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Warum wir uns impfen lassen sollten

7 Min
Die Pandemie hat die Impfbereitschaft gesenkt. Das zeigt die Zahl der Infektionen.
© Illustration: WZ

Seit der Pandemie lassen sich weniger Menschen routinemäßig impfen. Krankheiten, die als nahezu ausgerottet galten, kehren zurück. Das hat gefährliche Konsequenzen.


Sagen wir, ich lasse mich nicht impfen. Zum Beispiel gegen Polio. Dann könnte es mir so ergehen wie manchen Menschen, die ich manchmal auf den Straßen Wiens sehe: Sie sitzen auf Rollbrettern, ihre gelähmten nackten Beine ein sichtbares Zeichen einer frühen Krankheit. Sie müssen betteln, um zu überleben. Denn sie hatten das Pech, in Ländern geboren worden zu sein, in denen es − anders als im privilegierten Österreich − lang keine Impfung gegen die Kinderlähmung gab. Und sie infizierten sich mit dem Polio-Virus.

Ich könnte weiters auf die Mumps-Masern-Röteln-Impfung verzichten. Diese Krankheiten stecken die meisten Kinder halbwegs weg. Aber nicht alle. Die Masern zum Beispiel können bei manchen Babys neben den üblichen Symptomen das Immunsystem für einige Monate ausradieren. Bei Erwachsenen wiederum kann es eine Gehirnentzündung auslösen. Das Virus setzt sich im Denkorgan fest und kann Jahre später erneut wüten. 10 bis 20 Prozent der Betroffenen sterben. Bei 20 bis 30 Prozent bleiben geistige Behinderungen oder Lähmungen zurück. Das ist allerdings nur bei einem von 1.000 Betroffenen der Fall. Muss also nicht gerade mir passieren.

Aber es kann. Denn die Zahl der Infektionen mit Erkrankungen, die in westlichen Ländern durch routinemäßige Impfungen nahezu ausgerottet waren, steigt.

Eltern lassen Kinder nicht immunisieren

In den Jahren 2021 und 2022 wurden in Österreich jeweils 0,1 Masernfälle pro einer Million Einwohner registriert. Die hochansteckende Viruserkrankung war damit de facto eliminiert. 2023 stieg die Häufigkeit der Infektion auf 20,4 pro Million Einwohner oder 186 Fälle. Und heuer waren im elektronischen Meldesystem per 28. Mai 434 Masern-Erkrankungen erfasst. Ein Spitzenwert.

Zum Vergleich: „In den USA mit ihren 330 Millionen Einwohnern wurden heuer bisher 142 Ansteckungen gezählt“, rechnet der in den USA tätige österreichische Virologe Florian Krammer von der Icahn School of Medicine in New York vor. Im Gespräch mit der WZ macht er auch eine klare Ursache aus: „Die Impfskepsis hat im Zuge der Pandemie zugenommen. Es bräuchte dringend Informationskampagnen.“

Zwar habe die Tendenz, beim routinemäßigen Impfen wählerischer vorzugehen, schon vor der Pandemie begonnen. „Aber Corona scheint diese Entwicklung verstärkt zu haben, denn so viele Infektionen gibt es nur dann, wenn es viele Ungeimpfte gibt“, sagt Krammer. Die Durchimpfungsrate sei also niedriger, als sie sein sollte. Gegen die hochansteckenden Masern müssten 95 Prozent der Menschen geimpft sein, um die Ausbreitung in Schach zu halten. Wenn diese Rate – so wie derzeit − nicht erreicht ist, steigt die Zahl der Infektionen auf sich selbst vervielfältigende, also exponentielle, Art und Weise. Bildhaft könnte man die zu erwartende Entwicklung in einer sternförmigen Grafik mit zunehmenden Verästelungen darstellen.

„Das Impfen ist mit Angst besetzt“

Wie das Gesundheitsministerium in ihren aktuellen Erhebungen für 2022 berichtet, sind von den 2- bis 4-Jährigen mehr als sieben Prozent oder rund 19.000 der Kinder nicht gegen Polio und 18.000 Kinder nicht gegen Masern geimpft.

„Das Impfen ist derzeit sehr schlecht im Bewusstsein der Österreicher und Österreicherinnen verankert“, sagt Rudolf Schmitzberger, Leiter des Referats für Impfangelegenheiten der Österreichischen Ärztekammer. Derzeit stünden die Vorteile wenig im Vordergrund. „Das Impfen ist mit Angst besetzt“, sagt er. Das Ergebnis: „Eltern lassen ihre Kinder nicht immunisieren gegen Krankheiten wie Masern, Keuchhusten, Diphterie oder Tetanus.“ Und das trotz beeindruckender Zahlen: In den vergangenen 50 Jahren haben Impfungen laut Weltgesundheitsorganisation 154 Millionen Menschen gerettet − davon 146 Millionen Kinder unter fünf Jahren.

Die Leute finden vegan zu essen cooler.
Ursula Wiedermann

Woher kommt die zwischen Ablehnung und Lethargie schwankende Angst? Zum einen hat sich während der Pandemie-Lockdowns ein Schlendrian eingeschlichen. Da alles geschlossen war, sei auch das Impfangebot kleiner gewesen, und mangels Kontakts sank die Notwendigkeit: „Routine-Impfungen sind auf der Prioritätenskala nach unten gegangen“, erklärt Schmitzberger.

Zum anderen wurde das Thema Impfen während der Pandemie polarisierend verhandelt. Die kontroverse Debatte um eine Corona-Impfpflicht und die Massenproteste dagegen trieben die Menschen in zwei Lager: das eine für und das andere gegen das Impfen. Über Vakzine ist kein vernünftiges Gespräch möglich, ohne dass die Meinungen aufeinanderprallen.

Diskussionsvermeidung seit Corona

„Corona hat eine Situation befeuert, in der eine Diskussion über Impfungen generell vermieden wird“, meint Ursula Wiedermann, Vorständin des Zentrums für Infektiologie und Immunologie an der Medizinischen Universität Wien. „Besonders im Wahljahr will sich niemand die Finger verbrennen, die Politik hält dazu den Ball flach, damit keine aggressive Diskussion entsteht.“

Vielen Menschen sitzt die Furcht im Nacken. Denn Lügengeschichten von gefährlichen Impf-Nebenwirkungen bis zum Tod haben sich ihren Weg ins Unterbewusstsein gebahnt.

Natürlich können Vakzine Nebenwirkungen haben, die schwer, anhaltend und lästig sein können. „Man muss dieses Risiko aber immer im Verhältnis zum Risiko durch die Infektionserkrankung sehen“, sagt Wiedermann. Ängste vor Vakzinen werden zugleich durch realitäts- und faktenferne Behauptungen geschürt. Etwa durch den Schwindel, dass die Masern-Impfung Autismus verursache, verbreitet von dem britischen Mediziner Andrew Wakefield. Der wollte diesen Zusammenhang an zwölf Proband:innen bewiesen haben. Später konnte nachgewiesen werden, dass die Testpersonen schon vor der Impfung Autismus hatten, und dass Wakefield Geschäftsinteressen an einem von ihm selbst entwickelten Masern-Vakzin verfolgte. Oder durch das Märchen, dass mit dem Corona-Impfstoff ein Chip in den Körper geschleust würde, mit dessen Hilfe Microsoft-Gründer Bill Gates die Geimpften lückenlos überwache.

„Die Wiederkehr von Erkrankungen, die durch Impfungen zurückgedrängt waren, ist der Spiegel einer Auflehnung auf der einen und Unwissenheit und Desinteresse auf der anderen Seite“, sagt Wiedermann: „Die Leute finden vegan zu essen cooler, als sich als sich mit Gesundheitsvorsorge durch Immunisierung zu beschäftigen.“

Die Politik will, wie es scheint, keine Fronten aufmachen.
Rudolf Schmitzberger

Vor allem in der Aufklärung und Information zum Thema gebe es im öffentlichen Sektor „bis auf vom Gesundheitsministerium herausgegebene Broschüren wenig Anstrengungen, das Thema unter den jungen Menschen brisant zu machen, indem man gesicherte Information darüber für die junge Generation entsprechend in Social-Media-Netzwerken aufbereitet. Das ist ein Riesen-Versäumnis in den letzten Jahren und Jahrzehnten“, betont Wiedermann.

„Für eine Kampagne pro Impfen fehlt Entschlossenheit“

Florian Krammer plädiert für breite Aufklärungskampagnen, die mit Fakten darauf aufmerksam machen, was passieren kann, wenn man sich – zum Beispiel mit Masern – infiziert, wie viele Hospitalisierungen es gibt und wie viele Menschen sterben. „Impfungen gehören zur Gesundheitsvorsorge“, sagt er.

Etwas Derartiges ist allerdings derzeit nicht geplant, erfuhr die WZ auf Anfrage im Kabinett von Gesundheitsminister Johannes Rauch. Es gebe spezifisches Info-Material zu den Konsequenzen der einzelnen Infektionskrankheiten und den Vorteilen der Impfungen, aber derzeit keine breite Kampagne, heißt es dort.

