Zum Hauptinhalt springen

Wer schützt den Libanon?

9 Min
Ibrahims Haus wurde im Krieg schwer beschädigt, dennoch will er in Naqoura bleiben.
© Bild: Markus Korenjak

Nach dem Krieg mit Israel liegt der Süden Libanons in Trümmern. Präsident Aoun will die Hisbollah entwaffnen – doch die Miliz gilt vielen als Schutzmacht. Was heißt das für die Menschen vor Ort?


    • Nach dem Tod von Hassan Nasrallah und massiven israelischen Angriffen wurde im November 2024 ein Waffenstillstand vereinbart.
    • Präsident Joseph Aoun will die Hisbollah entwaffnen, doch viele Libanesen sehen Israel weiterhin als Bedrohung.
    • Die Zivilbevölkerung leidet unter anhaltenden Angriffen, fehlendem Schutz und stockendem Wiederaufbau im Südlibanon.
    • Im November 2024 wurde ein Waffenstillstand zwischen Israel und Hisbollah vereinbart.
    • Über 120 Zivilist:innen wurden laut UNO seitdem durch israelische Angriffe getötet.
    • Mehr als 60.000 Menschen aus dem Südlibanon sind weiterhin als Flüchtlinge im Land.
    • Israel annektierte 2024 über 4.000 Quadratmeter libanesisches Ackerland.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Der Tod von Nasrallah war eine Katastrophe“, antwortet Taxifahrer Hussein auf meine Frage, wie es um die Hisbollah stehe. Hussein wohnt in Dahieh, einem schiitisch geprägten Vorort Beiruts, wo die Verwüstungen des letzten Krieges immer noch sichtbar sind. Während wir durch Dahieh fahren, sehen wir Schutthalden. Sie bedecken den Boden, wo einst Häuserblöcke standen. Dazwischen klaffen tiefe Krater.

Spuren israelischer Luftangriffe in Dahieh.
Spuren israelischer Luftangriffe in Dahieh
© Bild: Markus Korenjak

Nach dem Hamas-Angriff auf Israel im Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg in Gaza feuerte die mit der Hamas verbündete Hisbollah Raketen auf Nordisrael ab. Die israelischen Streitkräfte starteten daraufhin eine Offensive im Libanon begleitet von massiven Luftschlägen im Süden des Landes und in der Hauptstadt Beirut. Nachdem fast der gesamte Führungskader der Hisbollah ausgelöscht worden war, darunter ihr langjähriger Anführer Hassan Nasrallah, einigten sich die Kriegsparteien im November 2024 auf einen Waffenstillstand.

In seinem Schrein im Süden Beiruts wird der tote Nasrallah wie ein Heiliger verehrt. Menschen berühren die Grabplatte und küssen sie, andere beten in stiller Andacht. Der Sayyid (Anm. d. Red: Ehrentitel für männliche Nachkommen des Propheten Mohammed), wie seine Anhänger:innen ihn respektvoll nennen, führte die Organisation über dreißig Jahre lang. Er trat der Hisbollah in den 1980er-Jahren bei, als diese noch eine Guerillaeinheit im Kampf gegen die israelische Besetzung des Südlibanons war. Unter Nasrallahs Führung ab den 1990ern wuchs die Hisbollah zu einer der militärisch wie politisch mächtigsten Gruppierungen des Libanon heran. „Häuser und Mauern können wir wiederaufbauen“, sagt der Fahrer: „Nasrallah kommt nicht zurück.“

Der Schrein des von Israel getöteten Hizbollah-Führers Hassan Nasrallah im Süden Beiruts.
Der Schrein des von Israel getöteten Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah im Süden Beiruts
© Bild: Markus Korenjak

Schwierige Entwaffnung

In der schweren Niederlage der Hisbollah sahen ihre politischen Gegner die Gelegenheit, die Dominanz der Schiitenorganisation zu brechen. Der im Jänner 2025 zum Präsidenten ernannte Joseph Aoun versprach, die Hisbollah zu entwaffnen und das Monopol auf militärische Macht an den Staat zurückzugeben.

Präsident Aoun findet mit seinem Plan durchaus Zustimmung. Viele Libanesen geben der Hisbollah die Schuld, das Land immer wieder in sinnlose Kriege mit Israel zu verwickeln. „Krieg ist schlecht für die Wirtschaft“, sagt Wissam, der eine Supermarktkette in Beirut leitet. Der Raketenbeschuss der Hisbollah auf Israel 2023 sei ein Fehler gewesen. Er habe den Angriff Israels auf den Libanon provoziert – mit verheerenden Folgen für die gesamte Bevölkerung, so der Mittfünfziger. Wissam ist daher für die Entwaffnung sämtlicher nicht-staatlicher Gruppen. Doch so sehr er die Hisbollah auch kritisiert, gibt er der Miliz in einer Sache doch Recht: „Von Israel geht Gefahr aus, der Libanon muss sich daher militärisch verteidigen können.“

In einem Beiruter Café erläutert die Politikwissenschaftlerin Erminia Chiara Calabrese die Stimmung in der Bevölkerung: „Man kann für die Entwaffnung der Hisbollah sein und Israel dennoch als Gegner sehen“. Das habe Gründe: Die Erinnerung an die letzte Besetzung des Südlibanons durch Israel sei in der Bevölkerung noch sehr präsent. Gleichzeitig sehen die Menschen, wie Israel in Palästina und Südsyrien immer mehr Land in Besitz nimmt, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. „Die Bevölkerung empfindet Israel als eine Bedrohung, hat aber gleichzeitig nicht das Gefühl, dass der Staat sie schützen und die Einheit des Libanon garantieren kann“, sagt Calabrese.

Welche Rolle spielen die USA?

Die Hisbollah knüpft an diese Befürchtungen an und präsentiert sich als Verteidiger des Libanon. Die geforderte vollständige Entwaffnung bezeichnet die Organisation als schweren Fehler und setzt sie mit einer Kapitulation vor Israel gleich. Die Politikwissenschaftlerin ist daher überzeugt: Die Entwaffnung könne politisch nur durchgesetzt werden, wenn Israel zuvor vollständig aus dem Libanon abzieht. Gleichzeitig müssten die libanesischen Streitkräfte modernisiert werden, sodass sie in der Lage sind, den Libanon im Falle eines Angriffs zu verteidigen. Calabrese: „Solange Israel freie Hand hat, jederzeit und überall im Libanon anzugreifen, unterläuft das die Bemühungen der Regierung und stärkt am Ende die Hisbollah.“

Doch die Pläne der internationalen Gemeinschaft sehen anders aus: Die USA, Israel und die Golfstaaten üben Druck auf die libanesische Regierung aus, die Entwaffnung der Hisbollah bis Ende des Jahres abzuschließen. Sollte dies nicht geschehen, droht Israels Premier Benjamin Netanjahu mit einer weiteren Eskalation.

Kein Schutz für die Zivilbevölkerung

Naqoura liegt rund eineinhalb Autostunden südlich von Beirut. Das Dorf zieht sich vom Meer auf eine kleine Anhöhe hinauf. Entlang der Hauptstraße reiht sich Ruine an Ruine. Von der Moschee ist nur ein Gerippe übrig, die bronzenen Luster hängen noch von der Decke. Auch ein Jahr nach Ende des Krieges ist hier vom Wiederaufbau nicht viel zu bemerken. Weder Staat noch Hisbollah haben das Geld dafür.

Ibrahims Haus wurde durch die Wucht einer Explosion schwer beschädigt. Eine Seite ist vollständig weggebrochen und gibt den Blick ins Wohnzimmer frei, wo ein roter Couchsessel aus dem Schutt leuchtet. DerMann mit grauem Stoppelbart schaufelt den Schutt aus seiner Einfahrt. Bagger will er keinen kommen lassen. „Schweres Baugerät würde sofort zerstört werden“, sagt Ibrahim und blickt zum Himmel, wo irgendwo, hoch oben im Blau, eine israelische Drohne zu hören ist.

