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Widerstand gegen Abschiebung der Geschwister Oshakuade

6 Min
Welle der Solidarität: Zivilgesellschaft protestiert gegen mögliche Abschiebung der Geschwister Oshakuade
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Die drohende Abschiebung des nigerianischen Geschwisterpaars Joseph und Victoria Oshakuade hat eine breite Debatte über das österreichische Bleiberecht ausgelöst.


    • Joseph Oshakuade und Victoria Oshakuade droht trotz gelungener Integration und breiter Solidarität die Abschiebung aus Österreich.
    • Alle bisherigen Asylanträge wurden abgelehnt, aktuell stellen sie einen Antrag auf humanitären Aufenthalt als letzten rechtlichen Ausweg.
    • Über 46.000 Unterschriften und zahlreiche Kundgebungen in Innsbruck und Wien unterstützen ihr Bleiberecht öffentlich.
    • Über 46.000 Unterschriften gegen Abschiebung der Geschwister Oshakuade
    • Joseph (22) studiert am MCI Innsbruck, Victoria macht eine IT-Ausbildung
    • Seit 9 Jahren in Österreich, alle Asylanträge seit 2019 abgelehnt
    • Abschiebung scheiterte, da nigerianische Botschaft Einreisedokumente verweigerte
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Während das Innenministerium auf der Umsetzung rechtskräftiger Bescheide beharrt, formierte sich am 10. Und 11. April in Innsbruck und Wien massiver zivilgesellschaftlicher Protest. Inmitten einer Welle der Solidarität und über 46.000 gesammelter Unterschriften bereiten die Geschwister nun einen Antrag auf humanitären Aufenthalt vor – der womöglich letzte rechtliche Vorstoß, um in Österreich bleiben zu dürfen.

„Entschuldigung, dass ich erst jetzt antworte, aber die letzten Tage sind sehr stressig gewesen“, sagt der 22-jährige Joseph Oshakuade im Tiroler Dialekt, alswir telefonieren und einen Termin für unser Interview vereinbaren. „Darf ich dich später zurückrufen? Ich habe gleich eine Vorlesung.“ Joseph, der von seinen Freund:innen liebevoll „Jojo“ genannt wird, studiert Betriebswirtschaftslehre am Management Center Innsbruck (MCI). Seine zwei Jahre ältere Schwester Victoria macht eine Ausbildung im IT-Bereich.

Gemeinsam kamen sie vor knapp neun Jahren nach Österreich, als sie erst 13 und 15 Jahre alt waren. In Tirol sind sie zur Schule gegangen und haben dort maturiert. Nebenbei arbeiteten die beiden ehrenamtlich für diverse Organisationen wie das Rote Kreuz. In ihrer Freizeit bringen sie Kindern das Snowboarden bei. Man könnte von einem Paradebeispiel für gelungene Integration sprechen. Dennoch droht den beiden die Abschiebung.

Von Nigeria nach Österreich ohne Eltern

Den langen Weg von Nigeria nach Österreich legte das Geschwisterpaar im Teenagealter ganz allein zurück, ohne die Begleitung ihrer Eltern. „Unsere Eltern leben immer noch in Nigeria, allerdings wurde mit der Zeit der Kontakt zu ihnen weniger. Das letzte Mal telefonierten wir Ende letzten Jahres“, erzählt Joseph im Interview. Einen Bezug zu ihrem Heimatland Nigeria haben die beiden heute nur wenig. Ihr Lebensmittelpunkt ist Tirol, wie sie erzählen.

Joseph und Victoria stellten bereits mehrfach Asylanträge, die jedoch alle seit 2019 negativ beschieden wurden, wobei der jüngste Bescheid im März dieses Jahres ausgestellt wurde. Ende März kam es in der Folge zu einem Abschiebeversuch: „Wir wurden an einem Mittwochabend in unserer Wohnung in Wattens festgenommen“, erzählt Victoria im Interview. Die beiden wurden zunächst in Tirol und anschließend in Wien in Schubhaft genommen. „Während der Haft wurden wir voneinander getrennt. Ich habe meine Schwester also in der Haftanstalt selbst nicht gesehen. Erst als man uns wieder entlassen hat“, sagt Joseph. Die Abschiebung wurde dann vorerst doch nicht vollzogen, nachdem sich die nigerianische Botschaft geweigert hatte, die erforderlichen Einreisedokumente nach Nigeria zu unterzeichnen.

Der Fall rief auch politische Reaktionen hervor: Vizekanzler Andreas Babler von der SPÖ sowie die Neos sprachen sich für ein Bleiberecht von Joseph und Victoria aus. Das Bundesministerium für Inneres verwies indes darauf, dass weiterhin die Möglichkeit bestehe, einen Antrag auf einen humanitären Aufenthaltstitel einzubringen. Das Fehlen einer Aufenthaltsbewilligung setzt jedoch insbesondere Joseph gegenwärtig unter finanziellen Druck, denn ohne den Aufenthaltszettel kann er seine Arbeitsbewilligung nicht verlängern. Noch vor wenigen Wochen arbeitete er neben seinem Studium bei Swarovski: „Es ist insgesamt natürlich eine schwierige Situation, weil ich arbeiten will und kann, aber nicht arbeiten darf.“ Victorias Arbeitsbewilligung hingegen ist bis Herbst gültig.

