PodcastVier Verkäufer:innen erzählen vom Ausnahmezustand im Handel vor Weihnachten.
Süßer die Kassen nie klingeln: Das Weihnachtsgeschäft ist für den Handel überlebenswichtig. Doch wie geht es jenen, die in den Geschäften stehen? Vier Verkäufer:innen erzählen, was wirklich passiert, wenn das Land in Geschenke-Panik verfällt und die Weihnachtsidylle mit dem Konsumwahn an der Kassa implodiert. Absurditäten, Überforderungen und komische Mini-Dramen, die sich abspielen, während draußen „Stille Nacht“ läuft: Menschen, die panisch irgendein Geschenk brauchen, bizarre Anfragen, Kämpfe um das letzte Produkt, Tränen, Wutausbrüche, rührende Momente. Hinter den Kulissen eines Festes, das kaum jemand so exzessiv erlebt wie jene, die im Verkauf stehen.
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„Schön, wenn man den Kund:innen eine Freude machen kann“
Eine Frau mit Kinderwagen und quengelndem Baby darin quetscht sich durch die Menschenschlange vor einer der zwei Kassen. Es staut sich im Grazer Einkaufszentrum. Ein Herr, der ansteht, tippt ungeduldig mit dem Fuß. Ein schwacher Schweißfilm glänzt auf seiner Stirn. Die dicke Winterjacke ist schon geöffnet. Die Frau hinter ihm linst vor: Wie lange dauert denn das noch? Die Dame auf Position eins in der Schlange ist vor der Kassa in Aufregung: Wie soll sie mit 17 Tellern heimkommen, ohne dass die Sackerl reißen? Seufzer tönen aus der Menschenschlange. Schon wieder die falsche Kassa gewählt. Die Verkäuferin hinter dem Pult lächelt mit Engelsgeduld. Sie packt jeden Teller einzeln ein. Teilt dann das eingepackte Geschirr gleichmäßig auf zwei Papiersackerln auf. Ein paar Meter weiter läuft Nora* mit federnden Schritten von Regal zu Regal. Jede freie Minute wird zum Schlichten genutzt. Die 19-Jährige mit den blonden Haaren im weißen Pullover berät eine Kundin, die sie Sekunden davor bereitwillig und bemüht angelächelt hat. Nora wirkt in ihrem Element. Seit einem Monat arbeitet sie in dem Einkaufszentrum – das Sortiment reicht von Parfüms über Kleidung bis hin zu Deko-Artikeln und Spielwaren. Insgesamt hilft Nora für drei Monate aus.
Nora*, 19 Jahre alt, arbeitet in einem Einkaufszentrum:
Die Stimmung ist ganz in Ordnung, wenn auch jetzt sehr stressig. Bis nach Weihnachten wird es sicher noch haglich werden. Das Klima empfinde ich aber als immer noch ganz angenehm. Zu Weihnachten ist es besonders schön, wenn man den Kund:innen eine Freude machen kann.
Bis jetzt habe ich die Kund:innen eher nur dankbar erlebt. Bei einer Dame habe ich das letztens besonders gespürt. Sie hat erzählt, sie sei schon in fünf Geschäften gewesen, auf verzweifelter Suche nach DEM EINEN Keksteller – eine Special Edition, die sehr beliebt ist. Wir hatten genau noch ein Stück, als ich ihr das gebracht habe, hat sie sich so sehr gefreut.
Die Arbeit gefällt mir und wenn ich die Kund:innen berate, bin ich wie im Flow. Ich bin derzeit für 30 Stunden angestellt, nebenbei bereite ich mich auf den Medizinaufnahmetest vor. Ich möchte also nicht Verkäuferin werden, sondern Ärztin.
