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Wie die EU Wälder und Moore schützen will

8 Min
Intakte Ökosysteme sind wichtige Helfer im Kampf gegen den Klimawandel.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Die Menge an Kohlendioxid in der Atmosphäre wird immer größer. Die EU stemmt sich dagegen, die Mitgliedsstaaten bremsen.


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen

Durch die dichten Kronen der mächtigen, alten Bäume dringt kaum Sonnenlicht zum Waldboden. Umgestürzte Stämme sind dicht mit Moos, Flechten und Pilzen bewachsen. Vögel zwitschern, irgendwo raschelt es im Unterholz. Sonst herrscht Ruhe, keine Motorsägen, keine menschlichen Stimmen, nichts. Diese magische Idylle ist nicht irgendein Wald, sondern der letzte große Urwald des Alpenbogens: der 400 Hektar große Rothwald. In diesem Urwald, der im Bergmassiv des Dürrenstein im niederösterreichischen Bezirk Scheibbs liegt und seit 2003 von der Weltnaturschutzunion IUCN als Wildnisgebiet der Kategorie 1 anerkannt ist, können die Bäume ihr natürliches Maximalalter erreichen: Fichten und Tannen werden bis 600 Jahre, Buchen bis 450 Jahre alt. Es gibt sogar einzelne „Greise“: Manche Eiben und Tannen sind um die 1.000 Jahre alt.

Wie wichtig der Erhalt der natürlichen Ökosysteme ist, rückte erstmals bei der UN-Klimakonferenz 2007 in Bali in den Fokus. Dass Wälder, Moore und Co entweder enorme Mengen an Kohlenstoff binden oder aufgrund fortschreitender Zerstörung CO2 als klimaschädliches Treibhausgas in die Atmosphäre abgeben, brachte die Erkenntnis, dass ein dauerhafter Schutz intakter Ökosysteme beziehungsweise deren Wiederherstellung ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz, zur Verringerung klimaschädlicher Emissionen, aber auch zum Erhalt der biologischen Vielfalt sind.

In der Europäischen Union (EU) versucht man mit dem EU-Renaturierungsgesetz (Nature Restoration Law, NRL) die dafür notwendigen Prozesse in Gang zu bringen. Das Gesetz stellt eine zentrale Säule der Biodiversitätsstrategie der EU dar und ist das Kernstück des EU Green Deal.

Der ursprüngliche Text wollte die Mitgliedsländer verpflichten, bis 2030 Maßnahmen zur Wiederherstellung der Natur auf jeweils mindestens 20 Prozent der Land- und der Meeresfläche der EU umzusetzen, 60 Prozent sollten es bis 2040 und 90 Prozent bis 2050 sein. Die ursprünglich strengen Vorgaben wurden allerdings nach Protesten abgeschwächt, so müssen etwa Landwirt:innen nun keinen bestimmten Prozentsatz ihres Landes für umweltfreundliche Maßnahmen zur Verfügung stellen. Auch die vorgeschlagenen Ziele zur Wiederherstellung von Mooren wurden nach dem Widerstand einiger Länder abgeschwächt.

Die neue Version muss noch von den EU-Staaten und dem Europaparlament beschlossen werden. Zur Abstimmung gestellt wird das NRL heuer im Februar, die endgültige Zustimmung erfolgt durch den Europäischen Rat voraussichtlich im März. Eine Ablehnung scheint nach derzeitigem Wissensstand unwahrscheinlich, denn die Funktion der Ökosysteme Wald, Moor, Grünland, Seegraswiese und Mangrovenwald als Kohlenstoffspeicher ist unverzichtbar und lebensnotwendig.

Jeder Wald speichert CO2

Sämtliche Wälder der Erde – von den borealen Nadelwäldern auf der Nordhalbkugel von Kanada über Skandinavien bis nach Russland, bis zu den tropischen und subtropischen Regenwäldern in Mittel- und Südamerika sowie Zentralafrika und Südasien oder den Mischwäldern der gemäßigten Zonen wie in Mitteleuropa – sind bedeutende Kohlenstoffsenken. Sie alle nehmen CO2 aus der Luft auf, wandeln es mittels Photosynthese um und speichern den verbliebenen Kohlenstoff in ihrer Biomasse wie Blättern, Nadeln, Holz oder Wurzeln. Der Großteil wird jedoch im Boden als Humus gebunden – nur rund 30 Prozent bleiben langfristig im oberirdischen Baumbestand.

