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Weihnachten stresst? So kommst du durch, ohne zu crashen

4 Min
Für viele ist die Weihnachtszeit oft weniger besinnlich.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Die Feiertage stehen bevor und Stress liegt in der Luft. Zwischen Familienpflichten und Erwartungen wird Weihnachten oft zum Kraftakt. WZ hat mit Psychotherapeutin Mara Seidl gesprochen, warum diese Zeit anstrengend sein kann und welche Tools helfen.


Es ist Dezember, der Kalender ist voll, im Supermarkt läuft „Last Christmas“. Und Mara Seidl erlebt in ihrer psychotherapeutischen Praxis jedes Jahr dasselbe: Kurz vor den Feiertagen wollen viele ihrer Klient:innen noch schnell einen Termin, weil Familientreffen näher rücken und alte Themen pünktlich zum Fest wieder mit am Tisch sitzen.

Push the button

Ein Grund, warum Familienbesuche so anstrengend sein können, sind Triggerpunkte, die im Kontakt mit der Herkunftsfamilie besonders leicht ausgelöst werden: „Die drücken unsere Knöpfe – die haben sie selbst vorinstalliert und wissen genau, wo sie sitzen“, sagt Seidl. Es reicht ein Satz, ein Blick, ein Tonfall und plötzlich findet man sich in alten Rollen und Dynamiken wieder, bevor man überhaupt merkt, was gerade passiert. Gerade wenn man in Therapie ist, können einem diese Muster noch stärker auffallen.

Der Druck kommt aber nicht nur aus der Familie. Feiertage seien gesellschaftlich stark aufgeladen und kapitalistisch geprägt, sagt die Therapeutin. Und da werde Zuneigung schnell zur Leistung: „Da steigt der Druck ganz besonders von, ich muss was kaufen, ich muss Menschen ein Geschenk machen, ich muss ihnen zeigen, dass ich sie mag.“

Dazu kommt ein vermarktetes Familienbild aus Werbung, Filmen und Sozialen Medien, das ausschließlich Harmonie und Zusammenhalt verspricht. Und wenn die eigene Realität davon abweicht, entsteht leicht Vergleich und Enttäuschung. Seidl plädiert deshalb dafür, den eigenen Maßstab zu hinterfragen. Und genau da wird es praktisch: Welche Strategien helfen, damit du durch die Feiertage kommst, ohne zu crashen?

Strategien für deine Feiertage

Es muss kein „besonderer Tag“ sein

Ein großer Druckmacher ist die Bedeutung, die dem Datum zugeschrieben wird. Vielleicht arbeitest du sogar, vielleicht ist es einfach ein Tag wie jeder andere. Seidl schlägt vor, den Tag zu entdramatisieren: „Es ist völlig okay, wenn es ein stinknormaler Mittwoch ist.“ Du kannst dir ruhig abschauen, dass viele Kulturen am 24. Dezember gar nichts feiern. Dieser Perspektivenwechsel nimmt dem Tag etwas Schwere.

Die Mitte finden

Vielleicht ist Durchrücken für dich die einzig realistische Option. Umso wichtiger sei hier die Frage: Wie kannst du dich trotzdem schützen? Ein pragmatischer Ratschlag ist ein definiertes Limit. Du kannst dir zum Beispiel vornehmen, nur für ein, zwei Stunden vorbeizuschauen. Andere Mittelwege, die helfen können: Du kannst dich abholen lassen, eine eingeweihte Vertrauensperson als Puffer mitnehmen oder das Treffen gleich in den Jänner verschieben. Wenn du vor Ort merkst, es wird zu viel, reichen oftmals Pausen wie kurz aufs Klo, ins Bad oder raus an die Luft.

Im Notfall: Skills

Wenn es emotional doch hoch hergeht, können dir Skills helfen, dich aus der Überflutung zu holen. Die erarbeite man am besten in Therapie, sagt Seidl, kannst du dir aber auch selbst beibringen, indem du ein paar Dinge dabei hast: in eine Zitronenscheibe beißen, scharfe Zuckerl, Knet- oder Massagebälle. Das sind nur ein paar Ideen für sensorische Reize, auf die du in Akutsituationen zurückgreifen kannst.

Was, wenn es gut wird?

Die Therapeutin meint, es hilft nicht schon im Vorhinein den Katastrophenfilm laufen zu lassen: „Das Wichtigste ist, die Frage mitzunehmen: Was ist, wenn es gut wird?“ Es geht nicht ums Schönreden, sondern um kleine Anker: gutes Essen, wertschätzende Gespräche, geliebte Haustiere, auf die du dich freust. Dieses eine Detail, das okay ist, kann dir dabei helfen, davor weniger verkrampft zu sein.

Absagen ist schwer, aber okay

Die Entscheidung, nicht mit der Herkunftsfamilie zu feiern, ist meistens keine einfache. Da hänge oft Angst daran, zurückgewiesen zu werden oder zu enttäuschen. Hier ist es wichtig, die Enttäuschung nicht sofort zu bewerten, sondern ernst zu nehmen: „Es darf auf jeden Fall sein. Es ist völlig in Ordnung zu sagen, ich möchte mich dem nicht aussetzen, weil es jedes Jahr das Gleiche ist.“ Und auch, wenn es sich nach einem Bruch anfühlt, kann es ein Akt der Selbstfürsorge sein.

Kapitalismus leiser drehen

Zum Schluss setzt Seidl noch einmal beim System an: „Wichtig ist, den Kapitalismus zu hinterfragen und in sich leiser zu drehen.“ Weil genau das den Druck oft befeure, der Selbstvorwürfe und Schuldgefühle schürt. Du musst nicht jedes Ideal erfüllen, nur weil es sich gut verkauft.

Bei akuten psychischen Krisen gibt es verschiedene Anlaufstellen, an die du dich wenden kannst:

Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01/31330, täglich 0–24 Uhr

Kriseninterventionszentrum: 01/4069595 oder per Mail

Rat auf Draht: 147. Beratung für Kinder und Jugendliche. Anonym, täglich 0–24 Uhr


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

Mara Seidl ist Verhaltenstherapeutin in Wien. Sie arbeitet insbesondere mit jungen Menschen zusammen. Zu ihren Schwerpunkten gehören unter anderem Neurodivergenz, Ängste und Social Media Themen.

Daten und Fakten

  • Kurz vor den Feiertagen steigt in vielen psychotherapeutischen Praxen die Nachfrage nach Terminen, weil der Druck rund um Familientreffen spürbar zunimmt.
  • Familiendynamiken wirken als Trigger, die alte Rollen und Konfliktmuster reaktivieren.
  • Feiertage sind gesellschaftlich stark aufgeladen und kapitalistisch geprägt.
  • Ein idealisiertes Familienbild aus Werbung, Filmen und Social Media erhöht Vergleichsdruck und Erwartungshaltungen und macht Abweichungen schneller zu Enttäuschung.

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