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Wie die Wiener Zeitung zum Ständestaat-Propagandablatt wurde

7 Min
Eine Collage bestehend aus einem Bild von Dollfuss während der Trabrennplatz-Rede und einer alten Ausgabe der Wiener Zeitung vom 11. Februar 1934.
Kanzler Engelbert Dollfuß persönlich tauschte 1933 den Chefredakteur der Wiener Zeitung aus.
© Illustration: WZ

Die Schlagzeilen zum Bürgerkrieg 1934 machen die Vereinnahmung als politisches Kampforgan des Austrofaschismus deutlich.


„Regierung – Herrin der Lage“ titelte die Wiener Zeitung in ihrer Sonderausgabe vom 12. Februar 1934. Der Bürgerkrieg war nach wenigen Tagen zu Ende, die Sozialdemokratie niedergeschlagen. Schon ein kurzer Blick in die Zeitungausgaben der damaligen Zeit genügt, um festzustellen, auf welcher Seite die Wiener Zeitung als Blatt der Republik stand. Als Organ der Regierung blieb ihr 1934 gar nichts anderes übrig, als mit den Wölfen zu heulen und den Schwenk von einer weitestgehend liberalen Zeitung zum Sprachrohr des Austrofaschismus zu vollziehen. Die Wiener Zeitung sollte der autoritären Regierung unter Kanzler Engelbert Dollfuß als politisches Kampforgan dienen und deren Propaganda unters Volk bringen.

Dollfuß ersetzte den Chefredakteur

Dazu war bereits ein knappes Jahr davor, am 11. April 1933, der damalige Chefredakteur Rudolf Holzer (seit 1924 im Amt) abgesetzt worden. Die Begründung: Als ausgewiesener Kulturjournalist, Dichter und Literat sei er wohl wenig erpicht darauf, die zukünftig stärker politisch ausgerichtete Zeitung zu führen. Dollfuß persönlich zitierte ihn zu sich, um ihm dies mitzuteilen. Der wahre Grund war wohl eher Holzers politische Einstellung: Er war völkisch orientiert, also dem Lager der von Dollfuß bekämpften Nationalsozialisten zuzuordnen.

Ein Ausschnitt aus einer Archivausgabe der Wiener Zeitung aus 1934.
„Regierung – Herrin der Lage“ titelte die Wiener Zeitung bereits am 12. Februar 1934.
© Quelle: Wiener Zeitung

Holzer wurde durch den regimetreuen Politjournalisten Ferdinand Reiter ersetzt, dem einige Zeit lang Pankraz Kruckenhauser – zugleich Generalsekretär des neu geschaffenen Österreichischen Heimatdienstes, eines Propagandaorgans der Vaterländischen Front – als Generaldirektor zur Seite gestellt wurde. Parallel dazu sorgten 1933 und 1934 zahlreiche Verordnungen für das Ende unliebsamer Medien insbesondere der politischen Gegner und eine De-facto-Zensur der Presse in Österreich.

Die Gesinnung dem neuen System geopfert

Wie das alles abgelaufen ist und in welcher Form die Wiener Zeitung über die Geschehnisse im Februar 1934 berichtete, haben fünf Publizistikstudent:innen an der Universität Wien in ihren Bakkalaureatsarbeiten ausführlich beleuchtet. Entstanden sind diese, ebenso wie zwei Dutzend weitere wissenschaftliche Arbeiten zur Geschichte der Wiener Zeitung, im Jahr 2013, betreut von Professor Fritz Hausjell. Die Autor:innen dieser fünf Arbeiten kommen zu dem Schluss, dass sowohl Reiter als auch Kruckenhauser wohl demokratisch eingestellt gewesen sein dürften, ihre Gesinnung aber dem neuen System opferten. Und dass die späteren Schilderungen der Ereignisse in der Festschrift „250 Jahre Wiener Zeitung“ (1953) auch durch Holzer selbst vermutlich zum Teil beschönigend waren.

Ein Ausschnitt aus einer Archivausgabe der Wiener Zeitung aus 1934.
Von einer „geschlossenen Front“ in der Bevölkerung gegen die Sozialdemokratie schrieb die Wiener Zeitung einen Tag vor dem Ausbruch der Februarkämpfe.
© Quelle: Wiener Zeitung

Mit dem personellen Umbau ging auch eine Umgestaltung der Tageszeitung einher, deren journalistische Bedeutung durch die restriktive Pressepolitik der Regierung zu diesem Zeitpunkt kaum der Rede wert war. Der spätere Chefredakteur Franz Stamprech nannte die Wiener Zeitung der frühen 1930er-Jahre in seinem Buch „Die älteste Tageszeitung der Welt“ (1975) im Rückblick „blutarm“, wenngleich sie wirtschaftlich aufgrund vieler Druckaufträge gut dastand. Leser:innen hatte sie damals allerdings kaum. Unter dem neuen Chefredakteur Reiter wurde die Redaktion personell ausgebaut, ebenso stieg die Zahl der Ausgaben. Inhaltlich fungierte die Wiener Zeitung nun als Sprachrohr des Heimatdienstes und seiner Propaganda. Der bis dahin dominierende amtliche Teil rückte nach hinten, aktuelle Nachrichten standen im Vordergrund, inklusive Kommentare, Leitartikel und Kampfartikel gegen den Nationalsozialismus – publizistische Elemente, die die Redaktion zuvor abgelehnt hatte.

Ein „politisches Heerlager“

Wohin die Reise gehen sollte, offenbarte Kruckenhauser bereits 1933 in der 230-Jahre-Festschrift: „Oft wechselte die ‚Wiener Zeitung‘ ihr äußeres Bild, oft ihre Form und oft ihren Stil, aber in jedem Gewand diente sie dem Staat, diente sie Österreich.“ In einer „für Volk und Staat entscheidungsschweren Kampfzeit“ dürfe sie nicht „in diesem schicksalhaften Ringen als stille, temperamentslos unbeteiligte Zuschauerin in der Etappe stehen“, sondern habe „als Organ der Bundesregierung die ganz zweifellose Funktion, die Meinungen und die Maßnahmen der Bundesregierung zu vertreten“. In dieselbe Kerbe schlug Reiter: „Man muß [...] mit den Wölfen heulen, man muß Propaganda machen, muß kämpfen und werben mit zündender Begeisterung. Wenn aus den großen Kalibern der Lüge geschossen wird, dann muß auch die Wahrheit aus großen Kalibern donnern.“ Noch in der 250-Jahre-Festschrift – also 1953, nach dem Ende von Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg – nannte Reiter den 21. Mai 1933 den „ersten großen Tag der Wiener Zeitung“. Damals hatte sie getitelt: „Hinein in die Vaterländische Front!“ Und: „Wacht auf: Es nahet gen den Tag! – Ausblick in das zweite Regierungsjahr Dr. Dollfuß“. Die Redaktion dieser Zeit nannte Reiter ein „politisches Heerlager“, in dem „hunderte von Menschen kamen und gingen vom frühen Morgen bis zur späten Abendstunde“.

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Dieses „politische Heerlager“, das de facto aus einem Dutzend Redakteur:innen bestand, wie die studentischen Recherchen zeigen, gab auch Mitte Februar 1934 ausführlich die Standpunkte von Dollfuß und seiner Regierung wieder. So hieß es am 10. Februar, kurz vor dem Ausbruch der Kämpfe zwischen Republikanischem Schutzbund und Heimwehr, auf der Titelseite, dass „die Front fest geschlossen“ sei und sich „die vaterlandstreue Bevölkerung […] mit größter Entschiedenheit“ zu deren Programm bekannt habe. Und weiter hinten ließ man den Sozialdemokraten Karl Renner die Notwendigkeit des angestrebten Ständestaats betonen, wenn auch etwas verklausuliert.

Klare Schlagseite zugunsten der Regierungstruppen

In der Sonderausgabe am Abend des 12. Februar 1934 war unter anderem von „planmäßigen verbrecherischen Anschlägen bolschewikischer Elemente“ und von „verbrecherischen Hetzern“ die Rede, wie überhaupt die aufständische Sozialdemokratie als Staatsfeind dargestellt wurde. Bezeichnend ist auch, dass die Wiener Zeitung bereits am 16. Februar zu Spenden für „die Hinterbliebenen der Gefallenen“ auf Seiten von Exekutive und Heimwehr aufrief und deren rund hundert Tote wesentlich stärker hervorstrich als die doppelt so vielen Toten in der Zivilbevölkerung und aufseiten des Schutzbundes.

Ein Ausschnitt aus einer Archivausgabe der Wiener Zeitung aus 1934.
„Spendet für die Hinterbliebenen der Gefallenen“ – freilich nur auf Seiten der Regierungstruppen –, wurde die Bevölkerung im Februar 1934 in der Wiener Zeitung aufgerufen.
© Quelle: Wiener Zeitung

Dafür wurde intensiv über die standrechtlichen Todesurteile gegen die Aufständischen berichtet, während das Bundesheer als „Rückgrat der Staatsautorität“ hoch gelobt wurde, das sich „in Bezug auf Verlässlichkeit, Hingebung und patriotische Haltung […] außerordentlich bewährt“ habe, und das gegen einen „heimtückischen Feind“, insbesondere in den „festungsartig gebauten Zinskasernen der Gemeinde Wien“. Die Wiener Zeitung betonte die Disziplin der Truppen: „Kein einziger Akt von Rache ist zu verzeichnen. Frauen und Kinder wurden von den Soldaten in Sicherheit gebracht.“

Ein Ausschnitt aus einer Archivausgabe der Wiener Zeitung aus 1934.
Der Bundespräsident dankte persönlich den Soldaten für ihren Kampfeinsatz gegen die aufständischen Sozialdemokraten.
© Quelle: Wiener Zeitung

Auch der christlichsoziale Bundespräsident Wilhelm Miklas richtete auf Seite 1 der Wiener Zeitung am 17. Februar den Soldaten seinen Dank aus für „das opferfreudige und mutige Eingreifen“ gegen „tausende von Mitgliedern verbotener militanter Organisationen“, die „in kriegsmäßiger Ausrüstung zum Kampf gegen die staatliche Ordnung aufgeboten worden seien und „die Waffen gegen die eigenen Mitbürger erhoben“ hätten, um „planmäßig und gewaltsam“ einen Umsturz herbeizuführen. Aber: „Der festen Haltung und unbeugsamen Entschlossenheit der Bundesregierung und ihrer braven Exekutive ist es zu danken, dass der aufgezwungene Kampf mit dem Siege der gesetzlichen Gewalten endete.“

Von den Nationalsozialisten eingestellt

Die Wiener Zeitung sollte noch vier weitere Jahre als Kampforgan des Austrofaschismus dienen, bis die Nationalsozialisten 1938 Chefredakteur Reiter absetzten und das Blatt noch bis Februar 1939 für ihre antisemitischen Zwecke nutzten, ehe ein Jahr später auch der amtliche Teil gestrichen wurde (1945 wurde bei der Wiedererstehung der Wiener Zeitung erneut Reiter als Chefredakteur eingesetzt). Während Reiter sogar von der Gestapo verhaftet wurde, konnte sich Kruckenhauser, der bereits 1934 wieder aus dem Amt entfernt worden war, nach der Machtergreifung der Nazis als Hauptschriftleiter bei der Grenzmark-Zeitung etablieren. Auch für Holzer gab es 1945 ein Comeback bei der Wiener Zeitung, zudem wurde er Präsident des Presseclubs Concordia, im Jahr darauf Feuilletonleiter der Presse und 1948 Professor am Institut für Zeitungswissenschaft der Universität Wien.

Glaubt man Stamprechs Buch, so stürmten die Nazis in der Nacht auf 12. März 1938 etliche Redaktionen in Österreich – mit Ausnahme jener der Wiener Zeitung. Dafür war der Zugriff durch die NS-Behörden in dem knappen Jahr, das die Wiener Zeitung noch existierte, wesentlich stärker als unter den Austrofaschisten.

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Was die Wiener Zeitung sonst noch alles an Propaganda zu den Februarkämpfen 1934 schrieb und wie ihre Rolle historisch einzuordnen ist, damit befassen sich auch Petra Tempfer und Bernd Vasari im aktuellen WZ-Podcast.