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Von der Entmenschlichung im Kopf zur physischen Gewalt.
Als der Fall Pelicot Anfang 2024 durch die Medien ging, zeigte sich die weltweite Öffentlichkeit bestürzt bis fassungslos. In Kommentarspalten, in persönlichen Gesprächen und in so mancher Medienberichterstattung lautete der Ergriffenheitstenor: Wie kann ein Mann einer Frau so etwas antun? Wie kann ein Mann seiner eigenen Ehefrau so etwas antun? Wie können zig, hunderte Männer mitmachen? Und überhaupt: welche Monster würden so etwas tun?
- Kennst du schon?: Patriarchaler Terror
Während also auf der einen Seite die patriarchatsblinde Erzählung verbreitet wurde, es handle sich bei den Tätern um seltene und abnorme Unmenschen, Unmänner eigentlich, um abscheuliche Bestien, und bei all der öffentlich gewordenen Gewalt gegen Gisèle Pelicot um einen absoluten Ausnahmefall, sagten wir Feministinnen von Anfang an: Nichts davon ist wahr. Was Gisèle Pelicot angetan wurde, wurde bereits zahlreichen anderen Frauen angetan – von Männern, insbesondere von Männern, die ihnen nahestanden. Es wird jetzt gerade zahlreichen Frauen angetan – in Frankreich, in Österreich und überall sonst auf der Welt.
Wir würden übertreiben, wurde uns daraufhin an den Kopf geworfen, wir wären völlig irre, solche Bestien als ganz normale Männer zu bezeichnen, so etwas wie Pelicot käme schließlich kein zweites Mal vor. Vorgeworfen wurde also ausgerechnet jenen Frauen, die nicht nur selbst – als Frauen wie alle Frauen – eigene Erfahrung mit männlicher Gewalt gemacht haben und machen, sondern die sich darüber hinaus seit Jahren oder Jahrzehnten mit männlicher Gewalt auseinandersetzen und die über diese Gewalt schreiben, die Opfer betreuen, sie vor Gericht vertreten, die sich in Organisationen oder als Aktivistinnen starkmachen, sie würden mit der informierten Beobachtung, dass männliche Gewalt nun mal täglich und überall stattfinde und durch ganz normale Männer, Männerhass oder unzulässige Verallgemeinerungen verbreiten.
Allgemeine Verbreitung
Wie allgemein verbreitet genau die Form männlicher sexueller Gewalt an Frauen ist – und das nicht nur in Erzählungen hysterischer Feministinnen, sondern in der tatsächlichen Lebensrealität von Frauen überall – wurde in der Zwischenzeit mehrfach offensichtlich.
Im Dezember 2024 deckten die NDR-Journalistinnen Isabell Behr und Isabell Ströh ein Vergewaltiger-Netzwerk auf, in denen Männer in Telegram-Gruppen Tipps darüber austauschten, wie sie ihre Ehefrauen, Partnerinnen, Töchter, Freundinnen, Schwestern betäuben und vergewaltigen könnten. Sie tauschten Fotos und Videomaterial aus, und stachelten sich gegenseitig zu diesen Verbrechen an. In nur einer dieser Telegram-Gruppen befanden sich über 70.000 Mitglieder aus dem deutschsprachigen Raum.
Im März 2026 enthüllte die CNN ähnliche Netzwerke im englischsprachigen Raum: Telegram-Gruppen, Online-Foren und die Porno-Plattform motherless, auf der die Journalistinnen über 20.000 Videoaufzeichnungen von wehrlosen, betäubten Frauen fanden. Die Seite hatte im März 2026 über 81 Millionen Aufrufe. In der Telegram-Gruppe „Zzz“, die den Kern des kriminellen Netzwerkes bildete, befanden sich 1000 Mitglieder aus den USA, Frankreich, Großbritannien und anderer Länder, die Anleitungen austauschten, einander KO-Mittel verkauften und Missbrauchs-Livestreams veranstalteten. Im April 2026 wurde in Deutschland ein Netzwerk von vorrangig chinesischen Männern aufgedeckt, dass sich „Fahrschule für Experten“ nannte und in Deutschland lebende Chinesinnen attackierte.
Die Idee, dass es sich bei Pelicot um eine Ausnahmebestie hielt, stellte sich also als falsch heraus. Mazan ist überall.
Marchtrenk, Oberösterreich
Und spätestens seit September 2026 wissen wir: Mazan ist auch in Marchtrenk, Oberösterreich. Anders als Gisèle Pelicot kann das oberösterreichische Opfer ihre Geschichte allerdings nicht mehr selbst erzählen. Sie wurde nämlich wortwörtlich zu Tode vergewaltigt. Ihr Ehemann und ein weiterer Verdächtiger führten ihr im Zuge brutalster sexueller Gewalt solche Verletzungen zu, dass sie an ihnen verstarb. Neben den beiden inhaftierten mutmaßlichen Tätern – nur einer von ihnen ist aktuell geständig – gibt es laut Medienberichten noch einen dritten Verdächtigen und darüber hinaus Chats, die nahelegen, dass es noch eine Reihe anderer Täter gibt, dass die ermordete Frau anderen Männern für Geld angeboten worden sein könnte und dass sie mehrfach betäubt wurde.
Allein die Häufigkeit, in der in den letzten Jahren besonders gravierende – und hier sogar tödliche – Fälle sexueller und sexualisierter Gewalt von Männern an Frauen und Mädchen öffentlich wurden, sollte es unumgänglich machen, diese Form von Gewalt als ein strukturelles Problem von Männlichkeit und von Männern zu besprechen.