„Für eine echte, handfeste Kampagne pro Impfen fehlt derzeit offenbar die nötige Entschlossenheit“, sagt Rudolf Schmitzberger. „Die Politik will, wie es scheint, keine Fronten aufmachen. Impfen ist im Moment so negativ besetzt, dass man sich nicht mit dem Thema heraustraut.“

Schnipsel für die Emotion im Netz

Im Netz verbreiten sich unterdessen Schnipsel, die die Menschen auf emotionaler Ebene ansprechen. „Nee, impfen lasse ich mich nicht, das ist pure Chemie. Überlegt doch mal, was das für ein Gift-Cocktail ist, den ihr da einfach so in euren Körper reinjagt“, sagt ein TikToker, der genüsslich eine Dose Red Bull trinkt, und auf die Frage, ob er die Inhaltsstoffe seines Getränks denn kenne, nur „das ist zuckerfrei“ zu antworten weiß. Die Wirksamkeit von Impfungen sei nicht belegt, heißt es wiederum an anderer Stelle, oder: Mit Impfungen wolle die Pharmaindustrie bloß Geschäfte machen.

Was passieren kann, wenn wir Falschmeldungen Glauben schenken, sehen wir zum Beispiel auch anhand eines Falles von Polio in den USA. „Kürzlich infizierte sich im Raum New York tatsächlich eine ungeimpfte Person mit Polio. Danach wurden die Durchimpfungsraten analysiert und die liegen in gewissen Stadtteilen bei nur 70 Prozent“, berichtet Krammer. Das ist zu wenig, um die Krankheit in Schach zu halten. So weit könnte es wieder kommen. Muss es aber nicht. Impfen hilft.


Infos und Quellen

Genese

WZ-Redakteurin Eva Stanzl hat steigende Ansteckungsraten mit Infektionskrankheiten schon seit einiger Zeit auf dem Radar und fragte sich, ob die polarisierte Debatte zum Impfen während der Pandemie dazu geführt haben könnte, dass die Menschen sich auch gegen andere Krankheiten seltener impfen lassen. Expert:innen bestätigten diesen Verdacht.

Gesprächspartner:innen

  • Ursula Wiedermann-Schmidt, geboren am 6. August 1965 in Wien, ist Professorin für Vakzinologie, Leiterin des Zentrums für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der Medizinischen Universität Wien und Mitglied des Nationalen Impfgremiums in Österreich sowie der Ständigen Impfkommission (Stiko) des deutschen Robert Koch Instituts.

  • Florian Krammer, geboren am 17. Dezember 1982 in Voitsberg, ist ein österreichischer Professor für Impfstoffkunde an der Icahn School of Medicine am Mount-Sinai-Spital in New York City. 2019 erhielt er gemeinsam mit anderen Forscher:innen zwei Millionen Dollar von der Bill & Melinda Gates Foundation zur Entwicklung eines Grippeimpfstoffs, der auf breiter Basis gegen viele Virusstämme schützen soll. Mit 1. März 2024 übernahm er die Professur für Infektionsmedizin an der Medizinischen Universität Wien.

  • Rudolf Schmitzberger ist Leiter des Impfreferats der Österreichischen Ärztekammer. Er war 26 Jahre lang Kinderarzt mit Kassenpraxis im fünften Wiener Gemeindebezirk und ist jetzt pensioniert.

Daten und Fakten

  • In den vergangen 50 Jahren haben Impfungen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 154 Millionen Menschen das Leben gerettet. Davon waren 146 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Den größten Nutzen hatte laut WHO der Impfstoff gegen Masern. Ihm verdanken 60 Prozent der geretteten Menschen ihr Leben. Insgesamt hätten Impfstoffe gegen 14 Krankheiten die Sterberate unter Babys weltweit um 40 Prozent gesenkt. Vor 50 Jahren seien weniger als fünf Prozent der Babys weltweit routinemäßig gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten geimpft worden, heute seien es 84 Prozent, berichtet die WHO.

  • Derzeit sind die Masern in Europa auf dem Vormarsch. In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden in der auch Zentralasien umfassenden WHO-Region Europa bereits mehr als 56.600 Infektionen und vier Todesfälle gezählt, wie die Regionaldirektion der Weltgesundheitsorganisation vor kurzem mitteilte. Das sind nur 5.000 Infektionen weniger als im gesamten vergangenen Jahr. Gleichzeitig bedeutet dies einen Anstieg um das 60-Fache gegenüber dem Jahr 2022.

  • Auch in Österreich gibt es heuer schon viel mehr Masern-Fälle als im gesamten vergangenen Jahr: Seit Jahresanfang wurden per 28. Mai 434 bestätigte Masernerkrankungen im epidemiologischen Meldesystem (EMS) erfasst. Zu 426 dieser Fälle liegen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) auch Informationen bezüglich Hospitalisierungen vor: 81 Personen (19 Prozent) wurden demnach im Krankenhaus behandelt, davon vier Erkrankte auf einer Intensivstation.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien