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Wie ein jüdischer Tschetschene gegen Russland kämpft

8 Min
Arkadij in voller Montur: „Du bist verrückt", sagt seine Frau. „Das ist die richtige Diagnose."
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Stefan Schocher.

Was treibt einen über 60-jährigen tschetschenisch-jüdischen Ukrainer an, als Soldat zu dienen? Für den Militärdienst ist Arkadij zu alt – dennoch kämpft er heute in einem tschetschenischen Bataillon gegen Russland.


    • Arkadij, ein jüdischer Tschetschene, kämpft trotz seines Alters als Koordinator im Sheikh Mansur Bataillon gegen Russland in der Ukraine.
    • Er sieht Parallelen zwischen Russlands Vorgehen in Tschetschenien und der Ukraine, insbesondere bei Gewalt und Repressionen gegen Zivilisten.
    • Das Sheikh Mansur Bataillon besteht überwiegend aus Tschetschenen, agiert freiwillig und untersteht dem ukrainischen Militärnachrichtendienst.
    • Arkadij ist über 60, kämpft seit 2022 als Soldat in der Ukraine.
    • Das Bataillon besteht überwiegend aus Tschetschenen.
    • Arkadij war zuvor in der Lebensmittelproduktion tätig und leistete Wehrdienst in der Roten Armee.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Wenn Arkadij an den Februar 2022 zurückdenkt, dann steht ihm ein gewisses Staunen ins Gesicht geschrieben. Der bullige Mann mit der Glatze erzählt, wie er und seine Kameraden damals herausgefunden haben, wie man Molotow-Cocktails baut; welche Flaschen man dafür am besten verwendet und welche besser nicht. Wie sie mit ihren Jagdgewehren Wache gehalten haben; wie er beim Rekrutierungsbüro der ukrainischen Armee abgeblitzt ist.

Vier Jahre ist das her. Er war damals bereits über 60, in der Lebensmittelproduktion tätig, Ehemann, Vater, Großvater mit Aussicht auf Ruhestand. Mit militärischen Angelegenheiten hatte er nie zu tun gehabt – den verpflichtenden zweijährigen Dienst in der Roten Armee ausgenommen, als er 18 war. Und bis zuletzt hatte er auch nicht gedacht, dass es Krieg geben würde. Aber dann kam Russland mit Panzern, Raketenwerfern, Geheimpolizei. Und heute ist Arkadij Soldat. Trotz seines Alters. Und trotz des Umstandes, dass ihn die Armee abblitzen hat lassen.


Arkadij ist Tschetschene, Jude, Ukrainer. Vor allem aber Ukrainer, wie er sagt. Sein ganzes Leben hat er in der Ukraine verbracht. Nur die Sommer seiner Kindheit nicht. Die riechen für ihn nach dem Kaukasus. Nach den Bergen im Süden und der Steppe im Norden, nach der Stadt am Ende der Steppe und am Anfang der Berge: „Grozny, die Hauptstadt Ichkerias“, wie Arkadij sagt. Sie riechen nach Familie, nach Verwandten – und aus der Ferne betrachtet nach Tod. Denn das sind Menschen, die allesamt nicht mehr am Leben sind. Entweder sie sind verstorben, oder sie wurden in den Kriegen getötet. Den Kriegen Russlands.

Zum Anführer gemacht

Als Russland Ende Februar 2022 dazu überging, nicht mehr verdeckt, sondern ganz offen gegen die Ukraine Krieg zu führen, da habe er etwas verstanden, sagt Arkadij: „An diesem Tag habe ich verstanden, dass sich ein Ertrinkender nur selbst retten kann.“
Er hat sein Heimatdorf mobilisiert, ein paar Männer zusammengetrommelt, die Jagdgewehre hatten. Dann haben sich andere Dörfer angeschlossen. Schließlich hatten sie an die 100 Mann beisammen. Und weil er der Älteste war, haben sie Arkadij zum Chef gemacht. Sie haben Schützengräben und Stellungen ausgehoben, Molotow-Cocktails gebaut, Wache gehalten, gewartet. Auf die Panzerkolonnen der Russen, auf ihre Sabotagetrupps. Winter war es, kalt war es. Und seine Frau, die habe gesagt: „Du bist verrückt. Das ist die richtige Diagnose.“

Aber, so sagt er: Wenn das kleine Ichkeria mit gerade einmal einer Million Einwohner:innen die Russen im ersten Tschetschenien-Krieg besiegen konnte, wieso sollte das die Ukraine nicht auch schaffen? „Sie haben gesiegt, weil sie Kampfgeist hatten“, sagt Arkadij. „Sie hatten eine starke Motivation – eine Motivation, wie wir sie jetzt auch haben.“

Vier Jahre später ist Arkadij Koordinator im Sheikh Mansur Bataillon, einer Freiwilligeneinheit, benannt nach dem tschetschenischen Unabhängigkeitskämpfer und religiösen Führer aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Zu alt für die Armee

Seit 46 Jahren ist Arkadij mit seiner Frau verheiratet. Er nennt das scherzhaft „eine Art Test der Zeit“. Zusammen haben sie eine Tochter. Und die hat zwei Kinder. Der Plan Russlands sei es, Ukrainer:innen zu töten, friedliche Menschen, Menschen wie seine Frau, seine Tochter, seine Enkelkinder. Wladimir Putin, so sagt Arkadij, sei ein „Menschenfresser“. Und der zweite Tschetschenien-Krieg beweise sehr gut, was eine Unterschrift Russlands unter einem Vertrag wert sei: nichts.
Allen Unterschieden in der Dimension dieser Kriege zum Trotz, gibt es sehr viele Parallelen in der Vorgehensweise Russlands in Tschetschenien und der Ukraine: Filtration aller Zivilist:innen, die dabei angewandten Verhörmethoden, das systematische Verschwindenlassen von Personen, Folter, systematische sexuelle Gewalt, Mord, das Ausradieren ganzer Städte.

Als der offene Krieg Russlands gegen die Ukraine begann, da war Arkadij klar, welche Walze an Gewalt und darauffolgenden Repressalien hier heranrollte. Dass er heute aktiver Soldat ist, ist für ihn bereits ein persönlicher Sieg. Irgendwann sei klar geworden, dass die russische Offensive vor Zaporizhzhja feststeckte, dass sie die Gräben und Stellungen bei der Stadt Dnipro hoffentlich umsonst ausgehoben hatten. Aber Zaporizhzhja ist nur 60 Kilometer von Dnipro entfernt. Also hat er sich bei der Armee gemeldet – und wurde nach Hause geschickt. Er sei zu alt, habe man ihm gesagt.Arkadij schildert den Streit im Stellungsbüro: „Da war ein Offizier, ein ganz junger. Ich habe gesagt: Wir gehen vor die Tür und dann sagst du, ob ich zu alt bin oder nicht.“ Der Mann habe gemeint: „Geht weg. Ihr behindert uns bei der Arbeit.“ Und er, Arkadij, habe gesagt. „Nein, ihr behindert uns.“

Dann ist er beim Sheikh Mansur Bataillon untergekommen, wo schon viele seiner tschetschenischen Freunde angeheuert hatten.Erst war er in einer Infanterieeinheit, dann wurde er Koordinator. Heute ist er zudem Vertreter der Region Ichkeria in der Region Dnipropetrovsk. Aber er kennt sie alle persönlich, die heiklen Frontabschnitte: Pokrovsk, Konstantiniwka, Chasiv Yar, Bakhmuth, Kursk.

Das Sheikh Mansur Bataillon ist eine Freiwilligeneinheit, die sich vor allem aus Tschetschenen rekrutiert, aber nicht nur. Solche Einheiten agieren ausschließlich unter staatlichem Kommando und erhalten auch ihre Waffen von der Armee. Das Sheikh Mansur Bataillon untersteht der „Hauptverwaltung für Aufklärung des Verteidigungsministeriums der Ukraine“, dem Militärnachrichtendienst. Bei der Auswahl ihrer Angehörigen haben Freiwilligenverbände weiterreichende Freiheiten als reguläre Einheiten. Arkadij sagt dazu: „Wie soll ich sagen? Man kann auch mit 100 Jahren noch dorthin gehen.“

Der Nachteil: Ein Großteil der Ausrüstung sowie die Verpflegung müssen selbst organisiert werden, Sold gibt es keinen. Der Vorteil: Eine kleinere Struktur, die weniger anonym ist als die Armee und vor allem auch eine flachere Kommandoebene hat als der Armee-Koloss. Es gibt viele solcher Einheiten.

