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Warum ich Labubus unheimlich finde

6 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© WZ

Die Plastikpuppen sind nicht nur wegen ihrer spitzen Zähne alles andere als süß.


Labubus. Schon klar, dass die Kaller sich drüber aufregen sollte. Plastikscheiß, Hypertrend, in spätestens einem halben Jahr Geschichte. Das Gleiche ist passiert mit Beanie Babies in den 90er Jahren, Furbies, Tamagotchis und den sinnlosen Fidget Spinners: Sie alle nahmen den Weg der Dubai Schokolade, old news, gähn, wo ist der Skandal bitte? Endlos gehyped, riesige Nachfrage, irgendwann im Handy-/Paketstore erhältlich und vorbei war’s mit dem Luxus und dann hatten wir die Unmengen an Plastikmüll. Und das Ding mit den Stanley Cups, nun ja, das hab’ ich ja hier schon mal ausführlich behandelt. Übrigens, trägt noch jemand seine Adidas Sambas, die vor zwei Jahren alle haben mussten?

Jetzt also Labubus, süß-hässliche Plastikpuppen, das Accessoire der Stunde auf teuren oder nicht ganz so teuren Handtaschen. Ich könnte jetzt natürlich was darüber schreiben, wie absurd die Mengen unseres Konsums geworden sind. Unser Materialverbrauch hat sich seit den 1990ern weltweit mehr als verdoppelt. Aber ich finde Labubus nicht nur sinnlos wie all die anderen genannten Plastikgraffln, sondern wirklich, wirklich unheimlich. Und das nicht wegen ihrer spitzen Zähne.

Wenn bereits die Verpackung problematisch ist

Labubus sind nicht nur der nächste Hypertrend, der tausendfach kopiert wird und wahrscheinlich noch schneller in den Krimskrams-Laden der Geschichte landen wird als seine Trendvorgänger. Dass die Welt auf hässliche Plastikplüschtiere steht, ist mir egal. Was mir nicht egal ist, sind einerseits die Verpackungen und andererseits die Zuschreibungen. Was meine ich damit?

Zunächst mal zu den Verpackungen: Man kauft Labubus in Mystery Boxes. Das heißt, man kauft eine Kartonschachtel, in der sich der Labubu nochmal in einer Folienverpackung befindet, die nicht transparent ist. Man weiß also nicht, was für ein Labubu drin ist, es gibt die Möglichkeit, aus sechs verschiedenen – und … ganz spannend … einem „geheimen“ Labubu, der ganz besonders selten ist – einen zu bekommen.

Damit hat man beim Auspacken einen zusätzlichen Adrenalinschub: Welcher wird es sein? Wird es der sein, den ich mir wünsche? Oder vielleicht sogar der – in der Produktion exakt gleich viel kostende – ganz geheime und damit „wertvolle“ Labubu?

Was da angesprochen wird, ist ein chemischer Ablauf im Gehirn, der in Spielsucht münden kann. Es mehren sich die Fälle von Menschen, die tausende US-Dollar für Labubus ausgeben, um diesen Spieltrieb zu befriedigen. Wir haben weltweite Krisen, die sich gewaschen haben, und Menschen suchen in Massen ihr Heil in kleinen Plastikfiguren, für die sie ihr Angespartes ausgeben. Es zeigt sich sehr klar: De facto geht es gar nicht mehr um das Produkt, es geht um das gute Gefühl und den Kick beim Auspacken. Es geht darum, in einer Welt voller Kriege und Katastrophen die körpereigene Biochemie auszutricksen.

Gratulation, neues Level „Kapitalismus“ freigeschaltet!

