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Wie Kunst den Klimawandel abbildet

7 Min
Die Künstlerin Natalia Montoya aus Chile zeigt in der Ausstellung „Songs for the Changing Seasons“ der Klima Biennale Wien ihren nachhaltigen Brotturm, den sie vorort gebacken hat.
© Gregor Kuntscher

Kunst und Klima? Zwei Welten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Die Klima Biennale Wien will die Zusammenhänge aufzeigen. Die WZ hat sich das angesehen.


Ein dürrer Ast liegt auf einem hölzernen Gestell. Ein aufgebahrter Baum? „Totholz aus dem Wienerwald“, erklärt Sophie Haslinger, die Kuratorin der Ausstellung „Into the Woods“ im Kunsthaus Wien. Sie ist Teil der ersten Wiener Klima Biennale, die die wechselseitigen Bedingungen von Kunst und Klimawandel aufzeigen will. „Der tote Ast wurde vom chilenischen Künstler Rodrigo Arteaga aufgebaut und mittels Holzstreben aus dem Baumarkt positioniert.“ Hintergrund der Installation: Totholz bietet Insekten und Pilzen Nahrung und Wohnraum; sie zersetzen das Holz, das dann zu neuem Nährboden wird. Der Ast wurde für die Zeit im Museum erhitzt, damit der Zersetzungsprozess pausiert. Nach dem Ausstellungsende wird er in den Wald zurückgebracht, um wieder Teil des natürlichen biologischen Kreislaufs zu werden – ein zentrales Thema der Klima Biennale.

Richard Mosse‘s Serie „Tristes Tropiques“ zeigt den Ökozid im brasilianischen Amazonasgebiet auf ungewöhnliche Art. Der Künstler überflog entlegene Teile des Regenwalds mit einer Drohne, die mit einer multispektralen Kamera ausgerüstet ist, um dann mit den aufgenommenen Bildern detaillierte topografische Landkarten zu erstellen. „Diese Technik erlaubt es, Dinge sichtbar zu machen, die mit herkömmlicher Fotografie nicht erfasst werden können – so etwa unterirdische Feuer, die aufgrund der großen Trockenheit des Bodens entstehen, oder die Rodung einer großen Fläche von Primärwald für den Bau des Samuel-Wasserkraftwerks“, erklärt Haslinger. Eine geschickte Täuschung: Was aufgrund der satten Farben einladend und positiv wirkt, entpuppt sich beim genauen Hinsehen als dramatische Zerstörung des Lebensraums.

Ein Ausstellungsraum mit Bäumen und Bildschirmen
Benvenuto Cellinis Saliera als Salzstein für Wildtiere im Salzburger Wald von Anca Benera und Arnold Estefán.
© Rudolf Strobl

Das Künstler:innenduo Anca Benera und Arnold Estefán stellt Kunst in den Wald und beobachtet mittels Kamera, was passiert. Das Video zeigt, wie es Benvenuto Cellinis Saliera, einem tatsächlich komplett aus Salz gestalteten Salzfass, in einem Salzburger Wald ergeht: Zuerst wird es von den Wildtieren argwöhnisch beäugt, doch nach eingehender Untersuchung akzeptieren sie es als Leckstein. „Der vom Menschen geformte und geprägte Planet wird so symbolisch der Natur zurückgegeben“, erklärt die Kuratorin. Eine simple Idee mit komplexer Aussagekraft. Die künstlerischen Versuche sämtlicher Ausstellungspositionen, sich dem komplexen ökologischen System Wald zu nähern, werden durch wissenschaftliche Fact-Boxes unterlegt.

Kunst beschäftigt sich also mit dem Klimawandel, bildet ihn ab, baut Installationen um ihn und seine zentralen Themen. Das hat bisher schon in Einzelausstellungen funktioniert. Warum ein eigenes Festival?

„Claudius (Schulze, Anm.) und ich haben entdeckt, dass es gar kein Festival gibt, das Kunst und Klimafragen oder Zukunftsfragen miteinander verbindet“, sagt Sithara Pathirana. Die Grazer Kulturmanagerin sitzt auf einer Holztreppe der „Klimakantine“ auf dem Nordwestbahngelände, dem Festival-Areal der Klima-Biennale. Bäumchen in Trögen versuchen, der großen Halle eine sympathische Note zu verleihen.

Die R der Kreislaufwirtschaft

„Die Bäume sind gerettete Bäume, die sonst zerstört werden würden“, erklärt Pathirana. „Wir wollten für das Festivalgelände nur mit gebrauchtem Holz arbeiten. Das ging dann leider nicht, weil das Holz schon zu morsch war. Die Möbel haben wir zusammengesammelt.“

Die zentrale Ausstellung im Festival-Areal ist „Songs for the Changing Seasons“. Lucia Pietroiusti und Filipa Ramos haben 13 Positionen versammelt. Gleich beim Eingang hängen Zeichnungen von Fischen, die alle gleich groß sind und in die gleiche Richtung schauen. Der Transport der Zeichnungen hat keinen großen CO2-Fußabdruck hinterlassen: „Diese 68 Werke sind hochwertige Kopien, also Kunstdrucke, und nicht die Originale. Deswegen konnte man die einfach mit der Post verschicken. Günstiger und vor allem nachhaltiger“, sagt Pathirana. „Es gibt die 10 R der Kreislaufwirtschaft und wir haben uns die ersten drei sehr zu Herzen genommen: Refuse (Ablehnen), Rethink (Überdenken) und Reduce (Reduzieren)“, fügt sie hinzu.

