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Wie erkenne ich, ob ein fremder Hund mich bedroht?

5 Min
Ein gezeichneter Hund der den Kopf in Richtung eines Kinderwagens hebt.
Hunde gelten als bester Freund des Menschen. Trotzdem kommt es immer wieder zu gefährlichen Vorfällen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Warum kommt es immer wieder zu Angriffen durch Hunde? Wie kann man diese verhindern? Die WZ hat bei Yvonne Adler, gerichtlich beeidete Sachverständige und Hundetrainerin, nachgefragt.


WZ | Verena Franke

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Eine Mutter mit Kinderwagen, oder Kleinkind an der Hand, geht auf der Straße spazieren. Ihr kommt ein Hund entgegengelaufen, ohne Maulkorb, ohne Leine. Der Besitzer ist in weiter Ferne, zu weit, als dass ihm die Mutter etwas zurufen könnte. Gibt es ein bestimmtes Verhalten, das die Stimmung des Hundes deutlich macht?

Yvonne Adler

Das optische Ausdrucksverhalten eines Hundes umfasst eine Vielzahl an Einzelsignalen und ihre jeweilige Bedeutung in unterschiedlichen Kombinationen. So liefern Gestik, Mimik, Körperhaltung, Körperstellung, Körperspannung, mögliche Lautgebungen Informationen über den emotionalen Zustand eines Hundes, seine Motivationen und seine Verhaltensbereitschaften. Es gibt nie ein einziges Signal, das eine bestimmte Bedeutung hat. Entscheidend ist der aus allen Signalen zusammengesetzte Gesamtausdruck und der Kontext, in dem sie gezeigt werden.

WZ | Verena Franke

Zum Beispiel?

Yvonne Adler

Die Rutenbewegung eines Hundes bedeutet zum Beispiel Aufregung. Also nicht jeder wedelnde Hund ist freundlich gestimmt.

Grundsätzlich wollen Hunde Konflikte vermeiden.Yvonne Adler
WZ | Verena Franke

Also wie erkennt die Mutter, dass der ihr entgegenkommende Hund nicht gut drauf ist?

Yvonne Adler

Grundsätzlich wollen Hunde Konflikte vermeiden und deeskalieren, wenn sie etwas im Alltag als bedrohlich empfinden. Zum Beispiel laufen sie dann in einem Bogen an einem vorbei. Oftmals lässt der Alltag auf beispielsweise engen Gehsteigen aber genau das nicht zu. Ist der Hund noch dazu an der Leine, muss er knapp an einem vorbeigehen. Diese Konflikt- oder Bedrohungssituation zeigen die Hunde in ihrer Körpersprache: Sie wirken angespannt, ihre Bewegung ist nicht mehr locker und entspannt. Was ein Hund jedoch als bedrohlich oder als Konflikt empfindet, ist vom Individuum abhängig. Denn das Verhalten eines Hundes ist durch viele Einflüsse bedingt und der Hund kann, aufgrund seiner Umwelt- und Lernerfahrung, unterschiedliches Verhalten zeigen.

WZ | Verena Franke

Wie merkt diese Mutter, dass dieses Verhalten tatsächlich gefährlich für das Kind und sie selbst werden kann? Was muss sie tun, um sich und das Kind zu schützen? Konkrete Tipps?

Yvonne Adler

Sollte der Hund zum Kinderwagen kommen und der Besitzer in weiter Ferne sein, würde ich immer empfehlen, dass man sich vor den Kinderwagen stellt und so einen „Block“ zwischen Kind und Hund macht. Auch ein freundlich gesinnter Hund sollte nicht in Euphorie auf den Kinderwagen springen. Wenn sich der Erwachsene davorstellt, kann man dies mit Sicherheit verhindern. Sollte der Hund knurren, also Warnverhalten zeigen, teilt er mit, dass er sich bedroht fühlt. In diesem Fall sollte man die Distanz zum Hund vergrößern. Dies bedeutet zum Beispiel im Bogen weggehen. Das Warnverhalten des Hundes dient dazu, Distanz herzustellen und zu vergrößern. Wenn der Hund sich in seinem Ausdrucksverhalten verstanden fühlt, also er knurrt und man geht weg, hat der Hund gar keine Notwendigkeit mehr, Zähne zu zeigen oder hinzuschnappen, weil ja die Bedrohung durch die Distanzvergrößerung endet. Am besten ist es immer, sich ganz normal zu verhalten, nicht schreien, nicht wild mit den Armen wedeln, nicht weglaufen. Nicht frontal auf den Hund mit dem Kinderwagen zufahren.

