Heimische Fußballklubs waren lange im europäischen Spitzenfeld – und sind nun international ohne Chance. Das ist kein Zufall.
2026 ist ein wichtiges Fußballjahr: Österreich nimmt erstmals seit 28 Jahren an einer WM teil. Gerald Gossmann schreibt daher ab sofort alle zwei Wochen, jeden zweiten Dienstag, eine kritische Fußballkolumne.
Die Spiele werden zur Qual – für Fußballer und Fans. Pleiten und Blamagen dominieren. Im Herbst wurden 14 von 18 Europacup-Gruppenspielen verloren, nur zwei gewonnen. So eine Misere gab es Jahrzehnte nicht mehr. Sturm Graz, Rapid Wien und Salzburg unterliegen selbst Außenseitern. Austria Wien und der Wolfsberger AC ersparten sich die Dauer-Demütigungen nur, weil sie schon in der Qualifikation rausgeflogen waren. Im Saison-Vergleich liegt Österreich auf Rang 35 von 55 Nationen – hinter Fußballzwergen wie Gibraltar.
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Man könnte meinen: Heimische Klubs waren immer anfällig für Prügel und Pleiten – warum die Aufregung? Doch das stimmt nur bedingt. 2022 lag Österreich in der UEFA-Fünfjahreswertung noch auf dem achten Platz, gleich hinter den Top-Nationen. Große Gegner wurden reihenweise besiegt. Die fetten Jahre brachten Millionen, die Klubs vermeldeten Rekordumsätze. Eigentlich beste Bedingungen, um den Erfolgslauf zu verlängern. Nun aber sind alle chancenlos. Im Fünfjahresranking stürzte Österreich zuletzt auf Platz 17 ab.
Durchdrungen von Provinzialität
Der tiefe Fall erzählt viel über Österreichs Fußballbetrieb, der sich im Schatten alter Erfolge, neuer Stadien und Millionentransfers modern präsentiert, aber weiterhin tief von Provinzialität durchdrungen ist.
Der Aufschwung hatte dagegen viel mit Innovation und Mut zu tun. Vor zehn Jahren entwickelte RB Salzburg ein Modell, das in Europa für Aufsehen sorgte: Junge Top-Talente spielten aufregenden Angriffsfußball, gecoacht von wenig bekannten, aber kreativen Trainern. Davor hatten Klubs aus simpler Vermarktungslogik gerne auf bekannte Ex-Fußballhelden gesetzt und so ein System aus Klüngelei und Kleingeistigkeit etabliert.
2014 übernahm der Visionär Ralf Rangnick das Zepter in Salzburg, ermunterte alle, sich doch mehr zuzutrauen und machte den Klub europaweit zu einem Vorreiter des modernen Fußballs. Die heimische Liga-Konkurrenz nahm Anleihe und trumpfte in Europa ebenso auf. Österreicher spielten nicht mehr wie Österreicher – sondern: mutig, draufgängerisch, angriffig.
Fehler statt Visionen
Das Ergebnis: Im Europacup und durch Transfers floss das große Geld. Hunderte Millionen Euro Gewinn hat Salzburg im letzten Jahrzehnt so lukriert. Auch Rapid (61 Millionen), Sturm (92 Millionen) oder der LASK (50 Millionen) erwirtschafteten zuletzt so hohe Jahresumsätze wie nie. Geprägt wurde der Aufschwung von Visionären wie Rangnick und Christoph Freund in Salzburg. Andreas Schicker und Christian Ilzer in Graz. Oliver Glasner in Linz. Die Erfolgsbringer wurden aber mittlerweile von großen Ligen abgeworben und machten anderswo Karriere, während die hiesigen Klubs sich in alter Provinzialität verloren.
Mit dem neuen Reichtum wollen sie schnellen Erfolg, schustern Legionärs-Truppen zusammen (in der Hoffnung, den nächsten Millionentransfer zu landen), wechseln ständig die Spielweise, vergessen auf einen nachhaltigen Aufbau, den eigenen Nachwuchs – und treffen grobe Fehlentscheidungen.
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Konzept-Chaos
Der LASK wechselte zuletzt mit jedem Trainer auch die Spielweise – und schaffte es nicht mal mehr in den Europacup. Rapid Wien legte zwar eine offensive Spielausrichtung fest, kaufte einen teuren Kader dafür zusammen, verpflichtete dann aber mit Peter Stöger einen Defensivapostel. Viele verlieren bei der Trainersuche im Dickicht der Anforderungen das große Ganze aus dem Blick. Wolfsberg-Präsident Dietmar Riegler etwa legte bei der Wahl des neuen Coaches Wert darauf, dass dieser so heißblütig und emotional wie der alte sei. Ob er von seiner Spielart zu den Spielern passt, überprüfte er aber nicht. Die Folge: Nach fünf Spielen wurde er entlassen.
Viele Topklubs stecken im Umbruch. Auch, weil gegen das wilde Angriffs-Pressing europaweit Gegenmittel gefunden wurden. Anstatt aber das mutige Spiel neu zu justieren und variabler zu gestalten – wie das gerade vergleichbaren Nationen gelingt – verfiel man in Österreich zurück in die Fußball-Steinzeit.
