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Weg mit dem Plastikdreck

3 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Adobe Stock

Mikroplastik ist ein globales Problem, das nicht kleiner, sondern immer größer wird. Um es zu lösen, müssten die Staaten eine gemeinsame Linie verfolgen.


    • Mikroplastik ist weltweit verbreitet und gesundheitlich vermutlich ähnlich schädlich wie Feinstaub.
    • 184 Länder verhandeln in Genf über ein verbindliches UNO-Plastikabkommen, das aber feststeckt.
    • Produktion steigt weiter: 414 Mio. Tonnen 2023, Prognose Verdoppelung des Mülls bis 2050.
    • Mikroplastik wurde in über 1.300 Wasser- und Landtierarten nachgewiesen.
    • Durchschnittlicher Kunststoffverpackungsabfall pro EU-Bürger: 36,1 kg jährlich.
    • Kunststoffproduktion verursacht rund 5 % der globalen Treibhausgasemissionen, doppelt so viel wie der Flugverkehr.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Früher hielt man nur die Götter unterschiedlicher Religionen für allgegenwärtig. Heute kann die Allgegenwart zurecht einer viel profaneren Sache zugeschrieben werden. Tausende wissenschaftliche Studien haben mittlerweile bewiesen, dass Kunststoff-Partikel selbst in den entlegensten Winkeln der Erde allüberall präsent sind. Mikroplastik findet sich – dies nur eine unvollständige Aufzählung – in den Flüssen und Meeren, den Bäuchen von Fischen, in Nahrungsmitteln, der Atemluft, im Trinkwasser, in Herz, Lunge, Blutbahn, Gehirn, Plazenta des Menschen und in der Muttermilch.

Die konkreten Folgen sind noch weitgehend unbekannt, aber das, was man bisher weiß, verheißt nichts Gutes. Damit weniger Mikroplastik die Welt belastet, müssten die Staaten eine gemeinsame Linie verfolgen und zusammenarbeiten. Denn die Verbreitungswege über Meeresströmungen, Niederschläge und Luftbewegungen sind tatsächlich global. Bis 14. August wollen sich daher 184 Länder in Genf auf ein weltweit verbindliches UNO-Plastikabkommen einigen. Doch die Verhandlungen treten auf der Stelle. Ähnlich wie beim Klimawandel sind die Interessenslagen unterschiedlich, ist das Problem riesig und ist der Weg zu dessen Lösung keineswegs vorgezeichnet.

Der Plastikmüllhaufen wächst

Zu den Zahlen: Im Jahr 2023 wurden 414 Millionen Tonnen Plastik aus Erdöl erzeugt – im Jahr 2018 waren es noch 371 Millionen Tonnen. Die Kunststoffproduktion ist für rund fünf Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich – etwa das Doppelte des weltweiten Flugverkehrs. Laut Prognosen des Beratungsunternehmens McKinsey soll sich der globale Plastikmüllhaufen bis 2050 nicht verringern, sondern verdoppeln.

Das UNO-Abkommen soll nun eine Senkung der Produktion und eine geregelte Entsorgung von Plastik umfassen. Die Produkte sollen möglichst mehrfach verwendet und recycelt werden, und was übrigbleibt, soll umweltschonend entsorgt werden.

Doch schon in der ersten Hälfte dieser Verhandlungsetappe gab es fast kein Weiterkommen. Während sich eine Koalition aus über 100 Staaten – darunter die EU – für eine Obergrenze der Plastikproduktion einsetzt, stemmen sich Ölstaaten wie Saudi-Arabien und Russland gegen Produktionsbeschränkungen und wollen das Abkommen auf eine effiziente Abfallwirtschaft fokussieren.

Hierzu aber fehlen wirkungsvolle, massentaugliche Verfahren. Nur ein kleiner Teil der erzeugten Kunststoffe wird geschreddert, geschmolzen und neu verarbeitet. Bio-Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen stößt auf den Widerstand der Nahrungsmittelindustrie. Und chemische Verfahren, die Treibhausgasemissionen einsparen, haben Grenzen, wenn Recycling-Abfall verschmutzt ist. Dass der Plastikmüllberg bald durch Wiederverwertung im großen Stil schrumpfen kann, ist daher nicht zu erwarten. Indes machen die USA Druck auf zahlreiche Teilnehmerstaaten, Produktionslimits für Plastik nicht zu unterstützen.

So schädlich wie Feinstaub

Und so verursacht jede Person in der EU durchschnittlich 36,1 Kilogramm Kunststoffverpackungsabfall jährlich. Bisher wurde Mikroplastik in mehr als 1.300 Wasser- und Landtierarten nachgewiesen. Expert:innen gehen davon aus, dass die unsichtbaren Mikroplastikpartikel für den Körper in etwa so schädlich sein könnten wie Feinstaub.

Es besteht also Handlungsbedarf. Es ist Zeit für Mut, nicht für Kompromisse, um es mit dem Biodiversitätsexperten Florian Titze vom World Wildlife Fund zu halten. Ein Abkommen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner wäre bei einem komplexen Problem wie diesem zwar der leichteste Weg, würde aber die Plastikkrise keineswegs lösen. Aus göttlicher Perspektive wird man sich daher nicht nur die Allgegenwart mit dem lästigen Müll teilen müssen, sondern vielleicht auch die Ewigkeit.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Im Jahr 2022 verursachte jede Person in der Europäischen Union durchschnittlich 36,1 Kilogramm Kunststoffverpackungsabfall. Die Menge der pro Einwohner:in erzeugten Kunststoffverpackungsabfälle stieg zwischen 2012 und 2022 um etwa 8 Kilogramm. Das Gesamtaufkommen an Kunststoffabfällen in der EU belief sich im Jahr 2022 auf 16,16 Millionen Tonnen. Etwa 6,58 Millionen Tonnen oder 40,7 Prozent der Kunststoffabfälle wurden recycelt.
  • Schätzungen zufolge dürften bis zum Jahr 2040 jährlich rund 40 Megatonnen an Mikroplastik in die Umwelt gelangen.
  • Nachdem bei der fünften Verhandlungsrunde für ein UNO-Plastikabkommen in Südkorea Ende 2024 keine Einigung auf ein solches erzielt werden konnte, sollen sich in der Schweizer Stadt Genf bis 14. August die Vertreter von 184 Staaten vor allem auf eine Obergrenze für die Plastikproduktion einigen. Daran scheiterten die Gespräche im Vorjahr, einige Nationen wollten nur eine effizientere Abfallwirtschaft als Problemlösung.

Quellen

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