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Alles wird teurer – aber nicht für alle

5 Min
Tatsache ist, dass der Warenkorb in den vergangenen 20 Jahren um 40 Prozent teurer geworden ist.
© Bildquelle: unsplash.com

Theoretisch kann man sich heute genauso viel leisten wie vor 20 Jahren – in der Praxis sieht es aber ganz anders aus. Die hohe Inflation trifft jene besonders stark, die ohnehin schon zu kämpfen haben.


Alles wird teurer. Und das seit Monaten – wer hat sich das noch nie gedacht? Im Supermarkt, in der Drogerie und an der Zapfsäule. Vom Wohnen ganz zu schweigen, besonders wenn es um gestiegene Energiekosten und Mieten geht. Wie soll man sich da noch etwas aufbauen können, wie Kinder mitversorgen? Wie geht sich eine eigene Wohnung aus oder gar ein eigenes Haus? Sich etwas auf die Seite zu legen, ist für viele gar nicht mehr möglich. Zweifel und Ängste schwingen mit, wenn man an die Zukunft denkt. Zum Teil sind diese berechtigt – aber nicht unbedingt.

Tatsache ist, dass der Warenkorb für alle teurer geworden ist, und zwar um 40 Prozent in den vergangenen 20 Jahren, sagt Josef Baumgartner vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), bei Lebensmitteln sogar um etwas mehr. Der Warenkorb ist eine fiktive Auswahl und enthält von verschiedenen Lebensmitteln über Gas und Bekleidung bis hin zu Handwerker:innen-Stunden all jene Dinge des täglichen Lebens, in die das Geld der privaten Haushalte fließt. Er wird für die Berechnung der Teuerung und Geldentwertung, also der Inflation, herangezogen.

Was aber nicht stimmt, sei, so der Ökonom weiter, dass man sich jetzt um 40 Prozent weniger leisten kann. Denn die durchschnittlich verfügbaren Haushaltseinkommen seien ebenfalls gestiegen – also das, was man sich monatlich mit seinem Gehalt oder der Pension kaufen kann –, und zwar ungefähr im selben Ausmaß. Das Leben ist ähnlich teuer geblieben. Im Vorjahr gab es zwar aufgrund des Ukraine-Kriegs mit 8,6 Prozent die höchste Inflation seit Mitte der 70er-Jahre (2021: 2,8 Prozent), hier konnten die Löhne nicht mithalten und blieben um rund 4 Prozent hinter den Teuerungen zurück. Auf längere Sicht wird sich die Inflationsrate laut Baumgartner aber wieder auf das Ziel der Europäischen Zentralbank von 2 Prozent einpendeln. Für heuer werden laut Prognosen noch zwischen 7,5 und 8 Prozent erwartet, für 2024 nur noch rund 4 Prozent.

„Den Warenkorb hat so niemand”

Ganz so einfach ist die Sache dann aber doch wieder nicht – und hier kristallisieren sich die Unterschiede heraus, wer die Inflation wie zu spüren bekommt. Denn jede Preissteigerung wirkt sich höchst individuell auf das Haushaltsbudget aus. Den Warenkorb, der für die Berechnung der Inflation herangezogen wird, „hat so niemand“, sagt Baumgartner zur WZ. Es werde ein statistisch durchschnittlicher Haushalt herangezogen. Je nachdem, wer welche Waren kauft, differieren auch die Teuerungen: Dienstleistungen wie Mechaniker:in-Stunden sind zum Beispiel unverhältnismäßig teurer geworden, während Smartphones und Computer heute weniger kosten als früher: Auch Bohrmaschinen sind günstiger geworden. Für Industriearbeiter:innen hat das Wifo einen Kaufkraftvergleich von 1980 bis 2023 berechnet, bei dem die Bohrmaschine sofort ins Auge springt: Mussten die Industriearbeiter.innen für diese im Jahr 1980 noch 29 Stunden und 19 Minuten arbeiten, so sind es heute 6 Stunden und 40 Minuten.

Jüngere spüren die Teuerungen weniger

Wie sehr man die Inflation spürt, hängt auch vom Alter ab. Da Jüngere einen anderen Warenkorb haben als Ältere, traf die hohe Inflation die Single-Haushalte der unter 30-Jährigen geringer als die Gesamtbevölkerung, sagt Sebastian Koch vom Institut für Höhere Studien (IHS). Das lag unter anderem daran, dass diese seltener ein Auto besitzen und sie deshalb die gestiegenen Spritpreise weniger stark gespürt haben. Sie geben auch weniger Geld für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke aus, dafür mehr fürs Wohnen, Wasser und für Energie.