Drogenabhängige, Alkoholiker, Ex-Häftlinge

Das Sheikh Mansur Bataillon ist aber ein klein wenig anders als andere Einheiten: Gegründet wurde es 2014 in Dänemark. Es unterhält gute Kontakte zur Exilregierung Ichkerias (das ist der eigentliche Name Tschetscheniens) unter Exil-Premier Akhmad Sakajev und ist als solches auch Anziehungspunkt für Tschetschenen, die im westlichen Ausland leben. Die Motivation dahinter: In Russlands Krieg gegen die Ukraine sah man seit 2014 eine logische Konsequenz und Fortsetzung der imperial motivierten Tschetschenien-Kriege Russlands. Der gemeinsame Feind eint.

„Wenn die Russen Frieden wollten, dann würden sie keine Raketen und Bomben auf unsere Städte werfen“, sagt Arkadij. Sie müssten ja nur aufhören zu schießen. Und das liege auch nahe: Denn an der Front könnten sie nichts mehr ausrichten. „Das ist einfach Fleisch, das ist ein Fleischwolf“, sagt Arkadij. Das seien ja auch kaum noch Soldaten, die die Russen in den Kampf schickten. Das seien Drogenabhängige, Alkoholiker, Menschen ohne Zähne, Ex-Häftlinge, Syphilis-Patienten. Das seien Menschen, die für Geld in den Krieg gingen und die auch ihre Mutter oder ihren Vater töten würden, wenn man ihnen das befehlen würde. Menschen, die dann aber sagten, wenn man sie gefangen nehme: „Aber ich wollte euch doch nicht töten.“ Was solle er da anderes tun, als zu dienen, wenn man die Möglichkeit dazu habe? Trotz der Angst.

Und die ist zu einem steten Begleiter geworden. Eine Bombe unter seinem Auto hatte er bereits. Ein Zufall hat ihn gerettet. „Wir werden gejagt wie wilde Tiere“, sagt Arkadij.Das seien dann so die Momente, wo seine Frau mit strengem Blick frage: „Hast du schon wieder lange nicht in deinen Pass geschaut und nachgesehen, wie alt du bist?“ Und wo er dann antworte: „Genau, das habe ich schon lange nicht mehr getan.“

Die Angst, die sei immer da. „Wie kann man keine Angst haben, wenn auf einen geschossen wird? Alle haben Angst, aber während die einen Angst haben und stehenbleiben, gehen andere weiter.“ Es gebe da ein Sprichwort darüber, was Mut sei: „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Fähigkeit, sie zu überwinden.“ Und da könnten die Leute tausendfach sagen, er sei verrückt. Und da könne seine Frau auch noch so oft sagen: „Schau doch mal, wie alt du bist, schau in deinen Pass.“ Er sage da ganz einfach darauf: „Das interessiert mich nicht.“


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Infos und Quellen

Gesprächspartner

  • Arkadij, Tschetschene, diente als junger Mann in der Roten Armee. Heute kämpft er für die Ukraine gegen Russland.

Daten und Fakten

  • Der erste Tschetschenien-Krieg begann 1994. Im Mai 1997 gab es einen Friedensvertrag zwischen Moskau und den Rebellen, der den Konflikt beendete. Ichkeria, so nennen die Rebellen Tschetschenien, war damit de facto unabhängig, auch wenn der völkerrechtliche Status der Republik nicht geklärt wurde. 1999 griff die russische Armee nach einer Serie von Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser in Moskau, die später dem Geheimdienst FSB zugeschrieben wurden, erneut an. Nach einer ersten heftigen militärischen Phase begann ein Guerillakrieg, der von Anschlägen und Terror gekennzeichnet war. Der Krieg nahm 2009 ein Ende, die Zahl der Todesopfer in beiden Konflikten wird auf 100.000 bis 200.000 Menschen geschätzt.
  • Tschetschenische Söldner kämpften zu Beginn des Kriegs in der Ukraine in beachtlicher Zahl auch auf russischer Seite. Die von Moskau erhoffte kriegsentscheidende Wirkung hatten sie nicht.

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