Die unangenehme Wahrheit ist, dass selbst brutalste sexuelle Gewalt, wie jene, die als „chemische Unterwerfung“ umschrieben wird, also Vergewaltigung unter Betäubung durch KO-Mittel, nicht nur zahlreichen Frauen von den ihnen nahestehenden Männern angetan wird, sondern dass ihr mit der Objektifizierung von Frauen eine misogyne Gewaltform zugrunde liegt, an der kaum ein Mann nicht partizipiert.
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Objektifizierung
In anderen Worten: Wir leben in einer Gesellschaft, die durchzogen ist von einem männlich-objektifizierenden Blick auf Frauen. Einer, der Frauen nicht als Menschen sieht, sondern als Gegenstände, als eine Ansammlung an sexuell verwendbarer und verwertbarer Körperteile. Die äußerste Form dieser Entmenschlichung und darüber hinaus der Erotisierung dieser Entmenschlichung zeigt sich in Pornografie, in welcher übrigens „Sex“ mit schlafenden oder bewusstlosen Frauen eine beliebte Kategorie darstellt.
Die psychologische und die soziologische Forschung hat vielfach einen Zusammenhang zwischen Objektifizierung und physischer Gewalt gegenüber der objektifizierten Gruppe belegt. Wer einen anderen Menschen als Gegenstand wahrnimmt, spricht ihm, oder eher ihr, einen eigenen Willen ab, ist deshalb also auch eher bereit, Grenzen zu übergehen oder ein Nein zu ignorieren. So ist wenig überraschend, dass gegenüber sexuell objektifizierten Personen deutlich weniger Empathie empfunden wird und dass sowohl das Aggressionspotential ihnen gegenüber als auch die Hemmschwelle, ihnen Gewalt anzutun, signifikant sinkt.
Wenn Männer Frauen als sexuelle Objekte sehen, steigt zudem die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihnen auch als Partnerinnen Gewalt antun. All das klingt vermutlich nicht allzu überraschend: Wer andere als Gegenstand wahrnimmt, behandelt sie auch als Gegenstand. Einen Gegenstand kann man verwenden, wie man möchte, ohne diesen Gegenstand um seine Meinung zu dieser Verwendung zu fragen. Ein Gegenstand hat keine Gefühle, keine Bedürfnisse, keine Wünsche, keine Empfindungen, kein Innenleben, keinen Intellekt, keinen eigenen Willen.
Epistemische Gewalt
Objektifizierung als Grundlage von Gewalt gegen Frauen wird allerdings im Diskurs über diese Gewalt sehr gerne ausgeblendet. Möglicherweise liegt das daran, dass sie selbst eine Form epistemischer Gewalt darstellt, die man nicht auf einige wenige Männer auslagern kann, sondern die tief in unser Geschlechterverhältnis eingeschrieben ist. „Epistemische Gewalt“ ist ein Begriff der die systematische Abwertung, Entmenschlichung oder aber auch Unsichtbarmachung und Aberkennung von Wissen, Sprache und Lebenserfahrungen marginalisierter Gruppen durch herrschende Wissenssysteme und Ideologien beschreibt. Auch das ist etwas, das Feministinnen meinen, wenn sie sagen: alle Männer.
Objektifizierung als besonders persistente Form epistemischer Gewalt gegen Frauen zeigt sich nicht nur in Betäubung und Vergewaltigung oder in weniger extremen Form sexueller Gewalt, in Belästigung, in sexistischen Witzen, in sexualisierenden Kommentaren oder in direkten Abwertungen. Sie ist vielmehr so normal, so beiläufig, so selbstverständliches Hintergrundrauschen dessen, was wir unter „Frau“ überhaupt verstehen, dass wir sie oft gar nicht wahrnehmen. Sie findet sich normalisiert in der Art, wie Frauenkörper dargestellt werden und wie sie sich selbst darstellen müssen, um überhaupt sichtbar sein zu dürfen: in Werbung, in Filmen, im Fernsehen, auf Social Media.
Weiblichkeit in einer patriarchalen Ökonomie ist von Konsumierbarkeit durch den männlichen Blick geprägt. Es ist also schockierend, aber nicht überraschend, dass sich die Selbstverständlichkeit und Normalität dieser Form von Vergegenständlichung auch in tatsächliche Handlungen tatsächlicher Männer in besonders grausamen Gewalttaten übersetzt.
Objektifizierung von Frauen ist nicht ein seltenes Problem selten misogyner Typen, sondern bildet die Grundlage eines gesellschaftlich hegemonialen patriarchal-männlichen Blicks auf Frauen. Objektifizierung von Frauen schafft einerseits den Nährboden für physische Gewalt, aber ist andererseits selbst bereits eine Form von Gewalt.
Wenn Männer sexuelle und sexualisierte Gewalt gegen Frauen also in ihren äußersten Formen erschüttert, kommen sie nicht umhin, sich mit diesem Nährboden in sich selbst auseinanderzusetzen: mit ihrem objektifizierenden, entmenschlichenden Blick auf Frauen. Und wir alle kommen nicht umhin, den männlichen Blick als internalisiertes strukturgebendes Element des Blickes auf uns selbst und andere Frauen zu bekämpfen. PS: Objektifizierung und damit epistemische Gewalt gegen Frauen zeigt sich auch in Medien wie der Kronen Zeitung, die bis 2021 mit der „Nackerten“ auf Seite 7 Frauenkörper zum Konsumgut gemacht hat. Es ist jene Zeitung, die nun auch ein Bikini-Foto des Opfers von Marchtrenk veröffentlicht hat.
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Zur Autorin
Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.
Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
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