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Warum Laimer doch ein Maradona ist

7 Min
In seiner Kolumne analysiert Gerald Gossmann regelmäßig das aktuelle Fußballgeschehen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: APA Images.

Der Österreicher Konrad Laimer gilt als einer der weltbesten Defensivspieler. Aber im Fußballgeschäft ist er weniger wert als die großen Offensivstars, wie ihm sein FC Bayern gerade verdeutlicht. Das ist ein Fehler.


Es gibt Kicker, die strotzen nur so vor Bling-Bling. Marko Arnautović etwa, dieser ganzkörpertätowierte Typ mit Oberschenkeln wie Hulk Hogan, der auf dem Feld zwischen Artist und Alleinunterhalter pendelt. Oder Cristiano Ronaldo, der allein durch seine nahtlose Bräune hervorsticht, dank Gesichtslotion wie eine Speckschwarte glänzt – und dazu noch die meisten Tore von allen schießt.

Um sie dreht sich alles im Fußballbetrieb. Männer, die Tore am Fließband erzielen, geniale Pässe aus dem Fußgelenk schütteln, jene, die Spiele entscheiden und Millionen einspielen.

Doch es gibt auch noch die anderen. Blasse Burschen wie Konrad Laimer, die mit gesenktem Kopf und ständig im Sprintmodus jene Drecksarbeit verrichten, damit andere glänzen können. Aber dann, zu allem Überdruss, oft nur die Hälfte von jenen verdienen, die sie mit ihrer Kampfkraft in die Auslage stellen.

Das ist der Moment, in dem sich zeigt, dass es auch im Milliardengeschäft Fußball – zwar auf hohem Niveau, aber doch – eine Zweiklassengesellschaft gibt. Die Geschichte von Konrad Laimer zeigt das gerade exemplarisch auf. Der Österreicher zählt zu den weltbesten Spielern. Bei seinem Klub, dem FC Bayern, gilt er als unverzichtbarer Motor für deren Erfolgsspielweise, und doch wird ihm nun vor den Augen der Weltöffentlichkeit klargemacht, nur B-Ware zu sein. Kurz zusammengefasst: Bislang soll Laimer neun Millionen Euro brutto im Jahr verdient haben. Doch nun will er mehr. Etwa 12 bis 15 Millionen. Seit Monaten wird verhandelt – oder anders gesagt: ums Geld gefeilscht.

„Er ist eben nicht Maradona“

Deshalb sprach der heimliche Patron des Vereins vor kurzem ein Machtwort. Laimer sei sehr wichtig, erklärte Ehrenpräsident Uli Hoeneß mit stoischer Miene, „aber er ist eben nicht Maradona“. Und „solche Spieler“ – also Arbeitsbienen ohne Torgarantie – müssten nun mal akzeptieren, „dass es Grenzen gibt“.

Otto Normalverdiener würde dem Vereinsboss wohl durchaus wohlwollend zuklatschen, weil er der Gier im Fußballgeschäft einen Riegel vorschiebt. Doch so einfach ist das nicht.

Denn bei den Bayern kassieren einige Spieler wesentlich mehr als Laimer, die gemeinhin auch nicht als Maradona durchgehen. Die beiden Verteidiger Upamecano (ein Franzose) und Davies (ein Kanadier) sollen mittlerweile rund 20 Millionen verdienen. Erst vor kurzem wurden ihre Verträge kostspielig verlängert.

Die Bayern wollen eigentlich sparen. Und das globale Spiel immer höherer Summen nicht mitmachen. Das Problem. Zuletzt gaben sie am Ende immer nach. Neben Upamecano und Davies bekamen auch die Stars Kimmich und Musiala eine ordentliche Draufgabe. Sie sollen nun fast 25 Millionen verdienen. Laimer, mit seinen geforderten 12 bis 15 Millionen, wirkt da gar nicht mehr so unverschämt.

Dazu ist der Österreicher im modernen Fußballgeschäft Gold wert. Auch, weil er auf dem Feld nicht bloß ein braver Kämpfer ist, sondern einer Spezies angehört, die am Markt hochgefragt ist. Im Weltfußball setzen viele Teams auf angriffiges Pressing, also eine Spielweise, die ständige Balleroberungen erfordert. Laimer ist genau das: ein Balleroberer wie aus dem Bilderbuch. Der 28-jährige Salzburger wurde im Red-Bull-Stall ausgebildet, dem Inbegriff für gut geschulte Rambazamba-Spieler. Auf dem Feld agiert er wie ein Bullterrier, der seinen Gegenspielern schnell auf die Pelle rückt und ihnen den Ball abjagt. „Er ist für mich der beste Balleroberer und Umschaltspieler der Welt“, erklärte sein Förderer Ralf Rangnick vor drei Jahren, als Laimer noch für RB Leipzig auflief. Sein Nachsatz: „Bayern würde er enorm weiterhelfen.“Laimer verleiht dem Bayern-Spiel seit Jahren tatsächlich eine Kraft, die es davor nicht hatte.

FC Bayern: Nicht konsequent, sondern kleingeistig

Aber ausgerechnet am Österreicher will der Klub nun ein Exempel statuieren und den ausufernden Gehaltswünschen am internationalen Markt einen Riegel vorschieben. Sein Gehalt, das mannschaftsintern im unteren Mittelfeld liegt, sei „eine realistische Einschätzung seiner sportlichen und wirtschaftlichen Wertigkeit“, betonte Hoeneß. Diese sei hoch, schob er ein, ehe die nächste Spitze folgte: Aber er ist halt „kein Harry Kane“. Auch Bayern-Sportchef Max Eberl erklärte öffentlich, dass ein Scheitern der Verhandlungen kein Fiasko für den Klub wäre. Laimer sei einst „ablösefrei gekommen, da würden wir nicht viel verlieren“.

Doch da liegt der Mann falsch. Wenn Laimer tatsächlich einer der besten Balleroberer der Welt ist (und daran gibt es keinen Zweifel), würde die Rechnung für den FC Bayern nicht aufgehen. Im Gegenteil. Die Münchner würden einen vergleichsweise günstigen Top-Spieler ablösefrei verlieren, müssten um viel Geld Ersatz besorgen, ohne Garantie, dass dieser wie Laimer funktioniert. Aus ein paar eingesparten Gehältern könnte bei der Ersatzsuche schnell ein viel höheres Millionen-Großinvestment werden.

Laimer – vom Läufer zum Lenker

Denn Laimer wurde im Schatten der großen Stars zum wichtigen Motor des Bayern-Spiels. Vom Läufer zum Lenker. Zu seinen 500 Sprints und den 1700 intensiven Läufen hat er diese Saison auch drei Tore erzielt und neun Vorlagen geliefert. Bei Ballverlusten setzt er als Erster nach, bei Ballgewinnen sprintet er sofort mit.

Als er zuletzt im Champions League-Halbfinale gegen Paris SG nicht in der Startelf stand, sahen die Bayern nicht gut aus. Deutsche TV-Experten diskutierten prompt, ob das am Fehlen von Laimer gelegen haben könnte. Ex-Bayern-Star Toni Kroos riet dem Verein zur Verlängerung. Laimer habe „seine Wichtigkeit unter Beweis gestellt“. Und Lothar Matthäus hielt fest: „Was er verkörpert, braucht eine Mannschaft, um Titel zu gewinnen“.

Der Weltklub Bayern München hätte genügend Geld. Fast eine Milliarde Euro betrug deren Umsatz im Jahr 2024/25. Ein neuer Rekord. Vorstandschef Jan-Christian Dreesen erklärte der Zeitung Die Welt: „Wir können uns jeden Transfer leisten, den wir wollen.“ Andererseits liegt der Klub nicht falsch damit, dass er auf diese Worte kaum Taten folgen lässt. Das Millionenrad im Fußball wird nämlich längst überdreht, immer irrwitzigere Summen werden auf den Tisch geknallt. Es ist richtig, dass die Münchner das Spiel nicht bis zum Anschlag mitspielen.

Es ist nur falsch, die rote Linie nach den vielen kostspieligen Gehaltserhöhungen (auch bei anderen Verteidigern) nun ausgerechnet am wertvollen Laimer aufzeigen zu wollen. Das ist nicht konsequent, sondern kleingeistig.

Gefragte Bullterrier

Die Bayern könnten sich mit dem Versteifen auf Prinzipien, die sie zuletzt selbst nicht einhielten, ein Eigentor schießen. Denn Laimer soll die Hoeneß-Aussagen mit Verwunderung aufgenommen haben. Im Grunde weiß Laimer, was seine Leistungen wert sind. Mit 28 Jahren ist er im besten Fußballalter. Und mit seinem Spielstil wäre er schnell auch in der englischen Premier League gefragt, der weltbesten Liga. Dort, wo Bullterrier wie Laimer als Kulturgut gesehen werden und das Geld abgeschafft ist.

Auch in Österreichs Nationalmannschaft, die bald an der ersten WM seit 28 Jahren teilnimmt, hat der Mann mittlerweile mehr Ansehen als die großen Stars Alaba und Arnautović. Wenn Laimer fehlt, stockt das Spiel.

Früher gaben Mittelfeldregisseure wie der von Hoeneß genannte Diego Maradona mit ihren Zauberpässen den Takt vor. Heute agieren oft Typen wie Laimer als heimliche Spielmacher, weil sie weit in der gegnerischen Hälfte die Bälle erkämpfen – und danach oft schon ein Pass ausreicht, um ein Tor zu erzielen.

Das zeigt: Laimer ist nicht bloß eine Arbeitsbiene. Im heutigen Fußball ist er so wertvoll wie ein Maradona.

Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne – er analysiert und kommentiert dabei die heißen Eisen der österreichischen Kickeria.


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Infos und Quellen

Zum Autor

Gerald Gossmann schreibt für deutschsprachige Medien wie Die Zeit, Profil und den Spiegel über Sportpolitik und beleuchtet die Problemfelder des Fußballbetriebs regelmäßig in TV-Sendungen, etwa im ORF oder bei Puls4. Er ist bekannt für seine kritischen Analysen und dafür, komplexe Inhalte in einfacher Sprache zu erklären.

Daten und Fakten

  • Konrad Laimer, 28 Jahre alt, stammt aus Salzburg und wurde bei Red Bull groß. Erst spielte er für RB Salzburg, später für RB Leipzig und seit 2023 für den FC Bayern. Laimer spielt im Mittelfeld oder als Rechtsverteidiger. Sein Debüt in Österreichs Bundesliga gab er im Alter von 17 Jahren, mit 19 debütierte er im Nationalteam.
  • Laimer steht beim FC Bayern noch bis 2027 unter Vertrag. Derzeit wird eine Verlängerung verhandelt. Zu den Spitzenverdienern zählen Jamal Musiala mit 25 Millionen Euro Jahresgehalt und Harry Kane mit 24 Millionen. Laimer ist in der Gehaltshierarchie im unteren Mittelfeld angesiedelt, bei etwa 9 Millionen brutto pro Jahr.

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