)
Unsere Städte wurden für ein Klima gebaut, das es nicht mehr gibt. Es wird immer heißer, und Tausende Menschen zieht es in Richtung Norden. Doch was, wenn es dort auch schon zu heiß ist oder man sich eine Flucht vor der Hitze nicht leisten kann?
Die Wohnung ist bereits am Vormittag aufgeheizt. Nachts sinkt die Temperatur kaum unter 25 Grad. Im Park sind die wenigen Schattenplätze besetzt, das Freibad ist überfüllt.
- Mehr für dich: Waldbrände: „Das größte Problem ist die Nacht“
Jeden Sommer wiederholt sich dieses Ritual. Österreichs Städte leiden zunehmend unter der Hitze. Tausende Menschen zieht es daher ins Grüne, an die Alte Donau, den Neusiedler See oder gleich in die Berge. Auch Flucht in den Norden Europas scheint verlockend. Doch während sich viele Menschen einen solchen Urlaub gar nicht leisten können, kämpfen die Städte auch dort zunehmend mit den Folgen der Hitze.
Hitzemaßnahmen in Wien
Die Frage ist daher nicht nur, wie man der Hitze entkommt, sondern vor allem auch, wie sie in der Stadt erträglicher werden kann. Wien hat bereits auf die zunehmende Hitze reagiert – doch viel mehr wäre notwendig. In den vergangenen Jahren entstanden zum Beispiel sogenannte Coole Zonen mit Trinkbrunnen und Nebelstelen oder neue Begrünungsprojekte. Die Stadt Wien setze auf Entsiegelung und zusätzliche Baumpflanzungen, so die Stadt selbst.
Gleichzeitig wird mit neuen Ansätzen experimentiert. Ein Beispiel ist das Schwammstadt-Prinzip: Regenwasser soll nicht möglichst schnell in die Kanalisation abgeleitet werden, sondern durch eine unterirdische Schotterschicht – ähnlich wie bei einem Schwamm – gespeichert und langsam an Bäume und Pflanzen abgegeben werden. Dadurch bleibt mehr Wasser in der Stadt, und die kühlende Wirkung von Grünflächen kann auch während längerer Trockenperioden erhalten bleiben.
Ein anderes Beispiel ist der Naschmarkt: Sein ehemaliger Parkplatz galt lange als innerstädtische Hitzeinsel – heute findet man dort einen rund 6.800 Quadratmeter großen grünen Park.
Maßnahmen wie diese sind Teil einer langfristigen Strategie. „Die Klimakrise ist eine Herausforderung für Städte weltweit. Auch in Wien werden die Sommer immer heißer”, sagt Clemens Horak, Leiter der Abteilung für Stadtentwicklung und Stadtplanung der Stadt Wien. Mit dem neuen Stadtentwicklungsplan würden Kennwerte für Grün- und Freiräume weiter präzisiert werden, um die aktuelle Situation besser einordnen zu können. Zudem seien erstmals Richtwerte für Begrünung und Baumüberschirmung im öffentlichen Raum festgelegt worden. Auch die sogenannten Wiener Gartenstraßen, die verkehrsberuhigt und intensiv begrünt sind, sollen künftig selbst in dicht bebauten Gebieten parkähnliche Grünräume schaffen.
Mehr als einzelne Kühlmaßnahmen
Doch lebenswerte Städte entstehen nicht durch einzelne Kühlmaßnahmen. Für Tanja Tötzer vom AIT Austrian Institute of Technology geht es um eine grundsätzliche Transformation. „Resilienz bedeutet, dass wir uns kontinuierlich anpassen und Strukturen schaffen, die robust sind.“
Vor allem alte Parks und große Bäume seien wertvoll, sagt sie. Sie spenden nicht nur Schatten, sondern kühlen auch deutlich besser als junge Straßenbäume. Gleichzeitig seien neue Grünflächen dort notwendig, wo bisher Asphalt dominiert. „Es ist keine Entweder-Oder-Frage“, sagt Tötzer. „Es braucht sowohl den Erhalt bestehender Grünräume als auch neue Parks in stark versiegelten Gebieten.“
Fast die Hälfte der versiegelten Flächen in Städten entfalle auf Straßen und andere Verkehrsflächen. „Man denkt immer an die Gebäude. Aber die Straßen sind oft fast vollständig versiegelt.“ Gerade dort könne Raum zurückgewonnen werden. „Mobilität anders zu denken, schafft Platz für Begrünung und ein besseres Stadtklima“, sagt die Stadtklimaforscherin. Bewusstsein dafür zu schaffen, mehr Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückzulegen, wäre zum Beispiel ein Weg dorthin.
Gebaut für ein anderes Klima
Denn die Herausforderungen reichen weit über einzelne Hitzewellen hinaus. „Unsere Städte sind auf das frühere Klima ausgerichtet“, sagt Tötzer. „Jetzt bekommen wir aber Temperaturen wie in Südeuropa. Das bedeutet, dass wir unsere Städte umbauen müssen.“
Jetzt bekommen wir Temperaturen wie in SüdeuropaTanja Tötzer, Stadtklimaforscherin
Laut Tötzer hat sich die Anzahl der Hitzetage in den vergangenen 50 Jahren in Wien verdreifacht. Gleichzeitig nehmen Tropennächte und langanhaltende Hitzeperioden zu. Asphalt, Beton und versiegelte Flächen speichern Wärme und verhindern die natürliche Kühlung durch Wasser und Vegetation.
Ob ein Stadtviertel hitzeresistenter wird, lässt sich mit der sogenannten 3-30-300-Regel relativ einfach überprüfen: Von jeder Wohnung aus sollten mindestens drei Bäume sichtbar sein, die Baumkronen sollten rund 30 Prozent eines Viertels bedecken und die nächste Grünfläche höchstens 300 Meter entfernt liegen.
Auch die Landeshauptstädte müssen handeln
Doch selbst wenn diese Bäume und Grünflächen vorhanden sind, kommen Österreichs Städte nicht um weitere Maßnahmen gegen die steigenden Temperaturen herum.
Vor allem Graz ist betroffen: Satellitenbildern zufolge erhitzt sich die Stadt mehr als alle anderen Landeshauptstädte Österreichs, wie die WZ berichtet hat. Während der Grazer Hitzeaktionsplan kurzfristige Schutzmaßnahmen und Verhaltenstipps umfasst, setzt die Stadt langfristig auf klimaangepasste Stadtentwicklung. So werden Hitzeschutzprojekte im Straßen- und Platzumbau Schritt für Schritt umgesetzt: Bei der Neugestaltung des Tummelplatzes mitten in der Innenstadt zum Beispiel sorgen jetzt mehr Bäume, entsiegelte Flächen und ein verbessertes Regenwassermanagement für mehr Schatten und Kühlung, heißt es vonseiten der Stadt Graz. Im September soll außerdem die Rettung der Lindenallee in der Kaiserfeldgasse starten, da die alten, großkronigen Bäume für die Stadt von unschätzbarem Wert seien. Die wichtigsten Rettungsmaßnahmen seien, den Boden so aufzubereiten, dass Regenwasser gehalten wird, und im Winter weniger Salz zu streuen.
Dass auch die Nähe zu Bergen kein Schutz vor dem Klimawandel ist, zeigt Innsbruck. Die Tiroler Landeshauptstadt setzt in ihrem Hitzeaktionsplan verstärkt auf Dach- und Fassadenbegrünungen, Urban-Gardening-Projekte sowie die gezielte Umgestaltung besonders aufgeheizter Plätze. Grundlage dafür ist eine Stadtklimaanalyse, die sogenannte Hitzeinseln identifiziert und damit aufzeigt, wo Beschattung, Entsiegelung oder mehr Grünraum künftig besonders notwendig sind.
„Autos gehören nicht zu unserer DNA“
Also doch, wenn möglich, Flucht in den Norden Europas? Der Klimawandel ist auch dort bereits angekommen. Sogar in Tampere in Finnland wird längst über dessen Folgen gesprochen. Die WZ war dort und hat sich umgesehen. „Wir verlieren unsere Winter, Wetterextreme nehmen zu, und wir erleben Stürme, die es früher nicht gab“, sagt Teppo Rantanen, Leiter der Abteilung für Wirtschaftspolitik, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation der Stadt Tampere, zur WZ.
Die Stadt habe daher bereits Maßnahmen gesetzt. Der Hauptgedanke sei laut Stadtplaner Teemu Paasiaho, Natur nicht zu ersetzen, sondern sie zu erhalten. Die Rückeroberung der Seeufer sei eines der wichtigsten Stadtentwicklungsprojekte gewesen. Jahrzehntelang waren Uferbereiche durch Straßen und Autoverkehr vom Rest der Stadt abgeschnitten. Nun versuche Tampere diese Flächen schrittweise wieder für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen zugänglich zu machen, indem neue Parks und öffentliche Räume gebaut werden. Paasiaho erklärt: „Autos gehören nicht zu unserer DNA. Deshalb versuchen wir, keine großen Parkdecks zu bauen. Denn dort können keine großen Bäume wachsen.“
Die Frage ist daher nicht mehr, ob sich unsere Städte verändern müssen, sondern wie.
Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramtes, finanziert aus Bundesmitteln.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Clemens Horak, Leiter der Abteilung für Stadtentwicklung und Stadtplanung der Stadt Wien
- Tanja Tötzer, Senior Expert Advisor und thematische Koordinatorin für den Bereich Digital Resilient Cities am AIT Austrian Institute of Technology
- Teppo Rantanen, Leiter der Abteilung für Wirtschaftspolitik, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation der Stadt Tampere
- Teemu Paasiaho, Stadtplaner des Architekturbüros NOAN
Daten und Fakten
- Laut GeoSphere Austria wurde Ende Juni 2026 erstmals seit Messbeginn in Österreich in einem Juni die 40-Grad-Marke überschritten. Die zweiwöchige Hitzewelle brachte österreichweit zahlreiche Temperaturrekorde. Im Zentrum Wiens wurden zuletzt erstmals mehr als 50 Hitzetage pro Jahr registriert. (GeoSphere Austria Hitze-Bilanz Juni 2026: Eine Hitzewelle für die Rekordbücher)
- Unter dem Motto „Raus aus dem Asphalt“ wurden seit dem Start der großen Entsiegelungs- und Begrünungsoffensive in allen 23 Bezirken Wiens 344 Projekte umgesetzt oder auf den Weg gebracht. (Raus aus dem Asphalt - Wien wird WOW!)
- Im Straßenraum und auf öffentlichen Plätzen wurden in den letzten Jahren über 85.000 Quadratmeter neue Grünflächen und mehr als 3.300 neue Bäume gepflanzt. Zusätzlich wurden über 2.700 Sitzmöglichkeiten und knapp 2.000 Quadratmeter neue Wasserspielflächen errichtet. (Wien wird WOW!)
- Mit über 50 Prozent Grünraumanteil des Stadtgebiets zählt Wien zu den grünsten Metropolen weltweit. Wiens Bäume spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie kühlen die Stadt durch Verdunstung, spenden Schatten, binden Feinstaub sowie Kohlendioxid und produzieren Sauerstoff. (Bäume im urbanen Raum - Pflege, Kontrolle, Schutz und Vorkommen - Stadt Wien)
- Tampere verfolgt das Ziel, bis 2030 klimaneutral zu werden. Dafür sollen die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 um 80 Prozent reduziert und die verbleibenden 20 Prozent kompensiert werden. Geplant sind Maßnahmen in den Bereichen Mobilität, Bauwesen, Wohnen, Energieverbrauch und Konsum, die in der „Climate Neutral Tampere 2030 Roadmap“ festgehalten sind. Als Stadt mit hohem Ressourcen- und Energieverbrauch sieht Tampere eine besondere Verantwortung im Klimaschutz und beim Schutz der Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels (Climate action in Tampere | www.tampere.fi)
Quellen
- GeoSphere Austria: Informationsportal Klimawandel
- Stadt Wien: So schützt Wien vor großer Hitze - Presse-Service
- Stadt Wien: Anpassung an den Klimawandel - Smart Klima City Strategie Wien
- Stadt Wien: Raus aus dem Asphalt - Wien wird WOW!
- Stadt Innsbruck: Hitze in Innsbruck
- Klimadashboard: Innsbruck – Klimadaten (Stadt in Tirol)
- Stadt Graz: Was tut Graz - Klimaschutz Graz
- Stadt Graz: Hitzeaktionsplan für die Landeshauptstadt Graz
- Schwammstadt: das Schwammstadt-Prinzip für Bäume
- Österreich: Biodiversität in Österreich: Naturschutz und Artenvielfalt
- Wien Heute: Coole Zonen Wien 2026: gratis abkühlen nach Bezirk
- VCÖ - Mobilität mit Zukunft: Verstärkte Klimawandel-Anpassung in Städten nötig
- Tampere.fi: Relief from the heat: A map of cool spots and drinking water fountains
- Ministry of the Environment: Finland's national climate policy
Das Thema in der WZ
- Satellitendaten zeigen: So heiß wird dein Grätzl wirklich | WZ • Wiener Zeitung
- Coolcation: Fährt Österreich im Sommer in den Norden? | WZ • Wiener Zeitung
- Daten zeigen: Österreich trocknet aus | WZ • Wiener Zeitung
- Der Klimawandel schlägt zu. | WZ • Wiener Zeitung
- Warum die Stadt für viele Menschen unbewohnbar werden könnte | WZ • Wiener Zeitung
Das Thema in anderen Medien
- Standard: Wen trifft die Hitze am härtesten? Vier Betroffene berichten
- Tagesschau: Hessen: Darum trifft die Hitze ärmere Menschen härter
- Tauernwetter: Dreimal so viele Hitzetage: Neue Klimaportale für Kärnten
- Standard: Was die Hitze mit der Stadt macht
- Standard: In Wien wird es heißer und heißer: Warum die Sommer belastender werden
- ORF: Hitze in Wien: Diese Orte bieten Abkühlung
)
)