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Werden in Wien Luftschadstoff-Grenzwerte überschritten?

6 Min
Sind die Abgaswerte in Wien zu hoch?
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Ein Umweltaktivist wirft der Stadt Wien vor, an mehreren Orten den geltenden Grenzwert von Stickstoffdioxid zu überschreiten. Das belegen Daten, die die Stadt Wien selbst erhebt, aber nicht veröffentlicht.


Verkehr, Lärm und stickige Luft. Der Wiener Gürtel. Hier einmal ganz tief einatmen? Lieber nicht. Das dachte sich auch Umweltaktivist Fabian Setznagel von der Verkehrswende Wien. Er wollte es genau wissen: Wie schlecht ist die Luft am Gürtel wirklich?

Setznagel, der auch Vorstand der Grünen Wieden ist, schaute sich die Stickstoffdioxidwerte der letzten Jahre an und stellte fest: Die Luft ist schlechter als erlaubt. Der in Österreich geltende Grenzwert wird am Gürtel seit Jahren überschritten. Die Stadt Wien misst die Überschreitungen sogar selbst, veröffentlicht die Ergebnisse aber nicht. Warum?

Gemessen wird in diesem Fall mit sogenannten Passivsammlern. Dabei handelt es sich um Röhrchen, die Luftschadstoffe wie Stickstoffdioxid aus der Luft aufnehmen. Stickstoffdioxid – kurz NO2 – ist ein für die Lungen besonders schädliches Reizgas. Es entsteht vor allem da, wo Verbrennung stattfindet, beispielsweise im Automotor. Wo es viel Verkehr gibt, gibt es also auch viel NO2.

Passivsammler werden in Wien an den Straßenschildern der stark befahrenen Straßen aufgehängt und später im Labor analysiert. Durch die kleine Größe der Röhrchen und den geringeren Aufwand beim Messen sind sie vielerorts einsetzbar. Vor allem in engen Straßenschluchten, wo die NO2-Belastung sehr hoch ist und andere Luftmesser keinen Platz haben.

Am Gürtel hängen einige diese Röhrchen. Sie messen immer wieder Überschreitungen der für NO2 geltenden Grenzwerte.

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Wie Wien reagiert

Heinz Tizek von der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22) kennt die Messergebnisse – die MA 22 hat diese schließlich erhoben. Er sagt, dass in Wien keine Grenzwerte überschritten werden. Denn die Messungen der Passivsammler dienen lediglich zur technischen Hilfestellung der „richtigen“ Messstellen.

Damit meint Tizek die 16 Immissionsschutzgesetz-Luft (IG-L)-konformen NO2-Messcontainer, die nach EU-Richtlinien innerhalb der Stadt verteilt sind. Zwei dieser Container befinden sich an stark befahrenen Straßen – am Hietzinger Kai und an der A23, jedoch nicht am Gürtel. Mit ihren Messergebnissen wird ein flächendeckendes Modell der NO2-Belastung innerhalb der Stadt errechnet. Dieses zeigt auch keine Grenzwertüberschreitungen.

Sollte man den Überschreitungen, die Passivsammler messen, also trauen? Tizek sagt nein. Passivsammler werden nicht zur Überprüfung der Grenzwerte verwendet, da sie laut Immissionsschutzgesetz-Luft (IG-L) auch nicht dafür bestimmt sind.

Deutschland muss helfen

Für Setznagel klang die Antwort der MA 22 paradox. Er suchte in Deutschland Rat – bei der deutschen Umwelthilfe. Dort kennt man die Argumentation von Tizek. Denn die Umweltorganisation verklagte knapp 100 Städte wegen einer zu hohen NO2-Belastung. Gemessen wurden diese meist mit Passivsammlern. Der Versuch mancher Städte, die Messergebnisse der Passivsammler als nicht richtig darzustellen, blieb bislang erfolglos.

Denn in Deutschland werden die Röhrchen problemlos verwendet. Robin Kulpa von der deutschen Umwelthilfe sagt: „Wenn dieses Messsystem nachweislich in Deutschland geeignet ist, um die europäischen Vorschriften einzuhalten, dann wird das auch in Österreich geeignet sein.“

Was sich Kulpa fragt, ist, warum Wien nicht auf die jahrelangen Grenzwertüberschreitungen reagiert, die sie selbst mit Passivsammlern messen: „Wenn die Stadt nun meint, die Passivsammler sind nicht ausreichend geeignet, dann müsste sie zumindest dem Verdacht einer Grenzwertüberschreitung mit den ‚geeigneten Messungen‘ nachgehen und an den besagten Orten einen neuen Messcontainer aufstellen. Hier die Augen zu verschließen und zu sagen, wir machen gar nichts, das ist ganz klar europarechtswidrig.“

Für Setznagel war das genug: „Wenn ich die Bleibelastung im Trinkwasser messe, indem ich 19 Messstellen in Neubauten mit Kunstoffrohren aufstelle und nur eine in einem Altbau mit Bleirohren, dann wird die durchschnittliche Bleibelastung des Trinkwassers immer super sein.“

Der Umweltaktivist Setznagel stellte einen Antrag an die Stadt Wien. Ein neuer Container muss her. Die Stadt soll dort „richtig“ messen, wo die Luft am schmutzigsten ist.

Passivsammler – eine rechtliche Gratwanderung

Wie mit Passivsammlern gemessen wird und ob man ihnen vertrauen kann, erklärt Christian Hübner vom Laboratorium für Umweltanalytik. Er ist Experte, wenn es um Luftschadstoffmessungen geht, und erzählt von den Vor- und Nachteilen der Passivsammler: die leichte Bedienbarkeit, aber auch die Fehler beim Messen. „Diese Fehler kann ich aber ausgleichen, indem ich parallel zu einer offiziellen Messstation einen Passivsammler hinhänge. Wenn ich offiziell 20 Mikrogramm pro Kubikmeter NO2 messe und mit den Passivsammlern 22, dann habe ich einen Analysefehler von zehn Prozent. Und das kann ich dann andernorts kalibrieren“, erklärt Hübner.

Im Fachjargon heißt diese Fehlerkorrektur Äquivalenznachweis. Damit Passivsammler auch IG-L-konform messen, müssen ihre Messergebnisse die gleiche Gültigkeit wie die offiziellen Messmethoden haben. Dann sind Luftmessungen mit Passivsammlern laut österreichischem Umweltbundesamt auch gemäß dem IG-L zulässig. Wie ist das in Wien?

Wien verwendet die gängigen Passivsammler der Schweizer Firma „Passam“. Ob diese gleichwertig den EU-konformen Messmethoden sind, haben Berlin und Nordrhein-Westfahlen erforscht. In einer Studie verglichen die beiden Länder die Messwerte von gängigen Luft-Messsystemen mit denen von Passivsammlern. Auch die von „Passam“. Das Ergebnis: Die Passivsammler messen valide. Sie können für die Einhaltung der Grenzwerte verwendet werden.

In der Praxis ist das aber unüblich. Denn auch in Linz, Tirol, Niederösterreich und Salzburg wird mit „Passam“ gemessen. Elisabeth Scheicher, Leiterin des Luftgütemessnetzes Niederösterreich, meint, dass man sich lieber auf die Messcontainer verlässt, da IG-L-Überschreitungen große Auswirkungen wie etwa Tempolimits bringen.

Alexander Kranabetter vom Immissionsschutz Salzburg sagt zwar, dass sich Passivsammler recht gut für Langzeitmessungen von Stickstoffdioxid eignen. Sie sind wesentlich kostengünstiger als die „schweineteuren“ Messcontainer und liefern gleichzeitig hochwertige Ergebnisse. Aber auch er betont, dass Salzburg keine Grenzwertüberschreitungen durch Passivsammler ausweist – es gibt nämlich keine Überschreitungen.

Passivsammler am Wiener Margaretengürtel
Passivsammler am Wiener Margaretengürtel
© Fabian Setznagel

Die Luft in Wien

Zurück in Wien. Tizek von der MA 22 meint, dass die Stadt bereits Maßnahmen gesetzt hat, um die Luftqualität innerhalb der Stadt zu verbessern. Schärfere Abgas-Gesetzgebungen für Dieselmotoren und die Verbreitung von E-Autos reduzieren Stickstoffemissionen. Aber nicht nur der Verkehr leistet seinen Beitrag zur Luftverschmutzung. Gasheizungen in Wien stoßen reichlich Stickstoffdioxid aus. Die MA 22 will auch hier ansetzen.

