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Manche Träume sind so intensiv, dass sie uns tagelang beschäftigen. Eine Studie weist nach, dass individuelle Eigenschaften und Lebenserfahrungen unsere Traumwelten beeinflussen.
Ein ovaler Tisch aus poliertem Holz, für zwölf Personen gedeckt mit weißem Tischtuch, Porzellan, Tafelsilber und Blumen, rundherum dazu passende gepolsterte Stühle: Alles ist bereit für die Gäste, sogar die Sonne lacht durchs Fenster herein. Rechts vom Tisch eine Wand, auf deren Kehrseite ein identischer Tisch steht, aber im Schatten. Hier sind die Gäste schon fort, es ist sogar teils bereits abgedeckt, und alles ist völlig verstaubt, als hätte das Festmahl vor Jahren stattgefunden. Rechts davon geht eine Tür auf – und ich weiß, ich muss weg von hier. Los geht die Flucht: Zuerst in Windeseile hinaus in den Garten, dann über die Mauer und weiter über die Dächer der Nachbargebäude, dann wieder ins Haus durch den Keller und schließlich zurück zum verstaubten Tisch. Der Wecker läutet. Aus, der Traum. Ich bin hellwach, doch die seltsame Parallelwelt mit Fluchtimpuls bleibt mir als intensives Gefühl in Erinnerung. Aber was will mir mein Unbewusstes damit sagen?
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Träume zu deuten, die Verbindung zwischen den nächtlichen Szenen und der wachen Realität herzustellen, beschäftigt die Menschheit seit Tausenden von Jahren. Selbst die ältesten Texte in Babylon befassen sich damit. Auch schon im alten Ägypten schrieb man den Träumen eine tiefere Bedeutung zu und versuchte, diese zu entschlüsseln, um sie prophetisch zu nutzen oder durch sie einen Blick ins Jenseits zu erlangen. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud wiederum forschte Anfang des 20. Jahrhunderts in Träumen nach verdrängten Wünschen und Trieben.
Dennoch wird der Wunsch, aus den flüchtigen Bildern auf die eigene Lebenswirklichkeit zu schließen, nach wie vor von vielen belächelt. Nun beweist eine aufwändige Studie, dass wir aus den Träumen tatsächlich viel über uns selbst lernen können.
Denken und Fühlen beeinflusst Struktur der Träume
Laut der Studie der Scuola IMT Alti Studi im italienischen Lucca sind Trauminhalte keine Produkte des Zufalls, sondern werden durch „stabile individuelle Eigenschaften“ mitgeprägt. Konkret meinen die Wissenschaftler:innen damit, dass die Strukturen unserer Traumwelten von der Art und Weise, wie wir denken und fühlen, gesteuert ist. Unser mentaler Zugang zur Welt im Wachzustand beeinflusst, wie bunt, chaotisch oder gefühlvoll wir träumen, berichten die Traumforscher:innen im Fachmagazin Nature Communications Psychology.
Menschen, die stärker auf ihre inneren Erlebnisse fokussiert sind, Interesse an ihren eigenen Träumen haben und sich intensiv mit ihnen befassen, berichten demnach von lebhaften, visuellen und komplexen Bilderwelten im Schlaf, mit einer Vielfalt an räumlichen Szenen. Personen mit einem gut ausgeprägten visuell-räumlichen Gedächtnis wiederum sehen viele Details im Traum. Und wer eine Neigung zu Tagträumen hat, also auch im Wachzustand unvermittelt in eigene Gedanken und innere Welten abdriftet, erlebt oft besonders bizarre oder abstruse Träume mit häufigem Szenenwechsel.
Das Team hat dazu rund 3.700 Berichte über Traum- und Wach-Erlebnisse von 287 Teilnehmer:innen im Alter von 18 bis 70 Jahren analysiert. Die Testpersonen hielten ihre Traum-Erlebnisse über einen Zeitraum von zwei Wochen täglich fest, während die Forscher:innen Informationen über Schlafgewohnheiten, kognitive Fähigkeiten und psychologische Eigenschaften sammelten. Dies taten sie mit Hilfe von Natural Language Processing, einem Teilgebiet der Künstlichen Intelligenz. In der Traumanalyse wird es genutzt, um verbale Beschreibungen von Träumen systematisch nach Inhalten, Gefühlen, Mustern und Strukturen zu analysieren und große Mengen von Traumprotokollen auszuwerten.
