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Wie der Krieg Innovationen in Israel ausbremst 

6 Min
Eine Collage von Fotos, die sich um den Nahost-Krieg drehen.
Personal fehlt, die internationale Zusammenarbeit leidet: Der Krieg wirkt sich auch auf das israelische Innovationssystem aus.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Israel investiert so viel in Forschung und Entwicklung wie kaum ein anderes Land. Doch der Krieg macht Einschnitte in Wissenschaft und Innovation.


Die Hightech-Nation Israel mit ihrer dynamischen Gründerszene ist eine wichtige Partnerin für Europa. In vielen Bereichen, wie Künstlicher Intelligenz, Medizin oder Energie, forschen Wissenschaftler:innen auf Top-Niveau. Doch der anhaltende Krieg wirkt sich auch auf das israelische Innovationssystem und die internationale Zusammenarbeit aus. Andrea Frahm, Leiterin des Auslandsbüros der deutschen Helmholtz Gemeinschaft in Tel Aviv, über die neuen Herausforderungen für Wissenschaftsprojekte in der Krisenregion.

WZ I Eva Stanzl

Israel hat eine dynamische Gründerszene, ist eine internationale Hightech-Nation. Welche Spuren hinterlässt der Krieg in Gaza in Wissenschaft und Innovation? 

Andrea Frahm

Israel hat eine große Resilienz und eine pragmatische Herangehensweise. Man ist krisenerprobt, hat gelernt, sie zu meistern. Doch im Moment ist das Land, das Volk, traumatisiert. Man versucht, den Alltag irgendwie hinzubekommen, aber es ist schwierig: Die Angst ist spürbar, und das geben die Menschen in Israel auch zu. Viele Reservisten werden eingezogen und das hat Auswirkungen auch auf die Wissenschaft, denn diese Menschen fehlen in den Forschungsinstitutionen. Insbesondere kleinere Teams verlieren dadurch Kapazitäten für Einreichungen für große Förderanträge in Konsortien, wie etwa jenen des EU-Forschungsrahmenprogramms Horizon Europe. Es ist ein herausforderndes Jahr.

WZ I Eva Stanzl

Heißt das, dass das wissenschaftliche System beeinträchtigt ist?

Andrea Frahm

Genau. Viele bemühen sich, trotzdem alles hinzubekommen. Längerfristig kann der Personalmangel durch den Krieg das wissenschaftliche System in der Hightech-Nation Israel, wo der Transfer von Wissenschaft in die Wirtschaft dazugehört, allerdings beeinträchtigen. Viele Forschende müssen als Reservisten in die Armee und dadurch entstehen personelle Löcher. 

WZ I Eva Stanzl

Geht hier eine Generation an jungen Forschenden an den Krieg verloren?

Andrea Frahm

Das würde ich so nicht sagen. Zwar geht man nicht davon aus, dass der Krieg morgen vorbei ist, und es gibt durchaus das Problem des Braindrain, weil manche überlegen, das Land zu verlassen. Aber ich würde es trotzdem nicht so drastisch formulieren.

WZ I Eva Stanzl

Wie würden Sie es formulieren? 

Andrea Frahm

Es hängt davon ab, wie die nächsten Entwicklungen sind. Die Folgen für das israelische Innovationsökosystem sind heute noch nicht absehbar. Aber je länger der Krieg dauert und je länger es keinen Zukunftsplan gibt, desto größer ist die Gefahr stärkerer Auswirkungen auf die Wirtschaft. Der Hightech-Bereich verzeichnete im 4. Quartal 2023 ein Minus von 46 Prozent im Vergleich zum vierten Quartal 2022. Zwar klingt diese Zahl drastischer, als sie ist – Hightech-Firmen, sogenannte Einhörner, sind ja oft sehr hoch bewertet und fallen auch wieder tief –, aber trotzdem waren die Einbrüche im Herbst bereits ein Zusammenspiel aus Inflation und Krieg. Manche KI-Startups sind dabei, nach Deutschland zu ziehen. Sie behalten zwar ein Standbein in Israel, doch Absiedelung ist durchaus eine Entwicklung, die sich abzeichnet. Ich beobachte das seit dem Regierungswechsel Anfang 2023.

