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Wer zahlt den billigen Sonnenstrom?

8 Min
Georg Renner schreibt jede Woche einen sachpolitischen Newsletter. Hier könnt ihr diesen Beitrag online nachlesen.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Georg Renner, Adobe Stock

Mehr Sonnenstrom macht Strom billiger – produziert aber zugleich neue Kosten, die oft jene tragen, die von der Energiewende am wenigsten profitieren.


    • Der Ausbau von Photovoltaik führt zu häufigeren negativen Strompreisen und senkt den Großhandelspreis deutlich.
    • Die Kosten für Netzengpässe, Förderungen und Reststrom werden auf alle Stromkund:innen umgelegt, auch auf jene ohne eigene PV-Anlage.
    • Der Ausbau erneuerbarer Energien bleibt wirtschaftlich sinnvoll, aber fehlende Speicher und Leitungen verursachen Ineffizienzen.
    • 2025: PV-Leistung in Österreich steigt auf 8,2 GW (2020: 1,3 GW)
    • 400–450 Stunden mit negativen Strompreisen 2023 (2018: fast 0)
    • Negativpreise und Ineffizienzen kosten 2025 rund 1 Mrd. Euro
    • Über 11.000 Energiegemeinschaften in Österreich (Stand Dezember)
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Niemand macht gern Fehler, am allerwenigsten ich. Aber wenn sie passieren, ist das kein Beinbruch in so einem Newsletter wie diesem: Ich korrigiere mich, wie das jede ordentliche Medium tun sollte.

Also: Vergangene Woche habe ich an dieser Stelle ein paar Worte über die Gegenfinanzierung der Mehrwertsteuer-Senkung auf Lebensmittel verloren und dabei den Posten „Maßnahmen zur Betrugsbekämpfung“, mit dem das Finanzministerium die Lücke zwischen Steuerausfall und Paketabgabe schließen will, mit einem flapsigen „wir hoffen einmal“ abgetan.

Das war unfair und schlampig, und das hätte ich wissen müssen. Denn tatsächlich ist dieser Posten mit einer Reihe recht konkreter Maßnahmen hinterlegt, die (im Gegensatz zum Budget und dem großen Budgetbegleitgesetz, die erst kommende Woche anstehen) bereits den parlamentarischen Weg gehen (nachzulesen beispielsweise in der Aussendung des Budgetausschusses vom 27. Mai).

Erstens kommt eine Kontenregistereinschau – was für ein Wort – für das Amt für Betrugsbekämpfung: Bei Verdacht auf eine Scheinfirma konnten die Behörden bisher nur jene Konten einfrieren, die ihnen ohnehin schon bekannt waren. In Zukunft sollen sie sich einen Gesamtüberblick über das Vermögen Beschuldigter verschaffen können (Start 1. Juli, das soll 13 Millionen Euro pro Jahr bringen).

Zweitens tritt ebenfalls mit 1. Juli eine jährliche Meldepflicht in der Wegzugsbesteuerung in Kraft – heute haben wir den Tag der zusammengesetzen Wortungetüme, sorry: Wer ins Ausland zieht und „stille Reserven“ von über 100.000 Euro mitnimmt – etwa Anteile an einer GmbH, die mehr wert sind als ihr Kaufpreis –, muss das künftig jährlich melden, sonst werden die 27,5 Prozent Kapitalertragsteuer sofort fällig (15 Millionen Euro).

Und drittens, der größte Punkt in der Gegenfinanzierung der Mehrwertsteuersenkung: Das Finanzministerium hat mir bestätigt, dass die Koalition entgegen dem Regierungsabkommen darauf verzichtet, die sogenannte Luxustangente auf 55.000 Euro anzuheben – das ist die Grenze, bis zu der Firmenautos steuerlich absetzbar sind. Sie bleibt entgegen den bisherigen Regierungsplänen bei 40.000 Euro, was dem Staat 70 Millionen Euro Einnahmen pro Jahr erhält.

Das ist also kein „Schauen wir mal“, sondern eine Liste mit Maßnahmen, Terminen und Beträgen. Danke an die Leser:innen, die mich darauf hingewiesen haben.

Und damit zum eigentlichen Thema, das, um die Brücke zu schlagen, auch diese Woche wieder um die Frage kreist, wer am Ende die Rechnung zahlt. Es geht aber nicht um Steuern und das Budget – sondern um die Kosten von Strom und Stromnetz.

Negativpreise

Wenn du in den vergangenen Wochen an einem unserer vielen wichtigen Feiertage zufällig auf die Strombörse geschaut hast – as you do –, hast du etwas gesehen, das auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt: einen negativen Strompreis. Am 1. Mai, einem Tag, an dem in vielen Ländern die Arbeit stillsteht und die Nachfrage nach Strom niedrig ist, war der Großhandelspreis von halb zehn Uhr früh bis Viertel nach fünf am Nachmittag im Minus – in der Spitze mussten Erzeuger fast zweieinhalb Stunden lang knapp 500 Euro pro Megawattstunde draufzahlen, damit ihnen überhaupt jemand den überschüssigen Strom abnimmt (in erster Linie Pumpspeicherkraftwerke, die ihn dann wieder in den Berg hinaufpumpen). Zu Ostern und Pfingsten war es ähnlich, nur weniger dramatisch, weil kein Wind ging. Solche Tage sind, und das ist das eigentlich Bemerkenswerte, längst keine Ausnahme mehr: Die Zahl der Stunden mit negativen Preisen ist in Österreich von praktisch null im Jahr 2018 auf rund 400 bis 450 im Vorjahr gestiegen.

Billiger Mittagsstrom

Der Grund ist der auch an dieser Stelle schon öfter erwähnte PV-Boom: die installierte Photovoltaik-Leistung hat sich von 1,3 Gigawatt 2020 auf 8,2 Gigawatt 2025 fast versechsfacht. An sonnigen Tagen mit wenig Verbrauch (wenn etwa an einem Feiertag die Industrie steht) erzeugen Sonne, Wind und Wasser zusammen weit mehr, als das Land gerade braucht. Weil 80 Prozent der Wind- und Solaranlagen im Osten stehen und die Leitungen den Strom nicht immer rechtzeitig wegbringen – und weil sich viele Kraftwerke nicht beliebig schnell hinunterfahren lassen –, kippt der Preis mittags ins Minus, um abends, wenn die Sonne weg ist, wieder kräftig zu steigen.

Und jetzt wird es interessant. Denn genau dieser billige Mittagsstrom ist das, was eine neue Studie des Austrian Institute of Technology (AIT) feiert – eine Auftragsarbeit für die Branchenvertretung Oesterreichs Energie unter dem Titel „Auswirkung des Erneuerbaren-Ausbaus auf den Endkund:innen-Strompreis“, die vergangene Woche präsentiert worden ist.

Die zentrale Message, die angesichts der Hormuz-Sperre auch weltpolitisch ziemlich aktuell ist: Jede zusätzliche Terawattstunde Ökostrom hat den durchschnittlichen Großhandelspreis 2025 um rund 2,1 Euro pro Megawattstunde gedämpft. Auf den gesamten österreichischen Verbrauch von etwa 70 Terawattstunden gerechnet sind das rund 150 Millionen Euro pro Jahr. Dieser dämpfende Effekt übersteigt die laufenden Förderkosten der Marktprämie für die Erneuerbaren deutlich. Heißt: Mehr Ökostrom spart unterm Strich also mehr, als er kostet.

Renner
© Screenshot

Wenn du jetzt sagst, eh klar, der Öko-Renner jubelt wieder einmal die Förderung hoch, der will nur seine eigene PV-Anlage schnell refinanziert haben (stimmt): Dieselbe Studie dokumentiert sehr nüchtern auch die Kehrseite. Der billige Mittagsstrom, der den Schnitt drückt, ist derselbe, der die Preise an arbeitsarmen Sonnentagen ins Minus rutschen lässt – und er produziert eine ganze Reihe von Kosten, die im Spruch „die Sonne schickt keine Rechnung“ irgendwie nicht vorgekommen sind.

Fangen wir bei den Negativpreisen selbst an. Wenn der Preis unter null fällt, lassen Laufkraftwerke das Wasser am Wehr vorbei und Windparks werden abgeregelt – aber ältere PV- und Biomasseanlagen speisen munter weiter ein und bekommen über die Ökostrom-Abwicklungsstelle OeMAG trotzdem ihr Geld.

Die zahlt in diesen Stunden quasi doppelt: einmal die Förderung, und einmal noch dafür, dass sie den Strom überhaupt loswird. Im Vorjahr hat das rund 200 Millionen Euro gekostet. APG-Vorstand Gerhard Christiner, dem als oberstem Netzbetreiber das Phänomen besonders auf die Nerven geht, nennt das „volkswirtschaftlich ein Blödsinn“; insgesamt verschlangen die Ineffizienzen im heimischen System – fehlende Leitungen, Engpassmanagement, Förderung trotz Negativpreisen – im Vorjahr rund eine Milliarde Euro. Christiner sagt aber auch, es gehe nicht darum, die Photovoltaik schlechtzumachen, sondern darum, beim Speicherausbau endlich schneller zu werden – was hier unter anderem schon im Februar zu lesen war.

Der subtilere Posten betrifft ausgerechnet jene, die wir gemeinhin für die Gewinner:innen der Energiewende halten: Haushalte mit eigener PV-Anlage. In der Studie wurde durchgerechnet, was es kostet, so einen Haushalt mit Reststrom zu beliefern – und das Ergebnis ist verblüffend. Während die Belieferung eines Haushalts ohne Anlage den Lieferanten rund 5 Euro pro Megawattstunde mehr kostet als der reine Baseload-Preis, sind es bei einem Haushalt mit PV rund 27 Euro. Der Grund: Der PV-Haushalt versorgt sich tagsüber, wenn der Strom billig (oder gratis) ist, selbst – und kauft beim Lieferanten ausgerechnet in den teuren Abend- und Randstunden zu. Der Lieferant wird, schöner Fachbegriff, zum „Reststromlieferanten“ und muss genau dann einkaufen, wenn es teuer ist.

Renner
© Screenshot

Diesen Aufschlag zahl aber nicht der PV-Haushalt. Weil die allermeisten von uns noch fixe Tarife haben (dynamische, die im Viertelstundentakt dem Börsenpreis folgen, muss der Lieferant seit dem Elektrizitätswirtschaftsgesetz zwar anbieten, sie sind aber noch die Ausnahme), steckt der Aufschlag im allgemeinen Lieferantenzuschlag – und wird damit vergemeinschaftet.

Ähnliches gilt für Energiegemeinschaften: Sie treiben aus Sicht des Lieferanten die Ausgleichsenergiekosten in die Höhe (um rund 4 Euro je Megawattstunde) und genießen obendrein einen um 57 Prozent reduzierten Netztarif. Auch diese Kosten verteilen sich über die Netzentgelte auf die Gesamtheit der Netznutzer:innen. Mit Stand Dezember gab es davon in Österreich schon über 11.000.

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Ein Kopf auf gelbem Hintergrund

Einfach Politik.

Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.

Jeden Donnerstag

Man muss kein großer Zyniker sein, um zu erkennen, wer hier wem etwas zahlt: Den Vorteil des billigen Sonnenstroms – die niedrigen Mittagspreise, die rentable Anlage am Dach, den Netzrabatt kassiert tendenziell, wer sich PV, Speicher, Smart Meter und einen dynamischen Tarif leisten kann (ahem). Die sozialisierten Kosten dagegen trägt die Allgemeinheit, also überproportional jene, die gar kein eigenes Dach für Paneele haben – Stichwort Mieter:innen.

Heißt das nun, der Erneuerbaren-Ausbau sei ein Verlustgeschäft? Nein, überhaupt nicht. Die Studienautor:innen rechnen vor, dass ein europaweiter Ausbaustopp den österreichischen Großhandelspreis bis 2030 von 95 auf 119 Euro pro Megawattstunde treiben würde; die Absicherung gegen den nächsten Gaspreisschock ist real und beträchtlich. Auch die Energieagentur ordnet die Negativpreise nicht als Marktversagen ein, sondern als „Preissignal“, das im aktuellen Rahmen folgerichtig sei – es zeige zugleich den Erfolg des Ausbaus und den Mangel an Flexibilität und Speichern. Der Sonnenstrom ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir das Drumherum – Speicher, Leitungen, intelligente Tarife – nicht im selben Tempo bauen.

Und hier schließt sich der Kreis zur Politik. Das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG), das neben Kraftwerken besonders auch die Errichtung von Leitungen und Batterien, nun ja, beschleunigen sollte, liegt seit März im Parlament, eine notwendige Zweidrittelmehrheit ist nach wie vor ausständig. Vielleicht bringt ja der Sommer endlich einen Fortschritt.


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Infos und Quellen

Genese

Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.

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