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Warum die Feuerwehr mehr Frauen braucht

8 Min
Eine Feuerwehrfrau macht sich bereit für den Einsatz.
Bereitmachen für den Einsatz.
© Fotocredit: Luiza Puiu

Mittlerweile gibt es bei der Freiwilligen Feuerwehr mehr weibliche als männliche Neuzugänge. Trotzdem ist der Frauenanteil noch immer sehr gering. Vor allem die Berufsfeuerwehren sind fast ausschließlich männlich. Dabei tun Frauen der Feuerwehr gut.


Dichter Rauch wabert aus der Garage des Einfamilienhauses in Probstdorf im Weinviertel, in der ein E-Auto in Vollbrand steht. Im Keller darunter sind mindestens zwei Personen vom Feuer eingeschlossen. Es wird ernst für Barbara Pelikan, auch wenn es diesmal nur eine Übung ist. Sorgfältig werden die Atemschutzgeräte an den Helmen eingehängt, bevor sich die Feuerwehrleute unter ihrer Truppkommandantin in die fiktive Flammenhölle vorwagen.

Vor nicht einmal 15 Jahren wäre das undenkbar gewesen. „Dieselben Männer, die den Mädchen das Ministrieren verboten haben, wollten keine Frauen bei der Feuerwehr“, erzählt Erich Amann. Als er im Jahr 2011 neuer Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Probstdorf wurde, war eine seiner ersten Amtshandlungen die Aufnahme der ersten Feuerwehrfrau. Ihr Name: Barbara Pelikan. Heute sind in der 47-köpfigen aktiven Mannschaft neun Frauen, auch in höheren Funktionen. Das ist schon recht viel, bedenkt man, dass immer noch zahlreiche Feuerwehren in Österreich kein einziges weibliches Mitglied haben.

Auch viele Männer scheitern am Aufnahmetest

Warum ist das so? Bei den Berufsfeuerwehren ist es leicht erklärt: Wer hier dabei sein will, muss einen beinharten Aufnahmetest bestehen, der für Frauen und Männer gleich ist. Neben logischem und technischem Verständnis, Allgemeinbildung und psychischer Gesundheit wird vor allem auch die körperliche Fitness geprüft: 3.000 Meter in 15 Minuten laufen; 100 Meter in 140 Sekunden schwimmen; 15 Meter tauchen; in 120 Sekunden auf die Drehleiterspitze klettern; 45 Sekunden lang im Klimmzug an der Stange hängen; im Liegestütz 23 Mal die Hände übergreifen in 15 Sekunden; eine mannschwere Übungspuppe 66 Meter weit in 60 Sekunden schleppen – wer das nicht schafft, ist raus.

Barbara Pelikan legt ihre Ausrüstung an und macht sich bereit für den Einsatz.
Barbara Pelikan (vorn) war die erste Feuerwehrfrau in Probstdorf. Eigentlich wollte sie Polizistin werden.
© Fotocredit: Luiza Puiu

Der Test muss so hart sein, und zwar für alle, „weil im Einsatzfall nur zählt, ob man der Herausforderung gewachsen ist, das Geschlecht ist dabei egal“, erklärt Jürgen Figerl von der Wiener Berufsfeuerwehr. Ein Kollege mit langjähriger Einsatzerfahrung formuliert es etwas drastischer: „Ich hab halt nix von einer Quotenfrau, wenn sie dann nicht die Kraft hat, einen verletzten Kameraden rauszuschleppen.“ Feuerwehrsprecher Figerl betont aber auch, dass „wir keine Supersportler suchen. Es braucht eine gute Grundfitness.“ Der Aufnahmetest sei mit entsprechendem Training zu schaffen. Und: Frauen werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt. „Wir unterstützen sie auch sehr bei der Vorbereitung auf den Test, was wir bei Männern nicht tun.“

Gäbe es mehr Frauen in technischen Berufen, gäbe es mehr Berufsfeuerwehrfrauen.Jürgen Figerl, Sprecher der Wiener Berufsfeuerwehr

Seit 1998 haben allerdings in Wien bisher nur sechs Frauen und in Graz keine einzige den Aufnahmetest bestanden, bei dem zuletzt auch 40 Prozent der Männer durchgefallen sind. Und im Gegensatz zur Polizei, die angesichts hunderter unbesetzter Planstellen zuletzt den Sporttest aus dem Bewerbungsverfahren in die Ausbildung verlegt hat, haben Österreichs Berufsfeuerwehren keine Personalsorgen und somit keinen Grund, den Aufnahmetest aufzuweichen. In Wien kamen zuletzt auf 60 offene Stellen rund 300 Bewerber:innen, darunter lediglich zehn Frauen.

