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Was macht eigentlich die Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit?

6 Min
Ein stililsiertes Bild von Katharina Reich.
Ohne Corona wäre Reich wahrscheinlich immer noch Ärztin.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Tobias Steinmaurer / picturedesk.com

Katharina Reich hat einen der wichtigsten Jobs der Republik. Sie ist für die medizinische Versorgung der Österreicher:innen verantwortlich.


Winter 2023: Kein Grippeimpfstoff, kein Paxlovid, volle Arztpraxen. Gefühlt waren zu Jahresende alle krank, aber Vakzine und Medikamente fehlten an allen Ecken und Enden. Das Gesundheitssystem wankt. Nach außen muss Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) dafür geradestehen. Nach innen sieht es anders aus. Im Ministerium fallen Impfwesen und Arzneimittel in die Zuständigkeit der Sektion VII, öffentliche Gesundheit und Gesundheitssystem. Sektionsleiterin – und Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit in Personalunion – ist Katharina Reich. Ist sie also verantwortlich für den Mangel?

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Reichs Verantwortungsbereich ist groß. Sie selbst fasst ihn weit. „Meine Aufgabe ist es, mich um all jene Gesundheitsthemen zu kümmern, die alle Bürger:innen im Land betreffen, egal ob gesund oder krank“, sagt sie. Die beiden Sparten ihrer Sektion – „Gesundheitssystem“ und „Public Health“ – decken so ziemlich alles ab, was es zur Erhaltung, zum Schutz, zur Wiederherstellung der Gesundheit der Bürger:innen braucht – von Seuchenbekämpfung über Strahlenschutz bis zu Struktur, Qualität und Finanzierung des Gesundheitswesens.

In vielen Bereichen hapert es. Es herrscht Ärztemangel, Antibiotika sind Mangelware, die Zwei-Klassen-Medizin ist längst Realität. Ihr allein den schwarzen Peter zuzuschieben, wäre dennoch falsch. Reich hat eine Strukturschwäche geerbt. Das Gesundheitssystem ist verzweigt. Die Kompetenzen teilen sich Bund, Länder und Sozialversicherungen. Ein „Dreigestirn“, wie Reich sagt.

Eine Grafik über die geteilten Zuständigkeiten im Gesundheitssystem.
© Illustration: WZ

Vereinfacht gesagt, gibt der Bund nur die Leitlinien vor, die Länder sind für die Umsetzung in den Spitälern und der Pflege zuständig, die Sozialversicherung für alles, was außerhalb der Spitäler an Gesundheitsdienstleistungen anfällt – also etwa das System der Hausärzt:innen Da ist auch die Ärztekammer ein mächtiger Partner, der immer dann ein Veto einlegt, wenn die eigene Macht bedroht ist. Der Fehler liegt im System.

Am Beispiel Paxlovid: Die Bestellung erfolgte „als Ausnahme von der Regelstruktur im Rahmen des Pandemiemanagements zentral über den Bund“, sagt Reich. Die Verteilung ist wiederum Sache von Pharmagroßhandel und Apothekerkammer. Die eingekauften Mengen nennt Reich „ausreichend“, dass jene, die sie verteilen, über ihren Verbleib nichts sagen können, „inakzeptabel“. Nachgekauft hat der Bund trotzdem.

Harte Verhandlungen

Beispiel Influenza-Impfung: Verteilung und Abgabe des Vakzins erfordert eine Abstimmung des Dreigestirns. Damit das von Boden- bis Neusiedlersee funktioniert, gibt es eine „Bundeszielsteuerungskommission“. In diesem Lenkungsgremium sitzt Reich mit Vertreter:innen von Ländern und Sozialversicherung. Die übergeordneten Ziele decken sich mit jenen der Sektion VII: „Bessere Versorgung, bessere Qualität und eine gesündere Bevölkerung.“ In der Realität ist man weit von den Zielen entfernt. Deshalb soll das System nun erneuert werden – mit der eben beschlossenen Gesundheitsreform.

Die Verhandlungen waren im vergangenen Jahr ein großer Teil ihres Jobs. Und sie waren nicht leicht. „Alle Themen, die seit Jahren reformbedürftig sind, haben sich während der Pandemie weiter verschärft. Im ganzen System gab es Nöte, Sorgen und Herausforderungen. Zu Beginn standen wir gefühlt mit Halbschuhen vor dem Mount Everest. Da muss man dann halt Schritt für Schritt gehen.“ Nun hat der Bund mehr Macht. „Erstmals gibt es Steuerungsmöglichkeiten für den Bund bei der Gesundheitsversorgung. Bisher lag viel in den Händen der Ärztekammer, für Bund und Länder war es nicht möglich, zu sagen, wir brauchen hier eine Gruppenpraxis, dort mehr Kinderärzte. Jetzt können die zuständigen Systempartner gestalten.“

Beinhart, wenn es komische, nicht nachvollziehbaren Widerstände gibt.Katharina Reich über ihre Art zu verhandeln

Ein Jahr lang saß Reich in Sitzungen – alle zwei Wochen zwei Tage lang, jeweils mehr als zehn Stunden. Mit Vertreter: innen des Finanzministeriums, mit den Ländern, den Sozialversicherungen und weiteren Stakeholdern versuchte sie, auf einen grünen Zweig zu kommen. Solche Verhandlungen sind ein ständiger Austausch zwischen Beamt:innen und Politik. „Unsere Aufgabe ist es, Bilder herzustellen, anhand derer die Politik entscheiden kann. Wir stellen alle Sichtweisen dar, wie sieht es die Sozialversicherung, wie die Länder und wo ist ein möglicher Konsens“, erklärt Reich. Diesen umzusetzen, gehörte auch zu ihrem Job – auf Beamt:innenebene „immer in Rücksprache mit der Politik“, die auch rote Linien vorgab. Wie sieht sie sich als Verhandlerin? „Beinhart, wenn es irgendwelche komischen, nicht nachvollziehbaren Widerstände gibt“, sonst „verbindlich“.

Ohne Corona wäre Reich wahrscheinlich immer noch Ärztin. Dass es im Gesundheitssystem kracht, weil die Steuerung zwischen den einzelnen Playern nicht gut funktioniert, war eine der ersten Erkenntnisse am Beginn der Pandemie – auch im Ministerium fehlte eine Person, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Ihre Sektion war 2018 unter Türkis-Blau aufgelöst worden. Erst Ende 2020 machte der damalige Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) das rückgängig und führte alle in der Pandemie geforderten Abteilungen wieder unter einem Dach zusammen. Reich trat den Job als Chief Medical Officer und Sektionschefin an, mit Krisen kennt sie sich aus. Als ärztliche Vizedirektorin der Klinik Hietzing leitete sie den Corona-Krisenstab des Spitals.

Sichtbar durch Corona

Die Pandemie machte sie in der Öffentlichkeit bekannt. Neben dem Corona-Krisenstab leitete sie mit Generalstabschef Rudolf Striedinger (sein Porträt lest ihr hier) die Gecko-Expertenkommission. Auch die litt an Koordinierungsproblemen: Was die Experten empfahlen, wollte die Politik nicht hören. 

Als Chefin des Gremiums war sie auch der Politik verpflichtet. Sie steckte in der Zwickmühle. Bis heute. Ihre Antworten sind diplomatisch. Etwa auf die Frage, ob ihr Corona Angst gemacht habe. „Als Ärztin braucht man ein gewisses Grundvertrauen. Es war klar, das wird hart und wird uns bis an die Grenzen unserer Belastbarkeit bringen. Doch wir sind ein reiches Land mit einem guten Gesundheitssystem, ein Land, das, wenn es hart wird, zusammenhält. Auch wenn es uns beutelt und rüttelt, das schaffen wir.“

Nicht in die erste Reihe

Geschafft sind die Herausforderungen noch lang nicht. Ob die Reform eine bessere Versorgung bringt, wird sich zeigen. Wenn nicht gerade eine Pandemie zu bewältigen und eine verschleppte Strukturreform zu stemmen ist, ist ihre Hauptaufgabe die „Koordinierung meiner Abteilungen bei derErfüllung von gesetzlichen Aufträgen und internationalen Vorgaben“. Das bedeutet, bei der Umsetzung von Gesetzesvorhaben zu „prüfen, welche Möglichkeiten gibt es, welches Budget braucht es. Da ist man im Rahmen der Möglichkeiten als Beamt:in frei, Vorschläge zu machen, die in Rücksprache mit der Politik weiterentwickelt werden“. 

Einen solchen „Normalmodus“ kennt Reich nicht, das lief bisher nebenher. Ihren Job beschreibt sie als „ständiges Rauf- und Runterpriorisieren, ein internes Abwägen, wer will was, warum jetzt und kann das warten?“

„Ich muss schauen, welche Bälle muss ich in der Luft behalten, welche kann ich ablegen. Das ist herausfordernd und mühsam, aber auch spannend.“ Zwei Jahre läuft ihr Vertrag noch, dann kann sie sich wieder bewerben – oder den Weg in die Politik einschlagen, wie einst ihre Vorgängerin, eine gewisse Pamela Rendi-Wagner? „Nein, gestalten macht Spaß, aber das muss nicht in der Front row sein.“


In der Serie „Was macht eigentlich ein:e…?“ beschreibt Jasmin Bürger alle zwei Wochen die Schaltstellen der Republik. Alle Texte findet ihr in ihrem Autor:innenporträt.