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Während in Österreich kriminelle Kinder in geschlossene Wohngemeinschaften gesteckt werden sollen, schicken die Franzosen „hoffnungslose Fälle“ nach der Haft drei Monate auf die Reise.
„Bei uns landen die, die alle Optionen ausgeschöpft haben“, sagt Yvon Rontard Anfang Mai in seinem Pariser Büro. Er ist Direktor der französischen Organisation „Seuil” die mit Jugendlichen in der Obhut der Aide Sociale à l’Enfance (ASE; entspricht der Kinder- und Jugendhilfe) und der Protection Judiciaire de la Jeunesse (PJJ; entspricht der Jugendgerichtshilfe) arbeitet. Es handelt sich dabei um Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren, die von massiver Gewalt und Missbrauch betroffen sind oder selbst Straftaten begangen haben. Seuil geht mit ihnen wandern – über 2.000 km legen sie binnen drei Monaten auf dem französischen Jakobsweg zurück. Obwohl es sich hierbei um einen Pilgerweg handelt, versteht sich die Organisation jedoch als laizistisch. „Wir wollen den Jugendlichen einen Neustart ermöglichen. Wir bieten ihnen eine Atempause und eine Möglichkeit zur Neuorientierung zwischen der Haftstrafe und der Rückkehr in ihr Zuhause“, erklärt Rontard.
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Nach französischem Recht gelten Kinder unter 13 Jahren als nicht strafmündig. Für Jugendliche ab 13 Jahren ist ein Freiheitsentzug im Gefängnis zwar durchaus möglich, in den meisten Fällen werden jedoch alternative Erziehungsmaßnahmen bevorzugt, etwa die vorübergehende Unterbringung in einem Heim. 2024 verbüßten in Frankreich 2.802 jugendliche Straftäter:innen eine Haftstrafe in einer Jugendstrafanstalt. Die überwiegende Mehrheit von ihnen war zwischen 16 und 18 Jahre alt. Die durchschnittliche Haftdauer lag bei etwa 6 Monaten. Zum Vergleich: In Österreich beginnt die Strafmündigkeit erst mit dem 14. Geburtstag. Eine Senkung des Strafmündigkeitsalters auf 12 Jahre wurde 2025 im Justizausschuss abgelehnt. 2026 werden erstmalig zwei strafunmündige jugendliche Intensivtäter für bis zu sechs Wochen in einer betreuten „Auszeit-WG“ in Wien untergebracht.
Ängste kommen zum Vorschein
Von den Jugendlichen, die bei Seuil landen, werden etwa 75 % von der ASE und 25 % von der PJJ betreut. Finanziert wird die Organisation zu 80% vom Staat, zu 20% aus Spendengeldern. Die enge Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen sei natürlich ein enormer Vertrauensbeweis, gibt Yvon Rontard zu. Er selbst blickt auf 17 Jahre Erfahrung als Schuldirektor und acht Jahre im Jugendstrafvollzug zurück. Seit 2023 ist er Direktor von Seuil. Straftaten von Jugendlichen sieht er vor allem in einer Vernachlässigung der elterlichen Sorge- und Aufsichtspflicht begründet. „Wichtig ist, dass die Jugendlichen bei der Wanderung Selbstbestimmung und Handlungsfreiheit erfahren und lernen, was es bedeutet, einander auszuhelfen. Manche von ihnen sehen zum ersten Mal, dass es auch Menschen gibt, die ihnen Gutes wollen, die gerne helfen und für sie da sind“, so Rontard. Dafür brauche es natürlich geeignete und vor allem stabile, erwachsene Begleitpersonen. „Wenn ein Kind Vertrauen aufgebaut hat und sich sicher fühlt, treten seine Ängste und Traumata zum Vorschein. Da kommt alles heraus.“ Das Auswahlverfahren für die Begleitpersonen umfasst unter anderem einen Persönlichkeitstest und ein Gespräch mit einer Kinderpsychiaterin. Erfahrung im Sozialbereich wird nicht vorausgesetzt.
Die langfristige Wirkung einer Wanderung mit Seuil sei schwierig zu erfassen. Auf der Homepage finden sich zwar Statistiken, die letzten Zahlen stammen jedoch aus dem Jahr 2020. Follow-ups mit ehemaligen Teilnehmer:innen für langfristige Beobachtungen seien kaum umzusetzen. „Man darf nicht vergessen, dass es Teenager sind. Für die Jugendlichen sind drei Monate ein Abenteuer, aber danach geht das Leben weiter. Außerdem haben sie ein Recht auf Vergessenwerden und das sagen wir ihnen auch“, begründet Yvon Rontard. Manche würden sich trotzdem hin und wieder melden, meist um Neujahr, um zu erzählen, was es Neues gibt. Andere würden den Kontakt erst nach fünf oder zehn Jahren wieder aufnehmen. Trotzdem: Für Rontard sei jede begonnene Wanderung bereits ein Erfolg.
Emile* und Raphaël treffen in Le Puy-en-Velay, einer pittoresken Stadt in der Region Auvergne-Rhône-Alpes im Südosten Frankreichs, zum ersten Mal aufeinander. Emile, 13 Jahre alt, ist als jugendlicher Straftäter in der Obhut der PJJ und hat sich für eine Wanderung mit Seuil entschieden. Raphaël, 30 Jahre alt, wird ihn dabei begleiten. Die beiden kennen einander erst seit 48 Stunden, haben aber bereits zwei Nächte in einem gemeinsamen Schlafraum verbracht. Am Vortag waren sie gemeinsam bei Decathlon, um die Wanderausrüstung für Emile zu kaufen, und im Kino. Zum Abendessen gab es Tacos. Insgesamt drei Tage verbringen sie gemeinsam in Le Puy-en-Velay zur Vorbereitung auf die Wanderung. Am vierten Tag brechen sie gemeinsam auf. Drei Monate werden sie zusammen unterwegs sein. Emile wird in dieser Zeit keinen Zugang zu seinem Handy haben und jeden Abend ein paar Zeilen für sein „carnet de route” (Logbuch) schreiben. Auch Raphaël wird täglich einen kurzen Bericht per Textnachricht an Jean-Michel Tony, Leiter der der Außenstelle in Südfrankreich von Seuil, schicken.
Vorsicht und Skepsis zu Beginn
Zuvor aber steht eine eintägige Probewanderung an: etwa zehn Kilometer, mit einer Mittagspause im nahegelegenen Ort Polignac. Emile soll sich an das Gewicht des Wanderrucksacks gewöhnen und sein Equipment testen. Jean-Michel Tony will aber auch in Erfahrung bringen, wie Emile mit dem Wandern selbst zurechtkommt. Treffpunkt ist die Unterkunft von Seuil. Sie liegt am Fuße der Kathedrale in Le Puy-en-Velay, deren älteste Bauteile noch aus dem 11. Jahrhundert stammen.
Bei der Begrüßung wirkt Emile wie ein typischer Teenager – ein selbstbewusster, wenn auch zurückhaltender, junger Bursche, mit aufgeweckten Augen in einem noch kindlich-runden Gesicht und erstem Bartflaum auf der Oberlippe. Er trägt seine neue Wanderkleidung, in Schwarz und Dunkelblau gehalten, und hat eine Schirmkappe auf dem Kopf. Raphaël, der neben ihm steht, wirkt wie sein großer Bruder, trotz des Altersunterschieds von 17 Jahren.
Auf den ersten Blick wirken sie wie ein eingespieltes Team. Erst beim gemeinsamen Gespräch wird deutlich, mit wie viel Feingefühl, Vorsicht und Skepsis die beiden einander noch begegnen. Emile sitzt mit gebeugten Schultern und rundem Rücken am Tisch. Ob er Sorgen oder Ängste empfinde bei dem Gedanken, mit einem quasi wildfremden Erwachsenen drei Monate lang alleine wandern zu gehen? „Weiß nicht“, sagt er, „ich denk da nicht viel darüber nach“. Raphaël zögert einen Moment, bevor er das Wort ergreift: „Um ehrlich zu sein, hatte ich schon Bedenken, bevor ich Emile kennen gelernt habe. Was, wenn wir uns nicht verstehen, nicht miteinander zurechtkommen? Heute Früh habe ich aber gesehen, wie eigenständig er ist. Er hat direkt nach dem Aufstehen sein Bett gemacht – sogar noch vor mir!“ Während er spricht, schaut Raphaël vorsichtig zu Emile, der ihm schräg gegenübersitzt und auf die Tischplatte starrt.
