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Warum Fußball-Krösus Salzburg nicht aus der Krise findet

7 Min
Bei Red Bull Salzburg kriselt es, aus den Bullen wurden zahme Kälber.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Red Bull Salzburg wurde einst mit einem perfekten Konzept europaweit zum Vorzeigeverein, ehe man die Orientierung verlor. Nun hängt der Klub in der Fehleranalyse fest – und findet keinen Ausweg.


    • Red Bull Salzburg steckt in einer Krise, da das frühere Erfolgskonzept mit jungem Powerfußball nicht mehr funktioniert.
    • Der Klub wiederholt alte Fehler, indem er erfolglose Strategien wie den Fokus auf erfahrene Spieler erneut versucht.
    • Es fehlt eine klare, funktionierende Spielweise und Vision, was zu Orientierungslosigkeit und sportlichem wie wirtschaftlichem Misserfolg führt.
    • Seit 2 Jahren kein Titel, aktuell nur Platz 4 in der Liga
    • In den letzten 4 Saisonen: 300 Mio. € Einnahmen, 120 Mio. € Investitionen
    • 6 Trainer und 4 Sportchefs in 3 Jahren
    • Sturm Graz investierte 35 Mio. €, wurde aber 2-mal Meister
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Die Bullen dürften nicht in der Vergangenheit hängenbleiben, fordert Salzburgs neuer Sportchef Marcus Mann. Leichter gesagt als getan. Denn die Vergangenheit ist alles, woran sich der kriselnde Klub noch klammern kann. Red Bull Salzburg steht für Powerfußball mit blutjungen Talenten, die Meisterschaften und Millionen erspielen. So zog man in ein Europacup-Halbfinale ein, trumpfte in der Champions League auf, wurde Serienmeister.

Doch das Erfolgskonzept funktioniert nicht mehr. Aus den Bullen wurden zahme Kälber. Zwei Jahre lang kein Titel, kein Erfolg in Europa und der Karacho-Fußball stottert gewaltig. Auch aktuell: Nur Platz 4 in der Liga, die Meisterschaft so gut wie verspielt. Die mutige, angriffige Pressing-Spielweise – genannt Red-Bull-Stil –, die den Fußballern einst mächtige Flügel verlieh, sie sei von der Konkurrenz durchschaut, meint der neue Sportchef.

Das Problem: Diese Fehleranalyse wälzt der Klub seit Jahren hin und her, ohne Lösung. Und obwohl die neuen Ideen und Konzepte nicht dazu taugen, das einstige Erfolgsmodell abzulösen, werden sie ständig wiederholt.

Nun sollen erstmal vermehrt erfahrene Kicker geholt werden, die schnell für Ordnung sorgen. Das erinnert an jenes Salzburg, das vor 21 Jahren von Red Bull übernommen worden war, den schnellen Erfolg suchte, aber bloß viel Kohle ohne Konzept verschleuderte. Ralf Rangnick änderte das 2012. Der Deutsche schuf eine Vision samt aufregender Spielweise, holte hungrige Toptalente und moderne Trainer, die zum neuen Red-Bull-Dogma passten: Angriff immer und überall. RB Salzburg wurde so vom Verlustgeschäft zur Gelddruckmaschine, das mit Spielerverkäufen und Europacup-Prämien hunderte Millionen Gewinn erspielte. Das Problem: Seit 2020 ist Rangnick nicht mehr da. Einige Jahre führte sein Lehrling Christoph Freund das Werk wie von Meisterhand weiter, ehe auch er 2023 den Klub verließ und Salzburg ins Dilemma schlitterte. In den letzten Jahren wurde zweimal Sturm Graz Meister, der Wolfsberger AC Cupsieger und Salzburg auch international zur Lachnummer.

Ratlose Bullen

Nun müsste man meinen, dass ein strategisch-visionärer Klub wie RB Salzburg mit einer weltweiten Fußballabteilung, einer Menge Geld und viel Knowhow im Hintergrund, schnell die Kurve kriegen müsste. Doch das Gegenteil ist der Fall. In Salzburg, einst Hochburg von Kontinuität und Weitsicht, wechselten sich in den letzten drei Jahren sechs Trainer und vier Sportchefs ab. Lange verlachte der Erfolgsklub die heimische Konkurrenz wegen ihrer slapstickhaften Orientierungslosigkeit. Nun geht es den Bullen selbst so.

