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Was geschah beim Novemberpogrom 1938?

3 Min
Der zerstörte Große Tempel in Wien-Leopoldstadt.
© Austrian Archives / brandstaetter images / picturedesk.com

Vor 85 Jahren kam es in Österreich zu blutigen antisemitischen Ausschreitungen. Warum?


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen

Ganz Österreich gedenkt dieser Tage des Novemberpogroms vor 85 Jahren. Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat zuletzt darauf hingewiesen, dass Österreich eine besondere Verantwortung bei der Bekämpfung des Antisemitismus trägt. Er sprach von „schrecklichen, barbarischen Taten“, die bei uns begangen worden sind. Und die Regierung unter Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) hat die Vertreter aller großen Religionsgemeinschaften getroffen. Worum aber geht es genau? Hier die wichtigsten Antworten:

Was war der Novemberpogrom?

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Deutschland und Österreich jüdische Mitbürger:innen gedemütigt und ermordet, ihre Geschäfte verwüstet, ihre Wohnungen geplündert und Synagogen angezündet. Die antisemitische Propaganda der Nazis entlud sich damals in brutaler Gewalt, die sich mit den Jahren steigerte. Schließlich wurden im Holocaust bis 1945 sechs Millionen Juden und Jüdinnen getötet.

Wie kam es dazu?

Der Pogrom sollte den Eindruck eines spontanen Volksaufstandes erwecken, tatsächlich handelte es sich um eine Inszenierung von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Als willkommener Anlass diente das tödliche Attentat des 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris. Grynszpan wollte mit seiner Tat gegen die Verfolgung deutscher Juden und Jüdinnen protestieren.

Was war die Bilanz der Pogromnacht?

Im gesamten Deutschen Reich wurden mehrere hundert Juden und Jüdinnen ermordet, mindestens 300 nahmen sich das Leben. An die 1.400 Synagogen und andere Versammlungsräume wurden zerstört oder brannten ab, jüdische Friedhöfe wurden geschändet. Mindestens 30.000 jüdische Menschen wurden in Konzentrationslager deportiert.

Judenverfolgung am Tag nach der “Reichskristallnacht”: Eine Kolonne verhafteter jüdischer Männer wird durch eine Straße der Stadt Baden-Baden geführt, vorbei an zahllosen Schaulustigen.
Willkür in Deutschland: Juden werden nach der Pogromnacht abgeführt.
© Bildarchiv Pisarek / akg-images / picturedesk.com

Warum hieß der Pogrom früher „Reichskristallnacht“?

Der Begriff „Reichskristallnacht“ ist verharmlosend und stammt von Goebbels, der sich damit auf die angeblich wie Kristalle schimmernden Glassplitter bezog, die nach den Verwüstungen von Geschäften und Wohnungen überall herumlagen.

Wann spricht man bei Ausschreitungen von einem Pogrom?

Um einen Pogrom (russisch: Verwüstung, Zertrümmerung) handelt es sich dann, wenn es zu Hetze und gewalttätigen Angriffen gegen eine Minderheit kommt. Der Staat billigt diese Attacken oder unterstützt sie sogar. Zumeist waren und sind jüdische Menschen die Opfer von Pogromen.

War der Novemberpogrom 1938 der erste Vorfall dieser Art?

Nein. Pogrome gab es schon im Mittelalter. Zum Teil handelte es sich um „Rache“, weil Juden angeblich daran schuld seien, dass Jesus Christus gekreuzigt wurde. Oft kam es zu Verfolgungen, weil ihnen die Schuld am Ausbruch von Seuchen wie etwa der Pest gegeben wurde. So unterstellte man ihnen, die Brunnen von Christen vergiftet zu haben und legte ihnen auch angebliche Hostienschändungen und Ritualmorde zur Last.

Warum ist das alles heute noch relevant?

Antisemitismus, Übergriffe auf Juden und Jüdinnen und Zerstörungen von jüdischen Einrichtungen gibt es bis heute, auch in Österreich. Zuletzt wurde in Wien ein Anschlag auf den jüdischen Teil des Zentralfriedhofs verübt. In Frankreich sehen sich Juden und Jüdinnen derzeit besonders vielen Übergriffen ausgesetzt. In der russischen Republik Dagestan stürmte eine aufgebrachte Menschenmenge einen Flughafen, weil dort eine Maschine aus Israel zwischenlandete. Anlass für die derzeit gehäuft auftretenden Attacken ist der Umstand, dass nach dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober in Nahost Krieg herrscht, der auf allen Seiten Menschenleben kostet.


Infos und Quellen

Genese

Während überall von einem wachsenden Antisemitismus in Österreich die Rede ist, wird des Novemberpogroms vor 85 Jahre gedacht. Oft ist aber gar nicht klar, was damit gemeint und was damals wirklich geschehen ist. Damit klar wird, worum es geht, will WZ-Redakteur Michael Schmölzer mit möglichst wenigen Worten erklären, was damals geschah und warum das heute noch von Wichtigkeit ist.

Quellen

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