„Wir tun alles, damit die Kund:innen zufrieden sind“
In dem Geschäft für Parfüm und Makeup herrscht reges Treiben. In Tamaras* Gürtel stecken ihre wichtigsten Utensilien: Pinsel, Wimpernzange, Schwämmchen. Wer an der 28-Jährigen mit den mittellangen schwarzen Haaren vorbeikommt, bekommt ein freundliches Lächeln geschenkt. Tamara ist allzeit bereit für die nächste Kundin, den nächsten Kunden.
Tamara*, 28 Jahre alt, arbeitet in einer Drogerie/Parfümerie:
In der Weihnachtszeit ist extrem viel los. Am Wochenende sind es so viele Menschen, dass man sich fast nicht mehr bewegen kann. Die Stimmung ist weihnachtlicher, ja, aber nur weil das Geschäft mit Lichterketten und Kugeln geschmückt ist. Derzeit sind alle gestresst. Die Menschen wollen unbedingt genau das, was sie sich vorgestellt haben. Wir tun alles, damit sie zufrieden unser Geschäft verlassen, das ist unsere Aufgabe. Ich mache meinen Job extrem gerne, weil ich Makeup liebe. Mein Ziel ist es, es immer allen recht zu machen und ich behandle meine Kund:innen so, als ob ich jemanden von meiner Familie schminken und beraten würde.
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Letzte Woche habe ich nach der Arbeit weinen müssen. Weil eine Kundin so unhöflich war. Sie hatte offensichtlich Stress und wollte schnell Infos zum Thema Makeup haben. Ich habe ihr dann ein paar Fragen gestellt, so wie man halt fragt, wenn man herausfinden will, welches Makeup gut zu einem bestimmten Typ passt. Beim Arzt stellst du ja auch Fragen, bevor du behandelst. Die Kundin wollte aber überhaupt gar nicht von mir beraten werden und hat extrem genervt reagiert. Sie hat sich sogar an eine meiner Kolleg:innen gewandt und behauptet, dass ich sie nerve. An irgendeinem Punkt war ich so fertig, dass ich dann nach der Arbeit meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.
Ich wünsche mir mehr Verständnis von den Leuten – wir geben unser Bestes, und das obwohl so viel los ist. Zumindest ist mein Team echt super. Wir haben einen großen Zusammenhalt und versuchen uns gegenseitig gut durch die stressigen Tage zu schupfen.
Es ist ein Wahnsinn, welchen „Run“ es auf bestimmte Produkte in der Weihnachtszeit gibt. Sehr, sehr gut geht eine spezielle Foundation, wahrscheinlich weil sie auf TikTok viral gegangen ist. Pro Tag geht da locker eine ganze Palette weg.
„Du erlebst die Leute in ihren schlechtesten Momenten“
Samstags stehen die Leute mit ihren Einkaufswagen im Interspar in Wien von der Kassa bis zur Tiefkühlabteilung an. Sarah* sitzt an der Kassa und zieht Produkte wie Wein, Geschenkpapier und Gummibärli über den Scanner.
Sarah*, 26 Jahre alt:
Ich arbeite 20 Stunden beim Interspar in Wien. Neben meiner Selbstständigkeit wollte ich einen Job, den ich nicht mit nach Hause nehme. Denkste. Was man hier erlebt, lässt einen oft nicht los. Das sind oarge Leute, die da teils zu uns kommen. Im Supermarkt treffen wirklich alle Schichten aufeinander: Der Typ, der für 1000 Euro Champagner kauft, steht an derselben Kassa wie der Obdachlose, der sich mit Pfandscheinen durchschlägt.
Die Weihnachtszeit ist besonders schlimm. Seit dem 1. Dezember werden wir mit Weihnachtsmusik beschallt. Die Leute werden noch ein bissl verrückter als sonst – und gestresster. Am 8. Dezember war bei uns zum Beispiel die Hölle los. Dann kommen solche Sprüche wie: „Heute ist Feiertag – aber für Sie ja nicht.“ Haha, sehr witzig. Gekauft werden gerade besonders Süßigkeiten und Alkohol. Der Alkoholkonsum ist generell ein Wahnsinn, aber vor Weihnachten eskaliert er. Viele lassen sich wegen der Angebote auch zu riesigen Süßwarenkäufen hinreißen und die Fischvorbestellungen trudeln schon massenweise ein. Die Leute wirken teilweise völlig wie im Konsumrausch.