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WZ | Verena Franke

Wenn dieser Hund etwa ein Pudel wäre, kann man beruhigt weitergehen? Soll man in Rassen denken und einschätzen?

Yvonne Adler

Das Verhalten von Hunden wird von ihrer Umwelt geprägt, nicht von ihrer Rasse. Eine rassenspezifische Gefährlichkeit von Hunden ist weder wissenschaftlich oder fachlich erwiesen noch durch eine zuverlässige Beißstatistik belegt. Vielmehr ist der Hund ein „Produkt seiner Umwelt“, und sein Verhalten wird durch Aufzucht, Sozialisation, Umweltbedingungen und dadurch, wie der Hund ausgebildet wurde, geprägt.

WZ | Verena Franke

Bringen Verallgemeinerungen wie verschärfte Maßnahmen für Hunde ab 20 Kilogramm mehr Sicherheit? Oder wird somit den korrekten Hundebesitzer:innen das Leben erschwert, denn die „nichtkorrekten“ melden den Hund nicht an und fallen somit aus den Maßnahmen?

Yvonne Adler

Solche Maßnahmen der Verschärfung der Hundehaltung sind in einer Anlassgesetzgebung meist überzogene Maßnahmen, die weder sinnvoll noch fachlich nachvollziehbar und auch nicht zielführend sind. Es werden alle verantwortungsvollen Hundehalter:innen und deren gut erzogene Hunde bestraft, wobei die eigentliche Ursache des soziologischen Problems beim einzelnen „fahrlässigen Hundehalter“ liegt. Durch strenge Kontrolle der bereits bestehenden Gesetze – wie Tierschutzgesetz, Tierhaltegesetze u. a. – und die konsequente Ahndung bei Verstößen kann dies bereits jetzt bestraft werden. Ein standardisierter bundesweiter Sachkundenachweis wäre zum Beispiel anzustreben, in dessen Rahmen Wissen über Haltung, Pflege und das Wesen des Hundes von Fachkräften vermittelt wird.

Jeder Laie kann sich in Österreich Hundetrainer nennen.Yvonne Adler
WZ | Verena Franke

Welche Gefahrenprävention wäre möglich?

Yvonne Adler

Die gibt es nur, wenn Hundehalter:innen ausgebildet und die Hunde gut erzogen (trainiert) sind. Daraus resultiert eine nachhaltige Sicherheit auch im nicht-öffentlichen Gebiet – wo übrigens die meisten Beißvorfälle passieren. Denn Hundehalter:innen handeln dann verantwortungsvoll und tierschutzkonform, können ihre Hunde lesen und richtig einschätzen. So wird langfristig die Basis für ein gutes und sicheres Zusammenleben gelegt. Daher braucht es Professionist:innen, die diese Schulungen für Hundehalter:innen abhalten dürfen, um eine nachhaltige Gefahrenprävention sicherzustellen.

WZ | Verena Franke

Sie betonen „Professionist:innen“. Gibt es denn unprofessionelle Trainer:innen?

Yvonne Adler

Ein Hundetrainer in Österreich benötigt keinen Befähigungsnachweis, also jeder Laie kann sich in Österreich Hundetrainer nennen. Daher ist immer zu empfehlen, sich Hilfe bei einem Hundetrainer mit dem Gütesiegel „Tierschutzqualifizierter Hundetrainer“ zu suchen, da diese Personen über eine fundierte Ausbildung verfügen und sich kommissionell prüfen und zertifizieren haben lassen. Die Hunde werden in einem tierschutzkonformen Umgang mit fachlich fundiertem, belohnungsbasiertem Training, bei dem größtmögliche Sicherheit vermittelt wird, erzogen.