Raphaël hat über seinen Bruder von Seuil erfahren und ist dann zufällig einem Wanderpaar der Organisation begegnet, als er selbst auf dem Jakobsweg unterwegs war. Das habe ihn schließlich zur Bewerbung animiert. Emile wiederum hat von seiner Betreuerin bei der PJJ von Seuil erfahren. Warum Emile sich dafür entschieden hat, Tausende von Kilometern quer durch Frankreich und Spanien zu wandern? „Ich habe so viel Zeit im Heim verbracht. Ich will nach Hause“, antwortet er und richtet sich dabei auf. In seinen Augen liegt eine tiefe Entschlossenheit. Emile wirkt auf einmal sehr erwachsen.
Drei Monate ohne Handy
Gemeinsam mit Raphaël wird er nach Santiago de Compostela und weiter bis ans Kap Finisterre wandern, das an der spanischen Atlantikküste liegt und lange für das Ende der westlichen Welt gehalten wurde. Drei Monate zu Fuß, ohne Handy, bei Wind und Wetter, Regen, Schnee und Sonnenschein – das trauen sich schon viele Erwachsene nicht zu, und erst recht keine 13-jährigen Jugendlichen. Ein stolzes Grinsen huscht Emile über die Lippen: „Ich weiß“, sagt er. Wandererfahrung hat er bisher noch keine. Sorgen mache er sich trotzdem nicht: „Ich versuche, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen.“ Nach seiner Rückkehr wird Emile wieder einige Tage in Le Puy-en-Velay verbringen, um seine Erlebnisse während der Wanderung zu reflektieren und noch einmal zu verschnaufen, bevor er zu seiner Familie zurückkehrt. Wie es dann für ihn weitergeht? „Erst einmal zurück in die Schule. Das ist schon ein großer und wichtiger Schritt“, sagt Jean-Michel Tony. Emile nickt. Was er danach machen will, weiß er noch nicht. „Da haben wir etwas gemeinsam“, stellt Raphaël fest. Er selbst hat ein abgeschlossenes Biologiestudium und eine Ausbildung in Naturheilkunde. Sein Geld habe er zuletzt aber als Postbote verdient. Aktuell ist Raphaël für fünf Monate bei Seuil angestellt. Drei davon sind für die Wanderung, zwei weitere zur Erholung. „Mal schauen, wie es danach für mich weitergeht“, sagt er. Vielleicht wird er ein bisschen reisen, eventuell eine Freundin in Belgien besuchen.
Jetzt geht es aber erst einmal nach Polignac. Raphaël und Emile schultern ihre Wanderrucksäcke. Draußen hat es 5°C, obwohl es bereits Mitte Mai ist. Die Eisheiligen. Emile trägt Handschuhe. Auf den Stufen der Kathedrale macht Tony Fotos von Raphaël und Emile – zur Erinnerung. Denn nach Abschluss der Wanderung bekommen die Jugendlichen ein Fotoalbum geschenkt. Über die gepflasterten Gässchen der Altstadt geht es schließlich los. Jean-Michel Tony erklärt Emile die Wegmarkierungen. Es beginnt zu regnen. Emile zieht einen schwarzen Regenponcho über den Kopf, der über seinen Rucksack und bis zu den Knien reicht. Am Waldrand angekommen, zieht er ihn wieder aus. Ihm ist heiß. Raphaël bindet Emile den Schuh zu und zeigt ihm, wie eine Doppelmasche geht. Dann geht es steil bergauf durch den Wald, über Stock und Stein und nasses Holz, dazwischen treffen sie immer wieder auf Pferde. Mal scheint die Sonne, dann regnet es wieder. Emile bleibt unbeirrt und zieht mit beeindruckendem Tempo voraus.