Breite Solidarität bei den Kundgebungen in Innsbruck und Wien

Vorletztes Wochenende versammelten sich in Wien und in Innsbruck hunderte Menschen zu Kundgebungen, um gegen die Abschiebung zu demonstrieren. Die Geschwister waren an beiden Demos vor Ort und reisten am Freitag, den 10. April, in der Früh in die Hauptstadt. „Wir waren vor allem in Wien sehr überrascht, dass so viele Menschen für uns gekommen sind. Sogar Mitschüler, die ich aus der Mittelschule und aus dem Gymnasium kannte, habe ich dort getroffen“, schildert Joseph, der an der Mittelschule in Seefeld in Tirol und später am Akademischen Gymnasium in Innsbruck zur Schule ging.

Auch am Tag darauf bei der Kundgebung in Innsbruck nahmen ehemalige Mitschüler:innen der beiden teil und sprachen sich, gemeinsam mit anderen Redner:innen, für ein Bleiberecht aus. Vor der Annasäule in der Innsbrucker Innenstadt nahmen sowohl ranghohe Politiker:innen der Stadt Innsbruck als auch Studien- und Arbeitskolleginnen, Vertreter des Sportklubs Wilten und diverser humanitärer Hilfsorganisationen sowie der Vorsitzende der ÖH MCI an der Kundgebung teil. Neben der Solidaritätsbekundung äußerten die Redner:innen auch ihr Unverständnis darüber, Joseph und Victoria in Schubhaft genommen zu haben.

Bürokratische Härte gegen breite Solidarität: Eine Abschiebung als Gewissensfrage

Die Behörden rechtfertigen bereits Ende März in einer öffentlichen Stellungnahme das Vorgehen mit der geltenden Rechtslage. Laut der Stellungnahme des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl (BFA) wurden die im Sommer 2025 gestellten dritten Asylanträge der Geschwister bereits im Jänner 2026 vom Bundesverwaltungsgericht (BVwG) wegen „entschiedener Rechtssache“ rechtskräftig zurückgewiesen. In der Folge wurden Rückkehrentscheidungen erlassen und – mit Verweis auf eine „beharrliche Missachtung der Ausreiseverpflichtung“ – zweijährige Einreiseverbote verhängt. Das BFA betont zudem seine Vollzugspflicht: Man sei an gerichtliche Entscheidungen gebunden und verpflichtet, diese nach Eintritt der Rechtskraft konsequent umzusetzen.

Die Patin des Geschwisterpaares, Regina Riley, bestärkte in ihrer Rede während der Kundgebung die tiefe soziale Verwurzelung von Joseph und Victoria in Tirol: „Sie gehören schon seit über acht Jahren zu unserem Leben“, sagte sie. „Wie fühlt es sich an, nach so vielen Jahren noch immer keine Zukunft in dem Land zu haben, das längst ihre Heimat geworden ist?“ Angesichts des behördlichen Vorgehens hinterfragte sie zudem die Maßstäbe der Politik für eine gelungene Integration: „Wie viele Jahre muss man sich integrieren, damit man als ‚integriert‘ gilt?“

Zusätzlich zum Protest auf der Straße formierte sich massiver digitaler Widerstand: Eine auf der Plattform mein.aufstehn.at gestartete Online-Petition gegen die Abschiebung der Geschwister verzeichnete bereits über 46.000 Unterschriften. Die Initiative unterstreicht die breite gesellschaftliche Unterstützung für den Verbleib von Joseph und Victoria, die sich bei der Kundgebung vor der Innsbrucker Annasäule sichtlich überwältigt von der Solidarität zeigten. Victoria kamen angesichts des Zuspruchs mehrmals die Tränen.

Antrag als letzter Ausweg: Die ungewisse Rückkehr in den Alltag

Joseph Oshakuade betont den Wunsch nach einer Rückkehr in den gewohnten Alltag, doch die Angst vor einer Abschiebung bleibt allgegenwärtig: „Wir können uns nicht vorstellen, woanders zu leben. Tirol hier ist unsere Heimat geworden, und alles zu verlassen, ist unvorstellbar.“

Heute Morgen hatten die beiden Geschwister einen Termin beim Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl, um ihren Antrag für humanitäres Bleiberecht zu stellen. Die Gewissheit bleiben zu dürfen, haben Joseph und Victoria jedoch dadurch nicht. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig als einen weiteren Bescheid abzuwarten.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Joseph und Victoria Oshakuade

Bei der Kundgebung in Innsbruck am 11. April 2026 war die WZ vor Ort, um zu berichten.

Daten und Fakten

  • Das Bundesministerium für Inneres verzeichnete für das Jahr 2025 insgesamt 14.156 Ausreisen aus Österreich, was einem täglichen Durchschnitt von etwa 40 Personen entspricht. Von den Betroffenen hatten rund 4.000 Personen zuvor einen Asylantrag gestellt.
  • In der Detail-Statistik des BFA im Jahr 2025 spiegelt sich bei nigerianischen Staatsangehörigen eine sehr niedrige Anerkennungsquote wider. 30 Personen erhielten einen positiven Asylbescheid. 132 Personen hingegen erhielten einen rechtskräftig negativen Bescheid.

Quellen

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