Die oft unpassenden Trainer agierten übervorsichtig. Vor Rapids Antreten beim auf Augenhöhe liegenden Lech Posen, erklärte Trainer Stöger, man dürfe die Polen ja nicht „ins Rollen“ kommen lassen. Rapid spielte dann so ängstlich wie Stögers Worte klangen und verlor 1:4. An der Stärke des Gegners lag das nicht. Schon kurz darauf unterlag Posen einem Amateurteam aus Gibraltar.
RB Salzburg – von der Dampflok zum Dampfplauderer
Auch Salzburg, lange die Dampflok der Branche, verlor seine Linie, zweimal die Meisterschaft – und sich selbst in banalen Ausreden. Junge Top-Talente kämen nicht mehr nach Salzburg, wird beklagt, weil auch andere Klubs immer eifriger suchen. Was die Bullen nicht erwähnen: Man ist als Karrieresprungbrett unattraktiver geworden, seit man nicht mehr mit Rambazamba-Fußball in der Champions League für Furore sorgt, sondern selbst gegen Außenseiter wie Ferencváros Budapest chancenlos ist. Die Salzburger verwalten vermehrt, gestalten kaum noch – und treffen ungewohnte Fehleinschätzungen. So wurde der Niedergang groteskerweise im lange erfolgsbringenden Jugendwahn festgemacht und dem Kader krampfhaft Routine zugeführt. Doch der 28-jährige Jacob Rasmussen patzte öfter als seine jungen Kollegen. Und der 33-jährige Karim Onisiwo war ständig verletzt. Zuletzt hielten blutjunge Salzburger lange ein Unentschieden gegen den großen FC Bayern – erst als in der zweiten Hälfte vermehrt Routiniers eingewechselt wurden, kippte das Spiel. Das Ergebnis: eine 0:5-Pleite.
Schwere Folgen
Den Klubs fehlen Visionäre, die Innovationen bringen und nachhaltige Konzepte kreieren. Trainer halten sich in Österreich im Schnitt nur ein Jahr, ehe sie entlassen werden. Auch Sportdirektoren bleiben nur wenige Saisonen. Der schnelle Erfolg ist das Ziel und schwere Fehler sind das Ergebnis. So schleppen sich die Klubs von Neustart zu Neustart. Rapid und Sturm haben über Silvester schon wieder ihre Trainer getauscht – und ihre Spielweisen.
Die Top-Vereine graben sich so eine Grube, aus der sie nur schwer herauskommen. Der Absturz in der UEFA-Fünfjahreswertung bedeutet, dass ab 2027 nur noch vier heimische Vertreter (statt bislang fünf) im Europacup ran dürfen. Damit werden auch die Qualifikations-Hürden für die lukrativen Gruppenphasen höher – und die Millionen-Geldtöpfe wandern in weite Ferne.
Liga-Boss Christian Ebenbauer will vom Niedergang nichts wissen. Die Bundesliga sei, durch die Schwäche der Klubs, ausgeglichen, spannend und „cool“. In Zeiten des Aufschwungs hätten die Vereine „über performt“, sagt er, nun seien sie dort, wo sie realistischerweise hingehören. Wenigstens darin ist man in Österreich traditionell gut: keine Visionen, dafür Vertröstungen.
Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne – er analysiert und kommentiert dabei die heißen Eisen der österreichischen Kickeria.
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Infos und Quellen
Zum Autor
Gerald Gossmann schreibt für deutschsprachige Medien wie Die Zeit, Profil und den Spiegel über Sportpolitik und beleuchtet die Problemfelder des Fußballbetriebs regelmäßig in TV-Sendungen, etwa im ORF oder bei Puls4. Er ist bekannt für seine kritischen Analysen und dafür, komplexe Inhalte in einfacher Sprache zu erklären.
Daten und Fakten
- Die UEFA-Fünfjahreswertung: Die Leistungen der Klubs im Europacup werden in der UEFA-Fünfjahreswertung erfasst. Die Ergebnisse der letzten fünf Saisonen entscheiden darüber, wie viele Startplätze die Ligen in den europäischen Bewerben – also in Champions League, Europa League und Conference League – erhalten. Je höher die Liga einer Nation platziert ist, desto mehr Teams dürfen teilnehmen und desto öfter ersparen sich eine aufwändige Qualifikation.
- Österreichs Platzierung im Europavergleich: In den Saisonen 2017/18 bis 2022/23 lag Österreichs Klubfußball zwischen Rang 8 und 12. Österreichs Bundesliga erhielt für den Aufstieg in die Top-10 einen Fixplatz in der Champions League, das gab es noch nie. Salzburg zog in ein Europacup-Halbfinale ein, der LASK in ein Achtelfinale, Rapid in ein Viertelfinale.
- Zuletzt folgte der Absturz, erst auf Rang 13, heuer auf Rang 17. Damit fällt Österreichs Liga erstmals seit 10 Jahren aus den Top-15. Die Folge: Statt fünf internationaler Plätze gibt es ab 2027 nur noch vier. Bislang nahmen mehrere Vereine fix an einer Gruppenphase teil, nun müssen alle durch die Qualifikationsmühle.
Quellen
- 5-jahres-wertung.de: UEFA-Fünfjahreswertung
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