Wenn Israel in einem Bereich nicht spart, ist es bei der Förderung von Startups.Andrea Frahm
WZ I Eva Stanzl

Forschung wird in Israel stark vom Militär gefördert. Sinken Forschungsausgaben zugunsten der Kriegsfinanzierung?

Andrea Frahm

Die Ausgaben 2024 für Verteidigung wurden angeglichen. Wenn Israel allerdings in einem Bereich nicht spart, ist es bei der Förderung von Startups. Die Israel Innovation Authority hat bereits im Oktober ein Auffangprogramm für junge, wissenschaftliche Ausgründungen ins Leben gerufen.

WZ I Eva Stanzl

Wie groß ist derzeit die Bereitschaft ausländischer Unternehmen, in israelische Startups zu investieren?

Andrea Frahm

Viele Unternehmen sind vorsichtiger geworden. Man investiert immerhin in eine Konflikt-Region, Investoren reagieren zurückhaltend. Während in Friedenszeiten jede Woche eine Delegation mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik nach Israel gereist ist, um sich auszutauschen, zu lernen, zu vernetzen und nach Technologien zu scouten, fährt man im Moment „auf Sicht“ und verlegt Treffen mit israelischen Partnern auf Messen und Konferenzen außerhalb Israels. So gut es geht, läuft es.

WZ I Eva Stanzl

Die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren ist die größte deutsche Organisation zur Förderung und Finanzierung der Forschung und mit rund 45.000 Mitarbeitern und einem Budget von über 5,9 Milliarden Euro eine der größten wissenschaftlichen Forschungsorganisationen der Welt. Welche Aktivitäten betreiben Sie in Israel?

Andrea Frahm

Ein Hauptgrund für die Eröffnung des Helmholtz-Büros in Israel war die Vernetzung mit dem gesamten Innovationsökosystem und die Bemühung, unsere Forscherinnen und Forscher zu bestärken, auszugründen und ihre Forschung zu kommerzialisieren. Israel ist, was das betrifft, ein gutes Vorbild und bietet viel Knowhow. Wir verstehen uns als Service-Provider für unsere 18 Helmholtz-Forschungszentren, um Kontakte zu Israel herzustellen mit einem starken Fokus auf Innovation. Unsere Vernetzungsformate sind Schwerpunkt-Konferenzen für Technologietransfer und sogenannte Entrepreneurship Education Workshops, bei denen wir gründungsaffine Forschende mit israelischen Wissenschaftlern, Gründern und Venture-Capital-Partnern zusammenbringen.

Die Wunden sind auf beiden Seiten zu frisch. Wissenschaftsdiplomatie tut sich vorerst schwer.Andrea Frahm
WZ I Eva Stanzl

Welche Einschnitte erleben Sie in Ihrer Arbeit durch den Krieg?

Andrea Frahm

Unsere Arbeit geht weiter, und wir sind bemüht, unsere israelischen Partner zu unterstützen. Solang der Krieg andauert und eine Reisewarnung besteht, können wir keine Events in der gewohnten Form in Israel abhalten, und auch Israel plant Konferenzen in der gewohnten Form nicht vor dem Sommer. Vielleicht wird der Sommer eher eine Zeit, in der Delegationen beginnen, wieder nach Israel zu reisen, und man Kooperationen dann verstärkt wieder anschieben kann.

WZ I Eva Stanzl

Auch Forschungsinstitutionen in der Region nehmen klare Haltungen ein: Sowohl die israelische als auch die palästinensische Akademie der Wissenschaften artikulieren ihre politische Position in offenen Briefen, ebenso wie das Weizmann-Institut. Haben sich die Positionen weiter verschärft?

Andrea Frahm

Die Wunden sind auf beiden Seiten zu frisch. Wissenschaftsdiplomatie tut sich vorerst schwer. Normalerweise ist es ja gerade die Wissenschaft, die Menschen zusammenbringt, um gemeinsam zu forschen ohne politische Agenda. Aber auch, wenn es zurzeit schwerfällt: Ich glaube weiterhin fest an die Kraft der Wissenschafts- und Innovationsdiplomatie und hoffe sehr, dass unsere wissenschaftlichen Projekte mit Israel und angrenzenden arabischen Ländern weiterhin ihren Beitrag dazu leisten werden.