Tja, immer wenn man glaubt, jetzt ist der Kapitalismus fertiggespielt, kommt er mit einer nächsten Pointe um die Ecke. Wenn ich drauf wetten hätte müssen, ob im Jahr 2025 erwachsene Menschen kreischend vor der Kamera Plüschfiguren, deren Produktionskosten sich wahrscheinlich im Cent-Bereich bewegen, und wahlweise hysterische Kreischanfälle vor Freude oder Heulkrämpfe vor Verzweiflung bekommen (weils schon wieder der falsche Labubu war), und die für diesen Kick jedes Mal mindestens 30 Dollar ausgeben – ich hätt’ definitiv auf „Nein, seid’s wahnsinnig, natürlich nicht!“ gesetzt. Tja, falsch gedacht. Hypertrends allein reichen anscheinend nicht mehr aus, man muss nun psychologisch die Leute auch noch in die Spielsucht treiben und FOMO (Fear of Missing out) eiskalt ausnutzen. Hauptsache, man holt ihnen das Geld aus der Tasche.

Das macht Labubus zu einem Symbol – und das ist mein zweiter Kritikpunkt. Wobei Kritik würde ich das gar nicht nennen, sondern eher: Meine Bedenken. Es gibt bereits unzählige Analysen zu diesem Trend, vom obengenannten Zusammenhang zwischen Krisenzeiten und Plüschtieren über die Interpretation von Labubus als Luxusprodukt, an denen Normalsterbliche auch teilhaben können, bis hin zur Debatte, ob Labubus ikonisch für die LGBTQ-Community stehen. Und immer wieder die Debatte, dass der Trend von Frauen getrieben wird (was übrigens gar nicht stimmt, 40 Prozent der Käufer von Labubus sind männlich) und dass Frauen mit ihrem sinnlosen Konsum die Welt zerstören.

Ja, leiwand sind sie nicht, diese Massenhypes, die Social Media Reels, wo leider wirklich so gut wie immer Frauen ihre fünfzig Stanley Cups in allen Farben des Regenbogens oder die nächsten zehn Labubus kreischend auspacken. Ja, es ist umweltschädlich, von der Massenproduktion aus Erdöl bis hin zu den immensen Mengen an sinnlos entstandenem Müll. Aber auch hier würde ich gerne an die Verhältnismäßigkeiten erinnern. Die weltgrößten Umweltverschmutzer sind Energie-Unternehmen wie Saudi Aramco, Gazprom, Chevron, ExxonMobil, BP, Shell, und wenn wir den Individualkonsum dazunehmen, Fast Fashion Brands wie Zara oder H&M und natürlich die Giganten Amazon, Temu, Shein. Kein einziges dieser Unternehmen hat einen weiblichen CEO. Kein einziges.

Wir alle machen es falsch

Und auch beim Konsum führen Männer. Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2021, veröffentlicht im Journal of Industrial Ecology, zeigt, dass Männer im Durchschnitt rund 16 Prozent mehr CO₂-Emissionen durch ihren Konsum verursachen als Frauen – und das, obwohl beide Geschlechter insgesamt ähnlich hohe Ausgaben tätigen. Der Unterschied liegt vor allem in den Konsummustern: Männer geben deutlich mehr Geld für Autofahrten, Fleisch und andere fossile Energieformen aus, die besonders klimaschädlich sind. Frauen hingegen verwenden einen größeren Anteil ihres Budgets auf Gesundheit, Mode, Haushalt und Ernährung. Diese Ausgabenbereiche sind pro investiertem Euro in der Regel weniger CO₂-intensiv, was zu einem insgesamt kleineren ökologischen Fußabdruck führt.

Ich möchte hier nicht das alte, langweilige Männer-gegen-Frauen-Spiel weiterspielen, aber wenn schon die halbe Welt (die Hälfte, die Labubus nicht mag) auf Frauen wegen ihres Konsums hinhaut, sollte man denen argumentativ halt doch etwas Faktenbasiertes entgegenhalten können. Wir machen es alle zusammen nicht gut.

PS: Übrigens, apropos Labubus: Hier in Wien haben erst vor kurzem eigene Labubu-Stores aufgemacht. Von einer Freundin, die in Dubai lebt, habe ich erfahren, dass dort der Labubu-Trend schon wieder fast vorbei ist, die Läden wieder schließen. Die Halbwertszeit dürfte also sowieso schon erreicht sein. Ich bin ja mal gespannt, mit welchem Trend der Kapitalismus als nächstes um die Ecke kommt.

Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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