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Wer zahlt, wird operiert

9 Min
Einen früheren OP-Termin kann man nicht kaufen. In der Krankenhaus-Realität sieht das – dank „System Sonderklasse” – anders aus.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

5.000 Euro kostet ein früherer OP-Termin in einem Linzer Spital. Profitiert hat davon auch der Primar. Über ein lukratives Geschäft mit der Gesundheit.


Der Schmerz war immer da. Beim Schuhe binden, beim Abwaschen, beim Gehen, Stehen, Sitzen, sogar wenn Walter schlief. Ohne Schmerz ging nichts. Er zog sich von den Leisten hinunter in die Beine. Walter ignorierte ihn lang. Er bekämpfte den Schmerz mit Tabletten. Biss die Zähne zusammen. Dann hielt er ihn nicht mehr aus.

Er wählte die Nummer von Dr. Josef Hochreiter. Hochreiter ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Gelenkschirurgie. Im Ordensklinikum der Barmherzigen Schwestern (BHS) in Linz leitete der Primar eine der größten orthopädischen Abteilungen des Landes. 6.000 künstliche Hüft- und Kniegelenke wurden unter seiner Führung implantiert. Im Juni ging er in Pension. In seiner Privatpraxis in der Linzer Innenstadt ordiniert Hochreiter nach seiner Pensionierung jedoch weiter.

An zwei Wochentagen empfängt er hier Patient:innen. Im Warteraum hängt abstrakte Kunst. Am Boden liegt ein Perserteppich. Walter war nervös. Lange musste sich Hochreiter die Röntgenbilder nicht ansehen. Die Diagnose war eindeutig – Hüftgelenksarthrose im Endstadium. Die Knorpel auf Hüftkopf und Hüftpfanne waren rettungslos verschlissen. „Das ist ein Notfall”, soll Hochreiter gesagt haben. Das Gespräch erzählte Walter der WZ nach. Walter will weder seinen echten Namen noch den Zeitpunkt der Geschehnisse in den Medien lesen. Beides ist der Redaktion bekannt.

5.000 Euro für einen früheren OP-Termin

„Sie brauchen dringend eine neue Hüfte“, sagte – laut Walter – der Arzt. „Und zwar bald.” Bald ist im österreichischen Gesundheitssystem ein dehnbarer Begriff. Die Wartelisten für solche Eingriffe sind lang. Der nächste Termin für eine Hüft-Operation am Ordensklinikum BHS Linz sei in zehn Monaten, sagte Hochreiter. Doch es gäbe noch einen anderen Weg. Für 5.000 Euro könne er ihm einen früheren Termin verschaffen – in wenigen Wochen.

Walter stand vor der Wahl. Ein knappes weiteres Jahr mit dem Schmerz leben oder 5.000 Euro zahlen. Er fühlte sich überrumpelt. „Mit so einem Angebot hatte ich nicht gerechnet“, sagt er zur WZ. „Hochreiter sagte mir, dass die meisten Menschen mit 40 Jahren für solche Notfälle zu sparen beginnen.“ Walter willigte ein. „Aber mehr hätte ich nicht bezahlt.“

Im Reha-Zentrum des Primars eingecheckt

Zwei Monate nach dem Erstgespräch in der Privatpraxis wurde Walter von Dr. Josef Hochreiter – dem damaligen Leiter der orthopädischen Abteilung – am Ordensklinikum BHS Linz erfolgreich operiert. Vier Wochen nach dem Eingriff machte er eine Rehabilitation. Er checkte im Gesundheitszentrum Am Kogl in St. Georgen am Attersee ein. Josef Hochreiter und sein Bruder sind daran beteiligt. Denn Hochreiter ist nicht nur Arzt, sondern auch Unternehmer. Über seine Geschäfte berichten die Lokalmedien. Mit der JH Beteiligungs GmbH und der Hochreiter Gesundheitsbetriebe GmbH hat er Anteile an zwei Rehabilitationszentren in Oberösterreich und einem in Kärnten.

Zwei Wochen nach der Operation lag eine Rechnung in Walters Postkasten. Die WZ konnte sie einsehen. Die Rechnung wurde vom Krankenhaus ausgestellt. Die Summe beträgt 5.489 Euro und setzt sich aus drei Beträgen zusammen: 4.010 Euro „Operation Selbstzahler Dr. Josef Hochreiter“, 1.343 Euro „Anästhesie-Honorar“ und 136 Euro „Anstaltsgebühr.“

Der Primar eines zu 99 Prozent öffentlich finanzierten Krankenhaus bietet seinem Privatpatienten an, ihm einen früheren OP-Termin zu verschaffen, sofern er bereit ist, dafür zu bezahlen. Der Patient zahlt eine Rechnung von über 5.000 Euro an das Krankenhaus und verkürzt die OP-Wartezeit um acht Monate. Das ist offenbar kein Einzelfall.

Das System Sonderklasse

Das Krankenhaus bestätigt die Abläufe gegenüber der WZ. Das System dahinter heißt „Sonderklasse”. Patient:innen bezahlen für eine bessere Unterbringung und Service-Leistungen wie etwa Zeitungen am Nachtkästchen „bzw. wenn ein bestimmter Operateur gewünscht wird”, heißt es aus dem Kommunikationsbüro des Krankenhauses. 69 Prozent des bezahlten Betrags würden den „Ärzt:innen der betroffenen Abteilungen” zufallen, die sich die Summe „autonom” aufteilen. Den Rest bekommt das Krankenhaus. „Es gibt für alle Patient:innen die Möglichkeit der Aufzahlung zur Sonderklasse.“ In gemeinnützigen Krankenhäusern dürfen maximal 25 Prozent aller Betten für Sonderklasse-Patient:innen reserviert werden.

Mit einer Vorreihung von Patient:innen auf der Operationsliste hätte das – laut BHS Linz – nichts zu tun. Ein früherer OP-Termin sei lediglich ein Nebeneffekt. Termine hängen mit freien Betten zusammen. Sonderklasse-Betten stehen öfter leer als Betten in der Allgemeinklasse. „Die Betten werden getrennt vergeben, wodurch es zu unterschiedlichen Wartezeiten kommen kann“, heißt es aus dem BHS Linz.

Josef Hochreiter wollte eine Anfrage der WZ nicht gesondert beantworten. Er schließe sich den Aussagen des Krankenhauses an, ließ er uns wissen.

Walter wollte kein spezielles Zimmer. Auch keine Zeitungen. Selbst wer ihn operiert, war ihm egal. „Ich wollte einfach nur, dass der Schmerz aufhört”, sagt er. „Ich wollte so schnell wie möglich eine neue Hüfte. Und dafür habe ich bezahlt.”

Gleichheitsprinzip nur auf dem Papier

Für Thomas Czypionka ist die Sache klar. Er mutmaßt, dass hier Geld floss, um die Wartezeit zu verkürzen. „Ich lasse mir ja einreden, dass Sonderklasse-Patienten um wenige Wochen früher operiert werden, aber nicht um acht Monate“, sagt der Gesundheitsökonom vom Institut für Höhere Studien (IHS) zur WZ. „Das würde bedeuten, die Sonderklasse sei leer, während die Allgemeinklasse heillos überfüllt ist. Dann müsste das Krankenhaus aber Sonderklasse-Betten für alle freigeben.” Schließlich werden die BHS Linz von Steuerzahler:innen finanziert. Und die sind vor dem Gesetz gleich.

Das österreichische Krankenversicherungssystem beruht auf dem Gleichheitsprinzip. Alle Versicherten erhalten die gleiche medizinische Versorgung. Sie ist keine käufliche Ware. Der Fabrikserbe muss genauso lang auf einen OP-Termin warten wie die alleinerziehende Supermarktverkäuferin. Der Kontostand hat keinen Einfluss auf den Zeitpunkt der Behandlung. Die Schwere des Falls hingegen schon.

Wie Spitäler Operationen organisieren müssen, regelt das jeweilige Krankenanstaltsgesetz, das sich von Bundesland zu Bundesland unterscheidet. Das BHS Linz muss sich an das oberösterreichische Krankenanstaltsgesetz halten. In Paragraph 28 heißt es unmissverständlich: „Die Terminvergabe hat ehestmöglich und ausschließlich nach medizinischen Gesichtspunkten sowie nach betriebsorganisatorischen und sozialen Aspekten zu erfolgen.”

Theorie und Praxis der OP-Terminvergabe

Ist das Leben bedroht? Sind die Schmerzen unerträglich? Verschlechtert sich der Gesundheitszustand rapide? Auf Grundlage dieser Aspekte ist eine Vorreihung legitim. Sie wird vom Primar einer Abteilung entschieden. Ob sie tatsächlich notwendig ist, lässt nicht überprüfen, denn genaue Kriterien gibt es nicht. Fest steht: Kommen Patient:innen aus medizinischen Gründen früher dran, müssen sie nicht dafür bezahlen. Einen früheren OP-Termin kann man nicht kaufen. In der Krankenhaus-Realität sieht das – dank „System Sonderklasse” – anders aus.

Von der erzählt uns ein ehemaliger Unfallchirurg, der 15 Jahre in einem österreichischen Spital tätig war. Mit der WZ hat er anonym über die Praxis der OP-Terminvergabe gesprochen. In welchem Krankenhaus er arbeitete, will er öffentlich nicht sagen. Der WZ ist der Name des Arztes genauso bekannt wie der Name des Hauses.

Primare verkaufen Leistungen des öffentlichen Spitals in ihrer Privatordination.
ehemaliger Unfallchirurg

„Es ist seit Jahrzehnten üblich, dass Patienten aus den Ordinationen der Primare vorgereiht werden”, sagt er. In seinem Krankenhaus seien Privatpatient:innen des Primars bevorzugt behandelt worden. „Es wurde sogar schriftlich auf den Überweisungen vermerkt, dass die Patienten vom Chef kommen.” Das Geld, das die Patient:innen für ihre früheren Hüft- oder Knieoperation bezahlen, werde in der Abteilung verteilt. Den höchsten Anteil bekäme der Primar. Danach kämen die Oberärzte.

„Der Druck auf die Oberärzte, Klasse-Patienten zu lukrieren, ist hoch”, sagt der ehemalige Unfallchirurg. Das funktioniere am besten, wenn sie einen früheren OP-Termin versprechen. „Dafür zahlen die Menschen.” Doch damit wird das Gesundheitssystem unterhöhlt, die Solidarität umgangen. „Die Primare verkaufen die Leistungen des öffentlichen Spitals in ihrer Privatordination”, sagt der ehemalige Unfallchirurg.

Vom Spital in Privatpraxis vermittelt

Wer zahlt, kommt früher dran. Die WZ hat Stichproben gemacht und in oberösterreichischen Krankenhäusern um Termine für Erstgespräche gebeten. Wir wollten wissen, wo lange Krankenhaus-Wartezeiten durch den Besuch von Privatpraxen im Krankenhaus beschäftigter Ärzte verkürzt werden.

Anfang September haben wir in der Adipositas-Ambulanz des gemeinnützigen Klinikums Wels-Grieskirchen angerufen und um einen Termin für ein Erstgespräch gebeten. Eine freundliche Pflegerin hob ab. Der nächste Termin sei im Mai frei, also in neun Monaten. Ohne Nachfrage bot sie eine Alternative an: einen Termin in einer der beiden privaten Ordinationen zweier Ärzte der Abteilung. Beide betreiben neben ihrem Job im Krankenhaus Wahlarztpraxen. „Dort bekommen Sie noch heuer einen Termin”, sagte die Pflegerin. „Der Besuch in der Ordination kostet Sie 200 Euro, dafür kommen Sie dann auch bei uns früher dran.” Sie könne auch gleich einen Termin in einer der Praxen ausmachen.

Die Pflegerin eines öffentlichen Krankenhauses bietet Termine in den Privatordinationen der Klinikärzte an und koordiniert sie. Das Klinikum Wels-Grieskirchen widerspricht unserem Erlebnis. „Privatpatienten werden weder bevorzugt behandelt noch können OP-Wartezeiten durch den Besuch einer privaten Praxis oder eine Zahlung verkürzt werden. Das Personal im Krankenhaus koordiniert auch keine Termine von privaten Ordinationen”, antwortet eine Sprecherin des Klinikums schriftlich auf eine Anfrage der WZ. Die beiden Ärzte reagierten nicht auf unsere Anfrage.

Studie belegt Privatzahlungen

Wie viele solcher Fälle es in Österreich gibt, lässt sich nur schätzen. Sie werden selten publik, denn alle Beteiligten profitieren davon: Die Patient:innen bezahlen und werden früher behandelt; Arzt und Spital streichen das Honorar ein. Alle nutzen das Gesundheitssystem aus. Die Opfer sind unsichtbar. Es sind die Menschen, die viele Monate auf OP-Termine warten müssen, weil sie es sich im Gegensatz zu einzelnen Privilegierten nicht leisten können, für eine bevorzugte Behandlung zu bezahlen.