Immerhin der neue Sportchef Mann denkt nach 100 Tagen im Amt, die Fehler gefunden zu haben. Der Klub müsse sich „öffnen“ und „weiterentwickeln“, erklärte er auf Sky. Das klingt erstmal vernünftig. Jedes noch so gute Konzept braucht eine Generalüberholung, da dürfen selbst Bullen keine Scheuklappen tragen. Der alte Erfolgsfußball bringe keine neuen Erfolge mehr, meint Mann, weil europaweit nun alle wüssten, wie die Bullen spielen und sich keiner mehr überraschen ließe. Zu diesem Schluss darf man durchaus kommen. Das Problem ist deshalb auch gar nicht die Fehleranalyse, sondern vielmehr die angedachte Fehlerbehebung. Die neuen Ideen klingen zum Teil altbacken, waren allesamt schon einmal da – und sie haben sich zudem nicht bewährt.

Die Abkehr vom Rambazamba-Bullenspiel etwa wurde schon vor zwei Jahren versucht und scheiterte kolossal. Schon damals hatte man die „berechenbare“ Spielweise kritisiert, ehe der neu installierte Trainer Pep Lijnders ermuntert wurde, „aktiv Dinge zu verändern“. Doch das funktionierte nicht. Der angriffige Karacho-Fußball wich bloß einem drögen Ballgeschiebe, worauf Spiel um Spiel verloren wurde. In Salzburg ist eine Umstellung der Spielweise schwieriger als anderswo. Hier ist von der Nachwuchsarbeit bis zur Transferpolitik alles auf den forschen Bullen-Stil ausgerichtet. Das Konzept zu ändern, bräuchte viel Zeit, was einem Neuanfang gleichkäme.

Salzburg wiederholt Fehler

Der Sportchef denkt aber auch, es fehle an Qualität im Kader. Deshalb will er erfahrene Kicker holen, „die wissen, wie man ein Spiel beruhigen oder schnell machen kann“. Doch auch diese Idee ist nicht neu. Vor zwei Jahren erklärte Geschäftsführer Stephan Reiter: „Wir müssen uns von diesem Dogma, extrem jung zu sein, ein Stück weit verabschieden und Erfahrung in den Kader zuführen“. Die Folge: Der 28-jährige Jacob Rasmussen patzte öfter als seine jungen Kollegen. Und der 34-jährige Karim Onisiwo war ständig verletzt. Die besten Spiele der letzten Monate lieferten die Bullen hingegen, als die jüngsten Teams der Vereinshistorie aufliefen.

Das entspräche auch dem Salzburger Geschäftsmodell, das immer eine Win-Win-Situation für Kicker und Klub war: Die jungen Talente kommen hier früher zu Einsätzen als anderswo, spielen sich über eine funktionierende Spielweise in die Auslage und bringen dem Klub am Ende noch viel Transfergeld. Doch genau davon will Mann nun abrücken. Spieler sollen nicht mehr bloß teuer verkauft, sondern lieber um viel Geld verpflichtet werden. „Wenn wir besser werden wollen, muss man vielleicht auch wieder mehr ausgeben“, sagt Mann und meint damit Transfers jenseits der 10-Milllionen-Marke, die im wirtschaftlich nachhaltigen Salzburg eigentlich verpönt sind.

Zu wenig investiert?

Salzburg steckte fast das Vierfache von Meister Sturm in neue Spieler. Das Problem: International bereits erfolgreiche Kicker aus guten Ligen um viel Geld nach Salzburg zu holen, die dann mit erschrockenen Gesichtern auf Dorfplätzen in Hartberg oder Wolfsberg auflaufen – und am Ende aufgrund ihres Alters auch keine hohen Ablösen mehr einspielen –, wird nicht funktionieren. Das würde dem Klub keine sportliche Trendwende bringen, sondern auch noch den wirtschaftlichen Todesstoß.Dazu gibt Salzburg schon jetzt viel mehr Geld aus als die Ligakonkurrenz. In den letzten vier Saisonen wurden zwar mit Verkäufen stolze 300 Millionen eingenommen, aber auch 120 (!) Millionen in neue Kicker investiert. Und trotzdem reichte es nicht einmal für einen Meistertitel oder Cupsieg in Österreich. Die Pokale holten Sturm Graz (das in den letzten vier Jahren bloß 35 Millionen in neue Spieler investierte) und Wolfsberg (3 Millionen). Schuld am Salzburger Misserfolg ist also mit Sicherheit nicht zu wenig investiertes Geld. Aber was dann?

Früher hat der Klub seine Kicker für eine klar definierte Spielweise gesucht und deshalb akkurat geeignete Typen gefunden. Nun fehlt so ein funktionierendes Spielsystem, das den Jungen Halt gibt. Anstatt aber diesen Missstand zu erkennen und erstmal an der Spielweise zu feilen, will man mehr ältere Haudegen verpflichten, an denen sich die Jungen anhalten können – obwohl das schon zuletzt vor aller Augen schiefgegangen ist.

Früher gab die globale Bullen-Fußballabteilung Vision und Spielweise vor. Nun erklärt Sportchef Mann selbstständig seine ausbaufähige Vision und beklagt, dass er im Klub noch „keine Offenheit“ dafür spüre. So wurde aus dem einstigen Salzburger Konzeptklub ein Chaosverein, der beim Personal regelmäßig danebengreift, vor allem, weil eine eindeutige Spielweise fehlt.

Klopp ist kein Rangnick

Eigentlich gäbe es im Dosenkonzern einen Mann, der für alle Red-Bull-Klubs eine Linie festlegen sollte: Jürgen Klopp, ein deutscher Trainer-Guru, der nach den fordernden Jahren beim FC Liverpool im Grunde eine Pause benötigt hätte, wie er selbst erklärte, aber dann die Millionen-Anfrage von Red Bull doch nicht ablehnen wollte.

Nun wirkt der Ex-Startrainer, den man oft tiefenentspannt mit breitem Grinsen auf Society-Events sieht, wie eine prominente Werbepuppe, die zu Marketingzwecken halt auch da ist, aber nicht wie einer, der mit dem berserkerhaften Arbeitseifer eines Ralf Rangnick dem Red-Bull-Fußball neues Leben einhaucht.

Dabei hätte Salzburg grundsätzlich gute Voraussetzungen. Der Klub verfügt über mehrere U-17-Vizeweltmeister wie den 18-jährigen WM-Torschützenkönig Johannes Moser im Nachwuchs. Und weiterhin über internationales Renommee, das Rohdiamanten anzieht. Es fehlt bloß an einer versierten Adaptierung der Erfolgsspielweise, die den angriffigen Karacho-Fußball mit einer spielerischen Note verfeinert, aber die Grundidee nicht auslöscht.

Was auffällt: In Salzburg scheint das niemand so recht hinzubekommen, während die einstigen Baumeister des Bullen-Erfolgs Ralf Rangnick beim ÖFB und Christoph Freund in München weiterhin große Erfolge einfahren.

Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne – er analysiert und kommentiert dabei die heißen Eisen der österreichischen Kickeria.


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Infos und Quellen

Zum Autor

Gerald Gossmann schreibt für deutschsprachige Medien wie Die Zeit, Profil und den Spiegel über Sportpolitik und beleuchtet die Problemfelder des Fußballbetriebs regelmäßig in TV-Sendungen, etwa im ORF oder bei Puls4. Er ist bekannt für seine kritischen Analysen und dafür, komplexe Inhalte in einfacher Sprache zu erklären.

Daten und Fakten

  • Der Salzburger Bundesligaklub wurde 2005 vom Getränkekonzern Red Bull übernommen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde der Klub zu einem internationalen Vorzeigemodell, das über Transfers hunderte Millionen Euro einnahm, im Europacup Erfolge erzielte und in Österreich zum Serienmeister wurde. Seit drei Jahren ist der Erfolgslauf gerissen. In den letzten Jahren wurde zweimal Sturm Graz Meister; auch heuer liegt Salzburg fünf Punkte hinter dem ersten Rang, auf dem erneut die Grazer rangieren. Dabei verfügt RB Salzburg über wesentlich mehr Geld als die Konkurrenz und einen wesentlich teureren Kader.

Quellen

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