Wie viel CO2 ein Baum innerhalb seines Lebens aufnehmen kann, hängt unter anderem von der Baumart, der Holzdichte, der Blattmasse oder der Schnelligkeit seines Wachstums ab. Aber auch die Bodenqualität, die Wasserversorgung oder das Klima sind Einflussfaktoren. Werden Bäume geschlägert und aus dem Wald entfernt, wird der Kohlenstoff aus dem Boden freigesetzt. Durch die Verbindung mit Sauerstoff wird er wieder zu Kohlendioxid und gelangt in die Atmosphäre.

In Österreich sind von den rund vier Millionen Hektar Wald nur drei Prozent Urwald wie der Rothwald. Er darf nicht bewirtschaftet werden, Menschen dürfen diese Wildnis nur im Rahmen von Führungen betreten. Doch es sind nicht nur die Ursprünglichkeit und die Unberührtheit dieses Waldes, die ihn so besonders machen – die alten Bäume mit ihren dicken Stämmen und dichtem Laub filtern Unmengen an Kohlendioxid aus der Luft, verwandeln es mittels Photosynthese in Glucose und Sauerstoff und speichern den verbleibenden Kohlenstoff im Holz, in den Wurzeln und im Boden. Alte Wälder wie der Rothwald sind also wichtige und große Kohlenstoffsenken.

Mehr als 90 Prozent der heimischen Wälder sind Wirtschaftswälder. Das Kohlenstoff-Speichervolumen ist also ausbaubar. Wichtig ist daher, die forstliche Bewirtschaftung grundsätzlich zu überdenken. Auch zu Möbeln, Fußböden oder Häusern verarbeitetes Holz speichert CO2, daher sollte die langfristige Nutzung im Vordergrund stehen. Lediglich Holzreste sollten als Biomasse-Brennmaterial genutzt werden, um CO2-Emissionen aus Holz möglichst gering zu halten.

Eine Collage bestehend aus den Baumkronen eines Waldes und Fabrikschloten.
Um die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen als Kohlenstoffspeicher zu erhalten, müssen wir sie schützen.
© Collage: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Mächtige CO2-Speicher: Moore

Auch intakte Moore lagern große Mengen an Kohlenstoff, doch in Österreich gibt es nur mehr wenige. Die meisten befinden sich in Vorarlberg, Salzburg und Tirol. 90 Prozent der ursprünglichen Moore in Österreich sind bereits zerstört. Es gibt aber Bemühungen, entwässerte Moore wieder zu vernässen. Dass das gelingen kann, beweist das Hochmoor in Schrems im Waldviertel (Niederösterreich). Das Schremser Hochmoor ist seit dem Jahr 2000 Naturschutzgebiet und kann sich seit dieser Zeit erfolgreich regenerieren.

Moore unterscheiden sich von allen anderen Ökosystemen auf der Erde: Sie sind Lebensräume mit positiver Stoffbilanz, das heißt, es bildet sich mehr organische Substanz durch die Photosynthese der Pflanzen, als zersetzt und verbraucht wird. Beinahe die Hälfte des als Kohlendioxid in der Atmosphäre vorhandenen Kohlenstoffs ist in ihnen gebunden: Obwohl Moore nur drei Prozent der terrestrischen Erdoberfläche bedecken, binden sie rund 600 Milliarden Tonnen CO2. Das ist doppelt so viel wie in sämtlichen Wäldern, die 27 Prozent der Landoberfläche bedecken. Gespeichert ist es in Torfschichten, die viele Meter dick sein können. Werden Moore jedoch trockengelegt, können sie keinen Torf mehr bilden. Zusätzlich wird durch das Eindringen von Sauerstoff in den Boden der bestehende Torf zersetzt, aus dem dabei freiwerdenden Kohlenstoff entstehen CO₂ und Lachgas (N₂O), ebenfalls ein Treibhausgas. Entwässerte Moore sind für etwa vier Prozent aller weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich; die meisten stammen aus Indonesien, der EU und Russland.

Entwässerte Moore sofort wieder vollständig zu vernässen und so den Torfbildungszyklus und die CO2-Speicherung in Gang zu setzen, ist also eine klimawirksame Maßnahme.

Saftiges Grün und karges Braun – beides ist wertvoll

Egal ob Wiese, Steppe, Savanne oder Tundra – Grünland oder Grasland speichert etwa 34 Prozent des terrestrischen Kohlenstoffs, wobei etwa 90 Prozent davon unterirdisch als Wurzelbiomasse und organischer Bodenkohlenstoff gebunden werden. Doch trotz dieser Leistung und seines Vorkommens auf fast allen Kontinenten spielt Grünland im Vergleich zu anderen Ökosystemen in den Diskussionen um Natur- und Klimaschutz sowie Ökologie nur eine untergeordnete Rolle. Das zeigt sich auch an der ständigen Umwandlung von Grasland in Ackerflächen, der Umwidmung in Bauland und der Versiegelung für Straßen, Parkplätze oder Industriegebiete. Durch den Verlust seiner natürlichen Funktionalität und der Artenvielfalt nimmt auch die Kohlenstoffspeicherung stark ab.