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Ärmere trifft die Inflation besonders stark

Was besonders auffällt: Gerade Menschen, die ohnehin weniger Geld zur Verfügung haben, spüren die Inflation besonders stark. „Jene, die weniger Einkommen haben, sind aufgrund unterschiedlicher Warenkörbe oft mit einer viel stärkeren Inflation konfrontiert“, sagt Pirmin Fessler von der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Der Anstieg der Reallöhne orientiere sich am Durchschnitt „und wird stärker von denjenigen bestimmt, die mehr verdienen und mehr konsumieren.“

Je niedriger das Einkommen und das Bildungsniveau, desto höher die Inflation, schreiben Fessler und Friedrich Fritzer von der OeNB in einem Paper. Deren Erhebungen zufolge, die sich über einen Zeitraum von drei Jahren erstreckten, ist die Inflation in Arbeiterhaushalten besonders hoch, während sie in Bauernhaushalten „außergewöhnlich niedrig” ist.

Dazu kommt, dass das Leben der Menschen mit weniger Geld durch den Kostenpunkt Wohnen als Preistreiber bestimmt ist. Es ist ein Teufelskreis, denn: Wer sich kein eigenes Haus leisen kann, wohnt in einer Mietwohnung. Und diese kostet Geld, das im Gegensatz zur Kreditrückzahlung für ein Haus nicht ins private Vermögen fließt.

Zum Sparen bleibt immer weniger

Das untere Einkommensdrittel könne daher „nichts oder nur sehr wenig sparen”, so Fessler und Martin Schürz von der OeNB in einem weiteren Paper, während das obere Einkommensdrittel über dem Mittelwert liege. Im obersten Zehntel können Haushalte mehr als 10.000 Euro pro Jahr sparen. Bis ein durchschnittlicher Haushalt im untersten Zehntel diese Summe gespart hat, dauert es mehr als zehn Jahre, heißt es. Die Sparquote, also der Anteil des Ersparten am Einkommen, sank mit der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 auf ein niedriges Niveau zwischen 6,7 und 9,3 Prozent, zeigen die Daten der Statistik Austria. 2020 ist sie coronabedingt in die Höhe geschnellt, um nun erneut – und rasant – zu sinken, Fast ein Viertel der privaten Haushalte in Österreich spart gar nicht.

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Gefühlte Teuerung ist wohl höher

Dass das Leben seit 20 Jahren ähnlich leistbar geblieben ist, stimmt also nicht für alle. Angst vor der hohen Teuerung ist zum Teil berechtigt. Sie sei jedoch „wohl höher als die von der Statistik Austria gemessene”, sagt Baumgartner. Denn „das, was wir als schlecht empfinden – wie eine Preiserhöhung –, bewerten wir stärker als etwas, was uns guttut, wie eine Preissenkung im selben Ausmaß”, so der Ökonom zur WZ. Das besagt die sogenannte Prospect Theory. „Und für Dinge, die wir regelmäßig kaufen, weil sie für unser Leben notwendig sind, bleiben uns Preise und Preisänderungen stärker im Gedächtnis. Zahlen wir auch noch in bar, verstärkt sich diese Erinnerung." Das bedeutet: Werden Brot, Kartoffeln, Tomaten oder Milch teurer und steigen auch noch die Benzinpreise, explodieren im Kopf gleich alle Preise mit.


Infos und Quellen

Gesprächspartner

  • Josef Baumgartner ist Ökonom (Senior Economist) am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und seit 1996 in der Forschungsgruppe „Makroökonomie und öffentliche Finanzen” tätig. Seine regelmäßigen Forschungsaktivitäten umfassen Inflationsanalysen und Inflationsprognosen sowie die Erstellung mittelfristiger Prognosen (Projektleiter) und wirtschaftspolitischer Simulationen mit dem Wifo-Macromod, einem ökonometrischen Modell der österreichischen Wirtschaft. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) ist ein gemeinwohlorientiertes, unabhängiges wirtschaftswissenschaftliches Forschungsinstitut.

  • Pirmin Fessler studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien. Seit 2008 ist er Mitarbeiter der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Zudem ist er langjähriger Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien, Mitglied des Household Finance and Consumption Networks der Europäischen Zentralbank und des Advisory Boards der Luxembourg Income Study.

  • Sebastian Koch ist Macroeconomics and Business Cycles Senior Researcher und Sprecher für Inflation und Preise am Institut für Höhere Studien (IHS).

Daten und Fakten

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien