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Warum erwischst du Fliegen so gut wie nie? Sie sehen dich in Zeitlupe und denken sogar schneller als du. Bei Schildkröten ist es genau umgekehrt.
Die Uhr in meiner Küche tickt. Ich sitze noch immer beim Frühstück, obwohl ich eigentlich längst damit fertig und angezogen sein sollte, um den Zug in Richtung Arbeit zu erreichen. Aber ich kann nicht weg, ich muss noch etwas erledigen, noch etwas schaffen, das mich seit Tagen weder in Ruhe frühstücken noch abendessen lässt: Ich muss endlich diese stets nervig brummende Fliege erwischen, deren Lieblingsbeschäftigung es ist, von meinem Müsli zum Fruchtsaft und von dort zum Obst und wieder zurückzufliegen.
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Dazwischen liegen gefühlt 100 erfolglose Versuche von mir, sie mit der Hand zu fangen und ins Freie zu bugsieren. Ich nähere mich ihr von links, dann von rechts, von vorne und von hinten – die Fliege ist mir immer Sekunden voraus. Sie scheint meine Gedanken zu lesen und flüchtet, bevor ich meine Hand überhaupt erst geöffnet habe.
Ganz so übernatürlich sind ihre Fähigkeiten allerdings nicht. Vielmehr nimmt sie mich in Zeitlupe wahr: meine Hand, wie sie sich öffnet, meinen Mund, wenn ich wieder einmal fluche, weil ich sie nicht erwischt habe. Der Grund dafür sind ihre Augen, genauer gesagt rund 7.000 Einzelaugen, die sich zu zwei „Facettenaugen“ formen, und mit denen sie mich verfolgt und austrickst. Mit diesen nimmt die Stubenfliege viermal so viele Bilder pro Sekunde wahr wie ich, weshalb ihre Welt – in Relation zu meiner – extrem beschleunigt ist.
Schneller Stoffwechsel, schnelles Leben
Konkret sind es bis zu 250 Bilder pro Sekunde, während ich in dieser Zeit gerade einmal 60 schaffe. Dazu kommt ihr flinkes Gehirn – ja, meine Stubenfliege sieht nicht nur mehr, sondern denkt auch schneller als ich. Grund dafür ist ihr Stoffwechsel, der ebenfalls auf Hochtouren arbeitet. Letztendlich geht es um die Flimmerverschmelzungsfrequenz – so der Fachausdruck – die beschreibt, wie viele Bilder Auge und Gehirn pro Sekunde verarbeiten können, um eine flüssige Bewegung wahrzunehmen. Und diese ist bei der Fliege eben höher als bei mir.
Während meine Fliege also seelenruhig ihre Mahlzeit beendet und an meinem Müsli frisst, lege ich in ihren Augen gerade einmal den Löffel weg, um sie zu fangen. Entschließt sie sich schließlich doch, wegzufliegen, tut sie auch das – in Relation zu ihrer Größe – rasend schnell. Mit bis zu 330 Flügelschlägen pro Sekunde schafft sie etwa 10 km/h.
Doch dieses Leben auf der Überholspur hat seinen Preis: Nach wenigen Wochen hat die Stubenfliege ihr Leben gelebt und stirbt.
Gebremster Sekundenzeiger
Darauf brauche ich bei meinem Frühstück allerdings nicht zu hoffen, denke ich, während ich frustriert den Kampf gegen die Fliege aufgebe und hastig mein Müsli wegräume, denn vermutlich werden die Kinder und Kindeskinder beständig das Werk ihrer Vorfahrin fortführen. Ein Blick auf die Uhr lässt mich aber erneut innehalten. Die Fliege sieht den Sekundenzeiger also viermal langsamer ticken als ich, wird mir klar. Anders gesagt: Das Empfinden von Zeit ist individuell und in jedem Fall relativ.
Wie auch jenes meiner Schildkröten im Garten, die ich vor dem Weggehen auch noch füttern muss. Zwischen dem Moment, als sie mich mit dem Futter sehen und auf mich zuspazieren, bis zur Ankunft, liegen Minuten – in ihrer Realität haben sie aber wohl gerade einen Sprint zurückgelegt. Denn Schildkröten leben in einer entschleunigten Welt, nehmen nur rund 15 Bilder pro Sekunde wahr und sehen mich wie im Zeitraffer. Beziehungsweise den Zeiger meiner Küchenuhr viermal so schnell wie ich.
Ich merke das, indem sie jedes Mal den Kopf einziehen, wenn ich mich zu schnell nähere, und ich mich bewusst langsam bewegen muss, um sie nicht zu erschrecken. Grund dafür ist auch hier der Stoffwechsel, der ganz generell mit dem Zeitempfinden verknüpft ist, und der bei den Schildkröten träge ist. Bis sie eine Mahlzeit verdaut haben, können bis zu drei Wochen vergehen.
Zählen Millisekunden, um zu überleben?
Warum das so ist? Schildkröten sind wechselwarme Tiere, können ihre Körpertemperatur also nicht selbst regulieren, sondern sind von der Umgebungstemperatur abhängig. Das bedeutet, dass sie auch Nahrung nicht effizient verdauen müssen, um daraus Energie für das Aufrechterhalten der Körpertemperatur zu gewinnen. Denn anders als zum Beispiel die Fliege, die – nicht unbedingt vor mir, aber doch hin und wieder – vor Fressfeinden flüchten muss, haben die Schildkröten ihren Panzer, in den sie sich bei Gefahr zurückziehen können. Für sie zählen also nicht Millisekunden, um zu überleben. Sie kommen mit deutlich weniger Informationen pro Zeiteinheit aus und somit auch mit weniger Bildern, die ihre Augen pro Sekunde verarbeiten.
Im Gegensatz zur Stubenfliege werden sie dafür sehr alt. Die älteste noch lebende Schildkröte der Welt, die Seychellen-Riesenschildkröte Jonathan, ist heuer 194 Jahre alt geworden. Sie hat somit schon zwei Industrielle Revolutionen und zwei Weltkriege miterlebt. Die Riesenschildkröte Adwaita gilt bis heute als das älteste Tier in Gefangenschaft: Sie lebte in einem Zoo in Indien und ist im Jahr 2006 mit geschätzt 256 Jahren gestorben.
Während ich versuche, das zu realisieren, mache ich mich endlich auf den Weg zum Zug und lasse Schildkröten und Fliege zurück in ihren jeweiligen Geschwindigkeiten und Zeitrealitäten. Das allerletzte Stück muss ich schließlich laufen – denn die Uhr tickt.
Petra Tempfer nimmt dich alle zwei Wochen mit nach draußen in die Natur, in ihren Garten und zu allem, was da so lebt. Nächstes Mal naschen vielleicht schon die Nachfahren ihrer Stubenfliege von ihrem Müsli mit – oder von den Gummibärchen, die sie während des Schreibens ihrer Texte gern isst. Sobald sie ein rotes erwischt, steckt sie sich damit vielleicht auch gemahlene Schildläuse in den Mund: Der Farbstoff Karmin (E120) wird aus diesen hergestellt und Süßigkeiten nach wie vor beigemengt. Welche Insekten du noch mitisst, ohne es zu wissen, liest du hier in zwei Wochen.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Die Gemeine Stubenfliege (Musca domestica) ist fast auf der ganzen Welt zuhause. Sie kann dank eines Haftsystems mit tausenden kleinen Haaren an ihren Füßen auf Spiegeln senkrecht nach oben laufen und mit bis zu 300 Flügelschlägen pro Sekunde vielen ihrer Feinde mühelos entkommen. Sie lebt dort, wo Menschen leben, und isst alles, was nahrhaft ist. Feste Nahrung muss sie zuvor mit ihrem Speichel einweichen, um sie dann mit ihrem Rüssel aufzusaugen. Die Weibchen können mehrmals pro Jahr bis zu 600 Eier legen. Die Gemeine Stubenfliege gehört zur Familie der Echten Fliegen (Muscidae), von denen es allein im deutschsprachigen Raum mehr als 300 Arten gibt. (Naturschutzbund Deutschland)
- Die Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni) ist jene Schildkröten-Art, die am häufigsten von Menschen gehalten wird. Sie erreicht eine Panzerlänge von durchschnittlich 20 Zentimetern und zählt somit zu den kleinen bis mittelgroßen Landschildkröten. Ihr natürliches Vorkommen erstreckt sich über den europäischen Mittelmeerraum. Nach Ende der Winterstarre im März/April nutzen die Tiere ihre aktive Zeit hauptsächlich zum Sonnenbaden in den warmen Vormittagsstunden. Die Hauptaktivitätsphase liegt im Mai beziehungsweise Juni. (Die Schildkröten-Farm)
- Adwaita (Sanskrit für „der Unvergleichliche“) wurde geschätzt 256 Jahre alt. Die Aldabra-Riesenschildkröte lebte im Zoo von Kalkutta in Indien; 2006 führte ein Riss in ihrem Panzer zum Tod. Landschildkröten zählen zu den Reptilien, ihre amphibischen Artgenossen werden bei Weitem nicht so alt. (Geo.de)
- Als wechselwarm oder poikilotherm bezeichnet man Tiere, die keine konstante Körpertemperatur aufweisen. Die meisten Tiere sind wechselwarm, zum Beispiel fast alle Fische, Amphibien und Reptilien, aber auch Insekten und andere wirbellose Tiere. Relativ gleichwarm (homoiotherm) sind Vögel und Säugetiere. (Chemie.de)
- Die Flimmerverschmelzungsfrequenz (Critical Flicker Fusion Frequency, Einheit Hertz) ist jene Frequenz, bei der bei einem periodisch wiederholten Wechsel von Lichtreizen (zum Beispiel Hell und Dunkel) die Reizwechsel nicht mehr wahrgenommen werden, sondern durch Verschmelzung (Flimmerfusion) ein einheitliches Bild entsteht. Sie hängt von der Anpassungsfähigkeit des Auges, Ermüdungsgrad, Leuchtdichte und anderen Bedingungen ab und liegt beim Menschen bei bis zu 60 Einzelreizen pro Sekunde (Auflösungsvermögen). (Spektrum.de)
- Gerade bei fliegenden Insekten sind die Augen die deutlich dominantesten Körperteile – sie machen bis zu 90 Prozent der Kopffläche aus. Der Grund dafür liegt in deren Aufbau: Sie bestehen aus winzigen Einzelaugen, so genannten Ommatidien, die dicht nebeneinander liegen und zusammen ein großes Auge bilden. Biolog:innen sprechen auch vom Facettenauge. Diesen Augentyp findet man in unterschiedlichen Ausprägungen und Größen. Libellen und einige Fliegen besitzen zum Beispiel nicht nur die flächenmäßig größten Facettenaugen, sondern mit bis zu 28.000 Ommatidien in einem Auge auch die größte Dichte an Einzelaugen. Zum Vergleich: Ein Glühwürmchen hat gerade einmal 300 Ommatidien pro Facettenauge. Gegenüber den Linsenaugen des Menschen bieten Facettenaugen sowohl Vor- als auch Nachteile. Ein Vorteil liegt in der höheren zeitlichen Auflösung: Während ein menschliches Linsenauge maximal 60 Bilder pro Sekunde wahrnehmen kann, schaffen bestimmte fliegende Insekten bis zu 300 Bilder pro Sekunde – sonst wären die präzisen Flugmanöver gar nicht möglich. Ein weiterer Vorteil großer Facettenaugen ist das erweiterte Sichtfeld, das bei einigen Libellen und Fliegen fast 360 Grad beträgt – ein Rundumblick also. Menschen haben ein Sichtfeld von knapp 180 Grad. Ihre Schwäche haben die Facettenaugen in der räumlichen Auflösung; ein Manko, das durch die erhöhte zeitliche Auflösung aber teilweise ausgeglichen wird. (Welt der Wunder)
Quellen
- Horch K, Salmon M. Frequency response characteristics of isolated retinas from hatchling leatherback (Dermochelys coriacea L.) and loggerhead (Caretta caretta L.) sea turtles. Journal of Neuroscience Methods, Volume 178, Issue 2, Pages 276-283, ISSN 0165-0270 (2009).
- Mankowska ND, Marcinkowska AB, Waskow M, Sharma RI, Kot J, Winklewski PJ. Critical Flicker Fusion Frequency: A Narrative Review. Medicina (Kaunas). 57(10):1096. doi: 10.3390/medicina57101096. PMID: 34684133; PMCID: PMC8537539 (2021).
- Sukontason KL, Chaiwong T, Piangjai S, Upakut S, Moophayak K, Sukontason K. Ommatidia of blow fly, house fly, and flesh fly: implication of their vision efficiency. Parasitol Res.,103(1):123-31. doi: 10.1007/s00436-008-0939-y. PMID: 18343951 (2008).
- Ommatidium (ScienceDirect)
- Sehen Fliegen in Zeitlupe? (TierWelt)
- Wachstum und Gewicht von Landschildkröten (Die Schildkröten-Farm)
- 500 Jahre? Das sind die ältesten Tiere der Welt (Welt der Wunder)
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