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Was macht eigentlich ein:e Kabinettschef:in?

5 Min
Ein Foto von Eva Gollubits und Sarah Böhler.
Sarah Böhler (links) und Eva Gollubits
© Collage: WZ, Fotoquelle: Antonio Nedić, Tarek Wilde

Diesmal in der WZ-Kolumne: Sie sind im politischen Geschäft unerlässlich. Die Öffentlichkeit kennt sie kaum – die Kabinettschef:innen.


Eva Gollubits‘ Arbeitstag beginnt vor dem Aufstehen: „Ich liege um sechs Uhr in der Früh im Bett und lese alle Zeitungen und Medien.“ Sarah Böhler sagt: „Mein Tag beginnt mit dem Morgenjournal und endet mit der ZiB2.“ Die 41-jährige Gollubits ist Kabinettschefin von Bildungsminister Martin Polaschek (ÖVP), Böhler, 40, leitet das Kabinett von Justizministerin Alma Zadic (Grüne). Lange Arbeitstage sind für beide die Regel; das Ignorieren von Wochenenden auch.

„Das Kabinett ist dazu da, Minister:innen zu unterstützen“, sagt Gollubits. Medienbeobachtung, klassische und die sozialen, gehört dazu, schließlich sind die Kabinettschef:innen dafür verantwortlich, dass ihre Chefs und Chefinnen gut dastehen. Für die Medien- und Kommunikationsagenden gibt es in jedem Kabinett mehrere Mitarbeiter:innen, dazu kommen Fachreferent:innen. Insgesamt sind in Gollubits‘ Team 17, bei Böhler 15 Leute. Die Referent:innen decken inhaltlich alle Themenbereiche des Ressorts ab. Viele von Böhlers Kolleg:innen sind Jurist:innen. Sie sind den jeweiligen Sektionen im Ministerium zugeordnet.

Den Minister:innen verpflichtet

In den Sektionen sind alle Agenden des Ressorts fachlich abgebildet, zum Beispiel gibt es im Justizressort eine Strafrechts-Sektion. Die Sektionen sind die Verwaltungsebene, von hier kommen etwa Gesetzesentwürfe – dazu später mehr.

Sektionschef:innen sind Minister:innen unterstellt. Neue Minister:innen können sich „ihre“ Sektionschef:innen nicht aussuchen, weil diese Fünf-Jahres-Verträge haben. Und da sind wir wieder bei den Kabinetten, die mit Sonderverträgen direkt Minister:innen verpflichtet sind: Sie sorgen dafür, dass deren politische Ziele umgesetzt werden. Sie sind Bindeglied und Schnittstelle zwischen Ressortchef:in und den Beamt:innen im Haus.

Die Post und das Krisenmanagement

Deshalb gehören nicht nur Dinge wie Postabwicklung, Terminplanung, -vorbereitung, und -begleitung, Reden schreiben zum Jobprofil. Gollubits und Böhler beschäftigen sich mit strategischer Planung und Steuerung: Wann setzen wir welches Projekt aus dem Regierungsprogramm um? Wie bekommen wir bei strittigen Vorschlägen den Koalitionspartner mit ins Boot? Was sagt mein Minister, meine Ministerin, wann, wo und was nicht?

Und dann ist da noch Krisenmanagement. Auf Regierungsebene, weil etwa der Koalitionspartner unabgesprochen Pläne ventiliert oder dessen Ideen ablehnt. Oder inhaltlicher Natur, was Böhler so beschreibt: „Die Justiz, das sind nicht nur die fünf Sektionen und Stabsstellen im Haus, im Justizapparat arbeiten mehr als 12.000 Menschen, für die wir verantwortlich sind. Und jedes Problem, das dort eine gewisse Schwelle übersteigt, kann auf meinem Schreibtisch landen.“ Mit Beispielen bleibt sie zurückhaltend, im Bildungsministerium war zuletzt in Sachen Lehrermangel Krisenmanagement angesagt.

Ohne Masochismus geht es nicht.Eva Gollubits

Verschwiegenheit ist oberste Pflicht. Die Kabinettschef:innen sind von früh bis spät fast immer an der Seite ihrer Minister:innen und wissen alles: Was in der Regierung diskutiert, worüber gestritten wird, welche Pläne angedacht, wieder verworfen oder weiterverfolgt werden. Sie gehören zu den einflussreichsten Menschen des Landes. Dafür sind sie bereit, das Handy nie auszuschalten. Ohne eine gewisse Leidenschaft zum Masochismus geht es nicht, sagt Gollubits. 

Jeder Tag ist anders, nur ein paar Fixpunkte gibt es. Das tägliche Briefing mit dem Minister, der Ministerin, der Ministerrat am Mittwoch, wo sich auch die Kabinettschef:innen austauschen. Landet ein Gesetz dort als Ministerratsvorlage, haben sie viel Arbeit hinter sich. Denn die koalitionsinternen Abstimmungen vorab laufen auf Kabinettsebene: Unter Referent:innen, wenn es keine gröberen Unstimmigkeiten gibt. Zwischen Kabinettschef:innen, wenn sich ÖVP und Grüne auch nach mehreren Runden nicht einigen können. Und auf Ministerebene, wenn gar nichts mehr geht. 

Die Selbstüberschätzung der Sektionschef:innen

Die Parlamentsklubs sind in diesen Prozess auch eingebunden dass sich so mancher Sektionschef bisweilen als Gesetzesmacher wähnt, weil die Entwürfe aus den Sektionen kommen, ist reine Selbstüberschätzung. Die Macht liegt in den Kabinetten. Wer dorthin geht, sollte Politik und Verwaltung verstehen. 

Und wie wird man Kabinettschef:in? „Man bewirbt sich nicht, man wird gefragt“, sagt Gollubits. Das trifft auch bei Böhler zu.

Davon abgesehen ist der Werdegang der beiden unterschiedlich. Die gebürtige Burgenländerin Gollubits kam über die Schülervertretung zur Volkspartei. Sie war Referentin bei Fritz Neugebauer, dem langjährigen Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft, und landete dann im Innenministerium, wo sie als Vertragsbedienstete unterschiedliche Positionen innehatte. Ihr Jusstudium schloss sie berufsbegleitend ab. Sie war in mehreren Kabinetten, im Parlament und im Kanzleramt tätig. Ein Gastspiel im Siegendorfer Gemeinderat ist ihr bisher einziges politisches Mandat. Als sie Ende 2021 der Ruf in Polascheks Kabinett ereilte, war sie knapp zwei Jahre lang Generaldirektor-Stellvertreterin in der Pensionsversicherungsanstalt.

Böhler, die Zadics Kabinett im selben Jahr übernahm, ist erst seit 2018 im Geschäft. Die promovierte Juristin aus Vorarlberg bewarb sich bei der Liste Jetzt als Mitarbeiterin für den BVT-Untersuchungsausschuss. Alma Zadic war ihre Chefin. Nach den Neuwahlen und Zadics Wechsel zu den Grünen bat sie Böhler, an ihrer Seite zu bleiben. Und so saß Böhler auf einmal nicht nur bei den Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP mit am Tisch, sondern wenig später eben auch im Justizministerium, zunächst noch als Kabinetts-Vize.

Job mit Ablaufdatum

Unterschiedlich beantworten die beiden die Frage, wie parteipolitisch man für den Job sein muss. Gollubits: „Es wäre schon gut, sich mit der Partei seines Ministers identifizieren zu können.“ Böhler: „Es kommt mehr darauf an, dass man sich mit der Person vollkommen identifizieren kann.“ 

Dass ihr Job ein Ablaufdatum hat, da jede:r Minister:in freie Hand über sein/ihr Kabinett hat, nehmen sie in Kauf: „Wenn man in die Politik geht, weiß man das“, sagt Böhler, „ich habe einen Brotberuf, in den ich jederzeit zurückgehen kann.“ Gollubits ist vom Innenministerium dienstzugeteilt, also quasi ausgeliehen ans Bildungsressort. „Ich kann mir gut vorstellen, ins Innenministerium zurückzugehen.“ Beide wissen: Zu viel planen sollte man in der Politik nicht.


In der Serie „Was macht eigentlich ein:e…?“ beschreibt Jasmin Bürger alle zwei Wochen die Schaltstellen der Republik. Alle Texte findet ihr in ihrem Autor:innenporträt.