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Volksschule vier oder sechs Jahre lang? Nicht nur die Begabung spielt in dem Alter eine Rolle. Die WZ hat mit einer Schweizer Expertin über die Erfahrungen im Nachbarland gesprochen.
Man könnte meinen, dass das Bildungssystem in der westlichen Welt überall annähernd gleich abläuft. Alle Kinder lernen doch Lesen, Schreiben, Rechnen. Aber bei genauerem Hinsehen sind in Europa noch immer große Unterschiede feststellbar – nämlich vor allem in der besonders prägenden Zeit des Kindergartens und der Volksschule.
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Österreichs Bildungsminister Christoph Wiederkehr von den Neos führt immer wieder das Schweizer Vorbild an, wenn er von der Ausweitung der Volksschule von vier auf sechs Jahren redet. Der Koalitionspartner ÖVP ist dagegen. Grund genug, mit einer Expertin aus der Schweiz über die Erfahrungen zu reden.
Zunächst ein Überblick für den Kontext:
Wie sieht es bei uns aus?
In Österreich ist das letzte Kindergartenjahr verpflichtend, also die Zeit, in der die Kinder fünf bis sechs Jahre alt sind. Bei Kindern mit Sprachförderbedarf ist schon das vorletzte Kindergartenjahr verpflichtend. Nach dem Kindergarten folgt bekanntlich die Volksschule, die in Österreich vier Jahre lang dauert. Dann folgt die große Selektion. Gymnasium oder Neue Mittelschule? Das hängt dann von den Noten ab. Ist das Kind in allen Fächern sehr gut oder gut?
Wie sieht es in der Schweiz aus?
Im Nachbarland ist das Bildungssystem föderalistisch von den 26 Kantonen organisiert. In den meisten sind zwei Kindergartenjahre verpflichtend. In 20 Kantonen dauert die Volksschule sechs Jahre. Einige Kantone haben danach noch aufbauend Orientierungsschulen und nehmen die Selektion fürs Gymnasium erst mit 14 Jahren vor.
Der große Umbau im Schweizer Primarschulsystem erfolgte aufgrund der Ergebnisse des PISA-Tests (Programme für International Student Assessment). Die standardisierte Überprüfung wurde im Jahr 2000 eingeführt. Es war eine Zeit, in der das Schweizer Schulsystem noch viel fragmentierter war, als heute und viele Kantone „nur“ fünf statt sechs Jahren Volksschule hatten.
„Nach den ersten Resultaten von PISA haben sich die Hinweise verdichtet, dass eine spätere Selektion sinnvoll ist“, erzählt Amanda Nägeli, Leiterin des Instituts für Schule und Profession an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen im Gespräch mit der WZ. Nach PISA habe fast die ganze Schweiz eine Anpassung auf sechs Jahre Volksschule vorgenommen.
„Das ist eine sensible Phase“
In einigen Kantonen wurde es schon auch „emotional“ diskutiert, erinnert sich Nägeli. Aber angesichts der Tatsache, dass es in anderen Kantonen schon seit jeher mit sechs Jahren Primarschule einwandfrei funktioniert, war der Widerstand nur punktuell. „Man hat gesehen, dass die Schwächeren von einer späten Selektion profitieren und die Stärkeren keinen Nachteil davon haben.“
Die Expertin führt auch an, dass auch in dem Alter von zehn bis zwölf Jahren noch viele Entwicklungsschritte passieren. „Da ist die Forschung ganz klar: kognitiv, sozial und emotional ist hier viel im Umbruch. Das ist eine sensible Phase.“ In den Jahren werden zudem Meilensteine bei abstraktem Denken und bei selbständigem Lernen absolviert. Oft werden so manche Entwicklungsschritte im Fall eines bildungsnahen Elternhauses früher gemacht als bei Kindern, die zuhause keine Unterstützung in dieser Hinsicht bekommen. „Ich denke, diese zwei Jahre können noch sehr viel entscheiden in der Entwicklung. Dass auch spätentwickelnde Kinder hier die Chance haben, dass ihnen der Knopf aufgeht.“
Die große Angst der Gegner: innen einer verlängerten Volksschulzeit ist, dass begabte Kinder Däumchen drehen und dann auf dem Niveau der „schlechten“ zurückgehalten werden.
„Kinder sind nicht einheitlich gut oder nicht gut“
Die Forschung zeige: Das stimmt nicht. In modernen Primarschulen werde zudem mit offenen Aufgaben gearbeitet, wo die Kinder weiterfragen können. „Kinder werden nicht gleichgemacht oder zurückgehalten, sondern dort gefördert, wo sie stehen“, sagt Nägeli. Nach den sechs Jahren sind rein psychologisch alle reifer und haben zudem vielleicht einen Riesenschritt beim Rechnen gemacht. „Man geht immer davon aus, dass Kinder in der Schule einheitlich gut oder nicht gut sind. Das stimmt ja nicht. Man hat Kinder, die stark sind in Mathematik und vielleicht nicht in den Sprachen. Wie soll ich da unterscheiden?“, sagt Nägeli.
Im Unterricht wird schon auf spezifische Unterschiede eingegangen. Dann kann man eben ein Kind in Mathematik zusätzlich fördern, das bei Sprachen im Mittelfeld ist.
„Für meinen Sohn waren die sechs Jahre perfekt“
Eine österreichische Mutter, die mittlerweile in der Schweiz lebt, bestätigt das im Gespräch mit der WZ: Ihr Kind hat einseitige Begabungen und eine diagnostizierte ADHS: „Für ihn waren die sechs Jahre perfekt.“ Und das, obwohl der Bub aus einem bildungsnahen Elternhaus kommt und keinen Sprachförderbedarf hatte. In ihrem Kanton könne man sogar die Entscheidung für das Gymnasium optional auf 15 Jahre verschieben, falls das Kind emotional noch nicht reif genug scheint.
„Eine spätere Selektion ist ein großer Schritt für die soziale Gerechtigkeit“, ist sich Nägeli sicher. „Wir werden den Faktor Elternhaus nie ganz wegbringen. Aber ich weiß, dass die soziale Herkunft abgeschwächt werden kann, wenn die Volksschule länger dauert.“
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Infos und Quellen
Gesprächspartnerinnen
- Amanda Nägeli Institutsleiterin an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen https://www.phsg.ch/de/team/dr-amanda-naegeli
- Mutter eines Schülers
Quellen
- Studie: Tracking and educational inequality: a longitudinal analysis of two school reforms in Switzerland (British Journal of Sociology of Education)
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