Kein Gendern bei Dienstgraden und Schutzkleidung

Es gibt auch noch ein weiteres K.o.-Kriterium: Wer zur Berufsfeuerwehr will, muss eine Handwerksausbildung vorweisen können. Auch dafür gibt es einen guten Grund, erklärt Figerl: „Wenn ein Auto in der Früh zu einem Wasserschaden, zu Mittag zu einem Kabelbrand und am Abend zu einem losen Bauteil fährt, dann ist es optimal, zum Beispiel einen Mechaniker, einen Installateur, einen Elektriker und einen Maurer dabei zu haben.“ Oder wie es Robert Mayer, Präsident des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes, formuliert: „Bei aller Technisierung und Digitalisierung ist Feuerwehr einfach immer noch ein Handwerk.“ Gäbe es mehr Frauen in diesen technischen Berufen, gäbe es auch mehr Berufsfeuerwehrfrauen, ist Figerl überzeugt.

Zwei Feuerwehrfrauen schleppen die Übungspuppe ins Freie.
Voller Körpereinsatz in voller Montur.
© Fotocredit: Luiza Puiu

Was wohl auch viele Frauen abschreckt, ist der Nimbus als Männerbastion. Insbesondere die Freiwilligen Feuerwehren sind geprägt von archaischen Strukturen, in denen bis heute Dienstgrade kaum gegendert werden, Exerzierübungen wie beim Bundesheer stattfinden und militärisch angehauchte Uniformen getragen werden. Manches ist gut begründbar – zum Beispiel braucht es im Einsatzfall klare Befehlsketten, und die Feuerwehr marschiert auf dem Land unter anderem bei Prozessionen und Begräbnissen mit –, anderes wirkt einfach aus der Zeit gefallen. So wie die Tatsache, dass es die Schutzkleidung auch für die Frauen immer noch nur im Männerschnitt gibt. Bei der Berufsfeuerwehr kommen auch noch 24-Stunden-Dienste dazu. Ein weiterer Grund, vermutet Kommandant Amann, könnte sein, „dass sich insbesondere Mütter mehr Sorgen darüber machen, im Einsatz Dinge zu sehen, die sie dann mit nach Hause zur Familie nehmen“. Er als Mann denke jedenfalls weniger darüber nach. Ebenso wie Figerl betont er aber die psychologische Betreuung der Feuerwehrleute.

2.646 Männer – und nur 28 Frauen

Die Wiener Feuerwehr, die als älteste Berufsfeuerwehr der Welt gilt (Gründungsjahr: 1686), hat übrigens erst vor 25 Jahren die erste Feuerwehrfrau aufgenommen – im selben Jahr, als beim Bundesheer die erste Berufssoldatin begann. Heute stehen bei den sechs österreichischen Berufsfeuerwehren (Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Linz, Salzburg, Wien) 2.646 Männern gerade einmal 28 Frauen gegenüber. Und wo Männer unter sich sind, ist nicht selten auch der Umgangston entsprechend. „Ich hatte auch schon einen Mann im Team, der nach einem halben Jahr wieder weggegangen ist, weil es ihm zu sehr nach Testosteron gestunken hat“, formuliert es ein Berufsfeuerwehrmann.

Männerdomäne wurde erst in den 1990ern aufgebrochen

Umgekehrt hat sich durch die Frauen der Umgangston verbessert, resümiert der Probstdorfer Kommandant. Allerdings waren auch die 4.460 Freiwilligen Feuerwehren bis vor gar nicht so langer Zeit reine Männerhorte. Zwar waren in den beiden Weltkriegen Frauen für die ausgefallenen Männer eingesprungen, danach wurden sie aber jahrzehntelang bestenfalls als unechte Mitglieder geführt. Erst in den 1990ern wurde die Männerdomäne allmählich aufgebrochen. Heute beträgt der Frauenanteil im aktiven Dienst 8,9 Prozent, die Feuerwehrjugend ist mittlerweile zu 39 Prozent weiblich, und bei den Neuaufnahmen sind die Frauen mit 60 Prozent bereits in der Mehrzahl. „Ohne die Frauen wären die Mitgliederzahlen inzwischen wahrscheinlich rückläufig“, sagt Feuerwehrpräsident Mayer.

Viele haben später zugegeben, dass sie falsch gelegen sind.Kommandant Erich Amman über den Widerstand gegen Feuerwehrfrauen

Wie steinig der Weg am Anfang war, erzählen Anita Graf und Ilse Hacker-Graf aus Klein-Höflein im Weinviertel im Feuerwehr-Podcast „Blaulichthelden“ (Folge 30). Sie wurden 1992 offiziell aufgenommen und bestanden 1999 als allererste Frauen in Österreich das Feuerwehrleistungsabzeichen in Gold. Sie wurden damals bestenfalls geduldet, und eigentlich war ihre Aufnahme „sogar ein kleiner Skandal“. Der Landesfeuerwehrverband opponierte heftig, und es brauchte erst eine Intervention der Landesregierung. Heute sei der Umgang der Männer mit Frauen ein ganz anderer, positiver, erzählen sie.

Frauen tun der Feuerwehr gut

Gegenwind gab es aber auch noch zwei Jahrzehnte später in Probstdorf: „Die Querulanten haben sich dann aber irgendwann selbst aussortiert, indem sie nicht mehr gekommen sind“, erzählt Kommandant Erich Amann. „Viele haben später zugegeben, dass sie falsch gelegen sind.“ Für ihn steht außer Zweifel, dass die Frauen der Feuerwehr guttun. Aber auch noch im 21. Jahrhundert erleben sie dort Sexismus. So erzählt seine Schwester, Oberverwaltungsmeister Franziska Amann (man beachte den männlichen Dienstgrad): „Ich habe einmal bei einem Kurs etwas nicht gefunden, und der Ausbildner hat mich damals gefragt – nein, das sage ich jetzt besser nicht laut ...“ Daheim auf der Wache gibt es so etwas aber nicht, stellt sie klar. Hier werden ihr nicht nur von ihrem Bruder Rosen gestreut, der ihr attestiert: „Sie ist eine Koryphäe in der Einsatzleitung. Sie hat Eigenschaften, die ein Mann vielleicht gar nicht mitbringt, von denen wir enorm profitieren.“

Zwei Feuerwehrfrauen bahnen sich ihren Weg durch den Rauch.
Ohne die Frauen wären die Mitgliederzahlen der Freiwilligen Feuerwehren wahrscheinlich rückläufig.
© Fotocredit: Luiza Puiu

Auch Oberlöschmeister Barbara Pelikan ist längst unumstritten. Eigentlich hätte sie zur Polizei gehen wollen, „aber die hat damals noch keine Frauen aufgenommen.“ Also wurde sie Krankenschwester und holt sich nun in ihrer Freizeit bei der Feuerwehr den Adrenalinkick.

Viele verschiedene Betätigungsfelder für alle

Gerade die Freiwillige Feuerwehr, bei der es keinen Einstiegstest gibt, sondern allein der Kommandant über Neuaufnahmen entscheidet, bietet viele verschiedene Betätigungsfelder, auch abseits der lebensgefährlichen und physisch wie psychisch mitunter belastenden Brandbekämpfung mit bis zu 30 Kilo Schutzausrüstung. „Wir haben auch Männer, die nicht ganz vorn mit dabei sein wollen“, sagt Kommandant Amann. „Und auch die erfüllen wichtige Aufgaben. Und sei es, dass sie den Verkehr umleiten, während die Kamerad:innen die Verletzten aus dem Auto rausschneiden. Ich würde auch niemals von jemandem verlangen, sich im Einsatz einer Situation auszusetzen, der er oder sie sich nicht gewachsen fühlt.“ Er ist heilfroh über jedes Mitglied, das dabei ist.

Der Ausbildner hat mich damals gefragt – nein, das sage ich jetzt besser nicht laut ...Feuerwehrfrau Franziska Amann

Österreichs oberster Feuerwehrmann Robert Mayer betont, dass „die Frauen den Männern um nichts nachstehen, auch als Atemschutzträgerinnen oder Kranlenkerinnen“. Er wünscht sich deshalb noch mehr Frauen bei der Feuerwehr. „Allerdings verlieren wir beim Übertritt von der Feuerwehrjugend in den aktiven Dienst wieder mehr Mädchen als Burschen.“ Denn Frauen stecken offenbar eher zurück als Männer, wenn es darum geht, Beruf, Familie und Ehrenamt zu vereinbaren. Auch in den Führungspositionen sind sie immer noch rar. Höchstens auf Bezirksebene bekleiden sie Spitzenämter, und in Oberösterreich zum Beispiel kommen auf rund 880 Kommandanten gerade einmal vier Kommandantinnen.

Werbekampagne für mehr Frauen

Vielleicht ist aber zumindest in Graz endlich die Zeit reif für die erste Feuerwehrfrau. Dort wurde heuer unter anderem die bisher geforderte Mindestgröße von 1,70 Metern abgeschafft, und ein Video mit dem Ö3-Duo Gabi Hiller und Philipp Hansa sollte im Sommer insbesondere Frauen ansprechen. Tatsächlich haben sich für den kommenden Eignungstest neben 83 Männern auch sechs Frauen beworben. Wie weit diese kommen werden, bleibt abzuwarten.

Die Übung am Einfamilienhaus ist inzwischen zu Ende, der Übungsleiter zufrieden. Für Barbara Pelikan wird wohl bald wieder die Sirene heulen. Franziska Amann, die noch stillt, wird dann beim Kind daheimbleiben. Mit ihrem Lebensgefährten, der auch bei der Freiwilligen Feuerwehr ist, hat sie nämlich einen Deal: „Er macht die vielen kleinen Einsätze, ich dafür die wenigen großen.“ Weil besonders dort ihre Qualitäten dringend gebraucht werden.