Zucchini auch nicht das ganze Jahr hierzulande geerntet werden, obwohl man sie an jedem einzelnen Tag des Jahres im Supermarkt kaufen kann. Wenn wir das Gemüse überhaupt noch unzubereitet kaufen. Eine Freundin, deren Familie in Vorarlberg lebt, hatte kürzlich ihren Vater zu Besuch in Wien. Beim Anblick all der bunten Essenslieferanten auf ihren Rädern meinte er nur kopfschüttelnd, in Wien kochen die Leute wohl gar nicht mehr.

Küchen nur für die Softdrink-Kühlung

Gefühlt alle paar Wochen erscheinen Artikel über Studien, die besagen, dass Jugendliche zu wenig Obst und Gemüse und zu viel Fleisch und Süßes essen, und dass sogenanntes Convenience Food so sehr auf dem Vormarsch ist, dass heutige Teenager Küchen nur noch für die Kühlung der Softdrinks brauchen werden. Ein weiterer, nicht insignifikanter Teil Jugendlicher lernt zwar, wie wichtig Proteine sind – die hauen sie sich dann aber in Form von süßen Shakes rein anstatt durch Spinat, Champignons oder Linsen.

Lustig. Einerseits sollen wir durch unser Konsumverhalten den Supermärkten Saisonalität „beibringen“, andererseits gibt es bei Jugendlichen einen gewaltigen Bildungsauftrag. Was sollen wir eigentlich noch alles übernehmen? Warum leben wir nicht in einem Staat, der den (übrigens bedenklich konzentrierten) Lebensmitteleinzelhandel stärker reguliert, damit es peruanischen Spargel gar nicht geben kann? Warum gibt es nicht in allen Unterstufen verpflichtenden Unterricht zu Ernährung? Ich fände das super – in der Schule lerne ich, wann was Saison hat, und im Supermarkt brauche ich dann trotzdem keine Sekunde nachdenken – es gibt nur das, was gerade in Österreich wächst. Herrlich entspannend wäre das.


Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


Infos und Quellen

Daten & Fakten

  • Über die nicht allzu vielfältigen Wintermonate kann man sich durch rechtzeitiges Einfrieren oder Haltbarmachen von frischem Obst und Gemüse im Sommer retten. Im Supermarkt empfiehlt sich der bewusste Griff nach Obst und Gemüse aus Österreich. Unbedingt auf die Herkunft achten!

Quellen

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