Eine Studie des Instituts für Höhere Studien aus dem Jahr 2020 zeigt, wie weit die Praxis verbreitet ist. Dafür wurden 450 Patient:innen aus ganz Österreich, die eine sogenannten elektive, also nicht lebenswichtige Operation benötigten, jeweils zwei Fragen gestellt: Wurde Ihnen in Fondsspitälern (öffentliche Krankenhäuser mit öffentlicher oder privater Trägerschaft, keine reinen Privatspitäler) angeboten, die Wartezeit durch eine private Zuzahlung zu verkürzen? Und: Wurde Ihnen angeboten, die Wartezeit durch den Besuch einer Privatordination zu verkürzen? „Fast jede zehnte Person beantwortete die Frage mit ja“, sagt Czypionka, der die Studie leitete.

Den Missbrauch fördert ein System, in dem es Ärzt:innen möglich ist, neben ihrem Vollzeitjob im Spital auch privat zu ordinieren. Das Geschäft lohnt sich. Mehr als 50 Prozent ihres Einkommens verdienen sie durch private Gesundheitsleistungen, wie eine Gehälterstudie des IHS aus dem Jahr 2018 zeigt. „Die selbstständige Tätigkeit ist für Primare wichtiger als ihre Tätigkeit im Spital”, sagt Gesundheitsökonom Czypionka.

Hochreiter hat beide Einkommensquellen verknüpft. Sein Privatpatient Walter kam als Sonderklasse-Patient zu einem früheren OP-Termin in Hochreiters Spital und wurde von diesem persönlich operiert. Walter hielt den Schmerz nicht mehr aus. Er wollte ihn loswerden. So schnell wie möglich. Hochreiter half – gegen Honorar.


Infos und Quellen

Genese

Private Krankenversicherungen werben mit früheren Terminen und kurzen Wartezeiten. Matthias Winterer und Michael Ortner wunderten sich über die offensichtliche Bevorzugung von Zusatzversicherten im österreichischen Gesundheitssystem. Sie machten sich auf die Suche nach Patient:innen, die sich eine frühere Behandlung gekauft haben.

Daten und Fakten

elektive Operationen

Ein elektiver Eingriff ist ein nicht notfallmäßiger Eingriff. Ursache sind meist Alterserscheinungen und chronische Krankheiten. Dazu zählen unter anderem die Implantation künstlicher Knie- und Hüftgelenke und Augenoperationen (Grauer Star).

Wartelisten

2011 wurde das Krankenanstalten- und Kuranstaltengesetz (KAKuG) novelliert. Damit wollte der Gesetzgeber die OP-Wartezeiten transparent machen. So sollten Ungleichbehandlungen verhindert werden. Jedes Bundesland musste ein eigenes Gesetz beschließen, denn die Sicherstellung der Spitalsversorgung ist Ländersache. In Niederösterreich gibt es die Wartezeiten aller Landes- und Universitätsklinken übersichtlich auf einer Seite zusammengefasst. In Oberösterreich stehen die Wartezeiten auf den jeweiligen Webseiten der Spitäler.

Wie lang man letztendlich auf eine OP warten muss, hängt stark von Bundesland, Region und sogar vom jeweiligen Spital ab. So kann es sein, dass man in Ried 20 Wochen, in Linz hingegen 46 Wochen auf eine Hüft-OP warten muss.

Wie finanzieren sich Spitäler?

Die österreichischen Spitäler finanzieren sich hauptsächlich durch Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungsträger. Daneben finanzieren sich die Krankenanstalten auch aus privaten Mitteln wie etwa Selbstbehalte, Sonderklasse und private Zusatzversicherungen. Dieser Anteil belief sich im Jahr 2021 auf rund 7,7 Prozent (bezogen auf alle Krankenanstalten).

Gesprächspartner:innen

  • Patient:innen

  • Ärzt:innen

  • Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom, Institut für Höhere Studien

  • Ernest Pichlbauer, Gesundheitsökonom

  • Gerald Bachinger, Patientenanwalt Niederösterreich

  • Michael Wall, Patientenanwalt Oberösterreich

  • Karin Eglau, Gesundheitsexpertin, Gesundheit Österreich GmbH

  • Andrea Fried, Arbeitsgruppe Gesundheitswesen, Transparency International

  • Helene Elisa Stockinger, Pressesprecherin Kabinett Bundesminister Johannes Rauch

Quellen

Das Thema in anderen Medien