Wie sich Alltagserlebnisse im Schlaf wandeln
Da die Teilnehmer:innen sowohl ihr Alltagsleben als auch ihre Träume beschreiben mussten, ließ sich im Rahmen der Studie auch in Erfahrung bringen, wie sich der Alltag im Traum verwandelt. Anstatt im Schlaf Erlebnisse aus dem Wachzustand lediglich zu wiederholen, scheint das Gehirn die Ereignisse des Tages beim Träumen neu zu interpretieren.
Elemente aus dem Alltag, wie etwa Arbeitsumgebungen oder Menschen, mit denen man zu tun hat, tauchen nicht etwa unverändert in der Nacht wieder auf, sondern werden in lebhafte, immersive Szenarien eingebettet, wobei verschiedene Umfelder miteinander verschmelzen oder Erlebnisse in unbekannte Landschaften verschoben werden. „Das deutet darauf hin, dass Träume die Realität nicht nur widerspiegeln, sondern aktiv umgestalten, indem sie Fragmente vergangener Erfahrungen mit vorgestellten oder erwarteten Erfahrungen verbinden, um neuartige, manchmal surreale Szenarien zu schaffen“, berichtet das Team um die Neurologin Valentina Elce in einer Aussendung seiner Hochschule.
Wohnungsputz im Gehirn
Träume sind somit eine transformierte, kreative Rekombination von Erfahrungen, und die Art und Weise, wie wir träumen, hängt davon ab, wie wir die Welt wahrnehmen und über sie denken. Und das bedeutet wiederum, dass das Träumen eine Reise zu sich selbst ist.
Die neuen Erkenntnisse sind somit eine wertvolle Bereicherung unseres Wissens über die Träume: Der Schlaf und seine Bilderwelten sind essenziell für unsere psychische Gesundheit, denn im Traum verarbeiten wir Erlebnisse und Gefühle. Wir sortieren aus, was wir nicht brauchen, und räumen auf im Gehirn, um Platz zu machen für die wichtigen Dinge, die wir dann zu Erinnerungen formen und mit vorhandenem Wissen verknüpfen. Schon allein deswegen hat die Empfehlung, dass wir uns unsere Träume nicht nehmen lassen sollten, handfesten Sinn: Wir brauchen sie für den mentalen Wohnungsputz. Und wie wir dabei vorgehen, sagt viel über unseren Charakter und unsere Lebenswirklichkeit aus.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
Der menschliche Schlaf hat verschiedene Phasen: Die REM-Phase, die von Rapid Eye Movement, also schnellen Augenbewegungen, gekennzeichnet ist, wird vor allem mit dem Träumen in Verbindung gebracht. In dieser Schlafphase sind Träume intensiv und somit nach dem Aufwachen eher noch präsent. Forscher:innen zufolge ist das Gehirn dabei besonders aktiv, und manche Studien legen nahe, dass die Träumenden mit den schnellen Augenbewegungen ihre Traumbilder vor ihrem virtuellen Auge sehen. Allerdings träumen wir auch in anderen Schlafphasen und die Übergänge sind fließend.
Quellen
- Nature Communications Psychology: Individual traits and experiences predict the content of dreams
- AAAS/EurekAlert: What shapes the content of our dreams?
- Warum wir träumen: Was uns das Gehirn im Schlaf über unser Leben offenbart von Rahul Jandial, Rowohlt, 2024
- „Ich habe einen Traum.“ Was hat er zu bedeuten? von Ortrud Grön, Ludwig, 2010.
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- ARD Alpha: Wie das Träumen funktioniert
- ORF Topos: Träumen als „evolutionärer Vorteil“
- Spektrum der Wissenschaft: Mehr als eine Ablenkung
- GEO: Was Träume über das Seelenleben des Menschen verraten
- Psychologie Heute: Traumdeutung
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