„Eigentlich hätte ich vor zwei Monaten schon mit einem anderen Jugendlichen starten sollen“, erzählt Raphaël im Gehen, „aber der hat nach 24 Stunden hier in Le Puy-en-Velay die Motivation verloren.“ Das komme manchmal vor, ergänzt Tony: „Wir wissen oft nicht genau, woran es liegt.“ Wie er Emiles Erfolgsaussichten einschätzt? „Der wird seine Wanderung schon machen. Wenn überhaupt, wird Raphaël ihn ein bisschen bremsen müssen, so flott wie er unterwegs ist.“ Bis Polignac ist es inzwischen nicht mehr weit.
Bergauf über einen Schleichweg
Beim gemeinsamen Mittagessen in einem Gasthaus erzählt Tony von seinen eigenen Wandererfahrungen. Er war schon oft auf dem Jakobsweg unterwegs, einige Male alleine, unter anderem im Gedenken an seine verstorbene Frau, und zweimal als Begleitperson für Seuil. Einmal hätte er sogar einen Österreicher getroffen, der zu Fuß bis nach Jerusalem wollte. „Wo liegt das?“, fragt Emile, der bislang schweigend daneben saß. „Im Nahen Osten. Das ist ziemlich weit“, erklärt ihm Raphaël.
Nach dem Essen geht es zurück nach Le Puy-en-Velay. Emile prescht voraus, die Wanderstöcke im Einsatz. Auf einem Schotterweg bleibt er stehen, um sich seinen Schuh zuzubinden. Die Doppelmasche macht er dieses Mal selbst.
„Von denen, die sich als Begleitpersonen bei uns bewerben, kommt so gut wie niemand aus dem Sozialbereich. Das ist auch gut so, weil die Jugendlichen damit lernen, eine vertrauensvolle Beziehung zu einem Erwachsenen aufzubauen. Die meisten von ihnen kennen ja nichts anderes als Sozialpädagog:innen“, erzählt Jean-Michel Tony.
Über einen Schleichweg geht es erst bergauf, dann steil bergab durch den Wald. Raphaël und Emile gehen nun gemeinsam voran. An der Unterkunft angekommen, steht Emile der Stolz über die erfolgreiche Probewanderung ins Gesicht geschrieben. Seine Augen leuchten. Eine Nacht noch schlafen, dann geht es los.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Yvon Rontard, Direktor der Organisation Seuil, https://www.assoseuil.org/
- Jean-Michel Tony, Leiter der Regionalstelle Süd von Seuil mit Sitz in Le Puy-en-Velay
- Raphaël, Begleitperson von Emile
- Emile, Name von der Redaktion geändert – sein echter Name ist der Autorin aber bekannt
Quellen
- Association Seuil
- Service Public, Informationsseite
- Französisches Justizministerium, Statistik Jugendkriminalität Frankreich (2025)
- Citoyens & Justice
- Österreichische Justiz
- Österreichisches Parlament
Daten & Fakten
- Die Organisation Seuil arbeitet mit Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren. Etwa 75% dieser Jugendlichen sind in der Obhut der Aide Sociale à l’Enfance (Jugendamt), die restlichen 25 % werden von der Protection Judiciaire de la Jeunesse (Jugendgerichtshilfe) begleitet.
- Finanziert wird Seuil zu 80 % vom Staat, zu 20% aus Spendengeldern.
- Mit Seuil wandern diese Jugendlichen drei Monate lang über 2000km auf dem französischen Jakobsweg von Le Puy-en-Velay durch Frankreich und Spanien bis nach Santiago de Compostela und ans Kap Finisterre.
- Emile und Raphaël haben ihre Wanderung am 16. Mai 2026 gestartet.
- Kinder unter 13 Jahren sind in Frankreich nicht strafmündig, außer in Ausnahmefällen besonderer Härte.
- Ein Freiheitsentzug in einer Jugendstrafanstalt ist für 13-jährige Jugendliche in Frankreich möglich, aber selten. Alternative Erziehungsmaßnahmen, wie die Unterbringung in einem Heim, werden bevorzugt.
- Laut Statistik waren 2024 in Frankreich 2.802 jugendliche Straftäter:innen in Jugendstrafanstalten untergebracht. Der Großteil von ihnen war zwischen 16 und 18 Jahre alt. Die durchschnittliche Haftdauer lag bei etwa 6 Monaten.
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