Flächendeckend wird die Wiener Luft also immer besser. Das zeigen auch die offiziellen Messergebnisse der MA 22 und die Berichte des Umweltbundesamtes. Doch diese messen nach wie vor nicht an den schmutzigsten Straßen wie am Wiener Gürtel. Ist die Luft, die wir atmen, also schlechter als erlaubt?

Bald werden wir es wissen. Der Umweltaktivist Setznagel feiert einen kleinen Erfolg. Sein Antrag brachte die Stadt Wien dazu, die NO2-Belastung am Gürtel neu zu messen. Ein neuer Messcontainer wird am Neubaugürtel aufgestellt. Ob Wien damit Grenzwertüberschreitungen eingesteht, bleibt unbeantwortet. Zumindest gibt es dann Klarheit zur Luft in Wien.

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Infos und Quellen

Genese

Der Umweltaktivist Fabian Setznagel meldete sich bei der WZ mit den Messdaten der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22). Diese mit Passivsammlern erhobenen Daten zeigen erhöhte Stickstoffdioxid-Werte. Sie sind höher als die geltenden EU-Grenzwerte und die des Immissionsschutzgesetz-Luft (IG-L). Wir schauten uns das genauer an. Schließlich geht es um die Luft, die wir alle atmen.

Gesprächspartner:innen

  • Fabian Setznagel, Verkehrswende Österreich, Luftdaten.at, Grüne Wieden

  • Heinz Tizek, Leiter der Datenauskunft der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22)

  • Christian Hübner, Laboratorium für Umweltanalytik

  • Alexander Kranabetter, Immissionsschutz und Landeslabor Salzburg

  • Robin Kulpa, Stellvertretender Bereichsleiter Verkehr und Luftreinhaltung der Deutschen Umwelthilfe

  • Sabine Enzinger, Pressesprecherin Umweltbundesamt

  • Elisabeth Scheicher, Leiterin Luftgütemessnetz Niederösterreich

  • Roman David-Freihsl, Abteilungssprecher Stadt Wien - Umweltschutz

Daten und Fakten

  • Woher stammen die Daten?

In diesem Artikel wurden die NO2-Messdaten der Passivsammler in Wien verwendet. Diese Daten werden von der MA 22 erhoben.

  • Gibt es Fehler in den Daten?

Fehler in Daten sind nie auszuschließen. Sie könnten beim Messen und beim Speichern auftreten. Beim Luftmessen muss beachtet werden, wo der Passivsammler platziert ist und ob dieser richtig geeicht wurde. Geeicht wird mittels einer Parallelmessung zu anderen Messmethoden.

  • Was gilt es beim Messen zu beachten?

Passivsammler müssen EU-normkonform der Standortkriterien platziert werden. Normkonform bedeutet, dass sich die Passivsammler mindestens 25 Meter entfernt von verkehrsreichen Kreuzungen befinden – um Spitzenwerte durch stehenden Autoverkehr zu vermeiden – und 1,5 bis vier Metern über dem Erdboden aufgehängt werden. Mit der freien Geoinformationssystemsoftware QGIS konnten wir für sechs der sieben Messstationen in Wien nachweisen, dass hier der IG-L Grenzwert von 35 µg/m³ überschritten wird.

  • Welche Grenzwerte gibt es in Österreich für Stickstoffdioxid?

Die EU schreibt aktuell einen maximalen Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m³) NO2 vor. In Österreich gilt sogar ein noch strengerer Grenzwert, das Immissionsschutzgesetz-Luft (IG-L) erlaubt maximal 30 µg/m³, zusätzlich einer Toleranzmarge von 5 µg/m³. Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt sogar einen weitaus geringeren Grenzwert von maximal 10 µg/m³.

  • Was ist Stickstoffdioxid?

Stickstoffdioxid (NO2) ist ein Reizgas. Es entsteht bei der Verbrennung von Brenn- und Treibstoffen. Hauptverursacher ist der Verkehr. Für den Menschen ist NO2 besonders schädlich, da es die Lungenfunktion beeinträchtigt und die Lungenzellen dauerhaft schädigt.

Quellen

Das Thema in der WZ

Wo die Luft in Wien am schlechtesten ist

Das Thema in anderen Medien