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Wer soll für sauberes Wasser zahlen?

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Eine Wasserblase in der Pillen schwimmen.
Trotz Kläranlagen landen unzählige Mikroschadstoffe in den Gewässern.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Die Europäische Union nimmt bei der Klärung der Abwässer erstmals die Hersteller:innen in die Pflicht. Pharma- und Kosmetikbranche sollen für die Reinigung der von ihnen verschmutzten Gewässer zahlen.


Mit dem Drücken der Spültaste ist es für uns getan. Geschäft erledigt. Die Fäkalien samt Klopapier treten eine für uns unbekannte Reise an. Doch im WC, im Waschbecken- oder Duschabfluss und in der Küchenspüle landen weitaus mehr Substanzen als man glaubt: Rückstände von Arzneimitteln wie Hustensäfte, Antibiotika oder Schmerzmittel, von Verhütungsmitteln wie der Pille, Inhaltsstoffe von Duschgels oder Handcremen.

Was in der Toilette und im Abfluss landet, ist ein geballter Mix. Ausgeschieden und weggespült wird bei den oben genannten Produkten etwa Codein, Sulfamethaxazol, 17-ß-Estradiol, Limonene, Phosphor oder Stickstoff. Rückstände von Medikamenten und Kosmetikartikeln, Zusatzstoffe in Lebensmitteln oder Pestizide landen in der Kanalisation.

Vierte Stufe soll alles klären

Unsere Reise führt in die Kläranlage. Dort wird das Abwasser gereinigt. Zumindest so gut es geht. Herkömmliche Kläranlagen sind meist dreistufig aufgebaut. Zunächst wird mechanisch ausgesiebt, dann folgt die biologische Stufe und schließlich die chemische Reinigung. Das reicht allerdings nicht, um sämtliche Stoffe herauszufiltern. Und so gelangen viel zu viele gefährliche Wirkstoffe in die Umwelt; vor allem eben Arzneimittelrückstände oder Wirkstoffe aus der Kosmetikbranche verunreinigen Flüsse und Gewässer. Die EU will nun mit einer neuen Richtlinie dagegen angehen.

Mit einer neuen vierten Klärstufe soll das Abwasser noch besser gereinigt werden, um die Umwelt zu schützen. Die EU-Gesetzgeber, bestehend aus dem Europäischen Parlament, der EU-Kommission und dem EU-Ministerrat, haben sich auf eine neue Kommunalabwasser-Richtlinie geeinigt, die noch in dieser Legislaturperiode abgesegnet werden soll. Ziel ist, „die Abwasserbehandlung flächendeckend auszuweiten, aktuellen Umweltanforderungen anzupassen und Mikroschadstoffe bestmöglich aus dem Abwasser zu entfernen“. Winkt der EU-Rat die Richtlinie bis zu den Wahlen zum Europäischen Parlament, die heuer vom 6. bis 9. Juni stattfinden, durch, stünde einer Umsetzung nichts mehr im Weg, heißt es hinter den Kulissen. Schafft man es nicht, geht man davon aus, dass das Paket möglicherweise wieder aufgeschnürt werden könnte.

Das Besondere an der neuen Richtlinie ist, dass die Produzent:innen in die Verantwortung genommen werden. Die Pharmaindustrie und die Kosmetikbranche sollen die vierte Klärstufe zu 80 Prozent finanzieren. Die restlichen 20 Prozent übernehmen die Mitgliedsstaaten. Wie die Umsetzung genau aussieht, soll in Kürze bekanntgegeben werden.

Die EU will Anreize schaffen, um die Verschmutzung an der Quelle zu verhindern.
Sascha Roth, Wasser-Experte

Die Pharmig, der Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs, zeigt sich nicht erfreut darüber. Der Verband unterstütze zwar prinzipiell den Vorschlag der Richtlinie, heißt es auf Anfrage der WZ. Er will aber nicht allein zur Verantwortung gezogen werden. „Wir fordern die Einrichtung einer Extended Producer Responsibility, EPR, sprich eine erweiterte Herstellerverantwortung, wodurch alle Verschmutzungsquellen in der Wasserumwelt berücksichtigt werden.“

Eine solche soll auch Teil der Richtlinie sein, zumindest die Möglichkeit einer Erweiterung der Herstellerverantwortung in einem nächsten Schritt sei vorgesehen, erklärt Sascha Roth vom Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft der WZ. Immerhin seien auch Unternehmen, die Waschmittel, Lebensmittel oder Pestizide produzieren, für die Verschmutzung verantwortlich. „In einem ersten Schritt hat man jetzt jedoch die Pharma- und die Kosmetikbranche herangezogen“, erklärt Roth. Außerdem ziele die Richtlinie auch auf einen gewissen Lenkungseffekt ab. „Die EU will Anreize schaffen, um die Schadstoffverschmutzung bereits an der Quelle zu verhindern“, sagt Roth, „so wie es bereits bei den Verpackungen geschehen ist, wo Unternehmen für die Entsorgung der Verpackung zahlen müssen, beziehungsweise mehr zahlen müssen, je weniger umweltfreundlich die Verpackung ist.“ Aufklärungskampagnen für die richtige Entsorgung, Debatten über Packungsgrößen von Medikamenten oder Innovationen zum Thema Nachhaltigkeit würden damit angeregt.

500 Millionen Liter Abwasser täglich

Derzeit wird die Reinigung des Abwassers durch eine kommunale Abgabe beglichen, sprich jeder Haushalt zahlt mit den Betriebskosten eine Abwassergebühr. In Wien beispielsweise sind das 2,9 Euro pro Kubikmeter Wasser. Das gesamte Wiener Abwasser fließt zur größten Kläranlage Österreichs, zur Simmeringer Haide. Dort fallen 500 Millionen Liter Abwasser täglich an, welches nach den drei Reinigungsstufen in den Donaukanal fließt.

In Simmering jedenfalls ist man vorbereitet. Schon seit einigen Jahren wird dort gemeinsam mit der TU Wien zu einer vierten Klärstufe experimentiert. „Wir haben bereits mit Ozon und Aktivkohle Tests durchgeführt“, erklärt Pressesprecher Karl Wögerer der WZ. Vor allem Aktivkohle habe eine große Oberfläche, wo sich viele Substanzen anlagern könnten. Die Problemstoffe dabei seien etwa Betablocker von blutdrucksenkenden Medikamenten, Stoffwechsel-Medikamente, Schmerzmittel oder Kosmetikartikel.

Wann das Experiment in die Norm umgesetzt werden muss, und welche Substanzen schlussendlich herausgefiltert werden müssen, ist derzeit noch unklar. Die neue Richtlinie soll demnächst präsentiert werden. Danach haben die Mitgliedstaaten zwei Jahre Zeit, die neuen Vorgaben in nationales Recht umzusetzen.