Ibrahim und die anderen Bewohner Naqouras wollen keinen Krieg, sie wollen Sicherheit. Aber die können ihnen weder die im Südlibanon stationierten UN-Friedenstruppen noch die Libanesische Armee garantieren. Israelische Streitkräfte beschießen nahezu täglich Ziele im gesamten Libanon. Laut UNO wurden seit Inkrafttreten der Waffenruhe letztes Jahr über 120 Zivilist:innen durch israelische Angriffe getötet. Das hält viele der während des Krieges Geflüchteten davon ab, in ihre Dörfer zurückzukehren. Mehr als 60.000 Menschen aus dem Südlibanon befinden sich nach wie vor als Flüchtlinge in anderen Teilen des Landes.

Von Ibrahims Haus fällt der Blick auf die Küste, wo sich seit bald 50 Jahren das Hauptquartier der UNIFIL befindet. Die Pressesprecherin Kandice Ardiel bestätigt Ibrahims Aussage, wonach Baugeräte von israelischen Drohnen beschossen werden. Israel behauptet, durch die Angriffe eine Wiederbewaffnung der Hisbollah zu verhindern. „Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Hisbollah ihre militärische Infrastruktur im Südlibanon wiederaufbaut“, sagt Ardiel. Unabhängig davon würden die Luftangriffe auf libanesischem Staatsgebiet – gleich welcher Art – einen Verstoß gegen Resolution 1701 darstellen.

Auch ein Jahr nach Kriegsende ist im Südlibanon vom Wiederaufbau nicht viel zu bemerken.
Auch ein Jahr nach Kriegsende ist im Südlibanon vom Wiederaufbau nicht viel zu bemerken.
© Bild: Markus Korenjak

Diese Resolution wurde vom UNO-Sicherheitsrat 2006 beschlossen und beendete den damaligen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah. Doch die Umsetzung der Resolution gelang nur teilweise. Die vom Iran unterstützte Hisbollah zog sich nie aus dem Südlibanon zurück, sondern verstärkte stattdessen ihre Präsenz. Israel besetzte weiterhin Teile des Grenzgebietes und verletzte immer wieder den libanesischen Luftraum.

Die Entwaffnung der Hisbollah im Gebiet zwischen der Blauen Linie und dem Litani-Fluss stehe im Einklang mit dieser Resolution, so Kandice: „Friedenssoldaten unterstützen die libanesische Armee bei der Entwaffnung, wo diese uns anfordert – aber die Umsetzung des Plans liegt bei den libanesischen Streitkräften.“ Wenn die UN-Truppen auf ihren Patrouillen gelegentlich auf Waffenverstecke stoßen, melden sie diese der libanesischen Armee, so Kandice: „Dabei handelt es sich aber um ältere Depots aus früheren Konflikten. Hinweise auf neue Waffenlieferungen in den Süden haben wir bislang nicht festgestellt.“

„Wir haben keine Waffen“

Aalma ash-Shaab liegt etwa zehn Autominuten östlich von Naqoura. Das christliche Dorf wurde auf einem Hügel erbaut, umgeben von Olivenbäumen. Ein idyllischer Ort, wären da nicht die schweren Verwüstungen, die der Krieg zwischen der Hisbollah und den israelischen Streitkräften hinterließ. Bürgermeister Chadi Nayef Sayah empfängt uns vor der maronitischen Kirche, deren Turm mit einem Baugerüst ummantelt ist. Über hundert Häuser wurden im Krieg zerstört, mindestens noch einmal so viele beschädigt, sagt der 48-Jährige mit Dreitagesbart und müden Augen. Rund 1.500 Christ:innen lebten hier vor dem Krieg, 400 kamen bisher zurück. Doch auch nach Abschluss des Waffenstillstands im November letzten Jahres beschoss Israel weiterhin die Ortschaft und zerstörte Häuser: „Warum sie das taten, weiß ich nicht“, so Sayah: „Wir haben keine Waffen und wollen auch nicht kämpfen. Wir möchten nur weiterhin in unserem Dorf leben.“

Bürgermeister Sayah in einer der Kirchen von Aalma ash-Shaab. Foto_2, 3: Spuren israelischer Luftangriffe in Dahieh.
Bürgermeister Sayah in einer der Kirchen von Aalma ash-Shaab
© Bild: Markus Korenjak

Die sogenannte Blaue Linie, die Israel vom Libanon trennt, ist nur etwa einen Kilometer vom Aalma ash-Shaab entfernt. Der Bürgermeister befürchtet, dass Israel die Bevölkerung zwingen könnte, wegzuziehen, um das Gebiet zur Pufferzone zu machen. Um das zu verhindern, hofft er auf internationale Hilfe. Sayah hätte sich gewünscht, dass der Papst den Südlibanon besucht. Doch der kam nur bis Beirut.

Östlich des Dorfes schlängelt sich die Straße durch die Landschaft, immer in Blickweite der Grenze zu Israel. Es geht nur langsam voran: Ein Bagger der israelischen Streitkräfte riss den Asphalt entlang der Mittellinie auf, als die Armee sich nach dem Waffenstillstand zurückzog. Südlich der Straße, auf einer Hügelkette, ist die israelische Grenzmauer deutlich zu erkennen. Der Bau der Mauer begann 2018. Folgte sie zunächst dem Verlauf der Blauen Linie, schneidet der in diesem Sommer neu errichtete Abschnitt tief in libanesisches Staatsgebiet hinein. Mehr als 4.000 Quadratmeter Ackerland wurden auf diese Weise vom Libanon abgeschnitten und von Israel annektiert. Seit etwa 15 Minuten kam uns kein mehr Auto entgegen. Wir hören das Summen einer israelischen Drohne und beschließen umzukehren.

Weitere Eskalation droht

Seit Inkrafttreten des Waffenstillstands hat sich die Hisbollah offiziell nördlich des Litani-Flusses zurückgezogen. Parallel dazu beschlagnahmte die libanesische Armee in den vergangenen Monaten tausende Raketen aus den Arsenalen der Hisbollah. Eine Libanon-weite, vollständige Entwaffnung verweigert die Hisbollah aber nach wie vor.

Ende November wurde ein Wohnblock in Dahieh von zwei israelischen Raketen getroffen. Ziel des Angriffs war Haytham Ali Tabatabai, einer der Top-Kommandeure der Hisbollah. Der Luftschlag war der erste seit Monaten auf Südbeirut – und möglicherweise Vorbote für eine neue Eskalation.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

Den Kontakt zur Politikwissenschaftlerin Calabrese stellte ihm ein Kollege her. Zahlreiche Gespräche mit Menschen in Beirut und im Südlibanon ergaben sich vor Ort.

Daten und Fakten

Die Hisbollah entstand 1982 als Reaktion auf Israels Einmarsch in den Libanon. Sie gilt vielen Schiiten bis heute als Widerstandskraft gegen ausländische Besetzung. Heute ist sie Miliz, Partei und soziales Versorgungsnetz zugleich – finanziert vor allem vom Iran. Der bewaffnete Arm der Hisbollah untersteht nicht dem Staat und verweigert eine vollständige Entwaffnung. Das führt immer wieder zu Spannungen im Land und mit Israel. UNIFIL überwacht seit 1978 die Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon. Sie unterstützt die Armee beim Aufbau staatlicher Kontrolle im Süden. Bis 2027 soll die Mission schrittweise beendet werden – der Rückzug ist bereits geplant.

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte