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Bei Beratungstagen des Vorarlberg Museums bringen Menschen Fundstücke mit, die Geschichten erzählen – oder ihnen einen Schlüssel für die eigene Familienhistorie liefern sollen.
Mit dem Erinnern ist das so eine Sache. Die Vergangenheit ist Teil unserer Identität, sie wegzuradieren ist eigentlich nicht möglich.
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Was aber, wenn die Vergangenheit einen besonderen Geruch hat? Den der NS-Zeit? Was tun mit dem ganzen Zeug, das noch irgendwo verstaubt?
Die Büroräumlichkeiten des Depots sind betont steril. Weiß, grau, schwarz, ordentlich. Es ist eine Zweigstelle des Vorarlberg Museums, gedacht für Verwaltung und – im hinteren Teil – die Lagerung, in einem unattraktiven Gewerbegebiet abseits des Hauptmuseums.
Heute ist ein besonderer Tag. Denn heute können Menschen hierher ins Gewerbegebiet kommen, die unliebsames Material in ihren Taschen tragen. Nämlich Funde, die aus der Zeit der 1930er und 1940er Jahre stammen.
Man wisse ja nie
Die erste Besucherin, eine Mitt-Vierzigerin, leert verschämt ihre Tasche. Eingewickelt in ein dünnes Obstsäckchen sind drei Stücke aus Metall. Sie verschwinden in ihrer Größe auf dem riesigen Konferenztisch. Bei genauerem Hinschauen ist das Hakenkreuz aber unübersehbar. Orden aus der damaligen Zeit. Die Frau sagt das, was viele an dem Tag sagen werden: Sie würde es ja weghauen. Aber sie habe Angst, dass jemand im Müll wühlt und es in die falschen Hände gerät. Man wisse ja nie.
Ein Original-Anhänger mit Hakenkreuz bringt am Schwarzmarkt schon um die 100 Euro pro Stück. In Österreich und Deutschland ist der Handel streng verboten.
Im Verbotsgesetz heißt es, strafbar mache sich, wer öffentlich oder vor mehreren Leuten (…) die Ziele der NSDAP (…) verherrlicht oder anpreist (...).
Michael Kasper, Direktor des Vorarlberg Museums, erklärt es so: Die Kiste im Keller ist unproblematisch. Die beleuchtete Vitrine im Wohnzimmer schon ein Grenzfall. Weil das Wohnzimmer ja zwangsläufig mehreren Leuten zugänglich ist und eine Inszenierung in einer Vitrine schon einem „Aufs-Podest-Stellen“ gleichkommt.
Manche lassen was da, andere nehmen es wieder mit
Das Museum beschäftigt sich derzeit intensiv mit dem Thema. Vorarlberg hat nämlich eine Ausstellung des Wiener Hauses der Geschichte Österreich weiterentwickelt, die derzeit unter dem Titel „Baustelle Erinnerung | Hitler entsorgen“ läuft. Im Depot können sich nun in Vorarlberg ansässige Menschen beraten lassen. Wohin mit der Erinnerung. Oder wohin mit den Erinnerungslücken? Ein bisschen Seelsorge ist nämlich auch dabei. Ein Mann, ebenfalls Mitte 40, vom Typ Iron-Man-Teilnehmer, hat sogar seine Lebensgefährtin als moralische Unterstützung mitgebracht. Im Gespräch mit Kasper will er vor allem über seine Familie reden, etwas, was ansonsten zu schambehaftet ist. Über Hitler-Büsten im Wohnzimmer seiner Kindheit. Über Erziehungsmethoden von seinerzeit. Über Sachen, die nicht ausgesprochen wurden, aber immer über den Familienzusammenkünften kreisten. Jetzt sind alle in seiner Familie tot, die etwas erzählen könnten, und er hat das Gefühl, endlich bereit für Fragen mit echten Antworten zu sein.
Ein bisschen Therapie
Er ist nicht gekommen, um etwas da zu lassen, sondern um weiterverwiesen zu werden. Wie kann er anhand von den Aktenordnern und Abzeichen mehr über seine Familie herausfinden? Kasper hört geduldig zu, nickt wie ein erfahrener Therapeut und lotst das Paar schließlich an die nächsten Stellen weiter. Menschen wie sie sind höchst dankbar für die minutiöse Arbeit, die Historiker:innen und Praktikant:innen seit Jahren verrichten. Etikettierung, Datierung, Einordnung. Es braucht eine Liebe zum Detail.
Für jedes Stück, das dem Museum überlassen wird, gibt es einen Zettel mit Übergabe, Unterschrift, Datum, Beschreibung.
Unterschrift, Datum, Übergabe
Die nächste Frau bringt einen unkuratierten vollen Sack mit. Sie sagt deutlich, dass sie die Gegenstände einfach weghaben will. Für sie ist alles „altes Züg“, altes Zeug. Mehr weiß sie nicht – es sind Überbleibsel aus dem Haus der Schwiegereltern. Der Gefahr, dass es jemand aus dem Müll klaubt, die will sie hier auch begegnen und alles im Museum lassen. Sammlungsleiterin Ute Denkenberger trennt die Überbleibsel aus den 60er Jahren von der Turnerschleifen und Andenken von Feuerwehrfesten aus den 1940er Jahren. Nicht alles aus der NS-Zeit trägt Hakenkreuz oder SS-Runen.
Ein betagtes Ehepaar überrascht dann sogar die erfahrenen Museumsmitarbeiter. Sie bringen einen ganzen Koffer voll mit – und haben noch mehr im Haus daheim. Sie, knapp 90, aus Niederösterreich, hat ihn, Mitte 80, vor über 65 Jahren geheiratet. Zusammen verbindet sie unter anderem eine Liebe für alte Stücke. Im Gespräch mit ihnen wird deutlich: Sie lehnen die NS-Ideologie ab. Aber sie wollen auch ihre Kindheit nicht verleugnen. Die Greisin hat etwa zahlreiches Holzspielzeug aus der damaligen Zeit mitgebracht. Spielzeug, das auf den ersten oder zweiten Blick nicht zur NS-Zeit gehört, es aber trotzdem ist. Weil es von einer Vorfeld-Organisation geschnitzt wurde. Waren am Anfang noch ein paar Vereine erlaubt, wurde das Regime mit der Zeit immer totalitärer und organisierte Aktivitäten ohne Hakenkreuz offiziell nicht mehr möglich. So ist fast jede Erinnerung belastet.
Was, wenn es die eigene Kindheit ist?
Das betagte Pärchen will nun langsam seinen Bestand durchforsten, bevor es jemand anderer für sie macht. Die Kinder, so klagen sie, interessieren sich so gar nicht für die alten Dinge. Die Frau macht einen Exkurs darüber, dass man früher auch Socken geflickt hat, das könne man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Beide haben kein Interesse daran, dass ihre Besitztümer, ihre Erinnerungen, in die Hände von Trödlern oder NS-Fans fallen. Falls die Dinge in den Museumsbestand aufgenommen werden, hätten sie dagegen in gewisser Weise eine abschließende Würdigung erfahren. Felix Wittwer, der die Sonderausstellung mitkuratiert hat, lässt sich ihre Adresse geben. Er verspricht, demnächst persönlich vorbeizukommen. Das Sichten wird wohl länger dauern. Für das Museum geht es um die Rückverfolgbarkeit. Ein Bild aus der Zeit ist dann wertvoll, wenn man weiß, wer der Mensch auf dem Foto ist, wann es aufgenommen wurde. Wer die Medaille verliehen bekommen hat. Der Pensionist hat drei oder vier Fotoalben voll mitgebracht. Er habe mehr zuhause. Nicht alles ist für das Museum brauchbar. Nur alt reicht nicht, um in die Sammlung aufgenommen zu werden.
Bei den eingangs erwähnten Orden wird etwa das Museum die NS-Symbole wegfeilen lassen und sie dann im Restmüll entsorgen. Denn es sind Orden, wie es sie zig-tausendfach gegeben hat – und es ist kein detaillierter Kontext mit Namen und Orten mehr herstellbar.
Es wird richtig still im Büro
Ein Mann um die 50 bringt schließlich für die Historiker:innen das Highlight des Vormittags. Es ist die selbstgeschnitzte Holzkiste seines Vaters, die er in der Kriegsgefangenschaft angefertigt hat. Mit Initialen und Jahreszahlen. Im Inneren: Ein vollgeschriebenes kleines Büchlein mit Gebeten. Zur Wiederholung. Zur Erinnerung. Zum Nicht-Verrückt-Werden. Das, was ihn in der Gefangenschaft am Leben gehalten hat. Es wird merklich stumm in diesem sterilen Büro-Raum. Die Wirkung dieses Holzkistchens, das nicht einmal zwanzig Zentimeter lang ist, ist offensichtlich. Das Einzelschicksal macht einen Teil der damaligen Tragödie auf einmal wieder greifbar. Der Sohn unterschreibt die Übergabe und macht sich wieder auf den Weg. Froh, für das Andenken seines Vaters eine letzte Ruhestätte gefunden zu haben.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Michael Kasper, Museumsdirektor
- Ute Denkenberger, Sammlungsleiterin
- Felix Wittwer, Kurator
- Besucher:innen der Beratungsstelle für NS-Objekte
Quellen
- Ausstellung Vorarlberg Museum
- Ausstellung Haus der Geschichte Österreichs
- Flohmarkt-Broschüre des Mauthausen Komitees
- Verbotsgesetz
Das Thema in der WZ
- „Alles mit Hakenkreuz drauf ist begehrt"
- Nazi-Erziehungsideale, die nicht weichen
- WZ-Schwerpunkt: Unsere Familien im Dritten Reich
Das Thema in anderen Medien
- ORF Vorarlberg: Hitler entsorgen: Beratung im Vorarlberg Museum
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