Grünland und Graslandschaften gelten heute als stark gefährdete Ökosysteme. Ein Erhalt der noch bestehenden Flächen sowie die Renaturierung, also das Rückführen von bewirtschafteten Flächen (wie Äcker) in unbewirtschaftetes Grün- oder Grasland, sind daher im Sinn von Klimaschutz dringend notwendig.

Mangroven – das ungewöhnlichste Ökosystem

Mangrovenwälder fallen zwar nicht in den Bereich des EU-Renaturierungsgesetzes, da sie in den EU-Mitgliedsstaaten nicht vorkommen, doch da sie wichtige Kohlenstoffsenken sind, sollen sie hier nicht unerwähnt bleiben.

Ihr optisches Hauptmerkmal sind ihre langen, stelzenartigen Wurzeln, mit denen sie sich in sauerstoffarmem und losem Sediment verankern. Ihre außergewöhnlichste Eigenschaft ist aber ihre Salzwasserverträglichkeit – Mangroven wachsen im warmen Brackwasser, also dort, wo sich Süß- und Salzwasser mischen, etwa an Flussmündungen an tropischen Meeresküsten.

Auch Mangrovenbäume entziehen der Luft CO2, betreiben Photosynthese und speichern Kohlenstoff in ihren Blättern, Ästen und Wurzeln und ihrem Stamm. Die eingeschwemmten Reste von Pflanzen und Tieren, deren Körper Kohlenstoff als organisches Material enthalten, binden Mangroven im sauerstoffarmen und salzhaltigen Sediment sogar über Jahrhunderte, da der Abbau des organischen Materials unter diesen Bedingungen nur sehr langsam abläuft. Mangroven-Ökosysteme sind also ebenfalls große Kohlenstoffspeicher.

Doch die Mangrovenwälder schwinden: Sie werden abgeholzt und als Brennstoff oder zum Bauen verwendet; sie werden trockengelegt, um Siedlungen zu bauen; sie werden in Aquakulturen vor allem für Garnelen umgewandelt; sie sterben aufgrund von Verschmutzung und Verseuchung mit Chemikalien aus Abwässern und Düngung. Damit gelangt Kohlenstoff wieder als CO2 in die Atmosphäre und aus der Kohlenstoffsenke wird ein CO2-Emittent.

Länder wie etwa Indien, Thailand oder Vietnam versuchen zwar, die Mangrovenwälder zumindest teilweise wieder aufzuforsten, doch die Bemühungen sind bisher selten von Erfolg gekrönt. Nur weltweite Anstrengungen, die Mangrovenwälder besser zu schützen und zerstörte Flächen wieder herzustellen, können helfen, diesen besonderen Lebensraum zu erhalten.

Wiesen unter Wasser

Vor den Küsten fast aller Kontinente (außer der Antarktis) findet man in ein bis zehn Metern Tiefe Seegraswiesen. Dieses besondere Unterwasser-Ökosystem verarbeitet – so wie Pflanzen an Land − CO2 durch Photosynthese. In den Seegraswiesen sammeln sich außerdem lebendes oder totes Phytoplankton, Algen oder die Reste toter Tiere, die alle Kohlenstoff enthalten. Sämtliche Überreste landen letztendlich im Sediment und der Kohlenstoff wird im Boden gespeichert. Das dichte Wurzelwerk der Seegraswiesen verdichtet den Meeresboden, der bereits in wenigen Zentimetern Tiefe fast sauerstofffrei ist. Daher können Mikroben den organischen Kohlenstoff, der sonst CO2 produzieren würde, nur sehr langsam zersetzen.

Der Schutz bestehender und das Anpflanzen neuer Seegraswiesen ist daher ein wichtiger Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels. Staaten wie Italien oder Spanien, aber auch Deutschland versuchen seit einigen Jahren, im Mittelmeer oder in der Nordsee den Bestand an Seegraswiesen zu vergrößern.

Die Welt wild sein lassen

Die Eingriffe des Menschen in die Natur haben immer stärkere negative Auswirkungen, vor allem auf das Klima und damit auf Artenvielfalt, Biodiversität und das Überleben von Menschen, Tieren und Pflanzen. Unberührte – oder zumindest weitgehend unberührte – Natur dagegen ist das beste Beispiel, wie natürliche Kreisläufe funktionieren und die Balance wahren helfen. So wie der letzte Urwald in Österreich, der wilde Rothwald.


Infos und Quellen

Genese

Im Zug der Verhandlungen um das EU-Renaturierungsgesetz stieß WZ-Redakteurin Christina Mondolfo immer wieder auf Berichte über natürliche Kohlenstoffsenken. Besonders Naturschutzorganisationen sprachen und sprechen sich immer wieder dafür aus, Wälder, Moore oder Seegraswiesen, aber auch Grasland und Mangrovenwälder zu schützen, anstatt in teure, energieaufwendige technische Verfahren wie Carbon capture and storage (CCS) zu investieren. Sie wollte daher mehr über diese Ökosysteme und ihre Funktionen im Kohlenstoffkreislauf wissen.

Daten und Fakten

  • Kohlendioxid, auch Kohlenstoffdioxid (CO2), ist eine chemische Verbindung aus einem Kohlenstoff- und zwei Sauerstoffatomen. Das Gas ist geruch- und farblos, nicht brennbar, in Wasser löslich und ungiftig. Es ist neben Stickstoff, Sauerstoff und Edelgasen ein Bestandteil der Luft und ein Treibhausgas. CO2 ist ein natürlicher Bestandteil organischen Lebens. Es entsteht bei der Atmung der meisten Tiere und wird bei der Energiegewinnung von Pflanzen durch Photosynthese benötigt. Außerdem verteilt sich das Treibhausgas in der Atmosphäre und reflektiert einen Teil der von der Erde abgestrahlten Wärme. Gemeinsam mit der Sonneneinstrahlung herrschen dadurch auf unserem Planeten Temperaturen, die Leben überhaupt erst möglich machen. Die negative Seite: Mittlerweile befindet sich CO2 im Übermaß in der Atmosphäre, es wird zu viel Wärme reflektiert beziehungsweise es kann zu wenig Wärme ins All entweichen - und auf der Erde wird es immer heißer. Und hat sich CO2 einmal in der Atmosphäre angereichert, baut es sich im Gegensatz zu anderen Stoffen nicht selbst ab.
    Dieses Zuviel an CO2 in der Atmosphäre liegt vor allem an der ungebremsten Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas. Dass Leben auf der Erde möglich ist, verdanken wir Ökosystemen wie Wäldern, Mooren, Grünland, Seegraswiesen oder Mangroven. Sie sind seit Jahrmillionen Teil des sogenannten Kohlenstoffkreislaufs: Dabei filtern Grünpflanzen CO2 aus der Luft und verarbeiten mit Hilfe von Sonnenlicht Kohlenstoffdioxid zu Glucose (der wichtigste Einfachzucker im Kohlenhydratstoffwechsel und notwendig für den Energiehaushalt) und Sauerstoff. Der Sauerstoff wird an die Umgebung abgegeben, übrig bleibt der Kohlenstoff. Deshalb nennt man diese Ökosystem auch natürliche Kohlenstoffdioxidspeicher oder „Kohlenstoffsenken“.
    Diesen Vorgang bezeichnet die Wissenschaft als „biologische Sequestrierung“, die natürliche Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid aus der Luft. (Im Gegensatz zu CCS, also Carbon capture and storage, das ein technisches, energieaufwendiges Verfahren zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid ist.)

  • Kohlenstoff ist ein chemisches Element mit dem Symbol C. Es kommt in der Natur sowohl in reiner Form, etwa als Diamant oder Grafit, vor, aber auch chemisch gebunden, etwa als Kohlendioxid, Erdöl oder Kohle. Kohlenstoff kann die meisten chemischen Verbindungen aller Elemente eingehen; er ist daher die Grundlage des Lebens auf der Erde.

  • Mit dem EU Green Deal soll der Übergang zu einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft geschaffen werden: Bis zum Jahr 2050 soll das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung entkoppelt sein und Nettoemissionen von Treibhausgasen der Vergangenheit angehören. Enthalten sind auch der Schutz, der Erhalt und die Verbesserung des europäischen Naturkapitals sowie Gesundheit und Wohlbefinden der Bürger:innen inklusive Schutz vor umwelt- und klimabedingten Risiken und deren Auswirkungen.

Quellen

Das Thema in der WZ

Hilft uns CO2-Speicherung in der Erde, das Klima zu retten?

Das Thema in anderen Medien

Taz.de: Schwaches EU-Renaturierungsgesetz: Zu wenig, zu spät