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Was macht eigentlich der Adler im Parlament? 

4 Min
Ein eingefärbtes Bild vom Adler im Nationalratssaal.
Der Adler im Parlament hat schon viel gesehen und erlebt.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Max Slovencik / EXPA / picturedesk.com

Er sieht aus wie der Bundesadler, ist aber gar kein offizielles Staatssymbol: WZ-Kolumne über die Frage, wie der vermeintliche Wappenadler ins Parlament kam und zum Symbol für den Parlamentarismus wurde.


Stählern, mit strengem Blick, die Flügel weit ausgebreitet: Fast jeder kennt den Vogel, ist er doch bei TV-Übertragungen aus dem Nationalrat meist prominent im Bild. Unberührt von all dem, was unten vor sich geht, schwebt er an der Stirnseite des Plenarsaals. Hammer und Sichel in den Fängen, Kette und Fahne auf der Brust: Das ist doch der Bundesadler, das offizielle Wappen der Republik, möchte man meinen. Doch nein, die Flügelhaltung ist eine andere. Wie kommt dann so ein Wappenzwilling ins Hohe Haus, und was haben die Adleraugen schon alles gesehen? Eine Zeitreise. 

In den ursprünglichen Plänen des Architekten Theophil Hansen findet sich von dem Vogel noch keine Spur. Schließlich hatte das Parlament bei seiner Eröffnung 1883 längst nicht die Stellung im Staatsgefüge, die es heute hat. Noch herrschte Kaiser Franz Joseph über Österreich – der Doppeladler, der als Symbol der Habsburger gilt, hatte daher nichts im Plenum verloren. Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg zerstörten den heutigen Plenarsaal weitgehend, mit den Wiederaufbauplänen schlug die Stunde des Adlers. Ziel war, ein „sichtbares Zeichen des Bundesstaates und der Souveränität“ ins Parlament zu bringen, weiß Werner Zögernitz über die Hintergründe Bescheid. Zögernitz ist Direktor des Instituts für Parlamentarismus und Demokratieforschung und als langjähriger VP-Klubdirektor wie kaum ein anderer mit den Details des parlamentarischen Geschehens vertraut. Dass ein Adler dieses Zeichen bestens repräsentiert, war naheliegend, sagt er. Schließlich war der Vogel schon 1919 als Staatswappen festgeschrieben worden. 1945 wurde das offizielle Bild um die gesprengten Ketten ergänzt. Der Parlamentsvogel ist aber eben keine korrekte Darstellung des gemeinhin als Bundesadler bekannten Wappens, sondern „ein Kunstobjekt“, wie auch Parlaments-Sprecher Karl-Heinz Grundböck betont.

Schlichtes Metall statt Carrara-Marmor

Seine Geburtsstunde schlug 1956: Geplant und gefertigt von Bildhauer Rudolf Hoflehner, wurde der 4x2,8 Meter große Vogel aus Stahlblech im Plenarsaal montiert. Hoflehner hätte seinem prestigeträchtigen Werk übrigens gern mehr Glanz verpasst. Krone, Wappen, Hammer und Sichel hätten aus weißem Carrara-Marmor gefertigt werden sollen, Kopf, Beine, Krallen, Gefieder und Ketten sollten aus vergoldetem Schmiedeeisen bestehen. Diese Extras wollte sich das Parlament nicht leisten, übrig blieb die schlichte Metallausführung. 

Der Parlamentsadler wachte am 8. Juni 1956 über seine erste Nationalratssitzung, der Staatsvertrag war da noch kein Jahr alt. Seither haben 14 Nationalratspräsident:innen unter seinen Fittichen Platz genommen. Sechs Parteien hat er ins Parlament einziehen – und manche davon wieder rausfliegen – gesehen. Der Parlamentarismus erlebte in diesen fast siebzig Jahren einige Sternstunden und so manchen Tiefpunkt, den Adler konnte nichts erschüttern. Zu den Highlights zählt etwa der EU-Beitritt 1995, der formal am 11. November 1994 mit 78 Prozent Zustimmung im Nationalrat beschlossen wurde.

Zu schwerer Vogel für den Redoutensaal

Die Geschäftsordnung sorgt heute für nahezu alle Eventualitäten im Parlament vor, manche Regelungen wurden noch nie oder selten praktiziert. Erst einmal erlebt hat der Adler etwa eine Mandatsaberkennung wegen andauernder Abwesenheit, 1998 im Fall Peter Rosenstingl. Noch nicht gesehen haben die Adleraugen eine Ministeranklage. Und auch der erste Misstrauensantrag gegen eine Bundesregierung, der eine Mehrheit fand, blieb dem Original-Adler erspart: Als dieser 2019 beschlossen wurde, tagte der Nationalrat wegen der Parlamentssanierung im Ausweichquartier in der Hofburg. Dort war lediglich eine Kopie des Adlers angebracht worden, da das Original für die Wände des Redoutensaals zu schwer gewesen wäre. 

Allein das zeigt: Der Adler ist längst zum Symbol für Parlamentarismus geworden. Unterschiedliche Koalitionsvarianten hat der echte Adler in seinen sieben Jahrzehnten zur Genüge erlebt. Von den VP-geführten Regierungen mit SP-Beteiligung über die VP-Alleinregierung 1966 bis 1970 zum Aufstieg von Bruno Kreisky und seiner SP-Alleinregierung bis 1983; von der erstmaligen Regierungsbeteiligung der FPÖ als Juniorpartner der Roten bis 1986 über die vielen Jahre der großen Koalition unter SP-Führung und dem Wechsel zu einem VP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel in kleiner Koalition mit der FPÖ im Jahr 2000; von der Rückkehr zur großen Koalition unter SP-Führung für ein neuerliches Jahrzehnt ab 2007. Der Aufstieg von Sebastian Kurz zum Bundeskanzler (ÖVP) erfolgte noch unter dem Original, während Kurz‘ Fall gönnte man dem Adler nicht nur eine Verschnaufpause, sondern ließ ihm sogar ein Facelift zukommen. 

Adler-Kopie wartet auf Bestimmung

Nach langem Hin und Her, ob eine Demontage im Plenarsaal überhaupt möglich sei, wurde er im Juni 2018 in vier Teile zerlegt und in eine Spezial-Werkstatt in Oberösterreich gebracht. Ob die dort beseitigten Korrosionsspuren Ergebnis der vielen heißen Luft waren, der der Adler seit seiner Geburtsstunde im Parlament ausgesetzt war, ist nicht bekannt. Seit August 2021 schwebt er jedenfalls wieder an seinem angestammten Platz im Parlament, die Kopie wartet im Lager auf ihre weitere Bestimmung. Marmor und Gold finden sich auch heute nicht am Adler, knapp unter seinen Beinen leuchtet es aber seit der Wiedereröffnung des Hohen Hauses grün: Die Platzierung der Notausgang-Beschilderung direkt unter dem Adler findet so mancher Mandatar „typisch österreichisch“, tatsächlich gilt nun einmal: Vorschrift ist Vorschrift. Denn: Mängel beim Brandschutz waren laut Grundböck einer der vielen Punkte, die es bei der Parlamentssanierung zu beheben galt. In Gebrauch ist die Tür hinter dem Platz des/der Nationalratspräsident:in auch heute kaum – aber nun ist sie im Notfall wenigstens zu finden.  


In der Serie „Was macht eigentlich ein:e…?“ beschreibt Jasmin Bürger alle zwei Wochen die Schaltstellen der Republik. Alle Texte findet ihr in ihrem Autor:innenporträt.