Was man schon sagen muss: Manche Leute sind in der Weihnachtszeit netter – ich denke, weil sie glauben, sie müssten vor dem Fest noch gute Taten sammeln. Aber die Asozialität bleibt: Zum Beispiel verstecken die Leute immer wieder Wurstpackerl irgendwo im Geschäft. Bis wir die finden, können die ungekühlt dann nicht mehr verkauft werden. Du erlebst die Leute in ihren schlechtesten Momenten. Im besten Fall schmeißen sie dir das Geld einfach hin, im schlechtesten wird dir mit einer Packung Batterien auf den Kopf geschlagen – das ist letztens einer Kollegin von mir passiert. Und du bist dem ausgesetzt.
Bei Diskussionen bist du sowieso auch auf dich alleine gestellt. Security-Maxl haben wir keinen, höchstens kann noch unsere Rezeptionistin helfen. Wenn du an der Kassa Dienst hast, darfst du den Kassenbereich nie verlassen. Also, wenn ich aufs Klo muss, muss ich anrufen. Manchmal denke ich mir, ich würde gern nur kurz ins Lager gehen, für eine Minute durchatmen, aber das geht nicht. Du bist im Kassengefängnis. Natürlich gibt es auch die lieben Kund:innen. Einmal habe ich einer Frau ein Angebot gezeigt und sie hat mir dann die Differenz, die sie ohne Angebot gezahlt hätte, als Trinkgeld gegeben – das waren mehr als 20 Euro! Aber wir dürfen das Trinkgeld nicht behalten.
Zu Weihnachten müssen wir immer mehr arbeiten. Letzte Woche waren es wieder 30 statt 20 Stunden. Wenn Personal krank wird und viel los ist, wird es immer die Hölle. Ich bin schon froh, wenn der ganze Wahnsinn vorbei ist. Von Weihnachtsstimmung oder Besinnlichkeit kann wirklich keine Rede sein.
„Jeder wird ganz grumpy“
Im Spielwarengeschäft in Graz stapeln sich die Lego-Sets, Uno reiht sich neben Schach, die Eisprinzessin Elsa prangt auf Puzzle-Verpackungen. Um Daniels* Hals baumelt an einer Schnur ein kleines Schild mit der Aufschrift „Lehrling“, im Juni nächstes Jahr wird er seine Lehre abschließen. Er verzieht das Gesicht, wenn er auf die Kund:innen in der Weihnachtszeit angesprochen wird. Beschimpft wurde er schon oft.
Daniel*, 18 Jahre alt, arbeitet im Spielwarengeschäft:
Die Weihnachtszeit ist schlimm. Jeder wird ganz grumpy. Die Leute kommen hier rein und sagen: „Ich brauch das, das und das.“ Sie sind gestresst, weil sie meist zu spät dran sind. Und wenn wir dann etwas nicht haben, werden sie wütend und schreien: „Wieso haben sie das nicht?“ Letztes Jahr hat sich ein Mann am 23. Dezember genauso aufgeführt. Er hat uns angebrüllt und ist uns angegangen wegen einem Lego-Set, das wir nicht mehr dahatten. Die Leute erwarten rund um Weihnachten alles von uns. Sie bestellen vor, lassen zurücklegen und haben dann überhaupt keine Scham, das Produkt doch nicht zu kaufen. Sie wollen auch, dass wir die Geschenke am besten gleich hier im Geschäft für sie einpacken. Aber ich kann mich ja nicht zerteilen.
Die Weihnachtslieder kann ich als Metalhead auch nicht mehr hören. Also besinnlich ist da gar nichts. Gefühlt die einzige Kundschaft, die an Weihnachten lieb ist, sind süße Omis und Opis. Die suchen meist für ihre Enkel:innen was, kommen nicht so leicht aus der Fassung, sind eher entspannt und fragen dann zum Beispiel: „Für die kleine Elisabeth, hätten Sie da was Schönes für mich?“ Elsa, die Eiskönigin ist da voll der Renner. Einmal hat sich eine Omi so nett bedankt, weil ich sie geduldig beraten habe und ihr alles gezeigt habe, was sie ihrem Enkel schenken konnte. Leute wie sie kommen dann auch immer wieder ins Geschäft und bleiben uns treu, das ist schön zu sehen.
Meine Botschaft an die Leute in der Weihnachtszeit: Seid’s einfach mehr gechillt. Es passiert ja nichts Schlimmes, wenn ihr genau das Brettspiel doch nicht bekommt. Der Stress ist für alle schade, davon hat niemand was. Weihnachten ist für mich ein normaler Tag und schon lange nichts Besonderes mehr.
Die vier Verkäufer:innen haben zum Zeitpunkt der Befragung durch die WZ anklingen lassen, dass die Zeit nach Weihnachten auch zur stressigsten des Jahres gehört. Denn nach Weihnachten ist vor dem Umtauschwahnsinn und vor dem Schlussverkauf.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
Nora*, Tamara*, Daniel* und Sarah*
*Namen von der Redaktion geändert, alle vier Verkäufer:innen wollen anonym bleiben, weil sie Konsequenzen in Bezug auf ihren Arbeitsplatz fürchten.
Daten und Fakten
- Der österreichische Handel erwartet in der heurigen Weihnachtssaison zusätzliche Einnahmen in Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro. Der Handelsverband und das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) gehen von einem Wachstum von etwa zwei Prozent im Weihnachtsgeschäft aus. Für den zuletzt stark belasteten Handel deutet sich damit ein positiver Jahresabschluss an. Besonders bedeutend ist die Weihnachtszeit für Branchen wie Spielwaren, Bücher, Uhren und Schmuck.
- Nach Berechnungen von Wifo und Handelsverband wird der durch Weihnachten bedingte Zusatzumsatz heuer nominell rund 1,19 Milliarden Euro betragen. Das entspricht einem Plus von zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. An den ersten beiden Adventsamstagen sowie am Feiertag Mariä Empfängnis sei die Kundenfrequenz bereits erfreulich hoch gewesen, erklärte Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will.
- Für die meisten heimischen Einzelhandelsbetriebe stellt der Dezember den umsatzstärksten Monat des Jahres dar. Als Weihnachtsgeschäft gilt dabei jener Mehrerlös im Dezember, der über dem durchschnittlichen Umsatz der Monate Jänner bis November liegt. Den Prognosen zufolge werden etwa 780 Millionen Euro im Bereich der Nichtnahrungsmitteln erzielt, was einem Zuwachs von 1,8 Prozent entspricht, sowie rund 407 Millionen Euro mit Nahrungsmitteln.
- Die Beschäftigung im Handel während der Weihnachtszeit unterliegt klaren gesetzlichen Vorgaben, für Arbeitnehmer:innen gelten dabei besondere Regelungen.
- An den 4 Samstagen vor dem 24. Dezember dürfen die Geschäfte bis 18 Uhr geöffnet haben. Das waren im Jahr 2025 der 29.11., 06.12., 13.12. und der 20.12. Die Regelung, dass jeder 2. Samstag frei sein muss, gilt nicht für diese Einkaufssamstage vor Weihnachten. Verkäufer:innen können also an allen vier Samstagen eingesetzt werden.
Quellen
- Arbeiterkammer: Handel: Arbeiten in der Weihnachtszeit
- Handelsverband: Bilanz österreichischer Einzelhandel 2025: Jahresumsatz klettert um +3,2% auf 79,8 Mrd. Euro. Weihnachtsgeschäft leicht über Vorjahresniveau
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