Sithara Pathirana und Claudius Schulze
Claudius Schulze und Sithara Pathirana leiten das Festival.
© Gregor Kuntscher

Weiter hinten im Ausstellungsraum steht ein blauer Turm mit braunen Buchstaben, Symbolen und Figuren. „Natürlich produzieren wir hier auch etwas – wie das Werk der Chilenin Natalia Montoya mit indigenen Wurzeln.“ Sie ist die einzige Künstlerin, die eingeflogen werden musste, erzählt die Festival-Leiterin. „Montoya hat zweieinhalb Wochen in Wien gearbeitet und sich der Brotbackkultur angenommen. Sie hat ihren Background und die Mythen mit Lokalem vermischt.“ Das Kunstwerk aus Brot soll nach dem Festival verbrannt und dem ökologischen Kreislauf zugeführt werden.

In der Schau „Design with a Purpose“, einer Zusammenarbeit mit der Vienna Design Week, fällt eine runde, begrünte Dusche ins Auge, die − quasi als Kreislaufmodell − nach dem Duschen gleich die Pflanzen gießt.

Ausstellungsraum mit Pflanzen in einem runden Gewächshaus
Eine Dusche als Kreislaufsystem: „Design with a Purpose“ will Lösungen entwickeln.
© Gregor Kuntscher

„Es gibt so viele Lösungen da draußen und hoffnungsmachende Ideen sowie konkrete Vorschläge. Über die sollten wir öfter und mehr sprechen. Weil das jetzige Narrativ lähmt“, sagt Pathirana. „Der Diskurs kreist gerade um das Verzichten, also die Problematik auf jeden Einzelnen abwälzen, und die Dystopie“, beschreibt sie die Stimmung zum Thema Klimawandel.

Und was haben Kamele mit Kunst und Klimawandel zu tun? Einen möglichen Ansatz hat das Weltmuseum gefunden: Es ist ein Anliegen der UNO, mithilfe dieser vielseitigen Nutztiere die Ökosysteme zu schützen, denn sie seien Hoffnungsträger für Medizin, Ernährung und Textilindustrie. Und so wird in der Ausstellung „Auf dem Rücken der Kamele“ mit historischen und zeitgenössischen Kunstwerken, Filmen und Fotografien auf die Vorzüge und die Einzigartigkeit dieser Tiere aufmerksam gemacht, aber auch auf das Tierleid durch Transporte und Schlachtungen.


Die Klima Biennale Wien findet bis 14. Juli an verschiedenen Orten in ganz Wien statt. Weitere Infos zum Programm des Festivals findet ihr unter www.biennale.wien.

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Infos und Quellen

Genese

Als WZ-Redakteurin Verena Franke las, dass in Wien erstmals eine Klima Biennale stattfinden wird, fragte sie sich, was Kunst mit dem Klimawandel verbindet. Die Überlegung, dass Kunst den Klimawandel bremsen kann, wurde nicht bestätigt. Aber Kunst kann den Klimawandel auf verschiedene Arten abbilden und ihn so auf eine andere Art ins Bewusstsein der Menschen rücken, als das Nachrichten oder Fachartikel tun.

Gesprächspartnerinnen

  • Die Grazerin Sithara Pathirana ist Projekt- und Kulturmanagerin. Ihr Schwerpunkt liegt in der Kulturellen Bildung und sie beschäftigt sich vor allem mit den Themen: kulturelle Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit. Sie war Referentin im Hamburger Verband für Kinder- und Jugendkultur. Als Kunstfestivalproduzentin war sie zuvor unter anderem bei der Triennale der Photographie Hamburg, beim steirischen herbst und dem Hamburger Kulturgipfel tätig. Mit dem Münchner Claudius Schulze, Forscher und Künstler mit Fokus auf Klimakrise, Artensterben und Künstliche Intelligenz, hat Pathirana bereits gemeinsame Großprojekte umgesetzt. Erst im Oktober 2023 initiierten und organisierten sie das ClimateArtFest in Hamburg nun die Klima Biennale Wien.

  • Sophie Haslinger ist Kuratorin der Ausstellung „Into the Woods“ im Kunsthaus Wien

Daten und Fakten

Die Klima Biennale findet 2024 zum ersten Mal statt und soll sich, wie der Name schon sagt, alle zwei Jahre in Wien positionieren. Sithara Pathirana und Claudius Schulze stemmen dieses insgesamt 100 Tage dauernde Festival gemeinsam. Als Zentrale fungiert das frisch renovierte Kunst Haus Wien, das Festival-Areal befindet sich im Stadtentwicklungsgebiet am Nordwestbahnhofgelände. Es sind Akteure der Kunst, Architektur, Wissenschaft und des Designs, die ihren Fokus auf einen neuen, nachhaltigen Zukunftsentwurf richten. Insgesamt beteiligen sich 60 Partnerinstitutionen mit eigenen Programmen wie das Belvedere 21, das Weltmuseum oder die Wiener Festwochen. Ferner schließen sich auch Vertreter:innen von Wiens freier Szene und Organisationen wie die Volkshilfe Wien dem Programm an. Finanziell und inhaltlich wird die Biennale vom Kultur- und Wissenschafts-, dem Klima und Umwelt- sowie dem Finanzministerium der Stadt Wien mit insgesamt 1,5 Millionen Euro unterstützt.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien