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Widerstandskämpfer: „Die russische Welt wird verschwinden"

8 Min
Fußgänger gehen im Zuge des Russland-Ukraine-Konflikts in Melitopol in der von Russland kontrollierten Ukraine an einem Gebäude vorbei, an dessen Fassade russische Nationalflaggen befestigt sind.
Melitopol ist - noch - in russischer Hand.
© Fotocredit: ALEXANDER ERMOCHENKO / REUTERS / picturedesk.com

Die WZ hat Kontakt zu einer zivilen Widerstandsgruppe in russisch okkupiertem Gebiet in der Ukraine aufgenommen.


Sie hat Ivan geschluckt, die russische Welt, die Russki Mir. Aber sie ist geblieben, die Hoffnung. Hoffnung, das ist ein Wort, das Ivan oft verwendet. Die Hoffnung auf Befreiung, die Hoffnung auf ein Ende dieses Krieges, die Hoffnung, dass das ostukrainische Melitopol, Ivans Heimatstadt, eines Tages nicht mehr von dieser russischen Welt einverleibt sein wird. Und er arbeitet aktiv im Widerstand daran, dass das passiert. 

Ivan ist ein Koordinator für die „Gelben Schleifen“, eine zivile Widerstandsgruppe in der Region. Er koordiniert Aktionen, bei denen Flugblätter verteilt, Graffiti gemalt oder blau-gelbe Schleifen oder Fahnen angebracht oder mit Gas-Ballonen über der Stadt abgeworfen werden. Das klingt vielleicht nach Wassertropfen, die auf Granit fallen.

Alles kann als Beleidigung Russlands ausgelegt werden

Aber unter einem Besatzungsregime, dessen oberstes Ziel die Tilgung der Ukraine ist, und das dabei über Leichen geht, ist jedes Lebenszeichen eines ukrainischen Selbstverständnisses ein Schlag, der sitzt. Und so reiche es, eine blaue Jacke und gelbe Socken zu tragen, um in einem Folterkeller zu landen, wie Ivan sagt. Aber eigentlich reiche noch viel weniger. Alles, wirklich alles, könne als Beleidigung Russlands ausgelegt und geahndet werden – und werde es auch. 

Auf der Krim wurde erst dieser Tage eine junge Frau dazu gezwungen, sich in einer Videobotschaft öffentlich dafür zu entschuldigen, Russland beleidigt zu haben. Sie hatte in einem Sozialen Netzwerk das Foto eines Cocktails gepostet – mit einem gelben und einem blauen Strohhalm im Glas. Und für sie ist die Sache noch einigermaßen glimpflich ausgegangen. Sein Gesicht zeigt Ivan in diesem Gespräch folglich nicht. Auch seinen echten Namen kann er nicht nennen. 

Im Zentrum des Widerstandes

Melitopol ist eine Stadt von einst 153.000 Einwohnern. Seit dem 26. Februar 2022 ist Melitopol von der russischen Armee besetzt und einer der Nachschubknotenpunkte der Russen im Süden der Ukraine. Aber Melitopol war seither auch immer ein Zentrum des ukrainischen Widerstandes. Partisanen sind in der Region aktiv. Gezielte Attentate gibt es hier immer wieder. Entsprechend nervös sind die russischen Truppen. Und eine Zeit lang im Frühsommer sah es gar so aus, als würden die Russen ihren überstürzten Abzug vorbereiten. Im Frühjahr, so sagt Ivan, da hätten alle in der Stadt gesagt, den Sommer, den Herbst, vielleicht ja auch erst den Winter, werde man in Freiheit verbringen. Nun aber ist es Winter. Und die Russen? Die sind immer noch da. 

Es sei ein wenig demotivierend, dass es sich in die Länge ziehe, sagt Ivan. Es sehe jetzt so aus, als würde sich zumindest über den Winter nichts tun. Aber er sagt auch: „Wir warten.“ Denn was sonst bleibe zu tun? Und in der Zwischenzeit? Da tue man eben, was man machen könne – wie bisher auch. Man vernetzt sich, plant Aktionen, verbreitet Informationen, sammelt Informationen über russische Verbrechen gegen die Menschlichkeit – die Gelbschleifen kooperieren in dieser Angelegenheit mit den angesehensten ukrainischen NGOs in diesem Feld: ZMINA, Krym-SOS und Ukraina.Pyata Ranku. Für ihn sei jedenfalls klar, sagt Ivan, Russland habe sich auf einen langen Krieg eingestellt – so wie er selbst. Russland plane nicht, von hier wegzugehen – so wie er selbst. Das ist der Punkt, an dem die Hoffnung ins Spiel kommt. Denn je länger es dauert, desto mehr krallt sie sich fest, die russische Welt in der Ukraine. 

Bedingungsloser Gehorsam gegenüber Moskau

Russische Welt bedeutet bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Regime in Moskau. Als die Region besetzt wurde, da habe in den ersten Monaten zunächst einmal nichts funktioniert, erzählt Ivan: Spitäler, Behörden, Schulen, öffentlicher Verkehr. Es gab sogar Proteste auf der Straße – heute undenkbar. Heute sei das Leben aber zumindest eines, wie Ivan es ausdrückt: „Vorhersagbarer.“ Die Läden seien offen und voll mit Produkten von der Krim, aus Russland und dem Iran, die Schulen sind offen, wenn auch in beschränktem Umfang, weil viel weniger Schüler:innen in der Stadt seien und es an Lehrer:innen mangle – und gelehrt wird natürlich nach russischem Lehrplan. Was aber eben auch funktioniert, ist der Polizei- und Repressionsapparat. An Straßenprotest oder offenen Widerstand ist heute nicht mehr zu denken. Protest ist lebensgefährlich. Und da ist diese Sache mit dem russischen Pass. 

Nichts geht ohne russischen Pass

Ohne russischen Pass geht nichts in okkupiertem Gebiet: keine medizinische Versorgung, keine Medikamente, kein Schulplatz, keine Transferleistungen, keine Arbeit. Selbst von Stadt zu Stadt zu reisen sei nicht möglich – weil man nicht durch die Checkpoints kommt. Er selbst habe keinen. Ivan sitzt also fest. 

Dabei sind die Pässe, die die russischen Behörden in der Ukraine ausgeben, seinen Worten zufolge ohnehin Dokumente zweiter Klasse. Wer versuche, damit nach Russland zu kommen, der werde gleich an der Grenze angewiesen, das Dokument bei der nächsten zuständigen Passbehörde erneuern zu lassen. Der Grund: Die ausstellende Behörde, die nachvollziehbar macht, dass der/die Inhaber:in Ukrainer:in ist. Viele würden den Pass annehmen, um überleben zu können.

Leben, überleben und Widerstand leisten.Ivan über seinen Alltag

Auch die Gelbschleifen würden ihren Aktivist:innen raten, den Pass anzunehmen – aus praktischen Gründen. Sogar die Regierung der Ukraine hatte diesen Rat an Bürger:innen, die unter Okkupation leben, ausgegeben. „Leben, überleben und Widerstand leisten“ – so fasst Ivan sein Dasein zusammen. 

Propaganda überall

Russland hat sich die besetzten Gebiete einverleibt – auch wenn die Grenzen unklar sind. Aber was tut das zur Sache im Krieg Russlands gegen ein Land, das es aus der Sicht Moskaus nicht gibt und dessen Identität es auszulöschen gelte, wie das Staatsfernsehen nicht müde wird zu betonen. Russisches Staatsfernsehen oder Radio sind übrigens die einzigen Rundfunkmedien, die man in den besetzten Gebieten in der Ukraine empfangen kann. Zudem werde man zugemüllt mit Print-Propaganda im Zeitungsformat. Und wer das nicht lese, der komme dem allgegenwärtigen russischen Propaganda-Patriotismus auf Plakaten in der Stadt nicht aus: „Wählen Sie das, nehmen Sie einen russischen Pass an und so weiter“, sagt Ivan. 

Ukrainische Subkultur im russischen Propagandasumpf

In diesem russischen Propagandasumpf sind die Gelbschleifen so etwas wie eine ukrainische Subkultur; ein loses Netzwerk, ein Kreis an Leuten, die geblieben sind und sich weigern, sich zu beugen. 

Viele sind gegangen. 70 Prozent der Bevölkerung seien geflohen, schätzt Ivan. Aber auch viele Neue sind gekommen: Russen, die sich die Wohnungen jener, die gegangen sind, einverleibt haben. Die soziale Zusammensetzung der Stadt habe sich verändert, sagt Ivan: russische und tschetschenische Soldaten, russische Beamte, Glücksritter, Siedler. Und die Mixtur verändere sich weiter. Mit dem Zuzug ist es vorbei. Mittlerweile seien russische Immobilienportale voll mit Verkaufsanzeigen, in denen Liegenschaften in russisch okkupierten Städten in der Ukraine wie Melitopol angeboten würden. Anscheinend sickern langsam Einsichten: Dass Russlands Wild-West-Raubzug in der Ukraine, frei nach dem Motto „40 Panzer westwärts“, vielleicht nicht von Dauer sein wird; dass es vielleicht besser ist, geraubte Liegenschaften zu Geld zu machen, solange es noch irgendwie geht. 

Ivan erzählt das trocken und abgebrüht. Ganz ohne Enthusiasmus oder Freude. Vielleicht mit ein wenig Hoffnung. 

Man vertraue niemandem, sagt er. Jeder könne einen verraten. Wenn es um Koordination und Vernetzung geht, so sind verschlüsselte Chat-Dienste das Kommunikationsmedium der Gelbschleifen. An der Teilhabe an diesen Gruppen lässt sich das Interesse ablesen. „12.000 Personen füttern die Chatbots der Organisation mit Nachrichten oder Videos von Aktionen“, sagt Ivan. Noch viel mehr würden in diesen Chats passiv zusehen. Und täglich kämen 50 bis 100 neue Personen dazu. 

Gefoltert und verschwunden

Solch Aktivismus sei nicht nur für die eigene Freiheit eine Bedrohung, sondern auch für das eigene Leben, sagt Tetiana Pechonchuk von der ukrainischen NGO ZMINA. „Wir können von Tausenden Menschen sprechen, die gefoltert oder getötet wurden oder die verschwunden sind“, sagt sie. 

An Kontrollposten werden Personen durchsucht. Auch deren Telefone. Wer verdächtige Inhalte gespeichert hat oder Russland-kritische Informationen bezieht, landet in der Filtration. Aktionen der Gelbschleifen gleichen Kommandoaktionen. Dabei geht es um rein zivilen Widerstand. Mit Partisanen in der Region habe man nichts zu tun. 

Diese russische Welt ist Bullshit.Ivan

„Diese russische Welt ist Bullshit“, sagt Ivan. Sie werde verschwinden, ist er sicher. Und das gerade, weil diese russische Welt immer so steif und fest betone, gekommen zu sein, um für immer zu blieben. Aber da lohne sich ein Blick nach Cherson, sagt Ivan: Auch in Cherson sei sie gewesen, die russische Welt. Auch in Cherson habe es auf riesigen Plakaten geheißen, dass Russland für immer bleiben werde. Russland sei, wo Russlands Panzer rollten, hatte ein lokaler russischer Spitzenverwalter in Cherson gedichtet. Heute ist dieser russische Verwalter tot. Und Cherson ist befreit. 

„Ich bin mir sicher: Auch wir werden befreit werden“, sagt Ivan. Vielleicht werde es noch Jahre dauern. Vielleicht aber werde alles in ein paar Monaten bereits vorbei sein. Wer könne das schon wissen.