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Wetten auf Wetter, Krieg und Kinder: Welt der Prognosemärkte

8 Min
Prognosemärkte stellen einige Risiken dar.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser.

Prognosemärkte wie Kalshi und Polymarket boomen seit der US-Präsidentschaftswahl 2024. Die Plattformen ermöglichen aber Wetten auf fast alles.


    • Prognosemärkte wie Polymarket und Kalshi boomen, besonders bei jungen Menschen, und verschwimmen mit Glücksspiel und Investments.
    • Insider-Trading, mangelnde Regulierung und moralische Fragen stellen Risiken dar, wie Jürgen Huber (Universität Innsbruck) und Lisa Brunner (Institut für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien) betonen.
    • In Europa gewinnen Prognosemärkte an Popularität, vor allem durch Social Media und prominente Werbekampagnen.
    • Polymarket: Volumen von 1 Mrd. Dollar bei US-Präsidentschaftswette
    • Kalshi: Handelsvolumen im Juni über 30 Mrd. Dollar
    • Hauptnutzer: 18- bis 34-Jährige, besonders in den USA
    • Zwei israelische Reservisten wegen Insider-Wetten auf Polymarket angeklagt
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Gibt die USA zu, dass Aliens existieren? Wer wird der nächste Premierminister in Äthiopien? Welches Pärchen gewinnt die achte Staffel von Love Island? Wird Taylor Swift vor Jahresende schwanger? Neben klassischen Sportwetten kann man heute auch auf Fragen wie diese Geld setzen. Und das ganz schön viel.

Das Geschäft auf den US-amerikanischen Prognosemärkten Polymarket und Kalshi boomt. Schon die Frage, wer der nächste Präsidentschaftskandidat der Demokraten in den USA wird, hat bei Polymarket ein Volumen von einer Milliarde Dollar. Kalshi hatte als größte Plattform im Juni ein Handelsvolumen von über 30 Milliarden Dollar – was auch mit der Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko zu tun hat. Verglichen mit Aktienmärkten ist das nicht sehr groß. Vor allem aber bei jungen Menschen, die schon anfällig für Sportwetten, Trading oder Krypto sind, werden diese Plattformen immer populärer – und gefährlicher. Denn: Die Grenzen zwischen Wette, Investment, Spiel und Prognose verschwimmen.

Insbesondere 18- bis 34-Jährige nutzen die Plattformen, um auf Ereignisse zu wetten. Diese Beliebtheit dürfte auch mit der Werbung zu tun haben. Social-Media-Videos zeigen seit Monaten überdrehte Jugendliche, die vermeintlich das ganz große Geld mit absurden Wetten machen. Eine Recherche des Wall Street Journal deckte Ende Juni auf, dass die Videos nicht echt waren: Polymarket hatte die Influencer für die inszenierten Videos bezahlt.

In den USA haben die Plattformen bereits Partnerschaften mit großen Medienkonzernen wie etwa CNN, NBC oder Fox News abgeschlossen. Das heißt: Während Nachrichten bei CNN laufen, werden teilweise die Wahrscheinlichkeiten von Kalshi zu großen Ereignissen im News-Ticker angezeigt. Und sogar Trevor Noah hat Polymarket bei seiner Moderation der Grammy Awards im Februar 2026 erwähnt. Für Werbespots hat Kalshi sogar Stars wie Schauspieler Timothée Chalamet oder den Fußballer Luka Modrić angeheuert.

Die Prognosemärkte sind in den USA also schon längst im Mainstream angekommen.

Über Memes bekannt geworden

In Europa sind Prognosemärkte noch kein Massenphänomen, aber das beginnt sich gerade zu ändern. So etwa bei Frank.

Die ersten Berührungspunkte mit Glücksspiel überhaupt hatte Frank mit 16 Jahren, als er über das Profil seines älteren Bruders auf Fußballspiele wettete. Seitdem war er öfter in Casinos und setzt regelmäßig auf Sport – vor allem Basketball und Fußball. Seit einigen Monaten verwendet er regelmäßig Polymarket. Zuerst nur für Sport und nach einiger Zeit dann auch für politische Ereignisse.

„Meine erste Verbindung zu Polymarket war über Memes. Was mich dann aber hingezogen hat, war das Modell und die Flexibilität mit den Wetten“, sagt Frank im Interview mit der WZ. Frank ist der US-amerikanischen Kultur und dem Sport auch sonst sehr verbunden und verfolgt die Nachrichten regelmäßig. Beim Interview trägt er Nike Air Jordan Sneaker und redet viel über Basketball in den USA. Seinen echten Namen möchte er hier aber nicht lesen – der von ihm gewählte Name Frank ist eine Anspielung auf den Film Casino mit Robert De Niro. Glücksspiel nimmt in seinem Leben viel Raum ein. Spielsüchtig? Nein, das sei der 28-Jährige nicht, so seine Selbsteinschätzung.

„Ich fand Polymarket auch reizend, weil ich die Möglichkeit habe, auf Sachen zu wetten, über die ich mehr Ahnung habe als Sport. Auf der anderen Seite ist es ein bisschen bizarr, auf sowas wetten zu können“, sagt Frank. Er öffnet sein Polymarket-Portfolio auf dem Handy und zeigt mir seine Positionen: Alexandra Ocasio-Cortez als Präsidentschaftskandidatin für die Demokratische Partei und die Übernahme von Taiwan durch China. Die Ereignisse müssen nicht eintreffen, damit er Geld verdienen kann. „Wenn China wieder eine Militärübung rund um Taiwan macht und die Wahrscheinlichkeit steigt, verkaufe ich meine Position. So zumindest die Logik“.

„Das Genaueste, was wir als Menschheit haben“

Anders als bei Casinos oder Sportwetten gibt es bei Prognosemärkten nämlich kein klassisches Haus. Eine Position kann für zwischen 1 und 99 Cent gekauft werden – je nach Wahrscheinlichkeit des Ereignisses. Nachdem das Ereignis eintritt, kassieren die Gewinnenden das Geld direkt von den Verlierenden ein. Die Flexibilität kommt dadurch, dass die Position auch vor dem Ereignis verkauft werden kann. Dafür muss es auf der anderen Seite aber immer eine:n Käufer:in geben. Zum Vergleich: Ein Cashout ist bei Sportwetten auch möglich. Da bestimmt den Preis aber der Wettanbieter.

Was diese Plattformen außerdem ausmachen sollen, sind die Möglichkeiten, Ereignisse vorauszusagen. Der 28-jährige Polymarket CEO Shayne Coplan nannte es in einem „60-Minutes“-Interview „das Genaueste, was wir als Menschheit derzeit haben – bis jemand eine Kristallkugel erfindet.“

Die Logik, die dahintersteckt, ist die sogenannte Weisheit der Vielen: Große und diverse Gruppen von Menschen, die unabhängig voneinander ihre Einschätzung zu einer Frage geben, sind oft präziser als einzelne Expert:innen. Bis jetzt konnte dieses Versprechen auch zum Großteil eingehalten werden. Einige der Expert:innen, die mit der WZ über dieses Thema gesprochen haben, sagen selbst, dass sie ein Auge auf die Plattform werfen, um sich über den Ausgang politischer Ereignisse zu informieren – während der Ungarn-Wahlen zum Beispiel, als ziemlich früh der Sieg von Herausforderer Péter Magyar vorausgesagt wurde.

Weil praktisch auf alles gewettet werden kann, ist Insider-Trading auch nicht zu vermeiden. Immer wieder kommt es auch zu strafrechtlichen Verfahren. Zwei israelischen Militärreservisten wird etwa vorgeworfen, Wetten auf Polymarket über den Zeitpunkt von Militärschlagen abgeschlossen zu haben. Kurz vor der Entführung von Venezuelas Präsident Nicolas Máduro soll ein US-Soldat eine Wette darauf abgeschlossen und 400.000 Dollar verdient haben. Und vielleicht das absurdeste Beispiel: Am Flughafen Paris-Charles de Gaulle soll der Wettersensor für eine Wette auf Polymarket manipuliert worden sein.

„Gerade für Prognosemärkte-Plattformen, die gut informiert sein wollen, liefern Insider-Informationen wertvolle Informationen für den Markt. Der unfaire Nachteil ist, dass Insider Gewinne machen auf Kosten derer, die diese Informationen nicht haben“, sagt Jürgen Huber von der Universität Innsbruck. Insider-Handel an Aktienbörsen sei aus gutem Grund verboten, so der Experte. Martin Spann von der LMU-München meint außerdem, dass bei Wetten auf Militärereignisse auch ein gewisses Sicherheitsproblem entstehen kann. „Wenn Informationen schon auf diesem Wege offengelegt werden, kann das natürlich auch zur Gefahr für die Beteiligten werden“, so Spann.

Bizarre Zeiten

Mit der Frage, ob Wetten auf Kriege und Ähnliches moralisch verwerflich sind, hadert Frank ein bisschen. „Genauso moralisch verwerflich wie eine Boeing- oder Palantir-Aktie“, meint er zuerst. Die „komischen“ Zeiten, in denen wir heutzutage leben würden, hätten sicher auch zum Boom der Plattformen beigetragen, meint der 28-Jährige. Besonders US-Präsident Donald Trump und die ständige Unsicherheit um den Iran-Krieg kommen in den Sinn. „Dann gibt es diesen Deal und den anderen Deal und ich habe das Gefühl, dass es doch dann zumindest nach meiner Wahrnehmung möglich sein müsste, etwas Geld damit zu verdienen“, sagt Frank. Wenn also aus diesen bizarren Zeiten zumindest die Möglichkeit herausspringt, etwas Geld zu verdienen, mache es die Realität erträglicher.

In den USA wird die Finanzaufsicht CFTC in den nächsten Monaten noch klare Regeln für Prognosemärkte festsetzen. Der Sohn des US-Präsidenten, Donald Trump Jr., ist Berater bei Kalshi und Investor bei Polymarket. „Er profitiert also davon und hat ein großes Interesse daran, dass die Politik seines Vaters dafür sorgt, dass diese Märkte ungehemmt agieren können“, so Huber.

Lisa Brunner, Leiterin des Instituts für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien, sieht die nicht ausreichende Regulierung der Prognosemärkte kritisch. „Gerade bei Plattformen wie Polymarket oder Kalshi zeigt sich, wie rasch neue Produkte entstehen, die nicht eindeutig in bestehende Regulierungskategorien passen, aus Sicht der Nutzer:innen aber ähnliche Dynamiken wie Glücksspiel oder Sportwetten aufweisen können“, sagt sie. Es bräuchte eine Regulierung, die mit der digitalen Entwicklung mithält und die verschiedenen Angebote nicht isoliert betrachtet, da sie „aus Sicht der Nutzer:innen vergleichbare Anreize und Risiken aufweisen.“

Noch sind es Sportwetten, auf die auf diesen Plattformen das meiste Geld gesetzt wird. Was wohl auch damit zu tun haben könnte, dass sich mehr Menschen für Sport als für Politik interessieren. In Europa ist zumindest davon auszugehen, dass Prognosemärkte in Zukunft noch beliebter werden - unabhängig von der Modrić-Werbung.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner

  • Frank (Name von der Redaktion geändert)
  • Univ.-Prof. DDr. Jürgen Huber, Leiter des Instituts für Banken und Finanzen der Universität Innsbruck
  • Prof. Dr. Martin Spann, Institutsdirektor am Institut für Electronic Commerce und Digitale Märkte der Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Lisa Brunner, Leitung Institut für Suchtprävention und Obfrau der Österreichischen ARGE Suchtvorbeugung

Daten und Fakten

  • Prognosemärkte sind Plattformen, auf denen Teilnehmer:innen Geld auf den Ausgang zukünftiger Ereignisse setzen. Im Gegensatz zu Umfragen wird nicht abgefragt, was man selbst wählen würde, sondern was wahrscheinlich passieren wird. Eigentlich gibt es sie seit 1988: Damals wollten US-Forscher:innen den Ausgang der Präsidentschaftswahl prognostizieren. Ihre etwa 60 Teilnehmer waren fast alle männlich und Republikaner. Trotzdem wurde der richtige Wahlausgang vorhergesagt. Seitdem wurden Prognosemärkte fast nur für Forschungszwecke verwendet.
  • Die US-Regierung unter Donald Trump hat Regulierungsänderungen vorgenommen und einige Limitationen aufgehoben. Die Finanzaufsicht CFTC schlägt nun neue Regeln vor. Es soll genauer festgelegt werden, welche Ereignisse die Behörde als „gegen das öffentliche Interesse gerichtet“ sieht und deswegen nicht aufgelistet werden sollten.
  • Die zwei größten Prognosemarkt-Plattformen Polymarket und Kalshi wurden 2020 und 2021 gegründet. Während der FIFA Männerfußball-WM ist ADI Predictstreet offizieller Partner. Die Plattform gehört zur Königsfamilie in Abu Dhabi.

Quellen

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