Ein Jahrzehnt, nachdem österreichische Supermärkte ihre Online-Shops eingeführt haben, haben sie es noch immer nicht geschafft, ein Geschäft daraus zu machen.
Ein Jahrzehnt, nachdem österreichische Supermärkte ihre Online-Shops eingeführt haben, haben sie es noch immer nicht geschafft, ein Geschäft daraus zu machen.
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Nach der Arbeit nach Hause kommen und frische Lebensmittel empfangen, ohne dafür noch in den Supermarkt eilen, lange anstehen und die schweren Einkaufstaschen nach Hause schleppen zu müssen: Dieser Komfort hat seinen Preis – und zwar für die Kund:innen ebenso wie für die Händler:innen. Denn die Zustellung von Lebensmitteln ist in Österreich kein gutes Geschäft, wie das aktuelle Beispiel Billa zeigt.
Warum Billa die Hauszustellung einstellt
Die österreichische Tochter der deutschen Handelskette Rewe stellte schon vergangenes Jahr die Lebensmittelzustellung außerhalb von Wien ein. Jetzt gibt Billa den Service auch in der Hauptstadt auf. 2015 startete die Supermarktkette ihre E-Commerce-Offensive und richtete 2017 sowie 2020 eigene Lagerhallen für das Online-Geschäft ein. Im Jahr 2024 erwirtschafteten Billa und die zum Konzern zugehörige Drogeriemarktkette Bipa im Online-Handel einen Umsatz von 114 Millionen Euro, im Jahr davor waren es noch 103 Millionen Euro. Gemessen am Gesamtumsatz der Rewe Group Österreich von 10,94 Milliarden Euro im Vorjahr ist die E-Commerce-Sparte jedoch überschaubar.
Konzernchef Marcel Haraszti sagte im vergangenen Jahr in einem APA-Interview, dass mit dem Online-Handel noch kein Gewinn erzielt werde. Die Supermarktkette begründet das jetzige Ende der Lebensmittelzustellung in Medienberichten mit einem sich verändernden Konsumverhalten und steigenden Kosten für die sogenannte letzte Meile.
Die verflixte letzte Meile
Der aus dem E-Commerce stammende Begriff „letzte Meile“ beschreibt den Weg vom letzten Verteilzentrum zur Adresse der Empfänger:innen und somit den finalen Abschnitt der Lieferung. Gerade bei zeitkritischen Lieferungen wie bei verderblichen Lebensmitteln ist dieser Abschnitt eine Herausforderung, da die Waren entsprechend gelagert und gekühlt werden müssen. Für diesen Lieferweg arbeiten Unternehmen oftmals mit externen Dienstleistern zusammen, etwa dem Essenslieferdienst Foodora oder dem deutschen Start-up Liefergrün. Letzteres meldete nach zwei Jahren in Wien im vergangenen Jahr Insolvenz an.
Die Krise des reinen Online-Händlers Gurkerl.at zeigt, wie schwierig das Geschäft mit der Lebensmittelzustellung ist. Als Ableger des tschechischen Unternehmens Rohlik ging Gurkerl.at Ende 2020 in Wien an den Start. Fünf Jahre und eine Kündigungswelle und Umstrukturierung später ist der Online-Supermarkt noch immer nicht profitabel. In den vergangenen zwei Jahren hat das Unternehmen in die Automatisierung des Logistikzentrums investiert. Mittlerweile werden eigenen Angaben zufolge 70 Prozent der Bestellungen vollautomatisiert abgewickelt.
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Verlustgeschäft mit Lieferdiensten
Gurkerl.at ist nicht das einzige Unternehmen, das mit der Lebensmittelzustellung mehr Geld ausgibt, als es einnimmt. DoorDash, der größte Anbieter für Lebensmittellieferungen in den USA, schrieb erst 2024, elf Jahre nach der Gründung des mittlerweile börsennotierten Unternehmens, sein erstes profitables Jahr. Konzerne wie Rohlik oder DoorDash leisten sich also die jahre- oder jahrzehntelangen Investitionen in den Online-Lebensmittelhandel.
Doch Rewe Österreich ist nicht der einzige Händler, dem der lange Atem – oder das notwendige Kapital – fehlte. 2014 war die Supermarktkette Unimarkt die erste in Österreich, die Hauszustellungen anbot. Der einstige Pionier stellte 2024 seinen Online-Shop gänzlich ein und ist mittlerweile insolvent. Auch Interspar hat die Hauszustellungen in diesem Jahr eingestellt.
Lebensmittel machen nur zwei Prozent des Online-Handels aus
Das Problem mit den Lebensmittellieferungen spiegelt sich auch in einer aktuellen Marktstudie wider. Laut der E-Commerce-Studie Österreich 2025 der KMU Forschung machen Lebensmittel 39 Prozent der gesamten Ausgaben im Einzelhandel aus. Online haben sie jedoch nur einen Anteil von 2 Prozent, während es bei Bekleidung oder Elektrogeräten mehr als 30 Prozent sind. Die Online-Käufer:innen lassen sich ihren Einkauf mit 85 Prozent bevorzugt nach Hause liefern, obwohl Abholstationen der E-Commerce-Studie zufolge immer öfter genutzt werden.
Der Komfort ist also ein wichtiges Kriterium für Konsument:innen, doch die österreichischen Handelsketten können oder wollen diesen angesichts der Kosten nur begrenzt anbieten. Ganz verschwindet der Online-Handel bei Billa und Interspar aber nicht, die Möglichkeit der Online-Bestellung und Selbstabholung bleibt vorerst bestehen. Damit erspart man sich zwar nicht den Weg in den Supermarkt, aber zumindest die Zeit für den Einkauf in der Filiale.
Elisabeth Oberndorfer schreibt jede Woche eine Kolumne zum Thema Ökonomie. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Seit zehn Jahren versuchen österreichische Supermarktketten Lebensmittel bis zur Haustür zu liefern, mittlerweile haben alle großen Anbieter ihre Dienste eingestellt.
- Lebensmittel haben im österreichischen Online-Handel laut einer Studie der KMU Forschung nur einen Anteil von 2 Prozent.
- Der reine Online-Supermarkt Gurkerl.at ist 2020 in Österreich gestartet und soll mithilfe eines vollautomatisierten Logistikzentrums profitabel werden.
Quellen
- REWE Group Österreich: Unternehmenszahlen 2024
- KMU Forschung: E-Commerce-Studie 2025
- Der Standard: Billa stoppt Hauszustellung in Wien
- ORF: Billa stoppt Hauszustellung am Land
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